i'. u. BMkm s 77 H % TERMINOLOGIE DER ENTWICKLUNGSMECHANIK DER TIERE UNO PFLANZEN IN VERBINDUNG MIT C. CORRENS ALFRED FISCHEL PROF. DER BOTANIK IN MÜNSTER PROF. DER ANATOMIE IN PRAG E. KÜSTER PROF. DER BOTANIK IN BONN HERAUSGEGEBEN VON Professor WILHELM ROUX EINE ERGÄNZUNG ZU DEN WÖRTERBÜCHERN DER BIOLOGIE, ZOOLOGIE UND MEDIZIN SOV/IE Z\5 DEN LEHR- UND HANDBÜCHERN DER ENTWICKLUNGSGESCHICHTE, ALLGEMEINEN BIOLOGIE UND PHYSIOLOGIE •»»«• LEIPZIG VERLAG VON WILHELM ENGELMANN 1912 Copyright 1912 by Wilhelm Engelmann, Leipzig. Vorwort. Die Entwicklungsmechanik im weitesten Sinne oder die causale Morphologie der Organismen besteht aus drei Gebieten causal-analytischer Forschung: der individuellen Entwicklungslehre, der Umbildungs- lehre und der Vererbungslehre. Der erstere und letztere Teil haben viele neue Be- griffe und Termini geschafifen; auch sind manche de- scriptive Termini durch die causale Forschung mit neuem Inhalt bereichert worden, z. B. die Furchung durch die Erkennung der mit ihr verbundenen Spezifikation des entwicklungsmechanischen Vermögens. Es ist bei unseren causalen Bestrebungen nötig, alles qualitativ verschiedene Geschehen, da es durch ver- schiedene Faktoren oder durch verschiedene Kombi- nationen von Faktoren bewirkt wird, voneinander zu sondern und passend zu benennen. Letzteres geschieht am besten mit Terminis, welche schon ihrer Et}'mologie nach das Specifische des ihnen zugeteilten Inhalts an- deuten. Weniger empfiehlt es sich, Wörter ohne solche Beziehungen zu wählen und ihnen willkürlich einen In- halt unterzulegen, wie dies z. B. mit den Zahlwörtern primär und sekundär der Fall ist, wenn uns über die wahre Sachlage nichts bekannt ist. Wir haben dauernd brauchbare, also auf rich- tiger qualitativer causaler Analyse beruhende Termini nötig, entsprechend Goethes Wort: Und was in schwankender Erscheinung schwebt, Befestiget mit dauernden Gedanken! — IV — Bei unserer noch nicht lange in Angriff genommenen Erforschung des unsichtbaren Geschehens, ins- besondere des Wirkens, sind natürlich unsere Auf- fassungen noch sehr schwankend. Um so verdienst- licher ist es, die neuen causal- analytischen Begriffe gleich bis zu »dauernden Gedanken« durchzuarbeiten und passend zu benennen. Der causalen Forschung wohlwollende descriptive Forscher haben mir wiederholt erklärt, daß das Lesen entwicklungsmechanischer Schriften wegen der vielen neuen, zum Teil schwer verständlichen oder auch in will- kürlich untergelegtem Sinne gebrauchten Termini für einen nicht mit der Literatur dieses Gebietes ganz Ver- trauten sehr schwer und darum abschreckend ist. Diese Tatsache ist ein großes Hindernis für die Aus- breitung der Entwicklungsmechanik in weiteren Kreisen. Dies ist um so mehr der Fall, als in allen bisherigen Ter- minologien der Zoologie, Biologie, Medizin usw. unsere Termini ganz oder fast ganz übergangen sind, während andererseits noch kein zusammenfassendes Werk über Entwicklungsmechanik existiert, in welchem man alle wichtigen Termini aufschlagen könnte. Es ist der Hauptzweck der vorliegenden Zusammen- stellung, diesem Mangel abzuhelfen. Die auf dem Titelblatt genannten Forscher waren so freundlich, dabei zu helfen. Jeder von uns zeichnete die von ihm verfaßten, sowie auch die von ihm in der Fassung des Autors dargebotenen, letzterenfalls durch Anführungszeichen gekennzeichneten Artikel mit seinem Initiale. Obschon es anfangs berechtigt und nützlich war, daß Zoologen und Botaniker ihr Gebiet auch bei der cau- salen Forschung zunächst ohne Rücksicht aufeinander bearbeiteten, so ist es doch wohl an der Zeit, daß eine engere Fühlung zwischen beiden Disziplinen eintrete. — V — Um diese bis jetzt kaum erst angebahnten Bezieh- ungen zu fördern, wurde hier ein Anfang mit der Ver- einigung der Termini beider Gebiete gemacht. Da diese Zusammenstellung allein der exakten em- pirischen Forschung und ihrer Lehre dienen soll, wurde von der Aufnahme bezüglicher philosophischer Termini und Definitionen abgesehen. Gleichwohl wer- den die Naturphilosophen hier manche auch für sie wertvolle Distinktionen finden, die in den von ihnen bisher benutzten biologischen Lehrbüchern fehlen. Diese erste Zusammenstellung umfaßt bereits etwa iioo Termini: z. B. betreffen 70 allein die für die Chirurgie und Orthopädie wichtigen Knochen, Knorpel und Bänder. [Vervollständigungen seitens der beteiligten Forscher werden von den Herausgebern be- hufs eventueller späterer Verwendung dankbar entgegen- genommen.] Ich hoffe, daß das Büchlein auch in seiner jetzigen Form schon vielen willkommen sein und seinem Zwecke annähernd entsprechen wird. Die Übersichtlichkeit der Zusammenstellung wird wohl in Zukunft Doppelbenennungen leichter vermei- den lassen ; und die Hinweise unter Synonymen werden es zugleich ermöglichen, den besseren, oder unter gleich guten, den früher gegebenen Namen im Ge- brauche zu bevorzugen. Viele beigefügte Verweisungen von einem Wort auf Termini verwandter Begriffe sollen auch das bekannt- lich manchmal recht schwierige Auffinden desjenigen Wortes, unter dem ein gesuchter Gegenstand abge- handelt ist, erleichtern. Manche Termini sind neben der Definition auch schon nach der Art eines sogen. Handwörter- buches, durch Angabe ihres der gegenwärtigen Auf- fassung entsprechenden Inhaltes behandelt. Diese — VI — Wörter betreffen besonders die allgemeinsten Begriffe. Daher kann die Benutzung der hier besonders zahlreich angeführten Verweisungen auf verwandte Termini zur Vertiefung der Kenntnisse dienen und so in etwas ein Lehrbuch ersetzen. Wer diese Terminologie zu seiner Einführung in die Entwicklungsmechanik verwenden will, dem ist zu empfehlen, der Reihe nach mit der Lektüre der Artikel: Entwicklung, Entwicklungsmechanik, Analyse, Differenzierung, Faktoren, Determination, Autoergie, Potenz, Lebewesen, Funktionen, Wachstum, Anpassung, Perioden, Experiment zu beginnen und die in jedem Artikel befindlichen Verweisungen zu benutzen. Bezüglich der Einrichtung ist folgendes mitzuteilen: Um zu große Abschnitte unter einem Terminus zu vermeiden, wurden leicht für sich abzuhandelnde Unterabteilungen bei dem Hauptterminus bloß mit dem Namen aufgeführt und dann unter letzterem für sich erörtert. Andererseits ist aber auch zu häufiges Verwiesen- werden von einem Wort zum anderen lästig. Deshalb habe ich manches doppelt dargestellt, an der einen Stelle ausführlich, an der anderen kurz, letzteres unter Hinweis auf die Stelle der ausführlicheren Behand- lung. Da viele unserer Begriffe sowohl schwierig dar- zustellen wie schwierig zu verstehen sind , ist vielleicht eine wiederholte und etwas voneinander abweichende Darstellung ein und desselben Begriffes auch von Nutzen. Ein einheitliches Prinzip der Einordnung der aus Hauptwort und Adjektiv gebildeten Termini konnte nicht durchgeführt werden. Manchen Begriff würde man nicht bei dem Hauptwort suchen; so z.B., wenn ein Hauptwort erst durch das Beiwort einen biologischen Sinn oder biologisches Interesse erhält, z. B. grauer — VII — Halbmond, katyokinetische Ebene. In solchem Falle ist das charakterisierende Beiwort zuerst gesetzt, also die Differentia specifica dem Genus proximum voran- gestellt. Bei Verweisungen auf einen aus Adjektiv und Hauptwort gebildeten Terminus ist das Adjektiv, sofern es als Ordnungswort verwendet wurde, mit großem Anfangsbuchstaben gedruckt. Lateinische, mit C beginnende Wörter sind unter C eingeordnet; wenn sie dagegen mit einem deutschen Wort verbunden sind, wurden sie mit K gedruckt und entsprechend eingeordnet. Die Durcharbeitung des Gebietes nach den neuen causalen Distinktionen machte auch manche neue Zer- legung der Begriffe und entsprechende neue Bezeich- nung nötig. Auch habe ich einige meiner älteren Distinktionen und Definitionen etwas verbessert und habe mich außerdem bestrebt, manchen vorgekommenen unzutreffenden Deutungen der von mir eingeführten Begriffe und Termini wie auch mancher meiner Theorien für die Zukunft möglichst vorzubeugen ; so z. B. der Auffassung, daß die Selbstdifferenzierung eines Gebildes eine besondere »Art des Geschehens« wäre, die im Gegensatz zur abhängigen s. korrelativen Differen- zierung stünde, obschon nach meiner Auffassung die Selbstdifferenzierung nur durch differenzierende Wir- kungen der Unterteile des betreffenden Gebildes auf- einander geschieht ; daß meine Theorie der Onto- genesis eine reine Evolutionstheorie wäre und ich keine gestaltenden Korrelationen anerkennte, obschon ich, wie aus dem eben Erwähnten schon hervorgeht, alle Differenzierung im Grunde von differenzierenden Wir- kungen von Teilen aufeinander abgeleitet habe, und obschon ich vorher bereits eine epigenetische Theorie bestimmter Gestaltungen, nämlich der funktionellen Anpassungen aufgestellt habe; ferner daß ich die direkte — VIII — funktionelle Anpassung des Individuums von einem »Kampf der Teile um Nahrung und Raum« ableitete statt von einer Konkurrenz von bestimmt qualifizierten Teilen »um den funktionellen Reiz«, welche bestimmte Qualität von Teilen aber früher, bei ihrem ersten Auftreten, also in der Phylogenese, im Kampf um Nahrung und Raum gesiegt hat, ferner, daß die in- direkte Kernteilung ein bloß zur »qualitativen Halbierung« geeigneter Mechanismus wäre, während ich zugleich zeigte, daß dieser Mechanismus auch die Voll- zugsbedingungen für qualitativ ungleiche Teilung ent- hält, NB. sofern in den Chromosomen qualitativ ungleich sondernde Kräfte wirken. Die Literaturangaben sind natürlich nur spärlich; doch finden sich an den genannten Stellen meist weiter führende Angaben. Die Stichwörter des angefügten kleinen »Nachtrages« bitte ich, sogleich vorn an den passenden Stellen ein- zutragen. Wie mein Vortrag I. über Entwicklungsmechanik (1905) eine Ergänzung zu allen derzeitigen Lehrbüchern der Entwicklungsgeschichte und Physiologie darstellt, so stellt die vorliegende Terminologie eine Komplet- tierung aller biologischen Wörterbücher dar, auch der neuesten an sich guten Wörterbücher: der Biologie von H. Schmidt, der Zoologie von H. E. Ziegler, der medizinischen Terminologie von W. Gutmann und der Realencyclopädie der gesamten Heilkunde von Eulenburg. In den beiden ersten Werken bereits abgehandelte, descriptive Termini wurden hier nur be- sprochen, soweit sie durch die causale Forschung neuen Inhalt gewonnen haben. Mit Hilfe dieses Schlüssels kann jeder Zoolog, Bo- taniker, Arzt, Philosoph, Lehrer der Natur- geschichte die bezügliche Literatur mit vollem Ver- — IX — ständnis lesen und die Ergebnisse der causalen Analyse ev. auf dem eignen Arbeitsgebiete verwerten. Möge das Büchlein zur Verbreitung der Entwicklungs- mechanik in weiten Kreisen beitragen, sowie anderer- seits das causal-analytische Denken fördern und auch das vollkommene Verständnis der Autoren untereinander erleichtern. Halle a. d. S., August 1912. W. Roux. Zur Literatur. In abgekürzter Form wurden zitiert: Archiv für Entwicklungsmechanik der Organismen. Herans- gegeben von W. Roux. Zitiert als: Arch. Entwmech. Generalregister zum Archiv für Entwicklungsmechanik der Orga- nismen. Bd.I — XXV. Leipzig 191 1. Zitiert als: General reg. Driesch, Hans. 1898 Resultate und Probleme der Entwicklungsphysiologie derTiere. In: Ergebnisse der Anatomie und Entwicklungsgeschichte. Bd. VIII, Lit. 1898. S. 697- 846. Erschienen 1899. Zitiert als: Driesch, Result. u. Probl. 1909 Philosophie des Organischen. Gifford- Vorlesungen. Bd. I u. II. Leipzig. Zitiert als: Driesch, Philos. d. Org. Oppel, Albert. 1910 Über die gestaltliche Anpassung der Blutgefäße unter Be- rücksichtigung der funktionellen Transplantation. Mit einer Originalbeigabe von W. Roux, enthaltend seine Theorie der Gestaltung der Blutgefäße einschließlich des Collateralkreis- laufs. Vorträge u. Aufsätze üb. Entwmech. Nr. X. Leipzig 1910. Zitiert als: Oppel-Roux. 1910. Roux, Wilhelm. 1881 Der Kampf der Teile im Organismus. Leipzig 1881. Zitiert als: Kampf d. Teile. 1895 Gesammelte Abhandlungen über Entwicklungsmechanik der Organismen. Bd.I u. 11. Leipzig 1895. Zitiert als: Ges. Abh. I oder IL 1896 Über die Dicke der statischen Elementarteile und die Maschen- weite der Substantia spongiosa der Knochen. Zeitschr. f. orthopädische Chirurgie, Bd. IV. Zitiert als: Dicke der stat. Elementarteile der Knochen. 1905 Vorträge und Aufsätze über Entwicklungsmechanik der Orga- nismen. Herausgegeben von W. Roux: Nr. i. Die Entwick- lungsmechanik, ein neuer Zweig der biologischen Wissen- schaft. Leipzig 1905. Zitiert als: Roux, Vortr. I. :i_ — XII — 1906 Die angebliche künstliche Erzeugung von Lebewesen. In: Die Umschau, Wochenschrift. Frankfurt a, M. Nr. 8. Zitiert als: Künstliche Lebewesen. 1907 Können wir die Faktoren und die gestaltenden Wirkungs- weisen der > typischen < Entwicklungsvorgänge der Lebeweseu ermitteln? Adress, Proceed. of the VII intern. Zoöl. Congress Boston. Zitiert als : Roux, Boston Meeting Address. 191 1 Über die bei der Vererbung blastogencr und somatogener Eigenschaften anzunehmenden Vorgänge. Gedenkschrift für Gr. Mendel. Verhandl. d. Naturf. Ges. Brunn 191 1. S. 276 — 323. Zitiert als: Vererb, blastogen. u. somat. Eig. 1911 Die vier kausalen Hauptperioden der Ontogenese, sowie das doppelte Bestimmtsein der organischen Gestaltungen. Mitteil, d. Naturforsch. Ges. zu Halle a. S. Bd. I. 191 1. Zitiertals: Die vier causalen Perioden. Abbau, Einschmelzung, Katachonie {yiaraxioveveiv einschmelzen). [M. Heidenhain 1911.] Katachonie nennt Heidenhain den Vorgang der Ein- schmelzung bestehender Strukturen, welcher z. B. statt- hat, wenn eine Zelle von spezifischer Ruhestruktur in Mitose eintritt, wenn äußere Organellen, Cilien, Geißeln usw. retrahiert werden u. dgl. Die Zertrüm- merung geht dabei nicht bis auf diejenigen Bestand- teile der Struktur hinab, welche sich als Eiweißkörper kennzeichnen, sondern das Produkt der Einschmelzung ist immer eine Plasmamasse. Die Auflösung findet nur statt bis in die elementaren Bauteile oder in kleinere Komplexe von solchen. Diese Bauteile sind vermutlich die kleinsten teilungsfähigen Einheiten: »Protomeren << (s, Biophoren). Die eingeschmolzene, mobil gewordene Masse nennt Heidenhain Hypoblem {vTtoßccXXio unter- legen), also Unterlage oder Struktur neuzubildender Strukturen. Was z. B. bei den Rhizopoden als »Plasma- strömung« von Ort zu Ort transportiert wird, ist Hy- poblem. Die Wiederaufrichtung der nämlichen oder einer anderen Struktur unter Verwendung des Hypo- blems nennt Heidenhain Epanosthose {fj eTtavöadcoaig die Wiederaufrichtung); sie ist also eine Form der Organi- sation, bei welcher die Assimilation ungeformter Nah- rungsstoffe nicht unbedingt notwendig ist. [M. Heiden- hain, Plasma und Zelle, Jena, II, 191 1. Vgl. Reduktion, Involution, Regeneration.] F. Abbaufelder oder Rückbaufelder, Involutions-, Re- sorptionsfelder. (Tornier 1910.) Jene Stellen der Froschlarvenhaut, in welchen keine Verstärkung der Faserung eintritt, in denen keine wirk- liche Fortbildung des Farbkleides stattfindet und die unter allmählicher Verkleinerung zum Schluß völlig oder zum großen Teil resorbiert werden. [G. Tornier, Roux, Terminologie der Entwicklungsmechanik. i — 2 — Die Mosaikentwicklung der Froschlarven bei ihrer End- umvvandlung. Arch. f. Entwmech., 30, 1910.] F. Abhängige Differenzierung, correlative Differenzierung (Roux) Differentiatio exalio ist diejenige Differenzierung (s. d.) eines Gebildes, deren »determinierende, d. h. die »Art« (s. d.), Qualität der Veränderung »bestimmende« Faktoren ganz (passive Differenzierung) oder mindestens zum Teil außerhalb des Gebildes liegen (abhängige Differenzierung). Also abhängige Differenzierung eines »Lebewesens als Ganzen« ist von außerhalb desselben be- stimmt. Das ist bei Tieren untergeordnet, bei Pflanzen häufig (s. Mechano-, Aitiomorphose, Atypisch). Abhän- gige Differenzierung eines »Organs« ist also von außer- halb des Organs determiniert; die Ursache kann inner- halb oder außerhalb des Lebewesens liegen. Gegensatz: Selbstdifferenzierung. Die Lage der »Realisationsfak- toren« dagegen ist für diese Haupteinteilung ohne Be- deutung, sie kommt nur bei einigen Unterabteilungen in Betracht, siehe unvollkommene Selbstdifferenzierung. Die abhängige Differenzierung wird ferner wie die Korrelation eingeteilt in: a) einseitig abhängige Differenzierung [Roux], differen- zierende Einwirkung eines Teiles auf einen anderen, ohne daß letzterer auf ersteren auch differenzierend wirkt. b) wechselseitige Differenzierung [Roux], wobei gleich- zeitig beide Teile aufeinander differenzierend wirken, also wobei der differenzierend auf einen andern wir- kende Teil von diesem selber bei dieser Wirkung auch verändert wird. Genaueres s. Correlation. Differenzierung, Gemischte Differenzierung. R. Abnorm, bedeutet:!. rein deskriptiv die Abweichung von der Norm [s. d.], also von dem in mehr als 50% der Fälle »Vorkommenden«. 2. in der kausalen For- schung bedeutet es nach Roux' Distinktionen dasjenige »Atypische« [s. Typisch], welches nur in der Minder- heit der Fälle vorkommt. R. Abortiveier. [E. Schwalbe 1896.] — 3 — Salamandereier, welche nicht über die ersten Fur- chungsstadien hinaus entwickelungsfähig sind. Vgl. Partialbefruchtung. [G. Schwalbe, Zeitschr. f. Biol., 39, 1906.] F. Abortivembryonen. [Kammerer.] Salamandereier, bei welchen mehr oder weniger vor- geschrittene, meist verkrüppelte Embryonen deutlich wahrnehmbar sind. [P. Kammerer, Beitrag zur Er- kenntnis der Verwandtschaftsverhältnisse von Salam. atra und macul. Arch. f. Entwicklgsmech., 17, 1904.] Abortive Parthenogenese s. 1, F. Abortivgebilde. [Kammerer.] Auf einer untergeordneten Stufe stehen gebliebene, lebensunfähige Keime von Salamandra, die bei der Geburt lebensfähiger Keime mit ausgestoßen werden. [Litera- tur s. Abortivembryonen.] F. Abscherung s. Scherung. Abscherungsfaserpaare nennt Roux zwei zwischen benachbarten parallelen Flächen verlaufende, sich nur unter minimalem Winkel kreuzende Bindegewebsfasern, welche mit ihren Enden umgekehrt an den beiden Flächen angeheftet sind, so daß also die eine Faser die Verschie- bung der parallelen Flächen nach der einen Richtung, die andere nach der entgegengesetzten Richtung der Fasern hemmt, Sie kommen vor als Perimysium inter- num zwischen benachbarten Muskelfasern und zwischen den »Lamellen« der Schwanzflosse des Delphin. [Roux, Ges. Abhdl. I, 182, 483, 517.] R. Abschnürung im eigentlichen c a u s a 1 e n Sinne des Wortes ist eine Zusammenhangstrennung, welche an dem passiven Objekt durch eine die Trennungsstelle rings umfassende drückende Schnur geschieht; auch ein Ab- quetschen von einigen Seiten her kann zur Not noch als Abschnürung bezeichnet werden. Das Wesentlichste ist die passive Zusammenhangstrennung des Gegen- standes durch äußere mehrseitige, gleichzeitige Druck- einwirkung an schmaler Stelle. Abquetschen von zwei Seiten her gehört dagegen zur Abscherung [s. d.]. - 4 — Abschnürung (Fortsetzung). In der descriptiven Embryologie be- zeichnet man als Abschnürung eine an schmaler Stelle stattfindende Zusammenhangstrennung ohne Rücksicht darauf, ob sie wirklich durch seitlichen Druck oder vielleicht gar durch Zug, also durch Zerreißung oder, wie es zumeist der Fall ist, durch Selbstum- Ordnung der an der Trennungsstelle gelegenen lebens- tätigen Teile (Zellen), also durch Selbst trennung (s. Autochorismus) geschieht. Wirklich abgeschnürt im eigentlichen, oben definierten Sinne wird, auch abgesehen von der mangelnden Beteiligung einer Schnur, bei dem »tjTpischen« Gestaltungsgeschehen wohl kaum, dagegen kommt sie abnormerweise vor, z. B. als Abschnürung von Fingern des Embryo durch Amnionfäden. R. Abstraction ist die Ausbildung des Gemeinsamen aus verschiedenen Eindrücken zu einer besonderen Vor- stellung. Die höchsten Lebewesen haben die erstaun- liche Fähigkeit, das Gemeinsame selbst der verschieden- artigsten Qualitäten sowie das Gemeinsame des Ortes und der Zeit zu je einer besonderen Vorstellung auszubilden. Diese Fähigkeit ist ein elementares seelisches Vermögen. Die Abstraction ist einer der drei Grund Vorgänge seelischenGeschehens. Jede Seelenforschung, jede Analyse des Seelischen hat davon auszugehen. Die Bildung der Ich- Vorstellung, des Bewußtseins [s. d.], sowie der Kausalitätsvorstellung und daher der Erkennt- nis beruhen in erster Linie auf diesem Geschehen. Ge- fühl und Wollen sind zwar anderen Ursprungs, aber im speziellen mit Abstractionen verknüpft. S. a. Seele. [Roux, Ges. Abhdl. I, S. 413 u. f. Vortrag I, 265.] R. Acarocecidien. [Thomas.] Accessorische, heterotropische Chromosomen s. I. Die durch Milben hervorgerufenen Cecidien [s. d.]. K. Accessorische Organe s. Nebenorgane. K. Achromatinerhaltungshypothese [C. Rabl 1889], Hypothese der Permanenz achromatischer Karyoto- men. [R. Fick 1907.] — 5 — Annahme, daß die achromatischen Centren für die Chromatinconcentration in der Zahl der späteren Chro- mosomen dauernd im Kerne vorhanden sind und sich von Zelle zu Zelle vererben. [Literatur bei R. Fick, Ver- erbungsregeln, Reduktions- und Chromosomenhypothe- sen, Bastardregeln. Ergebn. d. Anat. u. Entwgesch., i6. Bd., 1907.] F. Achse s. Axe. Activitätsheteroplasie s. Activitätshyperplasie. K. Activitätshomoeoplasie s. Activitätshyperplasie. K. Activitätshyperplasie nennt Küster im Anschluß an Virchow die Hyperplasie [s. d.] bestimmter pflanzhcher Gewebe, welche durch gesteigerte Inanspruchnahme der letzteren bedingt ist. Je nach dem histologischen Cha- rakter der Hyperplasie ist zu unterscheiden zwischen Activitätshomöoplasie und Activitätsheteroplasie [s, Ho- möoplasie und Heteroplasie]. S. Activitätshypertrophie. K. Activitätshypertrophie, funktionelle Hypertrophie [Roux] ist die Vergrößerung der Organe durch längere Zeit fortgesetzte verstärkte Ausübung ihrer Funktion. Sie ist >>dimensional beschränkt« [Roux], d. h. sie erfolgt nur in denjenigen Dimensionen des Organes, welche die Ver- stärkung der Funktion leisten. Sie beruht auf der tro- phischen Wirkung des funktionellen Reizes; die funktio- nelle Hyperämie ist nicht Gestaltung »determinierend« dabei beteiligt. S. Anpassung, funktionelle; Activitäts- hyperplasie. [Roux, Ges. Abhdl. I, S. 128, 166.] R. Adelphotaxie {ddsX^ög, Geschwister, rd^ig Ordnung) nennt M. Hartog die von ihm [1888] beobachtete typische Zusammenlagerung der freien Zoosporen von Saprolegnien und leitet sie von einer besonderen IrritabiHtät ab. Sie bildet eine spezielle Art des Cytotropismus [s. d.]. [Arch. f. Entwmech., VIII, S. 459.] S. a. Cytotaxis. R. Adhäsion (botan.), Verwachsung der Glieder ver- schiedener Wirtel einer Blüte. K. Adsorption ist das Vermögen fein verteilter Stoffe z. B. Kohlepulver, andere Stoffe, wie Farbstoffe usw. — 6 — Adsorption (Fortsetzung), aus ihren Lösungen gleichsam auszuschütteln und fest- zuhalten. Solche Vorgänge spielen auch bei der Aus- flockung der Kolloide eine wichtige Rolle. Komplexe von Kolloiden oder von Kolloiden und Krystalloiden, welche hauptsächlich auf Bindung durch Adsorption be- ruhen, können chemische Verbindungen vortäuschen. [C. Oppenheimer, Biochemie, 191 2]. R. Adventive Bildungen (Adventivsprosse, Adventiv- wurzeln, Aventivembryonen) sind nach Göbel solche Bildungen, welche an anderen Stellen entstehen als die betreffenden Kategorien von Organen gewöhnlich zu entstehen pflegen (Wurzeln an Blättern, Achsen- sprosse auf Wurzeln oder an Blättern, Embryonen aus Zellen des Nucellärgewebe). Strasburger empfiehlt als Ad- ventivknospen im engeren Sinn des Wortes nur diejenigen gelten zu lassen, welche an älteren beliebigen Stellen des Pflanzenkörpers entstehen; Organbildung dieser Art tritt namentlich nach Verwundung (Blattstecklinge von Begonia) und Infektion durch Parasiten ein. K. Aequator, elektrischer, s. Polarisation, elektrische. Aequatorisation, elektrische, nennt Roux die von ihm entdeckte Veränderung eines in einem Elektrolyt liegenden, vom elektrischen Strom durchflossenen Ge- bildes, wenn die Veränderung nicht an den gegen die Elektroden gewendeten Seiten desselben, den Polseiten, sondern an dem zwischen diesen gelegenen Äquator- streifen stattfindet. Dies ist der Fall, wenn der in dem Elektrolyt liegende Körper, der Intraelektrolyt, besser leitet als der Elektrolyt. [S. a. Polarisation, elektrische. Ges. Abhdl. II, 704.] R. Aequifinalität der Restitutionen (Driesch) ist die Be- zeichnung für den Inhalt des Satzes Roux', daß die ge- staltlichen Produkte der individuellen Entwicklung kon- stanter sind als die Arten ihrer Herstellung, in Anwen- dung auf die Restitutionen, daß also die Restitutionen bei gleichem Ausgang und gleichem Ende doch >>ver- — 7 — schiedener Mittel sich bedienen«. [Driesch, Phil. d. Org. I, i6o.] R. Aequipotentielle Flächen, elektrische: Definition und Ermittelung nachRoux' Methode, s. Niveauflächen. R. Aequipotentielles System. [Driesch.] »Ist die prospektive Potenz [s. d.] aller Konstituentien (Zellen) eines betrachteten Keimteiles dieselbe, was nur durch das Experiment konstatiert werden kann, so rede ich von einem äquipotentiellen System, das Entgegengesetzte bedeutet die Bezeichnung in- äquipotentielles System.« [Driesch, Result. u. Probl. 1898, S. 721.] Dabei wird aber im Einzelfalle gewöhnlich [auch von Driesch] nicht unterschieden, ob das im Experiment be- obachtete Verhalten noch Ausdruck des typischen oder des atypischen z. B. regulatorischen »entwicklungsmechanischen Gestal- tungsvermögens« [Roux] ist. Man muß also dies stets noch zu ermitteln suchen und danach sagen typisch äquipotentiell, atypisch (z. B. regulato- risch) äquipotentiell. Ersteres sind wenige, letzteres (z. B. in bezug auf Regeneration) sehr viele Teile der Keimblase, des Embryo usw. Die typisch in- äquipotentiellen Teile dieser Keime sind meist noch regulatorisch äquipotentiell und zwar totipotent. Die bezüglichen Ermittelungen beziehen sich fast durchweg nur auf atypisches Verhalten, ohne daß dies erwähnt oder auch nur bemerkt wird. Zu erkennen, ob noch das typische Verhalten vorliegt, also die typische Entwicklungspotenz in dem Experiment tätig war, be- darf oft noch besonderer Argumentationen. So z. B. bei der Bildung ganzer Embryonen aus Halbeiblastomeren. [S. Roux, Vortr. I, S. 235.] Vgl. a. Harmonisch-, Kom- plex-, Gemischt-äquipotentielles System. R. Aequivalent s. Reizäquivalent, Wirkungsäquivalent, Bildungsäquivalent, Erhaltungsäquivalent. R. Aeromorphosen {arjQ Luft, (.loqcpi] Gestalt) [Herbst], — 8 — die durch den Aufenthalt in der Luft hervorgerufenen Gestalts- und Strukturveränderungen der Pflanzen (Aitiomorphosen [s. d.]). K. Aerotaxis {drjQ Luft, rd^ig Einstellung) ist diejenige Form der Chemotaxis [s. diese], bei welcher Sauerstoff das auslösende Agens ist. K. Aerotropismus {drjQ Luft, TQSTtto wende). [Molisch.] Der durch Sauerstoff hervorgerufene Chemotropismus [s. unter diesem]. K. Aesthesie {aiodxxvof.ica empfinden), die Fähigkeit eines Organismus, irgend einen Reiz wahrzunehmen, gleichviel welcher Art die Reaktion ist, mit welcher der Organismus auf den Reiz antwortet. Man unterscheidet Autaesthesie, Cosmaesthesie, Morphaesthesie [s. diese]; ferner nach der Qualität der Reize Photaesthesie, Chem- aesthesie usw. K. Affinität, sexuelle. [O. Hertwig 1892.] Jene Wechselwirkungen, welche befruchtungsbedürf- tige Zellen verwandter Art aufeinander ausüben in der Weise, daß sie, in bestimmte Nähe zueinander gebracht, sich verbinden und in eins verschmelzen. Obzwar in einigen Fällen als ursächliches Moment hierfür von der Eizelle ausgeschiedene chemische Stoffe in Betracht kommen (bei Farnen ist, nach Pfeffers Versuchen, Äpfel- säure ein anziehendes Reizmittel für die Samenfäden), kennen wir im allgemeinen die bei der sexuellen Affinität wirkenden Kräfte nicht. [O. Hertwig, Allgemeine Bio- logie, Jena, 1909.] F. Afunktionelle Differenzierung [Roux] ist die nicht durch differenzierende Wirkung der spezifischen Organ- funktion oder des funktionellen Reizes entstehende gestaltliche Veränderung des Lebewesens. Sie um- faßt also alle vererbten sowie die durch gestaltende äußere afunktionelle Einwirkungen auf das Lebewesen bewirkten Veränderungen; erstere finden zumeist in Periode I, aber auch noch nach dem Beginne der Er- haltungsfunktionen statt. Diese ersten Gestaltungen sind also Produkt präfunktioneller Differenzie- — 9 — r u n g e n ; sie liefern aber auch »funktionelle Gestaltun- gen« [s. d]., d. h. der späteren Funktion entsprechende Gestaltungen, die aber hier nicht durch funktionelle Anpassung, sondern durch die tj^ischen vererbten Mechanismen der Periode I (s. d.) entstehen. Doch finden auch während des funktionellen Lebens in Periode II, III und IV noch vererbte, afunktioneUe Differenzie- rungen statt. [S. Roux, Die vier causalen Hauptperioden der Ontogenese, sowie das doppelte Bestimmtsein der organischen Gestaltungen. Mitteil. d. naturforsch. Ges. zu Halle a S., Bd. I. Nr. i, 191 1.] R. Afunktionelles Wachstum [Roux] s. Wachstum. Aggregationstheorien, aggregational theories. [E. Montgomery. 1904.] Zusammenfassender Name für jene Theorien, welche die Organismen als Aggregate von Anlagen auffassen. Morgan [American Naturalist 1 9 1 o] nennt eine solche Theorie : Par- ticulate theory of development zum Unterschiede von: Reaktionstheorie [s. d.]. [E. Montgomery, The vitality and Organisation of Protoplasma. 1904.] S. Neoevolution. F. Ahnenplasmen, Ide. [Weismann 1891.] Nach Weismann ist das Keimplasma aus gleichwerti- gen Lebenseinheiten zusammengesetzt, von welchen jede einzelne die sämtlichen Anlagen zu einem Individuum in sich einschließt, die sich aber individuell voneinander unterscheiden: Ahnenplasmen, Ide. Sie bestehen aus Gruppen von Determinanten [s. d.]. — Die Chro- mosomen nennt Weismann I d a n t e n. Sie stellen eine der Art nach wechselnde Anzahl von Iden dar. [A. Weis- mann, Amphimisis, Jena 1891 und: Das Keimplasma, Jena 1892.] F. Ähnlichkeitswachstum [Roux] ist Wachstum im mathematischen Sinne von Ähnlichkeit, also Vergröße- rung eines Organes in allen Durchmessern in demselben Verhältnis zu seiner vorherigen Größe. Solches Wachstum kommt kaum je vor, wohl nicht einmal in Roux' Periode des selbständigen vererbten Wachstums, noch weniger in der Periode des funktionel- — 10 — Ähnlichkeitswachstum (Fortsetzung), len Wachstums, da die Activitätshypertrophie sich nach Roux auf die Vergrößerung derjenigen Dimension resp. Dimensionen des Organs beschränkt, welche die »Ver- stärkung« der betreffenden Funktion leisten [s. Wachs- tum, dimensional beschränktes]. Ähnlichkeitswachs- tum ist daher nur ein analytischer Begriff, der aber allen Beurteilungen von Wachstumsgrößen zur Vergleichung zugrunde zu legen ist, um Abweichungen davon, also die Ungleichheit des Wachstums nach verschiedenen Dimen- sionen, zu erkennen und dann ihre besonderen Ursachen aufzusuchen. [Ges. Abhdl. I, S. 128, 172, 202.] R. Aitiogene Bewegungen {ahia Veranlassung, yiyvo- [lai entstehe) s. paratonische Bewegungen. K. Aitiomorphosen (Xeno-, Heteromorphosen) {ahia Veranlassung, i^wQfftj Gestalt, ^svog fremd, ersQog abweichend) nennt Pfeffer alle von außen veranlaßten Entwicklungs- und Gestaltungsvorgänge. (Sie gehören also nach Roux' Distinktion zu den atypischen, aber meist normalen Gestaltungen, s. Typisch, Norm). Vgl. Auto- morphose, Abhängige Differenzierung, Induction. Je nach der Art des auslösenden Agens unterscheidet man Geo-, Photo-, Mechano-, Thigmomorphosen [s. a. Zoo- und Phytomorphosen]. K. Aitionastie [Pfeffer] {ahia Veranlassung) heißen alle diejenigen Formen der Nastie [s. d.], welche durch eine Veränderung in den auf die Pflanze wirkenden Außen- bedingungen verursacht werden. K. Aitiotropismen {alria Veranlassung, TQETtco Wende), die (im Gegensatz zum Autotropismus [s. d.]) durch äußere Reize bedingten Tropismen. Siehe Tropismus. K. Alcaliotropismus [Massart] {tqsttio Wende), der durch alkalische Stoffe hervorgerufene Chemotropismus [s. un- ter diesem]. K. Allelomorphs. [Bateson u. Saunders 1902.] Die beiden, ein Merkmalspaar bildenden antagonisti- schen Merkmale (später auch deren Anlagen), die bei den einfachsten, den Mendelschen Gesetzen folgenden — II — Bastarden die Eltern unterscheiden. Blüht das eine Elter rot, das andere weiß, so ist rot-weiß das Merkmalspaar und rot und weiß sind die Allelomorphs. Deutsch: P a a r 1 i n g. [Correns 1900.] S. a. Compound, Spuri- ous Allelomorphs. [W. Bateson u. R. E. Saunders, Rep. Evol. Comm. I, p. 126 (1902).] C. Allobiosis nennt Roux (1885) das dauernd geänderte Leben solcher Zellen, welche der Funktion beraubt sind, welche aber, weil sie dem Kampf der Teile entzogen sind, trotzdem noch viele Jahre, wenn auch in veränderter und reduzierter Form, erhalten bleiben, also sich zu er- halten vermögen. Z. B. das Leben der Ohrmuschel- muskeln, der Muskeln in Amputationsstümpfen oder an ankylotischen Gelenken. [Roux, Ges. Abhdl. I, 646 — 648, 622, 298, 300.] S. a. Partialprozesse, Allotrophie. R, Allophilie s. Philie. Allopotenz [Roux] s. Isopotenz. Allotrope morphogene Reize s. Reize, Herbsts Ein- teilung. K. Allotransplantation s. Transplantation. Allotrophie [S. Mayer] ist der Zustand der Allobiosis [s. d.]. Allotropismus [Roux] (ciXlog anderer) ist die Nähe- rungswirkung, welche Zellen »verschiedener« Gewebe aufeinander ausüben, z. B. die Epithel- und Binde- gewebszellen. S. Cytotropismus. Gegenteil: Homotro- pismus [s. d.]. [Arch. f. Entwmech., VIII, 358.] R. Allseitlage der Chromatophoren s. Peristrophe. K. Alteration ist eine geringe sichtbare oder unsichtbare Änderung der Organisation eines Lebewesens. Sie kann das Soma oder das Keimplasma betreffen. Sie kann die Dauerfähigkeit erhöhen oder vermindern, oder un- verändert lassen. Sie kann erblich sein, dann gehört sie zu de Vries' Mutation, oder nicht erblich, dann zu den Modifikationen. Vgl. Mißbildung, Varietät. R. Altruismus nennt Compte die gegenseitig fördernden Beziehungen der Individuen eines Staates. D. v. Hanse- mann dehnt den Namen auf die Zellen eines Indivi- — 12 — Altruismus (Fortsetzung), duums und auch auf die durch funktionelle Anpassung bedingten gestaltlichen Korrelationen der Organe aus, weil auch hier diese Beziehungen den Teilen selber gegen- seitigen Nutzen bringen, also nicht bloß dem Ganzen nützen. S. a. Symbiose. Gegensatz ist Egoismus, welcher nur dem eigenen Nutzen dient, und Aufopfe- rung, welche unter Selbstschädigung dem Nutzen nur des anderen dient. S. Funktionen. R. Amphiastertypus. [Boveri 1907.] Jener Typus dispermer Eier, bei welchem durch das Schütteln der Eier die Teilung der beiden Spermocentren unterdrückt wurde, so daß ein typischer Amphiaster entsteht, der sich von einer normalen ersten Furchungs- spindel nur durch die Zahl der Chromosomen unter- scheidet. Die beiden Sphären sind durch die Chromo- somen des Eikernes und beider Spermakerne zu einer Spindel verbunden. [Th. Boveri, Zellenstudien, Hft. 6, Jena, Fischer, 1907.] F. Amphigen nennt Giard diejenige »Castration para- sitaire«, bei welcher eine Mischung der männlichen und weibhchen Geschlechtscharaktere eintritt. S. auch androgen und thelygen. K. Amphikaryon, Dikaryon, Amphikaryose, Di-, am- phikaryotisch, [Boveri 1905.] Boveri bezeichnet den ersten Furchungskern (und seine Abkömmlinge) als Di- oder Amphikaryon. Der Kernzustand in einem normal befruchteten Keime wird dann als Di- oder Amphikaryose, der Keim selbst als di- oder amphikaryotisch bezeichnet [vgl. die Ausdrücke : Hemi-, Thely-, Arrheno- und Diplokaryon]. [Th. Boveri, Zellenstudien, Hft. 5, Jena, G. Fischer, 1905.] F. Amphilepsis [Bateson u. Saunders 1902], das nor- male Resultat der Befruchtung, im Gegensatz zur Monolepsis. [W. Bateson u. R. E. Saunders, Rep. Evol. Comm. 1902, I, 155.] C. Amphoterogonie. [Correns 1912.] Es gibt (Pflanzen-) Sippen, bei denen dasselbe In- — 13 ~ dividuum auf zweierlei Weise seine Nachkom- menschaft bildet, indem ein Teil der Äste eine kon- stante, ein Teil aber eine typisch gespaltene Nachkommenschaft gibt; dieser Teil verhält sich genau wie ein mendelnder Bastard. Beispiel : M i r a b i 1 i s Jalapa variegata. [C. Correns, Die neuen Ver- erbungsgesetze, S. 69 (191 2).] C. Anaklinotropismus [Pfeffer] = positiver KUnotro- pismus [s. d.]. K. Analog s. Homolog. Analyse, causale, der Entwicklung ist die Zurück- führung jedes Entwicklungsgeschehens auf die dasselbe »bestimmenden << und auf die »ausführenden «Faktoren (und Komponenten) und auf deren besondere Anordnung. Vorher ist oft nötig, die Analyse des Geschehens in die beständigen Wirkungsweisen (NB. der noch unbe- kannten Kombinationen von Faktoren). Die von Roux vorgenommene Analyse besteht: i) in der Sonderung der determinierenden und realisierenden Faktoren 1881. (s. Deter- minations- und Realisationsfaktoren). 2) in der Scheidung von typisch und normal [s. d.] nach dem Sitz der »determinierenden« Ursachen, durch den experimentellen Nachweis 1884, daß die Determinationsfaktoren des »typischen« Geschehens alle im Keimplasma enthalten sind , es also eine Vererbungsstruktur, ein Keimplasma gibt (entgegen Pflügers Behauptung und angeblichem Beweis, daß die äußeren Umstände »bestimmen «, was aus einem Ei werde), während nur noch die Realisationsfaktoren und Determinationsfaktoren des »Normalen« sowie des »Abnormen« außerhalb liegen können. 3) in der Scheidung von den zur Ontogenie nötigen und nichtnötigen aber oft beteihgten Faktoren [1884], z, B. Schwerkraft, und in der Elimination der gestalten- den Wirkung letzterer bei den »analytischen« Versuchen. 4) in der strengen Scheidung von Gesetz und Regel [1897] [s. d.]. — 14 — Analyse, causale (Fortsetzung). 5) in der Sonderung der Determinations- faktoren jedes typischen gestaltenden Geschehens in qualitativ verschiedene Gruppen zugleich auch in Gruppen von verschiedener Erforschbarkeit, so die Aufstellung einer Erfolg ermöglichenden Reihenfolge der causalanalytischen Versuche [1883]: in die Faktoren der »Bestimmung« des Ortes, der Zeit (des Beginnes und der Dauer), der Richtung, Größe, In- tensität des Geschehens, zuletzt erst der besonderen (physikalischen und chemischen) Qualität. Von jedem dieser Faktoren ist wieder sein Ort und seine eigene Beschaffenheit zu ermitteln. 6) in der Scheidung von Selbstdifferenzierung und abhängiger Differenzierung [1881]. S. auch Perioden. 7) in der Ableitung typischer und atypischer »teleo- logischer« Gestaltungen von gestaltenden Reak- tionen [s. z. B. Anpassung, funktionelle]. Die diesen Distinktionen entsprechend angestellten causal-analytischen Experimente Roux' wurden mehrfach nicht verstanden, weil die verschiedenen Faktoren nicht genügend auseinandergehalten wurden, und weil bei Nach- versuchen der Mitwirkung des unnötigen Faktors, der Schwerkraft, nicht genügend vorgebeugt wurde. [Roux, Arch. f. Entwmech., I, Einleitung. Ders. Programm und Forschungsmethoden der Entwicklungsmechanik. Arch. f. Entwmech., V. Ders. Vortr. I.] R. Anaplasie nennt D. v. Hansemann eine Veränderung der Zellen in dem Sinne, daß dieselben weniger differen- ziert sind als ihre Mutterzellen ; dies äußert sich in Herab- setzung des Altruismus und in Steigerung der selbstän- digen Existenzfähigkeit. Diese Art der Rückbildung wird am vollständigsten bei den Keimzellen erreicht, bei denen [nach v. H.] der Altruismus gänzlich aufhört und die Entdifferenzierung eine komplette ist. [Nach dem Autor.] Vgl. Implica- tion, Involution und Reduction. Entdifferenzierung. R. Anatropistisch [Massart] = protropistisch [s. d.]. — 15 — Anatropismus heißt jeder positive Tropismus [s. d.]. K. Anderdifferenzierungsgebilde nennt Roux Gebilde, welche auf andere differenzierend wirken. Sie sind ein- zuteilen in Differenzierungshauptgebilde und Differen- zierungsnebengebilde [s. d.] S. Differenzierungsgebilde. [Ges. Abhdl. II. 910]. R. Androgen nennt Giard diejenige »Castration para- sitaire« [s. d.], bei welcher das männliche Geschlecht eine Förderung erfährt. S. auch thelygen und amphigen. K. Androgenese. [Verworn 1891.] Verworn hält es für möglich, auch auf einem künst- lichen Nährboden, der den natürlichen Bedingungen möglichst entspricht, Spermien zur Entwicklung zu brin- gen und so ein Gegenstück zur Parthenogenese zu erhal- ten. Rawitz stimmt bei, schlägt jedoch hierfür den Aus- druck E p h e b o g e n e s i s [s.d.] vor, Delage M e r o - gonie [s. d.]. [M. Verworn, Die physiologische Bedeu- tung des Zellkerns. Pflügers Arch., 51, 189 1.] F. Andromorphosen [Schröder] {ävrjQ Mann, f^iOQcprj Gestalt), die durch Reizwirkungen des Pollenschlauches bedingten Morphosen [s. diese]. Vgl. auch Gamomor- phosen. K. Aneurogen. [Braus 1905.] So nennt Braus jene Extremitätenanlagen, welche Larven entnommen werden, denen die Rückenpartie samt der ganzen Rückenmarksanlage abgetragen wor- den war. In diesen Anlagen entwickeln sich keine Ner- ven. Gegensatz: euneurogen. [H. Braus, Experimen- telle Beiträge zur Frage nach der Entwicklung peri- pherer Nerven. Anat. Anz., 26, 1905.] F. Anhydrobiose s. Vie latente. Anisogone Bastarde [De Vries 1900] s. Erbungleiche Bastarde, [dort d. Lit.] C. Anlagen-, Idioplasma [Nägeli, 1884, Weismanni 892]. Gegenüber der lebenden Substanz des Zellkörpers, die als etwas Passives, Gestaltetes anzusehen ist und als Gestalt ungs- oder Morphoplasma [Weis- ~ i6 - Anlagen-, Idioplasma (Fortsetzung), mann, Trophoplasma Nägelis] bezeichnet werden kann, kann das Vererbungsplasma als das aktive, gestaltende Element angesehen und Anlagen- oder Idioplasma be- nannt werden. Die der Regeneration fähigen Zellen ent- halten außer einem Hauptidioplasma [nach Roux, Kampf der Teile, 1881, S. 178] noch einen sie zur Regene- ration befähigenden embryonalen Stoff, das Neben- idioplasma, Reserveidioplasma, somatische Keim- plasma; die es zusammensetzenden Determinanten [s. Determinate] sind Regenerations- oder Ersatzde- terminanten. [C. V. Nägeli, Mechanisch-physio- logische Theorie der Abstammungslehre. München- Leipzig, 1884. A. Weismann, Das Keimplasma, Jena, 1892.] S. a. Idioplasma, Gestaltungsplasma, Morpho- plasma. F. Anomogene Oberflächenspannung [Roux], (a nicht, bi-iög gleich, yervaco erzeuge), ungleichartige O. Sie er- möglicht nach Roux die Herstellung aller denkbaren Gestaltungen und zwar nicht bloß in dem Durchgang, sondern auch in der Ruhe, im Gleichgewichtsstadimn. Dagegen hefert die homogene Oberflächenspannung nur die in den Plateauschen Gesetzen bezeichneten Ruhe- stadien und produziert nur während der Bildung rasch vorübergehende Abweichungen von diesen. [Roux, Arch. f. Entwmech., Bd. 3, S. 433, Bd. 4, S. 343.] R. Anormales Keimplasma s. Keimplasma, genera- tives. Anpassung, funktionelle, nennt W. Roux (1879) das anscheinend teleologische Vermögen des einzelnen Lebe- wesens resp. seiner Organe und Gewebe, sich durch ge- wollte oder ungewollte Änderung in der gewohnten Aus- übung ihrer »Betriebsfunktionen [s. d.] für das ganze Lebewesen« gestaltlich an diese Funktionsweise = Stärke oder Häufigkeit anzupassen (s. Funktionsgröße, Bean- spruchungsgröße, Anpassungszeiteinheit), im speziellen ist das I. die progressive Anpassungsfähigkeit, die - 17 - Fähigkeit, durch über das gewohnte mittlere Maß ver- stärkten oder ein wenig auch quahtativ geänderten, sei es bewußten oder unbewußten, willkürhchen oder un- willkürhchen oder selbst wider den eigenen Willen (z. B. durch abnormes Herzklopfen) stattfindenden Ge- brauch an diese Gebrauchsänderung derart anzupas- sen, daß die Vollziehung dieser geänderten Leistung all- mählich leichter resp. vollkommener, andauernder möglich ist, statt daß das Organ durch die verstärkte Funktion überanstrengt und so geschädigt wird. Dazu kommt als negativer Fall 2. die regressive Anpassungs- fähigkeit, die darin besteht, daß ein länger dauernd weniger fungierendes Organ, Gewebe sich durch Ver- ringerung seiner Größe an diesen geringeren Gebrauch anpaßt, wodurch an Gestaltungs- und Erhaltungsmaterial sowie an Raum gespart wird. Durch beides wird die Dauerfähigkeit des Lebewesenserhöht. Die funktionelle Anpassung ist quantitativ und ein wenig qualitativ. Die quantitative funktionelle An- passung geschieht durch Activitätshypertro- p h i e [s. d.] resp. durch Inactivitätsatro- p h i e. Die qualitative durch Verbesserung resp. Ver- schlechterung der feinen Struktur in ihrer Eignung zu dieser Leistung. Auf der funktionellen Anpassung be- ruht allein dasVermögen der Lebewesen, k ö r p e r - lieh und geistig zu lernen. S. a. Übung. Die funktionelle Anpassung ist eine der wichtigsten Arten der die Lebewesen charakterisierenden >>g e s t a 1 1- lichen« Selbstregulationen [s. d.] derselben. [S. a. Anpassung.] Dagegen gehören alle anderen man- nigfachen gestaltlichen Nebenwirkungen der Funktionierung [Roux] z. B. vorübergehende Schwellung, Körnchen- anhäufung usw., welche die erneute Funktionsvollziehung nicht erleichtern (sie eher erschweren), nicht zur funk- tionellen Anpassung [s. Nebenwirkung]. S. a. Engramm, Roux formuliert (1880) zwei Gesetze dieser Anpassung [Ges. Abhdl., I, 128]. I. ihr morphologisches Gesetz oder das Roux, Terminologie der Entwicklungsmechaaik, 2 — i8 — Anpassung, funktionelle (Fortsetzung). Gesetz der dimensionalen Activitätshy- pertrophie resp. Inactivitätsatrophie: Die in der »Anpassungszeiteinheit« verstärkte oder ver- kleinerte, sog. »zeitliche« , sei es mittlere oder » Gesamt- funktionsgröße« [s. d.] vergrößert resp. verkleinert das Organ bloß in derjenigen oder denjenigen Dimensionen, welche die stärkere resp. verringerte Funktion leisten. S. Beanspruchungsgröße, Activitätshypertrophie, Überan- strengung. 2. ihr physiologisches Gesetz: Die im Mittel stärkere Funktion ändert die qualitative Beschaffen- heit der Organe, indem sie die »spezifische Leistungs- fähigkeit« derselben erhöht; die anhaltend schwächere Funktion ändert das Organ im umgekehrten Sinne. Die funktionelle Anpassung führt, wenn sie nicht durch andere Faktoren gehemmt wird, zur Ausbildung der funktionellen Struktur und Gestalt der Organe und stellt direkt die funktionelle Har- monie [s. d.] aller Organe in ihrer relativen Größe her, indem sie bei jedem Gleichgewicht zwischen der »Gesamt-« Größe (s. d.) der Funktion und der Größe des Organs ausbildet, [Ges. Abhdl., I, 561 u. 562.] Ihre Produkte gehören teils zur N o r m [s. d.], aber nicht zur »typischen« Gestaltung ; teils sind sie abnorme. Ersteres wenn sie durch das »gewöhnliche« Maß und die gewöhnliche Art der Funktionierung der Individuen einer Spezies hergestellt werden ; letzteres, wenn sie nur bei weniger als 50% der Individuen vorkommen. In bezug auf die Art der Entstehung dieser Anpassung unterscheidet Roux: I. die trophisch vermittelte funktionelle Anpassung [Ges. Abhdl., II, 215 u. S. 1051], die darauf beruht, daß dem funktionellen Reiz resp. der Voll- ziehung der Funktion eine trophische, d. h. die mor- phologische Assimilation des Gewebes und die sonstige gestalthche Leistung des Gewebes: Wachstum, Bildung von Intercellularsubstanz, ev. Zellteilung anregende - 19 - Wirkung, zukommt. Diese Gewebsqualität wurde in der Phylogenese durch den Kampf der Teile [s. d.] ge- züchtet; sie bewirkt aber danach die f. A. ohne diesen qualitativ züchtenden Kampf, nur unter Vermittelung lokaler Konkurrenz [s. d.] um den funktionellen Reiz. 2. bei einigen Funktionen noch eine andere Art, die mechanisch vermittelte oder kurz mecha- nische funktionelle Anpassung, z.B. rein mechanische Anpassung von Gelenkkopf und Pfanne aneinander durch Abschleifen [Fick], sowie stärker durch Hemmung des Knorpelwachstums an den Stellen stärkeren Druckes und durch stärkeres Wachstum an den Stellen geringen Druckes nach Roux (das ist me- chanisch vermittelte vitale Anpassung), eventuell Um- richtung von Sehnenfasern in die Richtung des Muskel- zuges. [Ges. Abhdl. II, 214. S. a. Roux, Ges. Abhdl., I, S. 114, 122, 157,462; Generalreg. 462.] S. Gelenkanpassung. Die bisher besprochene funktionelle Anpassung ist die gestaltliche, viele funktionelle Akte überdauernde (s. Gestalt) funktionelle Anpassung. Ihr steht die Anpassung des einzelnen Aktes der Funktion, die rein funktionelle Anpassung [Roux], gegenüber ; dahin gehören auch alle rein funktionellen Selbstregulationen, z. B. lebhaftere Bewegung, um Nahrung zu erwerben, bei Hunger, Abwehr eines Feindes, Einstellen des Auges für die Nähe, scharf Hören usw. Die dabei bewirkten, mit den Phasen der Funktionierung wechselnden resp. wieder- kehrenden Gestalt- und Strukturänderungen nennt Roux »rein funktionelle« Gestaltungsänderungen und ihre jeweiligen Produkte die funktionellen Wechsel- gestaltungen, die also im Gegensatz zu den erst durch viele Akte der Funktionierung entstehenden und dann viele weiteren Akte überdauernden wirklichen Gestal- tungen stehen und funktionelle Anpassungsgestaltungen [s. d.] darstellen. S. a. Regulation. [Roux in Oppel-Roux, S. 72.] Das Quantitative s. unter Anpassungsgröße. R. Anpassung, gestaltliche, Accomodatio formalis. Haeckel nennt jede (NB. dauerfähige, also unschäd- — 20 — Anpassung, gestaltliche (Fortsetzung), liehe) Veränderung der Gestalt, Struktur und son- stigen Beschaffenheit der Lebewesen durch äußere Einwirkungen wie Klima, Boden und andere Lebens- umstände, auch durch Berufsart, schon Anpassung. Es ist aber nach Roux im Interesse der causalanalytischen Forschung nötig, diesen Komplex von Änderungen zunächst in zwei c a u s a 1 wesentlich verschiedene Gruppen zu zerlegen: a) in solche Änderungen, welche die Dauerfähigkeit in neuen, sie an sich herabsetzenden Umständen wieder herstellen, erhalten oder gar erhöhen. Das ist die wahre An- passung, Adaptio Vera an die neuen Verhältnisse. Ihr stehen gegenüber b) die gestaltlichen und sonstigen Variationen, Alterationen, d. h. Veränderungen durch die neuen Umstände, welche keinen Nutzen für die Dauer- fähigkeit in diesen Umständen haben. Es hat viel Verwir- rung angerichtet, daß Haeckel diese causale Sonderung seinerzeit nicht vorgenommen hat. Die wahre Anpassung hat einen teleologischen Charakter, der besonderer Er- klärung bedarf, die bloße Alteration natürlich nicht. Die wahre gestaltliche Anpassung heißt: 1. direkte, besser personelle, das ist die Anpassung des »einzelnen Lebewesens« an die neuen Verhältnisse, geschehe diese selber »direkt« das heißt durch sog. »zweckmäßige«, d. h. die Dauerfähigkeit her- stellende Reaktion der »einzelnen Teile« des Indivi- duums. Diese wird meist durch die »funktionelle« An- passung bewirkt. Oder geschehe sie indirekt durch Ausmerzung der in den neuen Verhältnissen nicht dauerfähigen Teile unter Ersatz derselben durch die Nachkommen der zufällig dauerfähigen (das ist qualitative innere Umzüchtung [s. d.] z. B. bei Hunger, Gift). [Roux, Ges. Abhdl., I, S, 157, 190, 130, II, S, 211. a. f., 1051.] 2. indirekte oder die Anpassung der S p e c i e s , ev. Gattung der Lebewesen durch Ausmerzung der unter den neuen Umständen nicht dauerfähigen I n d i - — 21 — V i d u e n unter alleinigem Übrigbleiben der zufällig dauerfähigen und diese günstige Eigenschaft vererben- den Individuen. R. Anpassungscoefficient, funktioneller [Roux] ist der- jenige in dem Organ enthaltene Faktor (oder diejenige Gruppe von Faktoren), welcher die Anpassungs- fähigkeit, d.h. die Größe der gestaltlichen funk- tionellen Anpassung bei gleicher Größe der Änderung der mittleren bzw. »Gesamtbeanspruchung« [s. d.] in der »Anpassungs-Zeiteinheit« [s. d.] für die verschiedenen Organe desselben Individuums oder für verschiedene In- dividuen derselben oder verschiedener Spezies, Gat- tungen usw. bestimmt. Dieser Coeffizient ist selbst für das einzelne Organ nicht ganz konstant, sondern ändert sich etwas mit dem Alter in den causalen Gestaltungsperioden II bis IV des Individuums sowie wohl auch etwas mit der in dem Individualleben bereits stattgehabten Größe der An- passung. Er ist aber für die Dauer der einzelnen »empi- rischen Anpassungszeiteinheit« von 30 Tagen als konstant anzunehmen. Vgl. Bildungscoefficient, Erhaltungs- coefficient, Anpassungsgröße. R. Anpassungs- Einheitsgröße, funktionelle, empiri- sche, ist die Größe der funktionellen Anpassung der Massen-, bzw. Querschnitts- oder Längeneinheit eines Organs in der »Anpassungs-Zeiteinheit« (von 30 Tagen). Sie setzt sich aus der Wirkung der in dieser Zeiteinheit als konstant anzunehmenden Größe des Anpassungs- coefficienten [s. d.] und der Änderung der »zeithchen« mittleren bzw. Gesamtbeanspruchung zusammen. Unter- schied theoretische A. S. Beanspruchungsgröße, Funktionsgröße. Die Anpassungsgröße in aufeinander folgenden An- passungszeiteinheiten ist auch bei gleichmäßiger Zu- nahme der Gesamt-Funktionsgröße in dieser Einheit nicht ganz konstant. Die Kurve dieser Zu- und Abnahme ist erst noch genauer zu ermitteln. Die funktionelle Anpassung des Gehirns — 22 — findet schon an jeden einzelnen neuen Eindruck in funk- tionell erkennbarer Weise statt. R. Anpassungsfähigkeit , vitale , morphologi- sche, an erzwungeneDeformation, nennt Roux : a) die von ihm an Embryonen und Eiern erkannte Fähigkeit derselben, eine erzwungene Form nach kurzer Andauer des Zwanges für einige Zeit dauernd anzuneh- men, sie also auch nach Aufhören des Zwanges noch eine erhebliche Zeitlang beizubehalten, b) die durch die vor- genommene mechanische Deformation sogleich in toto intendierte Veränderung, z.B. zur Bildung einer Rautengrube des Rückenmarks, aber erst nach einiger Andauer des Zwanges auszubilden, die dann gleichfalls nach dem Aufhören der deformie- renden Einwirkung noch eine Zeitlang beibehalten wird. Beides stellt durch mechanische Massencorre- lation vermittelte vitale Umformung dar. S. künstliche Rautengrube, Gelenkanpassung. [Roux, Ges. Abhdl., II, 249, 253.] R. Anpassungszeiteinheit des funktionellen Anpassungs- geschehens nennt Roux die Zeit, in welcher bei erheb- licher Änderung der mittleren oder Gesamtbeanspruch- ungs- bzw. Gesamtfunktionsgröße [s. d.] schon eine »er- kennbare« gestaltliche Anpassung an diese Änderung eintritt. Er empfiehlt als diese Zeiteinheit den Monat von 30 Tagen und bezeichnet alles darauf Bezügliche mit »Gesamt-« . R. Anregungsreize s. Reize, Pfeffers Unterscheidung. K. Anstichversuche, bestimmt lokalisierte am Ei, zu- erst von Roux (1883—1885) am Froschei angestellt. Eine, mit einer Kugel als Wärmeträger versehene Nadel wird in das Ei oder in eine Blastomere eingestochen, um einen bestimmten Teil der Eisubstanz abzutöten. Für kleine Eier ohne klebrige Hülle ist Chabrys Apparat mit rotierender Nadel (1887) von Vorteil; auch sind Kapillar- röhrchen, die eventuell mit reizenden Substanzen (Eu- kalyptol, Chinin) gefüllt waren, verwendet worden. Bei — 23 — manchen Eiern stirbt gleich die ganze angestochene Elastomere ab, bei anderen ist dies schwer zu erreichen oder ist nur bei gleichzeitiger sonstiger Schädigung der Eier, z. B. bei Schwächung der Selbstregulation durch verzögerte Laichung [Roux] möglich [s. a. Ausschal- tungsversuche und Markierversuche]. [Roux, Beitrag I zur Entwmech. des Embryo, Zeitschr. f. Biologie, 1885. Ges. Abhdl. II, S. 154, 958. Chabry, Contribution ä l'embryologie normale et teratologique des Ascidies simples. Theses pres. ä la faculte d. sc. de Paris, Ser. A, No. 90, Paris 1887.] F. Antagonistische Symbiose [de Bary] s. Symbiose. K. Antholyse {arS-og Blüte, Xvco löse). Von A. spricht man, wenn die Achse einer Blüte ab- norm gestreckt und die Blütenwirtel weiter voneinander entfernt sind als bei typischer Entwicklung. Auch er- scheinen bei A. gamopetaler oder gamosepaler Blüten die einzelnen Gheder der Wirtel bis auf den Grund ge- trennt voneinander. Vgl. Apostasis. K. Antibiose [Vuillemin], diejenige Form der S)nnbiose [s. d.], bei welcher der eine der beiden Symbionten eine zerstörende Wirkung auf den anderen ausübt. K. Antistrophe {avtioTQOcpog gegenüberstehend) oder Vorderlage nennt Senn diejenige Verteilungsart der Chromatophoren, bei der sich diese ausschüeßlich oder vorwiegend auf der der Lichtquelle zugewandten Seite der Zelle ansammeln. Vgl. auch Epistrophe, Diastrophe, Parastrophe, Escharostrophe usw. K. Antwortgeschehen oder indeterminiertes Anpassungsgeschehen nennt Driesch ein Ge- schehen, bei dem »jeder Ursache, welche allemal quanti- tativ charakterisiert ist, ein tj^ischer, lokal charakteri- sierter Effetct im Dienste der Erreichung eines typischen Zieles entspricht«. Es liegt also ein besonderes Reagie- ren des betrachteten Elementes auf einen Reiz vor. [Driesch, Result. u. Probl. 1899, S. 813.]. R. Apaerotaxis = negative Aerotaxis [s. d.]. K. Aphotometrisch (a nicht, ywg Licht, i.ieTQ0V Maß) — 24 — nennt Wiesner diejenigen Laubblätter, welchen die Quali- täten der photometrischen Blätter abgehen [s. d.]. K. Aplasie, Hypoplasie bedeutet Zurückbleiben im ty- pischen oder normalen Wachstum. Gegensatz : Atrophie. R. Apobatische Taxis [Rothert] (aTioßaivto fortgehen) = Phototaxis [Pfeffer] [s. d.]. K. Apogamie. [De Bary 1878.] Nach De Bary ursprünglich Verlust der sexuellen Zeu- gung und Ersatz durch einen anderen Reproduktions- prozeß; auf die Bildung von Farnpflänzchen aus Zellen des Prothalliums (statt durch Befruchtung der Eizelle) begründet. Die Abgrenzung gegenüber der Partheno- g e n e s i s ist strittig: Strasburger nennt »Apogamie« alle Reproduktionsweisen aus Zellen, bei denen die Chromosomenzahl nicht reduziert worden war, auch wenn es sich um Eizellen handelt, während nach Reduk- tion der Chromosomenzahl das Ei sich ohne Befruchtung >>parthenogenetisch<< weiter entwickelt. Winkler spricht dagegen nur von »Apogamie«, wenn eine vegetative Zelle der neuen Pflanze den Ursprung gibt (sie kann somatisch sein , Euapogamie [Farmer and Digby], wenn die Chromosomenzahl doppelt, genera- tiv, meiotische Euapogamie [F. and D.], wenn sie einfach ist), und nennt alles »Parthenogenesis«, wo sich eine Eizelle ohne Befruchtung weiter entwickelt (wobei wieder somatische Parthenogenesis ohne Chromosomenreduktion, Parthenapogamie [F. and D.] und generative mit Chromosomenreduk- tion bei der Eibildung unterschieden werden). Stras- burger legt eben das Hauptgewicht auf die Entstehung mit oder ohne Chromosomenreduktion, Winkler darauf, ob vegetativ oder generativ. [A. de Bary, Über apogame Farne und die Erscheinung der Apogamie. Botan. Zeitung, Bd. 2)^, Sp. 449 (1878); E. Strasburger, Apogamie bei Marsilia. Flora, Bd. 97, S. 123 — 191, 1907; H. Winkler, Über Parthenogenesis und Apogamie im Pflanzenreich. Progr. rei botan., Bd. II, Hft. 3 (1908); J. B. Farmer — 25 — and L. Digby, Studies in Apospory and Apogamie in Ferns. Ann. of Botany, Bd. 21, p. 161 — 199, 1907.] C. Apogeotropismus s. Geotropismus. K. Apomixis [H. Winkler 1906] ist der Ersatz der ge- schlechtlichen Fortpflanzung durch einen anderen, un- geschlechtlichen, nicht mit Kern und Zellverschmelzung verbundenen Vermehrungsprozeß, kann geschehen I. durch vegetative Propagation z. B. Adventivembryonen (Caelebogyne), 2. d u r c h Apogamie, 3. durch Parthenogenesis. [H. Winkler, Über Parthenogegesis bei Wikstroemia in- dica (L.) C. A. Mey. Ann. du Jardin Botan. de Buiten- zorg, 2. ser., T. 5, p. 253 (1906).] C. Apophototaxis = negative Phototaxis [s. d.]. K. Apophysen sind anfangs knorpelige Endstücke von Skeletteilen, welche nicht mit anderen Skeletteilen in Gelenkverbindung stehen ; sie bestehen wie die Epiphysen [s. d.] eine Zeitlang gesondert. Zu ihrer Sonderung war in der Phylogenese und ist vielleicht auch in der Auto- genese Verschiebungswirkung gegen die Diaphyse (Ab- scherung) nötig [Roux], die von den an jeder Apophyse angreifenden Muskeln bewirkt wird. Jede Apophyse ver- knöchert von ihrem ruhigsten, das ist centralen Teile aus. S. a. Epiphyse. [Ges. Abhdl. II, S. 228, I. 811.] R. Apophysenknorpel, intermediärer, ist die, lange Zeit erhalten bleibende, Knorpelscheibe zwischen der knöchernen Diaphyse und der bereits auch knöchernen Apophyse. S. a. Epiphysenknorpel, intermediärer. Apostasis, abnorme Streckung der Blütenachsen, welche die Anordnung der Blütenteile aus der cyklischen Stellung in spiralige übergehen läßt. Vgl. Antholyse. K. Apostrophe {ajTootQkpco wende mich ab) oder Fugen- wandlage nennen Frank und Senn diejenige Verteilung der Chromatophoren, bei welcher sich diese unabhängig vom Licht auf den an lebende Nachbarzellen grenzenden Fugenwänden ansammeln. Vgl. Epistrophe, Systrophe, Parastrophe, Escharostrophe usw. R. — 26 - Apotropismus heißt jeder negative Tropismus. K. Apotropistisch [Darwin] heißen tropistische Bewe- gungen [s. Tropismus], durch welche ein Organismus oder ein Organ von der Reizquelle fortgeführt wird (negativer Tropismus). K Arbeitsstoffwechsel s. Stoffwechsel. Architecturumbildung der Knochen, sie kommt bes. bei dem Wachstum derselben vor und ist dabei nötig, weil das fertige Knochengewebe keine interstitielle Wachs- tumsfähigkeit hat, welche gestatten würde, eine bereits vorhandene, der Funktion angepaßte, also trajectorielle Struktur einfach durch Ausdehnung und Verdickung aller tragenden Teile zu vergrößern. Daher wird z. B. der ring- förmige Querschnitt des wachsenden Röhrenknochens durch äußere Apposition verdickt und der Markraum durch innere Resorption infolge Inactivität erweitert. S. Knochenresorption. [Roux, Ges. Abbdl. I, S. 357.] Außerdem kann auch die Vergrößerung einer statischen Spongiosastruktur besonders einer Biegungskonstruktion nicht im mathematischen Sinne »ähnlich« erfolgen, son- dern muß dabei gewisse Änderungen erfahren, um noch in ebenso vollkommener Weise eine größere statische oder funktionelle Struktur darzustellen. Das ist ein zweiter Grund der Architecturumbildung bei dem Wachstum, der zudem auch für interstitiell wachsende Gebilde mit funktioneller Struktur gilt, z. B. für die bindegewebige Schwanzflosse des Delphin, für die Wan- dung der Blutgefäße mit ihrer hämodynamischen Ge- stalt und dieser angepaßten Struktur. [Roux, Ges. AbhdI. I, S. 82.] R. Architomie {aQxrj Anfang, Tsixvto schneiden) unter- scheidet Fr. von Wagner eine Selbstteilung von Tieren mit nachfolgender Regeneration im Gegensatz zur Para- tomie einer Selbstteilung nach vorheriger Bildung der nach der Teilung zu regenerierenden Organe, z. B. bei Ponactinia, Ctenodrilus parvulus. Nur im ersteren Falle kann die Durchtrennung oder der Defekt der Regene- rationsreiz sein. R. - 27 — Argotaxis {ctqyög untätig), diejenige Form takti- scher Bewegung [s. Taxis], welche — nach Pfeffer — ■ »infolge der anomogenen Beschaffenheit des umgebenden Mediums (analog wie bei einseitiger Berührung eines öltropfens mit Seifenlösung) << auch ohne eine besondere physiologische motorische Tätigkeit zustande kommt. K. Aristerochirie s. Scherenumkehr. Arrhenokaryon[Boverii905] (a^^/ji»/ männlich, y.aqvov Kern). Ein aus einem befruchteten Ei ohne Eikern entstan- dener Organismus ist arrhenokaryotisch, der Kernzustand in demselben ist: Arrhenokaryose. Organismen, die in einem Bereich normale Kerne, im anderen nur Derivate des Spermakernes besitzen, heißen partiell-arrhenokaryotisch. [Th. Boveri, Zellenstudien, Heft 5, Jena, G. Fischer, 1905.] F. Art, Qualität, Beschaffenheit eines biologischen Geschehens oder Seins bezeichnet alle Eigenschaften desselben, also sowohl die physikalisch-chemischen Eigen- schaften einschließlich Gestalt und Struktur, sowie seinen »bestimmten« Ort, bestimmte Zeit des Beginnes und der Dauer, Größe, Intensität, Richtung. Sie um- faßt: I. alle typischen, physikalischen und che- mischen Merkmale desselben, also alle Stammes-, Klassen-, Gattungs-, Species-, Rassen - Merkmale so- wie 2. die neu erworbenen vererbbaren Personalcha- raktere usw. Bei anderer Fassung kann man auch : 3. die nicht vererblichen Abweichungen vom Typus mit ein- rechnen. Die Faktoren, welche diese »Art« »bestimmen«, nennt Roux Determinationsfaktoren [s.d.] im Unterschied zu den Realisationsfaktoren, welche das bei den Lebewesen durch erstere zumeist vorher Bestimmte nur ausführen, verwirklichen helfen [s. d.]. Diese Distinktion ist die Grundlage des Begriffs der Selbstdifferenzierung und der abhängi- gen Differenzierung [s. d.] sowie der Schei- dung der typischen und atypischen Entwicklung, - 28 — insofern alle typischen determinierenden Faktoren im Keimplasma enthalten sind [s. Typisch]. S. a. quali- tative Differenzierung, Reiz. R. Artefacte, chemische. [Albrecht 1902.] Eng. Albrecht erzeugt an dünnsten Doppelmesser- schnitten noch lebender Gewebe und Organe durch ver- schiedene Lösungen chemische Artefacte in den Zellen, um auf diese Weise die bei der Fixation hervorgebrach- ten »Kunstprodukte« systematisch zu untersuchen; die Formungsmöglichkeiten in Zelle und Kern unter dem Einflüsse verschiedener Salze sowie feinere Differenzen verschiedener Zellarten kennen zu lernen ; um eine Mikro- chemie (Morphochemie) der Zelle zu begründen. [E. Albrecht, Artefacte zur Cytologie. Verhdlg. anatom. Ges.. XVI, 1902.] F. Artzelle s. Ontogenetisches Causalgesetz. Ascidien. Blätter, deren Spreiten atypischerweise tütenförmig ausgebildet sind. K. Assimilation (similis ähnlich) heißt die Bildung einer Substanz, welche einer bereits vorhandenen Substanz gleicht. Sie ist chemische Assimilation, wenn die neue Substanz bloß durch chemische Prozesse hergestellt wird (diese bildet z. B. durch Verdauung der Nahrung das Betriebsmaterial der Lebenstätigkeit), und morpho- logische Assimilation [Roux], wenn sie mit besonderer »physikalischer« Struktur versehenes Material produziert und so die organischen Maschinenteile, z. B. Zeilen, ver- größert resp. (in Kombination mit Selbstteilung) diese auch an Zahl vermehrt. Die A. ist meist »Selbstassimilation«, Autoassimilation, [Roux] [s. a. Selbstassimilation], wenn das dadurch vergrößerte oder nach Abnutzung durch sie repa- rierte Gebilde diese ihm selber gleiche Substanz auch selber, also durch in ihm liegende »determinierende« Faktoren produziert, z. B. Wachstum des Protoplasmas durch dessen eigne Tätigkeit. Sie ist »Fremdassimi- lation« [Roux, Ges. AbhdI. II, 17.], Heteroassimilation (ersQog anderer), wenn die Vergrößerung des wachsen- - 29 - den Gebildes von einem anderen Gebilde besorgt wird, wie z. B. das Protoplasma der Fettzelle den bereits in ihr enthaltenen öltropfen vergrößert, oder wie das Protoplasma und der Kern der Muskelzelle die Fleisch- prismen vermehren, wie das Periost den Knochen ver- größert [s. Matriculargebilde]. Die Fremdassimilation ist, vom tätigen Teile aus betrachtet, nicht Assimilation, sondern »Entwicklung«. [Roux, Ges. Abhdl. II, S. 1042. Vortr. I, S. 278. Arch. Entwmech. 13, S. 631.] S. a. Assimilationscomplex. Assimilationscomplex. Roux hat [1892] dargelegt, daß es »Selbstassimilation« im analytischen Sinne, also in dem Sinne, daß e i n bei der Assimilation mit- wirkender Teil ihm selber Gleiches bilde, nicht geben kann, sondern daß immer erst ein bestimmt ge- bauter »Komplex verschiedener Teile« wieder denselben Komplex bilden kann, während jeder einzelne Teil von ihm selber Verschiedenes bilden hilft. Einen solchen Komplex nennt er Assimilationskomplex. Ges. Abhdl. II. S. 79. Vortr. I. S. 119. Astursprungskegel s. Ursprungskegel. Astursprungswinkel oder kurz Ast winkel nennt Roux den Winkel, den die Mittellinie des »Ursprungs- kegels« eines Arterienastes (dieser bis zum Profilmini- mum [s. d.] gerechnet) mit der letzten vorherigen Rich- tung des Stammes bildet. Er ist meist rein hämo- dynamisch bestimmt. [Roux, Ges. Abhdl. I, S. 15.] Vgl. Astverlaufswinkel, Verästelungswinkel. Astverlaufswinkel [Roux] ist der Winkel, den ein Blutgefäßast in dem auf den »Ursprungskegel« [s. d.] folgenden Teil, dem »Verlauf« [s. d.] mit der letzten vorherigen Verlaufsrichtung des Stammes bildet. [Roux, Ges. Abhdl. I, 15.] Vgl. Astursprungswinkel, Stammur- sprungswinkel, Stammverlaufswinkel, Verästelungswin- kel, Verlaufswinkel. R. Asyntaxia medullaris nennt Roux die Nichtver- einigung der nach ihm beim Froschei ursprünghch (in der Blastula) fast um 180° (NB. am Äquator des Eies) — 30 — getrennt liegenden virtuellen Anlagen der beiden Me- dullarwülste. Diese Mißbildung wird auch (unzutreffend) Spina bifida genannt. [Roux, Ges. Abhdl. II, 1042.] R. Atavismus (Rückschlag), das Auftreten von Nach- kommen mit Merkmalen, die den Eltern fehlen, aber bei entfernten Vorfahren vorhanden gewesen sind (oder als vorhanden gewesen angenommen werden). Beispiel: Bei Bastardierung von Taubenrassen entstehen zuweilen Nachkommen mit dem schieferblauen Gefieder der wilden Felsentaube [Darwin]. Erklärt sich meist (oder immer) so: Das »atavistische« Merkmal kommt durch das Zu- sammenwirken zweier oder mehr Anlagen zustande, die, auf die beiden verschiedenen Eltern verteilt, sich nicht (oder in anderer Weise) zeigten, durch die Bastar- dierung aber zusammengebracht werden und nun das (alte) Merkmal geben können. C. Atmungsfiguren nennt Beyerinck die durch Aero- taxis [s. d.] bedingten lokalen Anhäufungen frei beweg- licher Organismen (z. B. Bakterien), die im Reagensglas, unter dem Deckglas usw. sich dort ansammeln, wo die ihnen am meisten zusagende Sauerstoffkonzentration zu finden ist. Vgl. auch Schattenfiguren, Auxano- gramm. K. Atrophie bezeichnet den Schwund von lebender Sub- stanz, also das Kleinerwerden. Sie kann in typischer wie atypischer, letzteren Falles normaler oder abnormer Weise stattfinden. Die Atrophie kann funktionelle sein, wenn sie durch Herabsetzung der Funktionsgröße veranlaßt ist, sie heißt dann Inactivitätsatrophie [s. d.]. Oder sie findet (z. B. im normalen Greisenalter) auch ohne vorausgegangene Herabsetzung der Funktion, im Gegenteil diese veranlassend, statt: die typische Alters- atrophie. Diese stellt eine typische Involution dar, wie sie bei manchen Organen bereits im Embryo vor sich geht. Vergl. Tod, Alterstod. Oder die A. findet durch besondere Einwirkung, durch Druck statt : Druckatrophie. Vgl. Aplasie, _ 31 — Hypoplasie, Inactivitätsatrophie, Involution, Druck- schwund. R. Atypische Entwicklung ist das Produkt von entweder schon vor dem Entwicklungsbeginn atypisch beschaffe- nem, oder während der Entwicklung durch äußere deter- minierende Einwirkung verändertem Keimplasma oder auch veränderter bereits differenzierter aber noch ent- wicklungstätiger Substanz. Diese Entwicklung verläuft oft regulatorisch, die Störung ausgleichend und führt dann noch zu typischen Produkten; oder die Regulation ist unzureichend und die Produkte werden immer noch etwas atypisch. Letztere Produkte sind normal, wenn die alterierenden Einwirkungen in der Mehrzahl der Fälle in der Natur »vor- kommen« (besonderes Klima, besondere Bodenbe- schaffenheit, Berufstätigkeit) oder abnorm, wenn dies seltener der Fall ist. S. Typisch, Normal. R. Atypisches Keimplasma 5. Keimplasma, generatives. Aufziehen im Sinne der »Aufspeicherung« von Energie und von Mannigfaltigkeit ist nach F. Auerbach ein spe- zifisches Vermögen der Lebewesen (aber keine »beson- dere« »einzelne« Leistung derselben [Roux]). S. Ek- tropismus. R. Ausführungsfaktoren s. Realisationsfaktoren. Auslese, Selbstauslese. Sie besteht a) als n e g a - tive A. in Aussonderung, Ausmerzung, Elimination, Vernichtung einer nicht dauerfähigen Qualität oder ört- lichen Gruppe und b) dadurch zugleich in positiver Auslese durch alleiniges Übrigbleiben des anderen, Dauerfähigeren. Das Dauerfähige mußte sich also im Laufe des Weltgeschehens aufspeichern. Diese Auslese betrifft auch die anorganische Natur, z. B. blieben die- jenigen Planeten übrig, deren Bahn zufällig derartig war, daß sie nicht mit anderen großen Weltkörpern kollidierten usw. Bei sich selber vermehrenden Gebilden, den Lebewesen, führt die Auslese zur Züchtung be- stimmter Qualitäten, sie wird qualitative — 32 — Auslese (Fortsetzung), und dadurch züchtende Auslese, Dies geschieht durch Personalselection [Darwin] oder durch T e i 1 - auslese [Roux], Partialselektion. S. Kampf der Teile, Umzüchtung, Konkurrenz. Voraussetzung der Erhöhung der Dauerfähigkeit des Lebewesens durch Auslese ist, daß die Eigenschaften der positiv Ausgelesenen auf ihre Nachkommen über- tragen werden, daß sie also bei Personalauslese inter- personell, bei Teilauslese intrapersonell vererblich [Roux] sind. Ist diese Bedingung nicht erfüllt, so ist die Auslese nicht züchtend und erhöht die Dauerfähigkeit nicht. So z. B. bei lokaler Auslese [Roux, 1883], wenn an einem günstigen, vor Sturm, Trockenheit, Kälte geschützten Standort befindliche Pflanzen übrig bleiben, oder wenn Teile des Organismus lokal günstiger gelegen sind, wie bei spärlicher Nahrung die neben den Blutcapillaren, bei Vergiftung die weiter von ihr weg liegenden Zellen, oder wenn zur Zeit bestimmter schäd- licher Einwirkungen die zufällig gerade in widerstands- fähigerem Zustande befindlichen Teile, seien es die älteren, jüngeren oder ausgeruhten Zellen, übrig bleiben. Ferner die lokale Auslese bei der Konkurrenz um den funktionellen Reiz (s. Kampf der Teile Nr. 4, Konkur- renz). S. Umzüchtung. [Roux, Kampf der Teile, 1881 und 1883. Ges. Abhdl. I, 236, 277, 654, 657. Arch. f. Entwmech. 15, S. 572.] Auslösung ist bei strenger Scheidung von »Reizung« [s. Reiz] die Veranlassung eines Geschehens durch den letzten vor dem Geschehen hinzukommenden Faktor, so- fern dieser nicht nur nicht die Art und also bei ganz diffuser Wirkung nicht den Ort, sondern auch nicht die Größe des Geschehens bestimmt oder mit be- stimmt. In der Biologie werden beide Ausdrücke oft als synonym gebraucht. Die exakte causale Forschung macht aber ihre strenge Scheidung nötig. Die Auslösung besteht also in Aktivierung eines Vor- rates von potentieller (ev. auch gestaltend wirkender) - 33 — Energie (Spannkraft) durch Entfernung eines Hinder- nisses oder durch direkte Erregung eines ersten Teiles des Energievorrates, von dem dann die Erregung auf den übrigen Vorrat übertragen wird. Da das ausgelöste Geschehen in seiner Art und Größe schon vorher durchaus durch die Beschaffenheit des Sub- strates bestimmt ist, ist der auslösende Faktor oder der Auslösungsfaktor nur der Reali- sationsfaktor des »Bestimmten«, Determinierten, der aber eine gewisse minimale Größe haben muß. Ist das ausgelöste Geschehen eine Differenzierung, so heißt diese reine Selbstdifferenzierung speziell Auslösungsdifferenzierung, sofern sie vorkommt. Es gibt auch Zwischenstufen zwischen Auslösung und Reizung. Im Interesse scharfer causalanalytischer Unter- scheidung ist aber zu empfehlen, jede Erregung, deren Qualität zwar nicht, aber deren Quantität schon (von einem minimalen Schwellenwerte abgesehen) etwas von der Größe des Erregungsfaktors abhängig ist, als Reizung zu bezeichnen. Sie steht viel höher. Wenn das durch Auslösung erregte Substrat mehrere Auslösungsmöglichkeiten enthält, so ist es möglich, daß verschiedenartige Auslösungsfaktoren auch verschieden- artige Reaktionen veranlassen [Herbst] ; dann liegt elektive Auslösung [Roux] vor. [Arch. Entwmech. 13, S. 658.] Genau genommen reagiert dann aber bei jeder anderen Reaktion auch ein (wenn vielleicht auch unsichtbar) anderer Teil des Substrates. (Wird dagegen die andere Reaktion wirklich durch den einwirkenden Faktor in ihrer Art mitbestimmt, also mitbewirkt, so hegt weder elektive Auslösung noch elektive Rei- zung, sondern abhängige Differenzierung vor [s. d.].) Reine Auslösung im strengen Sinne kommt im Bereiche des organischen Geschehens wohl nur relativ selten vor, z. B. aber bei der Entwicklungserregung des Eies. Das als solche bezeichnete Geschehen wird meist Reizungs- geschehen sein, weil seine Größe von der Größe Roux, Terminologie der Entwicklungsmechanik. -j - 34 - der Einwirkung abhängig ist. [Arch. Entwmech. 13, S. 657. Vortr. I, S. 185.] R. Auslösungsdifferenzierung s. Auslösung. Unter- schied : Reizungsselbstdifferenzierung. S. Selbstdifferen- zierung. R. Auslösungsfaktor ist derjenige Faktor, welcher die Auslösung [s. d.] bewirkt. Er ist stets ein Beginnfaktor. Ausrundung ist die Vermeidung von Winkeln und Ecken beim Zusammenstoßen von Konstruktionsteilen. Da in vielen Fällen die Stellen des Zusammenstoßens bei nicht ausgerundetem Zusammentreffen »gefährliche Querschnitte« enthalten würden, so stellt eine mit der A. verbundene geeignete Querschnittszunahme der Kon- struktionselemente nach dem Knotenpunkt hin zugleich eine wesentliche Verfestigung der ganzen Konstruktion dar. Sie kommt bei den Knochenbälkchen der Spongiosa vor. Gebhardt. Autaesthesie [Massart] {avTÖg selbst, aiod^ävo^ai), die Fähigkeit eines Organismus, irgendwelche innere Reize wahrzunehmen [s. Aesthesie], K. Auto — {avTÖg selbst), Selbst — verwendet Roux nur analytisch im Sinne von Autoergie [s. d.]. R. Autochorismus = Selbsttrennung. S. Cytochorismus. Autodeterminatio s. Selbstbestimmung. Autodifferentiatio s. Selbstdifferenzierung. Autodissimilatio s. Dissimilatio. Autodivisio s, Selbstteilung. Vergl. Autotomie. Autoergie, Selbsttätigkeit der Lebewesen nennt Roux [1881] diejenige Tätigkeit des ganzen Lebewesens oder seiner lebenstätigen Teile, welche in den be- treffenden Gebilden »determiniert« ist (s. Determina- tion), deren die Art [s. d.] oder Qualität des Geschehens »bestimmende« Faktoren also in diesen Gebilden selber gelegen sind. Die gleichfalls zum Geschehen nötigen, aber die Art desselben nicht bestimmenden Reali- sationsfaktoren (Wärme, Licht, Sauerstoff, Wasser, Nahrung) können dabei außerhalb des Ge- bildes liegen. - 35 - Es ist sehr charakterisierend für die Lebewesen, daß sie alle Faktoren, welche ihre typische, also beständige Gestaltung sowie ihre Erhaltungstätig- keit »determiniere n<<, in sich selber enthalten und daher zu diesen Tätigkeiten von außen her bloß der indifferenten Realisationsfaktoren (Nahrung usw.) bedürfen. Die entsprechende »Gestaltungstätigkeit« ist also Selbstdifferenzierung [s. d.] des Lebewesens resp. des (NB. stets zu nennenden) Teiles. Wenn aber für einiges Geschehen auch die Realisationsfaktoren, wie Nahrung, Sauerstoffquelle, in dem betreffenden Gebilde liegen, so ist diese Tätigkeit »vollkommene Selbsttätig- keit, Autoergia totalis« des Gebildes; doch ein erster aus- lösender Anstoß ist auch dabei von außen her nötig. S. a. Autophelie, Selbstnützlichkeit, Autotaxis, C)rtotaxis, Parthenogenesis. [Roux, Ges. AbhdI. I, 405, II, 78 — 84.] R. Autoevolutio, Selbstentwicklung s. Entwicklung, ty- pische. Autoformatio [Roux] s. Selbstgestaltung. Autokampylotrop = Autoskoliotrop [s. d.]. Autokatakinetische Vorgänge (W. Ostwald 1908]. Ostwald ist der Meinung, daß die meisten Entwick- lungsvorgänge nach Art der autokatalytischen Vorgänge der Chemie ablaufen, d. h. sich selbst beschleu- nigende Reaktionen darstellen, welche mit kleinen Geschwindigkeiten anfangen, ihre Geschwindigkeit bis zu einem Maximum vergrößern, um dann allmählich abzuklingen. Da aber die Entwicklungsvorgänge nicht ohne weiteres den chemischen Vorgängen gleichzusetzen sind, so schlägt er vor, allgemein Vorgänge, welche eine Beschleunigung erfahren, als katakinetische, solche aber, die sich in der erwähnten Weise selbst beschleu- nigen, als autokatakinetische Vorgänge zu bezeichnen. [W. Ostwald, Über die zeitlichen Eigenschaften der Ent- wicklungsvorgänge. Vortr. u. Aufs. üb. Entwmech., Hft. 5, Leipzig, 1908.] F. 3* - 36 - Autokataly tische Substanzen. [Hagedoorn 191 1.] Jeder der vererbbaren Faktoren, welche die Ent- wicklung eines Organismus bestimmen, stellt, nach Hage- doorn, einen bestimmten chemischen Stoff dar, welcher das Ferment für seine eigene Entstehung enthält (Auto- katalysator). [A. L. Hagedoorn, Autokataly tical sub- stances the determinants for the inheritable characters. Vortr. u. Aufs, über Entwmech., Hft. 12, 19 11.] F. Autokineon [Roux 1892] Selbstbewegungsgebilde, (avxög selbst, ■alveco bewege) ist niedere lebenstätige (aber noch nicht im vollen Sinne »niederste lebende«) Substanz, welche außer den Leistungen der niedersten : des Isoplasson [s. d.] also Selbstveränderung, Selbst- assimilation, ev. der Selbstaufnahme und Selbstaus- scheidung, noch die Vermögen der Aufspeicherung potentieller Energie und ihrer »Auslösung« zu Reflex- bewegung [s. d.] sowie das Vermögen der Ortsver- änderung durch Selbstbewegung hat, ohne aber schon der Selbstteilung fähig zu sein. Alle diese Lei- stungen müssen schon mit »Selbstregulation« [s. d.] ver- knüpft sein. Dazu gehört noch die Erwerbung des sparsameren Geschehens der »Reizung« [s. d.] sowie ev. lebhaftere Bewegung bei Nahrungsmangel, s. Hunger. S. a. Selbstbewegung. Biogenetisch ist das Autokineon als notwendiges Pro- bion [s. d.] aufzufassen; vielleicht kommt es auch als diskretes Partialbion in den Lebewesen vor. Die nächst höhere Stufe ist das Automerizon [s. d.]. S. Biogenese Roux', Partialbionten, Probionten. [Roux, Ges. Abhdl. II, S. 1042. Vortr. I, S. 114.] R. Autolyse nennt M. Jacoby die Selbstzersetzung aus dem lebenden Körper entfernter zerriebener und vor Bakterienwirkung etc. geschützter Organe. R. Automatie s. Selbstbewegung, Autokineon. Automerizon, Selbstteiler {avrög selbst, (.ibqLQuv teilen) [Roux 1892] ist ein diskreter Bestandteil der Zellen, welcher außer den fünf Leistungen des Autoki- neon [s. d.] noch das Vermögen zu derartig geordneter - 37 — Selbstbewegung hat, die Selbstteilung mit »qualitativer Halbierung« [s. d.] bewirkt, z. B. die Chromosomen des Zellkerns, Chlorophyllkörper, Stärkebildner, manche Zellgranula. Biogenetisch ist es die niederste Substanz, die man schon als wirkliche Lebenssubstanz, als L e b e - w e s e n bezeichnen kann, NB. sofern sie bereits auch das Vermögen der die Selbsterhaltung steigernden Selbstregulation in der Ausübung aller einzel- nen Leistungen, also außer denen des Autokineons auch der Selbstteilung hat. Von der Fähigkeit der Selbst- regulation abgesehen, welche allen Gebilden der anderen Autoren fehlt, sind mit den Automerizonten synonym: die Piasomen Wiesners, Biophoren Weismanns, Pangene de Vries', BioblastenO. Hertwigs, physiologi- schen Einheiten Spencers, Protomeren M. Heiden- hains. [Roux, Ges. AbhdI. II, S. 84. Vortr. I, S. 115.] Die nächst höhere Stufe ist das Idioplasson [s. d.]. Durch die qualitative Halbierung bei der Selbstteilung in Kombination mit der Selbstassimilation, speziell der vorherigen Verdoppelung aller ein- zelnen Teile, wird die Vererbung: die Übertragung der Eigenschaften auf neue Einzellebewesen bewirkt. Erst mit dieser Selbstteilung entstand das diskrete lebende Einzel- wesen, die niederste Persona, das sog. Individuum. S. Biogenese Roux', Partialbionten, Probionten. R. Automorphose {avxög selbst, fiOQffiq Gestalt) nennt Pfeffer alle nur von inneren Faktoren abhängigen Ent- wicklungs- und Gestaltungsprozesse. »In einer jeden formativen Leistung tritt uns das Residtat der Eigen - tätigkeit des Organismus, also eine Automorphose, ent- gegen, und dieses ist auch dann der Fall, wenn durch die äußeren Bedingungen die formative Wachstums- tätigkeit im zeitlichen Verlaufe modifiziert oder in andere Bahnen gelenkt wird« [Pfeffer]. Da »alles physio- logische Geschehen von inneren und äußeren Faktoren abhängig ist, so kann man jede besondere Form als das Produkt aus dem Zusammenwirken von Automorphose und Heteromorphose bezeichnen« [Pfeffer]. Vgl. Hetero- - 38 - morphose, Aitiomorphose, Induction. [Vgl. auch die causalanalytische Definition der Bezeichnungen Roux' : Selbstgestaltung, Selbstdifferenzierung, Typisch, Normal, überhaupt dessen »analytische« Definition von »Selbst«-, Auto-, und; Autoergie. R.] K. Autonastie {avxög selbst) liegt vor, wenn ein Pflan- zenorgan bei unveränderten Außenbedingungen Krüm- mungsbewegungen ausführt. Vgl. Nastie. K. Autonome Bewegungen {avr6vo}.iog selbständig) heißen diejenigen Bewegungen der Pflanzen, welche durch innere Faktoren veranlaßt werden. Vgl. para- tonische Bewegungen (Taxis und Tropismus). S. Selbst- bewegung. K. Autonomie {avTÖg selbst, v6i.iog Gesetz) des Lebens oder Vitalismus, das (angeblich) eigenen Gesetzen Unterworfensein des Lebensgeschehens. [Driesch, Phil. d. Org. I, 144.] Autonyktinastisch (autonyktitropisch) {avrog selbst, vv^ Nacht, TQETtio wende) heißen diejenigen Pflanzen, deren nyktinastische Bewegungen [s. Nyktinastie] in aufrechter und inverser Stellung und am Klinostaten in gleicher Weise eintreten. Vgl. geonyktinastisch. K. Autonyktitropisch s. autonyktinastisch. Autoorthotrop {avTog selbst, öqSvg aufrecht) [Cza- pek] nennt man diejenigen Pflanzenorgane, welche ihr Autotropismus [s. d.] zu geradlinigem Wachstum ver- anlaßt. Vgl. autoskoliotrop. K. Autophelie [Roux] als besondere Eigenschaft der Lebewesen s. Selbstnützlichkeit. S. a. Autoergie. Autoplastische Transplantation s. Transplantation. Autorealisation [Roux] s. Selbstau§führung. Autoregulatio s. Selbstregulation, Regulation. Autoskoliotrop {avrög selbst, a-AolLÖq krumm) nennt man diejenigen Pflanzenorgane, welche ihr Autotropis- mus [s. d.] zu krummlinigem Wachstum veranlaßt. Vgl. autoorthotrop. K. - 39 - Autosoterie [Giglio-Tos 1910] {aiotrjQLa Erhaltung). Die Eigenschaft der Arten, sich — im Gegensatze zu den Rassen oder Varietäten — nicht zu kreuzen, oder, wenn sie sich kreuzen können, unfruchtbare oder un- beständige Produkte zu hefern. [E. Giglio-Tos, II vero nodo della questione nel problema dell'origine delle specie. Arch. f. Entwmech., 30, 1910.] F. Autotaxis nennt Roux zusammenfassend alle von ihm u. A. beobachteten Arten von Selbstordnung (s. Selbst-) der Zellen oder ev. sonstiger Teile der Lebewesen, einerlei, ob die Teile isoliert frei liegen oder mit anderen flächenhaft vereinigt sind. Sie geschieht durch gegen- seitige Einwirkung der betreffenden Gebilde aufeinander. Zum Beweis solcher Selbsttätigkeit von Gebilden ist ein um sie zunächst vollkommen gleich beschaffenes Medium erforderlich, wie es bei den Beobachtungen der Cytotaxis Roux' hergestellt war. [S. Cytotaxis, Neuro- tropismus, Philia.] R. Autotomie, Selbstzerstückelung, -Verstümmelung. Fähigkeit mancher Tiere, durch einen Reflexakt ge- wisse Körperteile an bestimmten Stellen — »präfor- mierte Bruchstellen« — abzutrennen (Eidechsenschwanz, Krebsschere, Antennen). Die Autotomie kann erfolgen: Als Befreiungsakt bei feindlichen Angriffen; zur Befrei- ung aus der Häutung, wenn diese nicht glatt durchführ- bar ist: >>e X u V i a I e Autotomie«; als Mittel zur Besei- tigung von Mißbildungen: »regulatorische Autotomie« [Przibram], Je nachdem, ob die Autotomie nach peri- pherer Reizung oder nach Reizung eines entsprechenden zentralen Ganghons erfolgt, kann man auch von einer »peripherischen« und »centralen« Autotomie sprechen. — Als Abart der Autotomie kann die Autophagie, Selbst- fressung, aufgefaßt werden. S. a. Architomie. (Gryllo- talpa z. B. beißt den eigenen Hinterleib ab und verzehrt ihn.) [E. Riggenbach, Die Selbstverstümmelung der Tiere. Ergebn. d. Anat. u. Entwgesch., 12, 1903.] F. Autotropismus [Pfeffer] {avTÖg selbst, tgeTtco wende) ist derjenige Tropismus, welcher bei Ausschaltung rieh- - 40 - tender äußerer Kräfte eine Pflanze oder ihre Teile in eine ihnen eigentümliche Gleichgewichtslage (»Eigen- richtung«) bringt. Vgl. autoorthotrope und autoskolio- trope Organe. K. Auxanogramm {av^ccvoi-iai wachse, yQärpio stelle bildlich dar). Wenn bei gleichmäßiger Verteilung eines Mikroor- ganismus in einer Kulturschale an den verschiedenen Stellen der letzteren den Lebewesen ungleich günstige Bedingungen geboten werden, so wird aus der Üppigkeit ihres Wachstums, der Reichlichkeit ihrer Vermehrung usw. ein Schluß auf die Verteilung der auf das Wachstum einwirkenden Faktoren, namentlich auf die Verteilung chemischer Agentien, gezogen werden können. A. nennt Beyerinck die durch lokale Förderung (positives A.) oder durch lokale Hemmung des Wachstums (negatives A.) eines kultivierten Mikroorganismus hervorgerufenen Fi- guren. Vgl. auch Atmungsfiguren, Schattenfiguren. K. Auxesis, Auxese [Weisse] ist die durch äußere oder innere Ursachen bedingte einseitige Förderung in der Bildung von Seitenorganen. Vgl. Heterauxese, Ekt- auxese und Endauxese. Ferner unterscheidet man je nach der Art des auslösenden Agens zwischen Photo-, Geo-, Hydroauxese [s. d.]. Verwandte Begriffe : Nastie, Trophie [s. d.]. K. Avunculäre Bastarde. [De Vries 1903-] Stellt man sich vor, daß aus einer Stammform M durch Mutation in zwei verschiedenen Richtungen neue Formen entstanden seien, eine Reihe a, b, c, d und eine Reihe a', b', c', d', von denen jede Form sich von der vor- hergehenden durch den Besitz einer neuen Eigenschaft unterscheiden soll, so sind zweierlei Bastardierungen möglich: Man kann entweder Formen derselben Reihe miteinander verbinden, z. B. a mit c oder d, oder Formen verschiedener Reihen a mit c' oder mit d'. Im ersten Fall entstehen avunculäre, im anderen c o 1 - laterale Bastarde. [H. de Vries, Mutationstheorie, Bd II, S. 469 (1903).] C. — 41 — Axe (von a^cov, o, die Achse, die Umdrehungslinie), die Linie »um welche« gleichsam die Umdrehung eines Körpers erfolgt, welche also dabei ihren Ort im Räume nicht verändert, sondern welche nur gedreht wird. In der Technik ist Achse das körperliche, sich nicht drehende Gebilde, um welches ein auf ihm umgleitender Körper gedreht wird. Welle dagegen ist das sich drehende Gebilde, daß seine Umdrehung auf an ihm befestigte Körper überträgt. Ach:^e eines Rotationskörpers z.B.Cy- linders, Kegels, ist die Linie, um welche die »Erzeugungs- linie« gedreht gedacht werden kann. Achse wird in der Biologie aber auch im Sinne von Mittellinie [s. d.] z. B. des Blutgefäßes, einer gedrückten Säule, eines gebogenen Stabes [s. neutrale Achse] eines länglichen Körpers gebraucht. An letz- terem unterscheidet man dann drei Achsen : die Längs- achse, die große Querachse : Breitenachse, die klei- nere: Dickenachse, die alle drei rechtwinklig zuein- ander stehen. Auch die Hauptrichtungender Verschiedenheit eines Gebildes, z. B. der Epithel- zelle werden als Achsen und zwar als Polaritätsachsen bezeichnet [s. d.]. Vgl. Länge, Breite, Dicke. R. Ballfurchung s. Ballkeime. Ballkeime [Boveri-Hogue 1909]. Centrifugierte Ascaris-Eier ordnen die in ihrem Proto- plasma eingelagerten Dotterkörner und Granula so an, daß die ersteren sich an der nach der Rotationsachse gerichteten Seite des Eies anhäufen, während sich die Granula an der entgegengesetzten Seite ansammeln. Nach starker Centrifugalwirkung kann sich während der ersten Teilung an der Granulaseite ein Plasmaball ab- schnüren, der dicht mit diesen Granulis gefüllt ist: Solche Eier sind »Ballkeime«. Diese Keime zeigen eine besondere Furchungsart : »Ballfurchung«. Diese kann auch bei Eiern ohne Ball eintreten — wahrscheinlich bei jenen, welche beim Centrifugieren den vegetativen Pol nach außen gekehrt hatten. Andererseits kann diese Furchung auch bei Eiern eintreten, welche statt eines — 42 — Ballkeime (Fortsetzung). Granulaballes einen Dotterball gebildet hatten. [Th. Boveri, M. J. Hogue, Über die Möglichkeit Ascaris-Eier zur Teilung in zwei gleichwertige Blastomeren zu veran- lassen. Sitzgbr. d. phys.-med. Ges. Würzburg, 1909. Th. Boveri, Über Teilung centrifugierter Eier von Ascaris megalocephala. Arch. f. Entwicklmechan., 30, 1910.] F. Barotaxys {ßaQog Schwere, rd^ig Einstellung). Als solche faßt Verworn Thigmotaxis, Rheotaxis und Geo- taxis zusammen, da diese sich auf die Wirkung einseitigen Druckes nach der Auffassung des Autors zurückführen lassen. K. Barymorphosen {ßaqvg schwer, f.wQ(prj Gestalt) sind nach Sachs die durch den Einfluß der Erdschwere »auf Neubildung und embryonale Gestaltung von Pflanzen- organen« hervorgerufenen Gestaltungsprozesse. (Aitio- morphosen, s. d.). K. Basalfläche s. Polarität. Bastard. Ursprünglich die Nachkommen aus einer uneben- bürtigen oder wilden Ehe, dann die zweier verschiedener Tier- oder Pflanzenarten, später noch weiter ausgedehnt. Am einfachsten zu definieren alsProduktderVer- einigung zweier Keimzellen, die nicht die gleichen erblichen Anlagen be- sitzen. [Correns, Vererbungsgesetze 1905, S. 9]. — In neuester Zeit von H. Winkler definiert als Orga- nismen, deren Eltern verschiedenen systematischen Einheiten angehören, wobei unter E 1 1 e r ein Individuum verstanden ist, das zur Konstitution eines andern Individuum einen i n t e g r i e r e n d e n B e - standteil geliefert hat. [H. Winkler, Unter- suchungen über Pfropfbastarde, I. Teil, S. i — 11 (19 12)]. Danach sind auch durch Pfropfen entstandene Chimären [s. d.] Bastarde, und umgekehrt sind die »Hetero- zygoten« [s. d.], die in der zweiten Generation eines spaltenden Bastardes bei Selbstbefruchtung auftreten. — 43 — keine Bastarde, weil sie zwar aus der Vereinigung un- gleicher Keimzellen hervorgehen, aber nur ein Elter haben. [S. a. Avunculäre, Doppelreciproke, Echte, Einseitige, Erbgleiche, Erbungleiche, Ganokline, Inter- mediäre, Reciproke Mischbastarde, Mendelnde.] C. Batesons Regel [1894]. Bei den nach Bruch quer zur Längsachse entstandenen Dreifachbildungen liegen alle drei Gebilde in einer Ebene; je zwei einander nahe stehende weisen spiegel- bildliche Symmetrie, das mittlere, von einer proximal gerichteten Bruchfläche ausgehende, die zu den übrigen entgegengesetzte Symmetrie auf. [Przibram]. [Vgl. W. Roux, Regel der doppelten Symmetrie der Organ- anlagen. W. Bateson, Materials for the study of Varia- tion. London, Macmillan, 1894.] F. Beanspruchung, mechanische, ist die Verwendung des Widerstandes, den ein Gebilde seiner mechanischen Umgestaltung, Deformation (z. B. durch Druck, Zug usw.) entgegensetzt, so die Verwendung der Knochen und Knorpel zum Stützen, des Bindegewebes zur Verhin- derung der Entfernung von Teilen. In der Sprache der Technik sind Beanspruchungen die Spannungen nach Herkunft, Richtung und Größe. »Beanspruchung« (NB. des Deformationswiderstandes) heißt dementsprechend die Funktion der passiv fun- gierenden Organe (Knochen, Knorpel, Bänder, Fett- polster der Fußsohle usw.) zur Unterscheidung von der Leistung oder Funktion der aktiv fungierenden Organe (Drüsen, Muskeln, Ganglienzellen). Die einfachen Beanspruchungen, zugleich die Grundarten der mechanischen Beanspruchung sind Zug-,Druck- und Schub- resp. Scherbeanspruchung [s. d.]. Aus diesen zusammengesetzt ist die Biegungs- beanspruchung. Die Torsionsbeanspru- chung ist »primär« wesentlich bestimmte Kombination von Schubbeanspruchungen. Roux, Ges. Abhdl., I, 678, Die Beanspruchung ist zu scheiden in primäre, welche direkt durch die Einwirkung entsteht, und die sekundäre, - 44 — Beanspruchung, mechanische (Fortsetzung), stets schwächere, welche als Folge der primären Ein- wirkung unter innerer Umordnung und Vv^irklicher oder nur angestrebter äußerer Deformation entsteht. So entsteht selbst bei reinem Druck auf ein Gebilde außer der primären Druckbeanspruchung in der Richtung des Druckes auch noch Zugbeanspruchung, am stärksten in den zu ersterer rechtwinkeligen Richtungen und Schub- spannung in Richtung von etwa 45 Grad zur Druck- richtung (s. Druck, Zug). Es ist natürlich ohne »prin- zipielle« Bedeutung, ob die Beanspruchung, z. B. der Knochen durch die Schwerkraft oder durch Muskelkraft (Tonus oder Contraction) oder durch ev. sonstige Weichteile und andere äußere Einwirkung wie Stoß geschieht. [Ges. Abhdl., I, 710, 720, 736.] Aber in be- zug auf die spezielle Art der Verteilung, auf die Rich- tung und Dauer der Wirkungen und daher auch auf die »gestaltende« Reaction der lebenden Knochen sind diese Verschiedenheiten von großer Bedeutung, dies z. B. auch dadurch, daß die Schwerkraft viel dauernder als die Muskelcontraction wirkt und daher die Gestaltung der Knochen mehr beeinflußt als diese; dazu kommt noch die Wirkung des dauernd vorhandenen, aber schwachen Tonus der Muskeln. [S. a. Druck.] R. Beanspruchung, zusammengesetzte, ist gleich- zeitige Beanspruchung eines Körpers durch zwei oder mehr der unterschiedenen Grundarten der primären Be- anspruchung der Festigkeit: der Druck-, Zug-, Schub- resp. Scherfestigkeit. Sie entsteht z. B., wenn eine Druck- oder Zugkraft nicht in der Achse einer Säule, sei es neben dieser parallel oder s c h i e f zu ihr angreift. Hierbei entsteht Druck resp. Zug kombiniert mit Biegung z. B. bei den meisten Knochen. Oder wenn die Säule außer gedrückt auch noch verdreht wird, wie es gleich- falls mit unseren Röhrenknochen oft geschieht (s. Tor- sionsstruktur) ; oder wenn außer Druck auch noch be- sondere Abscherung stattfindet, wie besonders in den Gelenkknorpeln bei der Bewegung der Gelenke [s. d.]. R. - 45 - Beanspruchungsgröße, funktionelleAnpas- sung bewirkende. Zum Unterschiede von der »Funktionsgröße« [s. d.] der aktiv fungierenden Organe heißt »Beanspruchungs- größe «die Größe des hervorgerufenen Deformationswider- standes eines passiv fungierenden Organs: Knochens, Knorpels, bindegewebigen Organs (Band, Fascie, Sehne, Cutis, Fettpolster z. B, des Fußes, Gesäßes). Für die Beurteilung der funktionellen Anpassung ist diese Größe nach Roux (recent) einzuteilen in: 1. die relative Beanspruchungsgröße, kürzer die rela- tive Beanspruchung = r. Sie besteht in Kgm. Druck, Zug, Scherung pro nmm des Widerstand leistenden Querschnittes. Die gestaltliche funktionelle Anpassung findet nicht an die »einzelne relative Beanspruchung« in erkenn- barer Weise statt. Sie erfolgt und steigert sich mit der Steigerung der mittleren oder der Gesamtgröße dieser Beanspruchung, welche innerhalb einer gewissen Zeitein- heit erfolgt, nicht aber mit der ständig zunehmenden Ge- samtdauer der Beanspruchung im Leben des Individuums (wie einige Autoren irrtümlich vertreten). Letzteren Falles gäbe es kein Gleichgewicht zwischen Funk- tionsgröße und Organgröße, sondern die Organe müßten ständig mit der Zunahme der Gesamtzeit der Bean- spruchung an Dicke, Gewicht usw. zunehmen. Als empirische Anpassungszeiteinheit ist (bes. für Kno- chen) der Monat zu 30 Tagen zu verwenden. Jeder neue Monat veranlaßt also ev. eine neue Anpassung, deren Größe nicht von der zunehmenden Dauer der stattge- habten Beanspruchung, sondern bloß von der ev. Zunahme der Gesamtbeanspruchung in der neuen Anpassungszeit- einheit gegenüberj der entsprechenden Größe der vor- herigen Anpassungsperiode abhängt. Aus diesen Grün- den sind noch folgende Größen zu unterscheiden: 2. die Dauer jeder einzelnen Beanspruchung = t (tempus). - 46 - Beanspruchungsgröße (Fortsetzung). 3. das Produkt von i und 2 = rt. Z. B. Kilogramm- stunden. Da sich aus dem Produkt von relativer Bean- spruchungsgröße und ihrer Dauer die funktionelle An- passung vorzugsweise ableitet, so muß für diese Größe eine besondere Bezeichnung eingeführt werden. Sie sei „zeitliche" relative Beanspruchung, kurz »zeitliche« Be- anspruchung genannt, z. Z. ; hier also zunächst die „zeit- liche" (relative) Einzelbeanspruchung z = rt. 4. Die Häufigkeit oder Zahl der Beanspruchungen in der Anpcissungszeiteinheit (von 30 Tagen) =n (numerus). 5. die Gesamtdauer der Beanspruchungen in der Anpassungszeiteinheit T = ^t. 6. die Gesamtgröße, also die Summe aller einzelnen »zeitlichen« relativen Beanspruchungen in dieser Zeitein- heit; sie soU die zeitliche (relative) Gesamtbeanspruchung, kurz Gesamtbeanspruchung heißen Z = ^rt. Das ist die Hauptgröße; an deren Änderung findet, Überan- strengung (s. d.) vermieden, die Anpassung statt. Doch findet außer an die Änderung dieser Größe in den aufeinanderfolgenden Anpassungsperioden auch noch Anpassung an speziellere Verhältnisse statt, da Varia- tionen von r und t nicht in gleicher Weise gestaltend wirken; z. B. wirkt »stetiger« Druck quantitativ und structurell anders als Stöße (Roux) [s. Stat. Element]. Ferner auch Anpassung an im Mittel der Einzel- beanspruchungen stärkere relative Beanspruchung in der Anpassungszeiteinheit, wobei die Gesamtbean- spruchung nicht notwendig vergrößert zu werden braucht, wenn dafür die Einzelbeanspruchungen bei gleicher Dauer seltener oder aber von kürzerer Dauer, z. B. Stöße sind. Daher sind noch folgende Mittelwerte (m) zu berücksichtigen : 7. die mittlere Größe aller einzelnen rela- tiven Beanspruchungen in der Anpassungszeiteinheit, kürzer die mittlere relative Beanspruchung m = — . - 47 — 8. die mittlere Größe aller einzelnen zeitlichen rela- tiven Beanspruchungsgrößen in der Anpassungszeitein- heit; sie heiße mittlere zeitliche relative Beanspruchung 2z :^rt m, = — = • ^ n n q. die mittere Dauer aller Einzelbeanspruchungen in . . , . 2t T der Anpassungszeitemheit m t,= — = — Der Mittelwert Nr. 8 variiert außer mit r und t noch mit n, somit anders als die zeitliche Gesamtbeanspruchung Nr. 6. Daher kann seine Änderung auch einen gestalten- den Unterschied ergeben, wenn die Gesamtbeanspruchun- gen gleich sind. Die angenommene Anpassungszeiteinheit von 30 Tagen ist eine für die »empirische« Forschung nötige, rein empi- rische Zeiteinheit, eine solche, in welcher eben eine »gestaltliche« funktionelle Anpassung konstatier- bar wird. Die Zunahme der Gesamtbeanspruchung (resp. der mittleren zeitlichen Beanspruchung) in auf- einander folgenden solchen Zeiteinheiten heiße das (empi- rische) funktionelle Increment; ihm entspricht also die empirische Anpassungs-Einheitsgröße. Dies Increment veranlaßt progressive Anpassung : Aktivitätshypertrophie. Die Abnahme dieser Bean- spruchungsgröße heiße funktionelles Decrement; es ver- anlaßt die regressive Anpassung, die Inaktivitäts- atrophie. Genauer ist also je ein Increment und Decrement der Gesamtbeanspruchung sowie der mittleren »zeit- lichen« Beanspruchung und auch schon der mittleren relativen Beanspruchung wegen verschiedener gestalten- der Wirkung zu unterscheiden. Theoretisch ist natürUch auf eine kleinste An- passungszeiteinheit, also auf das die ge- ringste gestaltliche Anpassung veranlassende, minimale funktionelle Increment und Decrement zurückzugehen. S. Funktionsgröße, Reizäquivalent, Coefficient, Bildungs- coefficient, Erhaltungscoefficient. R. - 48 - Bedingung, Vorbedingung, ein in sehr verschiede- nem Sinne verwendeter populärer Ausdruck, der daher nicht als analytischer wissenschaftlicher Terminus brauchbar ist. Man bezeichnet damit alles das, was zu einem Ge-. schehen am Orte desselben vorhanden sein muß, ohne daß aber das Geschehen schon eintritt; Ursache nennt dann das Volk bloß den letzten Faktor, mit dessen Hinzutreten das Geschehen beginnt. Bei diesem Gebrauch macht das Wort eine ganz neben- sächliche Scheidung der an dem Geschehen beteiligten Faktoren und sieht ab von der für die Biologie wichtigsten Scheidung der Faktoren in »determinierende« und bloß »realisierende« (s. Faktoren). Ebenso unzweckmäßig ist es, nur die sogen, activen Faktoren als Ursachen, die sogen, passiven Faktoren als Bedingungen zu bezeichnen, oder wie von Verworn vor- geschlagen wurde, die Bezeichnung Causalität durch Conditionalität [s. d.]zu ersetzen. Auch die notwen- dige Abwesenheit oder Entfernung dessen, was zu einem bestimmten Geschehen nicht da sein darf, was störend oder alterierend wirken würde, wird als Bedingung bezeichnet. S. Ursache, Faktoren. R. Befruchtende Wirkung nennt W. Roux 1885 jede Wirkung des Samenkörpers auf das Ei, welche eine Bildung des Embryo usw. oder die Vorstufe einer solchen (determinierend oder auch bloß realisierend) ver- anlaßt. [Roux, Ges. Abh., II, 294.] R. Befruchtung ist die Anregung eines Eies zur Ent- wicklung verbunden mit der Übertragung väterlicher Eigenschaften auf das Ei. [Vgl. künstliche Partheno- genesis.] R. Befruchtung, partielle [Boveri, 1888.] Boveri [und Teichmann, Jen. Zeitschr. f. Naturw., 1902] beobachtete, daß bei Seeigeleiern, welche mit in Kalilauge gewesenem Sperma befruchtet worden waren, die Geschlechtskerne bei den ersten Furchungen von- einander getrennt blieben, indem der Samenkern zu- - 49 - nächst passiv blieb und bei der ersten Teilung des Eies in eine der beiden Tochterzellen überging, wo er im ein- fachsten Falle mit dem Furchungskerne verschmolz. So erhielt bei der weiteren Entwicklung die eine Seite des Keimes nur mütterliche, die andere mütterliche und väterliche Kemsubstanz. Später [Zellstudien, V, Jena 1905] bezeichnete Boveri diese »partielle Befruchtung« als »partielle Thelykaryose« [s. Thelykaryon]. — Herbst [Arch. f. Entwmech., Bd. 24, 1907] findet, daß zur Erzielung dieser Art von Thelykaryose die Vorbehand- lung des Samens mit Kalilauge zum mindesten von untergeordneter Bedeutung ist, da das Versetzen der Eier in Überreife für sich allein genügt, um partiell- thelykaryotische Larven zu erhalten. [Th. Boveri, Über partielle Befruchtung. Sitzgber. Ges. f. Morph, u. Phys., München 1888.] S. Partialbefruchtung Roux'. F. Befruchtungsbedürftigkeit (O. Hertwig 1893), Chreo- zygie (Waldeyer 1906) (xQSog Bedürfnis, ^vycog Ehe- joch.) Disposition der Geschlechtszellen für den Befruchtungs- akt. Hertwig unterscheidet: i. Absolut befruchtungs- bedürftige Gameten — sie gehen gleich nach Eintritt dieses Zustandes zugrunde, wenn keine Befruchtung stattfindet. 2. Relativ befruchtungsbedürftige Gameten — sie sind nur vorübergehend oder fakultativ befruch- tungsbedürftig. [O. Hertwig, Die Zelle und die Gewebe. I u. II, Jena, Fischer, 1893 — 9^- W. Waldeyer, Die Geschlechtszellen. Handb. d. vergleich. Entwicklehre., hrsg. v. O. Hertwig, I, Jena, 1906.] F. Befruchtungsebene s. Befruchtungsmeridian. Befruchtungshof [Ries 1908.] Nach Ries ist das reife Seeigelei von einer im Wasser aufquellenden, durchsichtigen, homogenen Masse — dem Befruchtungshof — umgeben; sie löst sich im Wasser allmählich auf, und die aus ihr ins Wasser gelangen- den Stoffe sollen anziehend auf die Samenzellen wirken. [J. Ries, Beiträge zur Histologie und Physiologie der Befruchtung und Furchung. Bern, 1908]. F. Roux Terminologie der Entwicklungsmechanilc a - 50 - Befruchtungsmeridian oder Befruchtungsebene nennt Roux diejenige Ebene, welche durch die beim Froschei an der braunen Eirinde behebig wählbare Sameneintritts- stelle des Samenkörpers und die Eiachse bestimmt ist. In ihr verläuft typischerweise die ganze Bahn des Samenkörpers, also die Penetrations- und Kopulations- bahn [s. d.], sie wird typischerweise zur ersten Furche und zur Medianebene des Froscheies. Roux, 1885 — 1887: Arch. f. mikrosk. Anatomie 1887 Bd. 29. Ges. Abhdl. II. S. 301, 344 und Anat. Anz. 1903. Befruchtungsstrahlung [1898]. So nennt H. E. Ziegler die nach Eintreten der Samen- zelle im Ei sich um den Samenkern ausbildende Strah- lung [s. a. Teilungsstrahlung]. [Ziegler, Experimentelle Studien über die Zellteilung. I. Arch. f. Entwmech.,6, 1898]. F. Beginnfaktor s. Zeitfaktoren, Reiz, Auslösung. Begünstigung, locale s. Concurrenz. Berührungsfläche vonFurchungszellen hat an sich keinen richtenden Einfluß auf die Einstel- lung der Kernspindeln in diesen Zellen. Nur wenn da- durch die »Gestalt« der Zelle erheblich geändert wird, wird die Richtung der Zellteilung mit beeinflußt. S. a. Deformation, Teilungsrichtung, Röhrenpressung, Platten- pressung. [Roux, Ges. Abhdl. II, S. 928.] Beschaffenheit, Qualität eines Lebewesens s. Art. Beschleunigung der Entwicklung durch Steigerung der Wärme. Sie führt bei Hühnereiern zur Zwergbildung. [L. Gerlach.] [Roux Ges. Abh., II, S. 108, 158]. Beschleunigungsreize s. Reize, Pfeffers Unterschei- dung. K. Beschreibende Forschung s. Description. Beständigkeit des Wirkens s. Naturgesetz. Bestimmung s. Determination. Bestimmungsursachen eines Lebewesens s. Deter- minationskomplex. Betriebsfunktionen eines Lebewesens. Sie stellen den Betrieb der Lebensmaschine im — 51 - Ganzen und ihre Leistungen als Ganzes dar. Solche Leistungen dienen erstens der Selbsterhaltung des »ganzen« Lebewesens. Diese werden durch die Erhaltungsfunktionen der »Teile« für das Ganze, also durch die »Betriebsfunktionen der Teile« (Gegensatz: die Selbsterhaltungsfunktionen der Teile) dargestellt und heißen insoweit spezifische Funk- tionen der Teile oder kurz Zell-, Gewebs-, Organfunk- tionen, z. B. Secretion der Drüse, Contraction des Muskels, Stützfunktion des Knochens, Bindefunktion des Binde- gewebes. Die Teile leisten dabei, gleich den Maschinen, etwas Besonderes, was ihnen selber nicht direkt nützt, nur auf Umwegen ihnen auch zugute kommt, a) durch die Erhaltung des Ganzen und b) durch die trophische Nebenwirkung dieser Funktion [Roux]. Die höchsten Lebewesen vollziehen außer diesen »Selbsterhaltungsfunktionen des ganzen Lebewesens« noch Leistungen, welche nicht nur der eigenen Er- haltung dienen ; das sind die Betriebsleistungen des Ganzen, wie die Berufsleistungen , die Aus- übung der Wissenschaft, Kunst usw. Diese kann man noch zu den egoistischen, dem tätigen Indivi- duum selber nützenden, nämlich sein Leben verschönern- den, es (auch durch Erwerb) bereichernden Leistungen rechnen. Dazu kommen noch die altruistischen, anderen Lebewesen nützenden Leistungen, wie Brutpflege, Förderung des Gemeinwohls der Artgenossen, also der Gemeinde, des Staates, der Menschheit. Diese altruistischen Leistungen finden zunächst im Gehirn statt, haben dort aber nicht zur Differenzierung besonderer sichtbarer Organe geführt. Sie werden auch durch die »Betriebsfunktionen der Organe« vollzogen, sind also bloß Anwendung der Organe zu altruistischen Diensten. Die Betriebsleistungen werden ihrer Art nach eingeteilt in: a) a c t i V e oder dynamishc, eder Muskeln, Drüsen, Ganglienzellen, b) passive, statische, an sich ohne Stoff- 4* - 52 - und Energieaufwand stattfindende: Widerstand gegen Deformation, so der Stütz- und Bindeorgane (Knorpel, Knochen, Bänder usw.). [S. Roux in Oppel-Roux, Blut- gefäße, S. 73.] S. a. Erhaltungsfunktionen. R. Betriebsseele s. Seele. Betriebsstoffwechsel s. Stoffwechsel. Bewähren, sich, heißt in den vorhandenen, eventuell wechselnden Verhältnissen sich dauerfähig erweisen. (NB. ohne darum auch schon dazu direkt nützlich sein zu müssen). Es können auch geringe Fehlersich bewähren. Für eine neue Eigenschaft eines Lebewesens ist dazu nötig, daß schon die betreffende »implicite« Eigenschaft des generativen Keimplasmas sich in zwei Instanzen dauerfähig erweise [Roux] ; daß sie : im Kampf der Teile des Keimplasmas, ferner bei und nach der Kopulation der beiden sexuellen Keimplasmen sich erhalte. Ferner muß drittens das entwickelte Produkt wachsend usw. im Kampf der Teile des Soma, sowie viertens im Kampf der Individuen untereinander und fünftens in den äußeren Umständen sich dauerfähig erweisen. S. a. Kampf der Teile, Keimplasmavariation, Concurrenz, Vererbung. R, Bewegungscytotropismus s. Cytotropismus. Unter» schied : Wachstumscy totropismus. Bewußtsein ist die Summe der allgemeinsten von einem Individuum gebildeten Abstractionen, seiner Er- lebnisse als der seinigen. Es entsteht also durch Ab- straction [s. d.]. [Roux, Ges. Abb., I, S. 413]. R. Beziehungscausalität s. Causalität. Biaiometamorphosen {ßiawg erzwungen) nennt Lotsy alle Gestaltungsvorgänge, mit welchen ein Orga- nismus auf ungewohnte Reize reagiert; die Reactionen auf gewohnte Reize sind Biaiomorphosen. K. Biaiomorphosen (Lotsy) s. Biaiometamorphosen. Biegung ist Einwirkung auf einen Körper, welche ihn krümmt oder zu krümmen strebt. Mit demselben Wort bezeichnet man auch dieses Krümmungsgeschehen. - 53 - ReineBiegung findet z. B. statt, wenn eine, am einen Ende befestigte Säule durch eine an der »neu- tralen Achse« [s. d.] rechtwinkelig zu ihr angreifende Druck- oder Zugkraft beansprucht wird. Solche Kräfte heißen Biegungskräfte. Greift die Kraft schief zur neutralen Achse an, dann entsteht außer der Biegungsbeanspruchung noch beson- dere Druck- oder Zugbeanspruchung in dem Gebilde, greift sie außerhalb der neutralen Achse an, so entsteht noch Torsion, also in beiden Fällen eine zusammen- gesetzte Beanspruchung [s. d.]. Die konkav werdende Seite eines gebogenen läng- lichen Gebildes wird auf Druck beansprucht und heißt Druckseite. Die entgegengesetzte (konvexe) Seite wird auf Zug beansprucht und heißt Z u g s e i t e. Diese Bezeichnungen gelten auch, wenn keine sichtbare Biegung erfolgt. R. Biegungsbeanspruchung ist die Erweckung des Biegungswiderstandes, also die Erzeugung des eigen- tümlichen Systems der Biegungsspannüngen in einem Gebilde. R. Biegungsconstruction. Sie kann eine statische oder dynamische [Roux] sein. E r s t e r e ist eine Kon- struktion eines in bestimmter, sei es konstanter oder in bestimmt wechselnder Weise auf Biegung [s. d.] be- anspruchten, ihr widerstehenden Gebildes, welche dieser Beanspruchung ganz oder annähernd, NB. mit Einrech- nung der nötigen Sicherheit, mit dem Minimum des ver- wendeten Materials Widerstand leisten kann, welche also mit dem aufgewendeten Materiale das Maximum an Biegungswiderstand leistet. S. Maximum- Minimumprin- zip. [Roux, Ges. Abh., I, S. 508, 510 u. f.]. Das Biegungswiderstand leistende Material muß dabei nur in den Richtungen stärksten Druckes und Zuges, also in den Trajectorien [s. d.] angebracht sein; wenn das Material anomogen ist, muß es derartig ver- wendet sein, daß seine Richtung stärkster Zug- resp. Druck- Widerstandsfähigkeit allenthalben mit der Rieh- - 54 - Biegungsconstruction (Fortsetzung), tung stärkster solcher Inanspruchnahme zusammenfällt, wie das z. B. in der Rückenflosse des Delphin der Fall ist. [Roux, Ges. Abb., I, S. 510, 527 u. f.]. Ein solches leistender Körper aus starrer Substanz kann nicht massiv sein; denn die Biegungsbeanspruchung ist an der Ober- fläche zumal in der Mitte der Länge am stärksten; ein massiver, auf Biegung beanspruchter Körper würde also im Inneren viel überflüssiges, wenig oder gar nicht be- anspruchtes Material enthalten. Das Material einer vollkommenen Biegungskonstruktion, also einer bestimmten Biegungsbeanspruchung vollkommen ange- paßten Konstruktion, ist allenthalben gleichstark bean- sprucht. Diese Konstruktion stellt daher zugleich einen Körper allenthalben gleicher Festigkeit [s. d.] NB. gegen die bestimmte Beanspruchung dar, hat also keinen >>gefährlichen Querschnitt« [s. d.]. Das Wider- stand leistende Material muß in den sog. t r a j e c - toriellen Richtungen, also in den Richtungen reinen (nämlich wenn das Material gegen Schub wenig widerstandsfähig ist) Druckes und Zuges liegen, an der Oberfläche der Beanspruchungsgröße entsprechend dichter angehäuft sein, und die Oberfläche muß die Richtungen der äußersten Trajectorien haben. Solche Konstruktion entsteht zum Teil vererbt [s. Periode I, Ges. Abh., I, S. 508]. Sie ist sehr verschieden, je nachdem die Biegung bloß in einer Ebene oder abwechselnd nach verschiedenen Seiten erfolgt. I. Die BiegungskonstruktionderKno- c h e n für Biegungsbeanspruchung bloß in einer Ebene besteht zunächst in einer ober- flächlichen kompakten Lage auf jeder der beiden entgegengesetzten Seiten, nach denen gebogen wird, weil da der Druck und Zug am stärksten wirkt. Diese beiden kompakten Lagen sind an einer je nach den speziellen Verhältnissen der Gestalt und der Gebrauchs- weise des Gebildes durch die angehefteten Muskeln an - 55 - einer der Mitte der Länge nahen oder ferneren Stelle am dicksten und lösen sich von da nach beiden Enden hin in bogenförmige Substantia spongiosa auf ; die dabei gebildeten Bälkchen- oder Plättchen- oder Röhrchenzüge kreuzen sich mit den entsprechenden Teilen der Auf- lösung der Compacta der gegenüberliegenden Fläche rechtwinkelig. [Figur s. Roux, Ges. Abh., I, S. 684, 727]. Erfolgt dagegen die Biegungsbeanspruch- ung (wirkliche, sichtbare Biegung ist, wie auch im vorigen Falle, nicht nötig) abwechselnd nach mehreren oder allen Seitenrichtungen des Skeletteiles, so ist die R ö h r e n f o r m die geeignete Konstruktion. Aber an den Enden des Röhrenknochens muß sich gleich- falls die Compacta sukzessive in Bälkchen, Röhrchen oder Blättchen auflösen und muß zuletzt unter der Gelenk- oberfläche Substantia spongiosa p i 1 o s a bilden ; alles dies entsprechend den speziellen Beanspruchungen, für welche jeder dieser »statischen Elementarteile« [s. d.] widerstandsfähig ist. Die Entstehung der Röhrenform läßt sich durch funktionelle Anpassung ableiten. Da ab- wechselnd nach allen Seitenrichtungen des langen Ge- bildes gebogen wird, wird nach jeder Richtung hin auch oberflächliche Compacta gebildet. Diese also ringsum vorhandene Compacta leistet dann nebenbei und zwar sogar im Überschuß den Widerstand, der bei Biegungs- konstruktion für Biegung in bloß einer Ebene durch die inneren Bälkchen des Mittelstückes geleistet wird. Dieses Innere ist dadurch ganz entlastet, schwindet, und es entsteht so ein Hohlraum und damit ein R ö h r e n - k n o c h e n , sofern eben der Skeletteil genügend lang ist, um bei der Art seines Gebrauches auch genügend mit auf Biegung beansprucht zu werden (s. lange Knochen). Diese Röhrenform der langen Knochen stellt also eine funktionelle Gestaltung dar. Sie entsteht aber in ihrer ersten typischen Anlage im Embryo, als periosteale Knochenschale der Diaphyse bei mehreren Skeletteilen zu einer Zeit, von der es noch nicht bekannt ist, ob schon funktionelle Beanspruchung stattfindet und gestaltend - 56 - Biegungsconstruction (Fortsetzung), wirken kann, ob diese Gestaltung also in Periode I oder II zu rechnen ist. 2. Als dynamische Biegungskonstruktion bezeichnet Roux eine die Biegungsdeformation durch Muskeln bewirkende und zwar die Biegung mit dem Minimum an Deformationswiderstand leistende Kon- struktion, wie sie nach ihm in der zur Locomotion durch Biegungsdeformation wechselnd mit Wiederstreckung dienenden Schwanzflosse des Delphin existiert. Diese Konstruktion ist andererseits zugleich fähig, in jeder Phase der aktiven Wiederstreckung nach statt- gehabter Biegung großen Widerstand zu leisten (wobei die Bewegung durch den Rückstoß von dem Widerstände des umgebenden flüssigen Mediums auf den ganzen Körper übertragen wird und so zu seiner Locomotion dient. Das vollkommenste bekannte Beispiel dieser Art der Konstruktion bietet die Schwanzflosse des Delphin dar. [Roux, Ges. Abb., I S. 458]. R. Biegungsdruck ist der Druck, der bei reiner Biegung vorkommt. Er hat ganz bestimmte Lokalisation und Dichte der Verteilung. Vgl. Biegungszug und Bean- spruchung, zusammengesetzte. Strebfestigkeit. R. Biegungsfalten sind Falten, welche bei genügend starker wirklicher, nicht bloß intendierter Biegungs-De- formation eines Körpers an seiner Oberfläche entstehen. Sie sind a) D r u c k f a 1 1 e n [s. d.] auf der konkav werdenden Seite, auf der Druckseite, und stehen bei homogenem Material und der Biegungsbeanspruchung bereits angepaßter Gestalt des Körpers »rechtwinkelig« zu den Richtungen stärksten Druckes, haben also die Richtung der »Biegungsniveauhnien« [s. d.]; sie sind b) Zugfalten, auf der konvex werdenden Seite, auf der Zugseite ; sie haben bei homogenem Material und der Biegungsbeanspruchung bereits angepaßter, also funktioneller Gestalt, die Richtung stärksten Zuges, somit die Richtung der Biegungshnien [s. d.]. [Roux, Ges. Abh., I, S. 528]. R, - 57 - Biegungsfläche ev. Biegungsebene [Roux] ist die Fläche, in welcher je eine Biegungslinie [s. d.] bei einer Biegung bewegt wird, also die Fläche, in der die stärkste Biegung erfolgt, oder bei bloßer Biegungsbeanspruchung ohne sichtbare Biegung, in welcher sie fortzubewegen gestrebt wird. [Roux, Ges. Abh., I, S. 511]. R. Biegungslinien (xar e^oyrjv) sind die Richtungen stärksterBiegungsbeanspruchung, also stärksten, bei einer wirklichen oder erstrebten Biegung stattfindenden Zuges und Druckes. [Ges. Abh., I, S. 5 1 1, [Biegung der Schwanzflosse des Delphin.] In der Technik bezeichnet man mit Biegungslinie die Linie, in welche die neutrale Achse bei der Biegung übergeht, was im Prinzip mit unserer Verwendung zusammenfällt. R. Biegungs- Niveaulinien [Roux] sind die allenthalben rechtwinkehg zu den Biegungslinien [s. d.] gerichteten Linien eines gebogenen zwei dimensionalen Gebildes. Die BiegungsniveauHnien sind qualitativ (nicht quan- titativ) äquipotentiell, insofern in ihnen keine pri- märe Druck- und Zugspannung, sondern nur die sekundäre Druck- und Zugspannung und zwar diese in maximaler Größe stattfindet. Sie stellen Linien dar, über welche gleichsam die Biegung erfolgt, die aber selber eingebogen« bleiben, aber entsprechend der wirklichen Biegung des vorhergehenden Teiles mit fortbewegt werden . Bei dreidimensionalen Gebilden, z. B. der Schwanzflosse des Delphin, treten an ihre Stelle die (von Roux daselbst als besondere strukturelle Gebilde nachgewiesenen) Biegungs-Niveauflächen. In ihnen nimmt natürHch die Be- anspruchung von der neutralen Fläche gegen die Ober- fläche hin zu. [Roux, Ges. Abh., I, 522]. R. Biegungsrichtung ist die Richtung, in der ein Punkt eines gebogenen Gebildes durch die Biegung fortbewegt wird oder fortbewegt werden würde, wenn der Biegung nicht Widerstand geleistet würde. Biegungsspannung ist der Widerstand, den ein Gegenstand seiner Biegung entgegensetzt, einerlei, ob die Biegung unsichtbar bleibt oder sichtbar wird. R. - 58 - Biegungszug ist Zug, der bei reiner Biegung entsteht. Er hat bestimmte Lokalisation und Dichte der Verteilung in dem auf Biegung beanspruchten Gebilde (im mittleren Teile) von der »neutralen Schicht« bis zur konvex wer- denden Oberfläche (s. Biegungsconstruction). Da die Biegungsbeanspruchung aber an allen Knochen oft in ihrer Richtung wechselt, meistens sich sogar umkehrt, so werden die Stellen des Zuges (selbst im Hals des Oberschenkels) abwechselnd auch auf Druck in Anspruch genommen, was für die Theorie der Knochenbildung sehr wichtig ist [s. d.]. [Ges. Abb., L, 682, 745, 760]. R. Bifactorielle Neoepigenese s. Neoepigenese, Bildungscoefficienten sind die Coefficienten [s. d.], welche an der Bildung eines Organes oder eines Gewebes (bei letzterem an einem bestimmten Orte des Körpers) außer den sogenannten variablen Faktoren, z, B. dem funktionellen Reiz, mitwirken und die Größe und Art der Bildungsreaction mitbestimmen. S. Coefficienten, Erhaltungs-, Schrumpfungs-, Knochenbildungs-, Muskel- bildungs-Coefficient. [Roux, Ges. Abb., I, 555.] R. Bildungsfaktoren, Gestaltungsfaktoren, sind alle an der Bildung eines ganzen Lebewesens oder eines Teiles, z. B. Organes, Gewebes, einer Zelle usw. irgendwie be- teiligten Faktoren; Unterschied bloße Erhaltungsfak- toren, sowie Rückbildungsfaktoren. Sie sind variable oder sogen, constante (s. Coefficienten), innere und äußere d. h. innerhalb oder außerhalb des durch sie geformten Gebildes gelegene, ferner vererbte oder in der Person oder dem Teile neu aufgetretene also zunächst nur personelle, ferner allgemeine, für alle gleichartigen Teile im Körper in gleicher Weise wirksame, z. B. für alles (oder vieles) Bindegewebe oder Knochengewebe der Person geltende, oder lokale, an bestimmten Stellen des Körpers für dasselbe Ge- webe verschieden wirksame. Letzteres ist z. B. bei der im Verhältnis zu der geringen funktionellen Bean- spruchung starken Knochenbildung des Schädeldaches - 59 - und noch mehr der Pyramide des Felsenbeines der Fall : lokale Bildungscoefficienten [s. d.]. Die Bildungsfaktoren sind in den vier causalen Gestaltungsperioden jeden Gewebes oder Organes (s. Perioden) qualitativ resp. quantitativ verschieden. Die typischen Bildungsfaktoren sind im speziellen zu sondern: i. in primäre oder direkt vererbte. So nennt Roux [1881] die bereits im Keimplasma enthaltenen typischen Mannigfaltigkeiten des Keimplasmas, welche also den Anteil der Neoevolution an der Onto- genese darstellen. Es brauchen ihrer nach ihm nur »relativ wenige« [1881] zu sein. Sie »determinieren« die künftige Entwicklung. Gegensatz sind : 2. die erst durch das »Wirken« dieser Faktoren hervorgebrachten, also auf dem Wege der Neoepigenesis aus ihnen ent- stehenden, in der produzierten Mannigfaltigkeit ent- haltenen Faktoren, die R. als indirekt vererbte oder se- cundäre Bildungsfaktoren bezeichnet. Diese sind nach ihm an Zahl vielmal größer als die ersteren, sie werden durch die Neoepigenese ständig vermehrt. Die reine Neoevolution dagegen hat sehr viele primäre Bil- dungsfaktoren nötig; sie würde keine sekundären Bil- dungsfaktoren produzieren, wenn oder wo die Neoevo- lution ohne gleichzeitige Neoepigenese vorkäme, was aber wohl kaum je der Fall ist. S. auch Faktoren, De- terminations-, Realisationsfaktoren, Differenzierungsfak- toren. [Roux, Ges. Abh., I. S. 200 u. 207]. Ders., Ver^rbungsblastogen. u. somatogen. Eigensch. R. Bildungsreiz ist der zum Wachstum eines Gewebes nötige Reiz, soweit die Anregung nicht bloß als Auslösung durch einen Auslösungsfaktor [s. d.] erfolgt. Für die causale Periode I der Ontogenese (s. Perioden) sind solche Reize noch wenig bekannt; für Periode III und IV ist überwiegend oder zeitweilig allein der funk- tionelle Reiz des Gewebes zugleich der Bildungsreiz, oder eine mit der Ausübung der Funktion irgendwie untrennbar verknüpfte oder von ihr direkt ausgehende Wirkung hat denselben Effekt. [S. Roux, Kampf der - 6o — Teile, S. 90, 104, Ges. Abb., I, S. 252, 269, 562, II, 222.] S. Bildungsreiz-Aequivalent. Bildungs-Reizaequivalent, funktionelles [Roux] ist das nach Ablauf der selbständigen vererbten Wachstums- größe der Teile, also erst in Perioden III resp. IV Roux' der Ontogenese zur Bildung der Einheitsmenge oder dem Einheitsquerschnitt (s. Beanspruchungsgröße, Funk- tionsgröße) eines bestimmten Gewebes, z. B. eines Kubikmillimeters oder Grammes Muskelgewebe, Binde- gewebe, Knochengewebe in der Anpassungszeiteinheit [s. d.] nötige Gesamt- Quantum an funktionellem Reiz. Dieses Reizquantum ist zeitlich in bestimmter Weise zu verteilen, darf nicht zu rasch, nicht zu langsam über- tragen werden, auch nicht zu intensiv sein und ist in den Perioden III — IV verschieden. Das für die Masse n- einheit des Gewebes nötige Bildungs-Reizäquiva- lent steigt mit dem zunehmenden Alter, das Gewebe - äquivalent für die Einheit des Reizes in der An- passungszeiteinheit wird also kleiner. [Roux, Ges. Abb., I, 553—555. 636, II, 222, 1043.] Bildungs-Reizaequivalent, gewebliches, s. Reiz- aequivalent. R« Bindegewebe verbindet die Organe mechanisch mit- einander und sondert sie zugleich histologisch vonein- ander. Die Bindegewebsfaser hat eine funktionelle Metastruktur; die Zugwiderstand leistenden Mo- lekel sind in der Längsrichtung viel fester miteinander verbunden als in der Querrichtung [Roux]. [Ges. Abb., I, 187.] Durch in der Anpassungszeiteinheit [s. d.] verstärkten Zug wird der Querschnitt des Bandes oder der Sehne größer; bei dauernder Entspannung wird die Sehne kürzer und ev. dünner. [Roux, Ges. Abh., I, 555, 559.] S. a. Bildungsreiz, Erhaltungsreiz, Bildungscoefficient, Schrumpfungscoefficient. R- Bindegewebsfunktion, spezifische, ist die Widerstands- leistung des Bindegewebes gegen Zug in der Faserrich- - 6i — tung, eventuell auch gegen Druck in dazu rechtwinkeliger Richtung. [Ges. Abb., I, 547, 550.] R. Bioblasten, O. Hertwigs. Biogenese Roux' und Auto- merizon. Biochemische Differenz s. letztere. R. Biogen, Verworns. Biogenese Roux' und Isoplasson. Biogenesis, Theorie der. [O. Hartwig, 1898]. Nach O. Hertwig ist die Zelle als Trägerin des Idio- plasma die »physiologische Einheit« Spencers; sie bringt durch ihre Vergesellschaftung die verschiedenen Arten der Pflanzen und Tiere hervor. Da alle vielzelhgen Organismen während ihrer Entwicklung einmal auch den einzelhgen Zustand durchlaufen, so sind in diesem alle konstanten oder wesenthchen Merkmale, durch welche sich Art von Art unterscheidet, in ihrer einfach- sten Form enthalten. Es gibt daher überhaupt so viele voneinander grundverschiedene Arten von Eizellen, als es verschiedene Arten von Pflanzen und Tieren gibt. Die aus der Eizelle entstehenden artgleichen Zellen treten nun, indem sie sich zu einem organischen System höherer Ordnung verbinden, während des Entwicklungs- prozesses in unzähhge verschiedenartige Beziehungen ein ; zahllose äußere Faktoren wirken auf sie differenzierend ein, noch mehr aber tun dies die unendhch kompH- zierten Wirkungen, welche die immer zahlreicher wer- denden elementaren Lebenseinheiten aufeinander aus- üben. Durch ihre verschiedene räumliche Verteilung erhalten die Zellen ein ihre Wirkungsweise beeinflussen- des Raumzeichen, sie werden also räumlich determiniert; dadurch, daß sie der Zeit nach unter verschiedene räum- liche Bedingungen geraten, also eine verschiedene Ge- schichte erhalten, werden sie gleichfalls, und zwar so- wohl durch die momentanen, als auch durch die zeitlich vorausgegangenen Beziehungen determiniert. So wer- den die Anlagen, welche die Erbmasse einer Artzelle ausmachen, und in ihr schon — für uns unsichtbar — enthalten sind, allmähhch offenbar, und zwar derart, daß die Zellen die jeder Entwicklungsstufe entsprechende — 62 — Biogenesis, Theorie Hertwigs (Fortsetzung). Anordnung annehmen und daß sie auf jeder Stufe eine immer bestimmter werdende Funktion und eine ihr entsprechende, immer ausgeprägter werdende Struktur gewinnen. Innerhalb der Generationsreihe der Personen oder zwischen den einzelnen Ontogenien wird die Kontinuität der Entwicklung dadurch gewahrt, daß aus dem Ver- bände der Artzellen einzelne sich ablösen und wieder den Ausgangspunkt für neue Entwicklungsprozesse ab- geben. Vgl. Entwicklung, Neoepigenesis, Neoevolution, Vererbungsstructur , Determinationscomplex. [O. Hert- wig, Zelle und Gewebe, Jena 1898.]. F. Biogenesis, Theorie W. Roux'. E. Haeckel vertritt die Lehre von der Entstehung des Lebens durch Urzeugung unter Bildung geeigneter Kohlenstoffverbindungen. Roux wies in seiner Theorie der sukzessiven Züchtung undHäufungder Elementar- funktionen des Lebens [1881, 1892] darauf hin, daß bei dieser Urzeugung aus anorganischem Stoff einige typische, schon selbsterhaltungs- fähige Vor- oder Zwischenstufen, die P r o b i o n t e n [s. d.] : Isoplasson, Autokineon, Auto- merizon [s. d.] in dieser Reihenfolge entstehen mußten, ehe die Stufe der »niedersten Lebewesen« erreicht wer- den konnte. Das erste Glied mußte das Isoplasson sein (fast gleich dem später aufgestellten B i o g e n Ver- worns), das nur die Leistungen der Selbstveränderung und Selbstassimilation ev. auch der Selbstausscheidung und Selbstaufnahme hatte [s. d.], zuerst vielleicht noch ohne, dann mit Selbstregulation der Größe dieser Lei- stungen. Dem so beschaffenen niedersten selbsterhaltungs- fähigen Gebilde fügte sich durch Variationen die Reflex- bewegung hinzu, dann auch mit Selbstregulation, welche die Bewegung anregt, wenn Nahrungsmangel [s. Hunger] vorhanden ist; zunächst mit Auslösungs-, dann mit Reizungsfähigkeit [s, d.]. Dann mußte mehr und - 63 - mehr Selbstbewegungsvermögen dazu kommen, welches von innen aus die Bewegung dem inneren Bedarf der Dauerfähigkeit entsprechend reguliert. So entstand das Autokineon. Diese Stufe wird sonst von niemand anderem unterschieden. Sie ist nötig gewesen. Es ist aber die Frage, ob sie jetzt noch in den Lebewesen durch diskrete Gebilde vertreten ist. Es ist also hier Förderung der Selbstregulation der einen Funktion durch die andere, durch die Reflex- oder Selbstbewegung, also nicht bloß Selbstregulation jeder einzelnen Funktion in ihrer Größe für sich. Alle Funk- tionen wirken zusammen zur Regulation für die Selbsterhaltung des Gebildes, das noch kein »Ganzes«, kein »Individuum« ist, sondern noch beliebig in Stücke teilbar ist, ohne seine auf den vorhandenen Elementarleistungen und der Selbstregulationsfähigkeit in deren Ausübung beruhende Selbsterhaltungsfähig- keit einzubüßen. Es ist noch kein Lebewesen, sondern nur erst teilweise »lebenstätige« Substanz. Die nächste Stufe ist durch Hinzukommen des Selbstteilungsver- mögens mit qualitativer Halbierung als Automerizon [s. d.] gegeben (gleich P 1 a s o m e n Wiesner, B i o - p h o r e n Weismann , Bioblasten O. Hertwig, Pangene de Vries , physiologische Ein- heiten H. Spencer) ; diese Leistung mußte auch wieder mit derartiger Selbstregulation verknüpft er- worben werden, daß dadurch die Dauerfähigkeit der be- treffenden Lebenssubstanz vergrößert wird, daß also die Teilung unter qualitativerHalbierung[s. d.] geschieht, und andererseits daß bei geringen, natürlich nicht erst bei zu großem Nahrungsmangel auch Tei- lung stattfindet, so daß die Möghchkeit entsteht, daß Teilgebilde an einen nahrungsreicheren Ort gelangen können. Das Automerizon, der Selbstteiler in unserem Sinne der qualitativen Halbierung, ist schon ein wirk- liches niederstes Lebewesen. Es ist auch bei der Tei- lung in sich centriert, stellt ein Ganzes dar. - 64 - Biogenesis, Theorie Roux' (Fortsetzung). Vielerlei Arten des Geschehens waren also zu erwerben und aufzuspeichern, ehe ein »einfachstes Lebewesen« ent- standen war. Alle Stufen haben Selbstvermehrung der eigenen Substanz durch Selbstassimilation also mit Selbsterhaltung sowie mit Selbstübertragung der neuen typischen Qualitäten auf neues Material, also Wachstum; danach kam der Erwerb der Selbstteilung und damit Bil- dung und Vermehrung typisch beschaffener Einzelwesen. Die bisherigen sogen, künstlichen Lebewesen sind bei ge- nauer Vergleichung mit den Leistungen des Automerizon und bei genauer Berücksichtigung der Bedeutung der »Selbsttätigkeit«: der Selbstdetermination, Selbstregula- tion noch sehr weit von wirklich niedersten Lebewesen entfernt. [Roux, Kampf der Teile. S. 230, Ges. Abh. 1 409, II 85, Über die angebl. künstl. Erzeugung von Lebewesen, Die Umschau 1906, Nr. 8. Vortrag, I, 1905, S. 109.] In der durch Isoplasson, Autokineon, Automerizon dargestellten Reihe der Eigenschaften kann das Leben durch sukzessiveZüchtung undHäufung der niedersten El e me n t a r f u n k t i o n e n (Roux) entstanden sein, denn jede dieser Stufen ist für sich selbsterhaltungsfähig, und diese Fähigkeit wird durch jede neue Leistung dieser Reihe erhöht. [Vgl. Probionten. Partialbionten, weiterhin als höhere Stufen Idioplasson, Psychoplasson.] R. Biogenetisches Grundgesetz (Fritz Müller, E. Hae- ckel), ontogenetische Recapitulationsregel (Roux). Es bezeichnet die Tatsache der überwiegend häufigen Wiederholung der Gestaltungen der Vorfahren im Laufe der Ontogenese eines Nachkommens und zwar die Wieder- holung in derselben Reihenfolge, in welcher sie bei den Vorfahren des betreffenden Lebewesens aufgetreten sind. Diese Wiederholung ist jedoch kein »Gesetz« im Sinne von Roux* strenger Definition dieses Wortes, denn sie bezeichnet kein »ausnahmloses Wirken« »bestimmter Faktoren«; sondern sie ist nurein regelmäßiges Vorkommen und zwar nur infolge der N o t w e n - - 65 - digkeit des sich Bewährens der neuen Va- riationen. Nach Roux (1886) ist das dadurch bedingt, daß in der großen Mehrzahl der Fälle nur solche (NB. im übrigen für die Existenz günstigen) neuen Variationen erhalten bleiben und weiter gezüchtet werden konnten, welche die bisher gezüchtete und »bewährte« Organisation nur wenig tiefgreifend abänderten, weil tiefgreifende Ab- änderungen des Bewährten nur in sehr seltenen Fällen zufällig einmal in sich selbst und in den äußeren Ver- hältnissen dauerfähig sein würden. Variationen aber, deren Determination frühzeitig in der Ontogenese aktiviert wer de n, müssen die vielen späteren Bildungen alterieren, also tiefgreifende Alteration der Organisation bewirken, NB. dies um so mehr, je größer der Anteil der Neoepigenesis [s, d.] ist. Zumeist werden daher nur solche neuen Variationen erhalten bleiben und aufgespeichert werden, welche erst am Ende der be- treffenden Ontogenese aus dem Stadium der Determi- nation in das der Explication übergeführt werden. Wenn das (von den sehr wenigen, neue Stämme und Klassen bildenden Ausnahmen abgesehen) im Laufe der ganzen Entwicklung der Lebewesen geschah, so m u ß t e n so- wohl die Gestaltungen der Phylogenese wie auch die Reihenfolge derselben größtenteils in der Ontogenese wiederholt werden. Das sog. biogenetische Grundgesetz bezeichnet also nur die Folge einer Regel des Sichbewährenmüssens. Diese Deutung schmälert aber nicht die reelle Gültigkeit dieser bekanntlich viele »känogenetische« Ausnahmen habenden Recapitulationsregel. [Ronx, Ges. Abh., I, S. 445, II, S. 62 bis72, Arch. f. Entwmech., Bd. 26, S. 498]. S.Gesetz. R. Biomechanik [Belage] umfaßt die Lehre von dem ganzen der Causalität unterstehenden Le- bensgeschehen, also die Lehre nicht bloß von dem ge- staltenden Geschehen, die Entwicklungsmechanik, sondern auch die Physiologie, die Lehre von den direkten Erhaltungsvorgängen des bereits Gebildeten, sei es voll Roux, Terminologie der Entwicklungsmechanik. 5 — 66 — entwickelten oder noch in der Entwicklung begriffenen Lebewesens. Das Wort ist daher nicht als synonym mit Entwicklungsmechanik verwendbar. R. Bionten, niederste, niederste Lebewesen s. Probion- ten, Partialbionten, Automerizon, Idioplasson, Psycho- plasson, Biogenese Roux', Biophoren. Biontotechnik [Tornier 1901]. Lehre von der Art, wie sich die Organismen nach physikalisch-technischen Gesetzen aufbauen, und von den Fähigkeiten, die sie im Anschluß daran entwickeln. [G. Tornier, Überzählige Bildungen und die Bedeutung der Pathologie für die Biontotechnik. Verhdig. V. Inter- nat. Zool.-Kongr. Berlin 1901]. F. Biophoren, Lebensträger [Weismann 1892]. Das Protoplasma besteht, nach Weismann, aus Mole- külgruppen, deren jede sich aus verschiedenartigen Mole- külen zusammensetzt. Diese kleinsten Einheiten, an welchen die Grundleistungen des Lebens (Stoffwechsel, Wachstum u. a. m.) zutage treten, sind die Lebens- träger oder Biophoren. Sie entsprechen den »phy- siologischen Einheiten« H. Spencers (1876), den >>Pangenen<< de Vries' (1889) und den von Wiesner nach Brückes Vorgang angenommenen »Piasomen << (1892) (Abkürzung für Plasmosomen). Heidenhain nennt sie P r o t o m e r e n. W. Roux unterscheidet je nach dem Vorhandensein der Grundfunktionen der Assimila- tion, Selbstbewegung, Selbstteilung und Selbstgestaltung : Isoplassonten, Autokineonten, Automerizonten und Idio- plassonten (s. d. und Biogenese Roux'.) [A. Weismann, Das Keimplasma. Jena 1892. W. Roux, Ges. Abh., II 85, Vor- trag, I, 1905, S. 100. M. Heidenhain, Plasma und Zelle. Jena 1907.] F. Biotypus [Johannsen 1909], soviel als »g e n o t y p i - scher Gesamttypus«, das heißt die Gesamtheit der Phaenotypen, die zu einem bestimmten Genotypus gehören. In einer reinen Linie von Bohnen sind die ver- schieden großen Bohnen verschiedene Phaenotypen eines Genotypus ; alle zusammen bilden den B i o t y p u s - 67 - der betreffenden Linie. S. Typisch. [W. Johannsen, Elem. d. exakt. Erblichkeitslehre, S. 306 (1909)]. C. Biplasmatische Parallelinduction [Roux] s. letztere. Bisexuelle Kreuzungen [De Vries] liegen vor, wenn beide Eltern eines Bastardes je eine Anlage für dieselbe Eigenschaft übertragen, das eine Elter im aktiven, das andere im entfaltungsunfähigen Zustand. Sie sollen »spalten« und zwischen Varietäten entstehen. (Vgl. Unisexuelle Kreuzungen.) [H. De Vries, Muta- tionstheorie, II, S. 649 (1904)]. C. Blastem ist ein zu einer neuen Bildung fähiger lebender Teil; diese Bildung geschieht entweder durch Selbstdifferenzierung des Teiles (s. d.) oder unter diffe- renzierender äußerer Einwirkung, aber unter der eigenen aktiven, die Art des Geschehens zum Teil bestimmenden Mitwirkung des Blastems (s. abhängige oder correlative Differenzierung). S. Meristem. R. Blastogene Insertion nennt Roux das dritte zur even- tuellen Vererbung somatogener Variationen nötige Ge- schehen: die »Keimbildende Einfügung« der »über- tragenen« und »implicierten« Variation an die geeignete Stelle des Keims. [S. a. Translatio hereditaria und Impli- catio.] [Roux, Über die bei der Vererbung blastogener und somatogener Eigenschaften anzunehmenden Vorgänge. Gedenkschr. f. Mendel. Naturf. Ges. Brunn 191 1]. Blastogene Variation s. Variation und Vererbung. Blastogenesis [Weismann]. Weismann meint, daß man mit diesem Namen seine Theorie als »Entstehung des Einzelwesens von der Keim- substanz aus« der Theorie der Pangenesis, der »Entstehung von allen Teilen des Einzelwesens aus«, gegenüberstellen könnte. [A. Weismann, Das Keim- plasma. Jena 1892.] F. Blastoide Metamorphose s. Implication. Blastomanie {ßlaoTÜvco sprosse, ,«ar/a Wut) abnorm reichhche Laubsproßbildung an Pflanzen. K. Elastomere, Furchungszelle ist ein durch Selbst- teilung der Eizelle oder durch weitere Selbstteilungen ge- 5* — 68 - Elastomere, Furchungszelle (Fortsetzung), bildeter, mindestens anfangs abgerundeter und daher eine Zeitlang durch eine sichtbare »Furche« von den Nachbarn getrennter Keimteil vom Range einer Zelle, Als y2 Elastomere wird eine der beiden ersten Furchungs- zellen, als Yg Elastomere eine der 8 ersten Furchungs- zellen bezeichnet. Ihr »typisches« entwicklungsmecha- nisches Vermögen [Roux] ist bei verschiedenen Tieren verschieden; es ist oft das der »Selbstdifferenzie- rung« zu dem der Lage im ganzen Keim entsprechenden »Stück« des Embryo, s. Mosaikarbeit. Auch nach Isolation können sie bei Erhaltung ihrer »Teilgestalt«, z. E. Halbeigestalt, zunächst auch noch Teilstücke des Embryo, z. E. Hemiembryonen produzieren. Wenn sie sich aber ganz runden, bilden die ersten Elastomeren »ganze« Embryonen, sind »totipotent«. Die älteren Furchungszellen sind »spezifiziert«, können »direkt« bloß noch Teilstücke produzieren; doch auf dem Wege der Postgeneration können auch sie oft noch das Ganze her- stellen; sie sind also im »atypischen« Vermögen toti- potent und insofern einander gleich. S. Potenz. [Roux, Vortrag I, 281.] , R. Blastomerenteilung s. Teilungsrichtung. Blastophthorie (Keimverderbnis von ßlaorög Keim» cpd-OQcc Verderben) nennt Forel (1903) die schädhche Ver- änderung des Keimplasmas durch schädliche im Soma vorhandene Stoffe. R. Blastotomie nennt Eataillon (1901) die Isolierung der ersten Elastomeren bei Eiern, die (von C. Herbst u. a.) abnormen Einflüssen ausgesetzt wurden, mit nach- folgender selbständiger Entwicklung dieser Elastomeren: Entstehung von »Polyembryonie« (Bataillon). [E. Bataillon, La pression osmotique et les grands problemes de la Biologie. Arch. f. Entwmech., 11, 1901.] F. Blendling, ein Bastard zwischen zwei Eltern, die nahe verwandten Formenkreisen angehören (ver- - 69 - schiedenen Rassen, Varietäten, Unterarten derselben Species). C. Blutgefäßachse ist die Mittellinie, also die Verbindungs- linie der Mittelpunkte aller Querschnitte des Gefäßes. R. Blutgefäßregulation ist die Regulation der Länge und der dem Verbrauch der Organe entsprechenden Weite sowie der geeigneten Wandungsdicke der Blut- gefäße. Die Regulation der Weite ist zuerst eine rein funktionelle, durch Nervenwirkung vermittelte, ihr folgt dann bei genügender Dauer ev. auch gestaltliche An- passung. Dazu kommt noch die nötige Ausbildung des Capillarnetzes, s. Capillaren- Anpassung. Beide werden vom verbrauchenden Parenchym aus vermittelt. [Roux, Kampf der Teile 1 88 1. Ges. Abhdl. I. S. 815. — Roux in Oppel-Roux S. 89 — 109.] R. Blutspannung ist der ruhende Blutdruck, der längs und quer dehnend auf die Gefäßwand wirkt, im Unter- schied zum Flüssigkeitsstoß der bewegten Flüssigkeit [Roux, Ges. Abh., I, 96 — ^100.] R. Brechungsfurche [Rauber] ist die durch Verschie- bung der vier ersten Furchungszellen entstehende Zer- knickung der ersten oder zweiten Furchungsebene des Eies. Ihre Richtung ist nach Roux nicht wie üblich nach dem Mittelstück, sondern nach der Verbindungs- linie der beiden Endpunkte zu bestimmen. [Ges. Abb., II, S. 1044.] R. Breite ist die größte zur Länge rechtwinkehg stehende Dimension eines Gebildes. Für »gestaltliche << wahre, und »bloß funktionelle« Breite s. Größe. Brennpunktlage der Chromatophoren s. Escharo- strophe. K. Bruchdreifachbildungen. Wahrscheinlich nach Brüchen regenerierte Dreifach- bildungen, besonders an den Gliedmaßen der Arthro- poden beobachtet. Hier gilt die von Bateson aufgestellte Regel (s. d.): Alle drei Ghedmaßenäste liegen in einer Ebene, wobei zwei der einander nahestehenden spiegel- bildliche Symmetrie aufweisen. — Ahnliches kommt auch — 70 — bei Amphibien (Extremitäten) und Reptilien (Schwanz) vor. Vgl. W. Roux' Regel der doppelten Symmetrie. [W. Bateson, Proceed. of zool. sog. 1890.] F. Bruchsicherheit s. Sicherheit. Burdonen [H. Winkler 1912.] Pfropfbastarde, die durch Zellverschmelzung (nicht Gewebeverschmelzung: Chimären) entstanden sind. [H. Winkler, Untersuchungen über Pfropf- bastarde. Teil I, S. II.] C. Callus- Gewebe entstehen an Pflanzenorganen (Wur- zeln, Achsen, Blättern) nach Verwundung. Sie unter- scheiden sich durch ihren rein parenchymatischen Ge- webeaufbau, durch den Mangel an Gewebsdifferenzierung und durch ihre lebendigen, saftreichen, un verkorkten Zellen von Wundgeweben anderer Art. Die C. sind zur Bildung neuer Urmeristeme (Wurzeln, Sprosse, vgl. auch Adventivbildungen) befähigt. K. Caloritropismus (calor Wärme TQSTtco wende) [Kler- cker] ist der durch zugeleitete Wärme hervorgerufene Tropismus [s. d.]. Vgl. Thermotropismus. K. Cambium (botan.). Diejenigen Meristemstreifen, deren Teilungstätigkeit das sekundäre Dickenwachstum der Wurzeln und Achsen vermitteln oder Kork entstehen läßt, heißen Cambien. Das Cambium s. str. ist der zwischen Vasal- und Cribralteilen der Leitbündel liegende meristematische Gewebsring (Verdickungsring). S. auch Indifferenzzone. K. Cambium (zool.) s. Proliferationscentrum. Capillaren-Anpassung: a) qualitative, ist die 1895 von Roux erwiesene Beschaffenheit der Blutcapillaren, die darin besteht, daß ihre Wandung diejenigen Stoffe aus dem Blute leichter durchtreten läßt, welche von dem betreffenden Organe in besonderem Maße verbraucht werden; es ist also die Anpassung der Capillarwandung an den spezifischen Verbrauch jedes Organes. Sie ist später auch von Zikel und Hamburger vertreten worden. [Roux, Ges. Abhdl. I, 314.] - 71 - b) quantitative. Sie geschieht nach Roux durch den gesteigerten Verbrauch im Parenchym. Dieser regt infolge der verstärkten Diffusion durch die Wandung der Blutcapillaren in dieser Wandung den vererbten Mechanismus der Sprossung an, die nahen Sprossen nähern und finden sich durch Wachstumscyto- tropismus (s. Cytotropismus) und werden wegsam gemacht. Das Weitere s. unter Blutgefäßregulation. [Roux in Oppel-Roux S. 82.] R. Capillarität (Capillus, Haupthaar), Haarröhrchenwir- kung, ist die Wirkung der Adhäsion und Oberflächen- spannung in so engbegrenztem Räume, daß sich diese Wirkungen von den gegenüberliegenden Wandungen her summieren. Vergl. die irrtümliche Anwendung auf den Cytotropismus [s. d.]. R. Castration parasitaire nennt G i a r d jede durch einen Parasiten hervorgerufene Beeinflussung der Ge- schlechtsorgane. Direkt ist diejenige Castr. par., bei welcher der Parasit die Geschlechtszellen räumlich ersetzt (Brandsporen des Ustilago antherarum in den Antheren von Melandrium), — indirekt, wenn eine solche räumliche Verdrängung nicht erfolgt. Vgl. androgene, thelygene und amphigene Kastration. [Giard, La ca- stration parasitaire. Bull, scient. du Nord de la France. 2. ser. 1887, t. 10.] K. Caudal seine Bestimmung im Ei s. Kopulations- richtung, Dotteranordnung, Penetrationsbahn, Samen- körper. R. Causa efficiens, die wirkende Ursache [s. Causa sum- mandi]. Gegenteil : Causa finaüs, der Zweck als Ursache gedacht. Causa summandi [Roux], Summierungsursache , ist die Ursache der Häufung und auf diese Weise der Steige- rung von erblichen Variationen. Sie geschieht wohl durch »positive Auslese« [s. d.] des sich in den äußeren Verhältnissen als dauerfähig Erweisenden, also sich Be- währenden [s. d.]. Gegensatz : Causa efficiens, die Ursache der Entstehung der Variation; diese ist meist noch un- - 72 - bekannt. S, Züchtung, Kampf der Teile, Auslese. [Roux, Ges. Abhdl. I, 538.] R. Causal unbestimmter Versuch s. Experiment. Causalanalytischer Versuch s. Experiment. Causalität, Ursächlichkeit, bezeichnet die Tatsache, daß jedes Geschehen seine zureichende Ursache hat, daß nichts ohne zureichende Ursache geschieht [s. d.]. Jedes Geschehen ist das notwendige Produkt des Wirkens der vorher am Orte des Geschehens vorhande- nen oder daselbst zur Wirkung gelangenden Faktoren. Die »Verknüpfung von Ursache und Folge« ist also kein mystisches Problem, sondern ist eine durch das Wirken gegebene Selbstverständlichkeit. Dieselben Faktoren geben an allen Orten, zu allen Zeiten dieselben Pro- dukte. S. a. Ursache, Bedingung. Die Causalität wird empirisch eingeteilt in 1. die Wirkungscausalität, das ist die wahre Cau- salität, welche in dem »Wirken«, also in den Wirkungs- weisen und Wirkungsgrößen der Faktoren resp. Kom- ponenten jedes Geschehens besteht, das die »Folge« her- vorbringt. Ihr steht gegenüber: 2. die Beziehungscausalität. So nennt Roux die von vergleichenden Embryologen und Anatomen erstrebte, eingeschränkte ursächliche Ermittelung der bloßen Exi- stenz von gestaltenden Beziehungen zwischen den Ge- staltungsvorgängen verschiedener Organe, die sich durch stets gemeinsames Vorkommen offenbaren, also zwischen der Veränderung verschiedener Körperteile, sei es in der Phylogenese oder in der Ontogenese, sowie auch in den Beziehungen beider Genesen, wie sie das angebliche biogenetische Grundgesetz [s. d.] bezeichnet; also die Ermittelung bloß des Bestehens causaler Beziehungen, ohne daß nach den Faktoren und deren Wirkungsweisen gefragt und geforscht wird. [Arch. Entwmech. 21, S. 363.] R. Cecidien (x/jx/^^ Galle), alle diejenigen durch einen fremden Organismus veranlaßten Bildungsabweichun- gen an Pflanzen, welche Wachstumsreaktionen auf die - 73 - von einem fremden Organismus ausgehenden Reize dar- stellen, und zu welchen die fremden Organismen in irgend- welchen ernährungsphysiologischen Beziehungen stehen. Je nach der tierischen oder pflanzlichen Natur des frem- den Organismus unterscheidet man Zoo- und Phyto- cecidien, ferner Myco-, Phyco-, Helmintho-, Entomo-, Diptero-, Hymenoptero- und andere Cecidien. Vgl. ferner Eucecidien, Procecidien, Metacecidien, Pseudocecidien, Thylacien. K. Cell-Lineage s. Zellenfolge. Centro - epigenetische Hypothese , Hypothese d'une centro - epigenese. [Rignano 1906.] Rignano nimmt an, daß die aufeinander folgenden Ursachen oder Kräfte, welche am Ende jeder Entwick- lungsstufe auftreten und den Übergang zur nächsten Stufe veranlassen, sich sämtlich in einer ganz bestimm- ten Zone des Organismus der >x:entralen, aktiven oder virtuellen Entwicklungszone« äußern; die Substanz, aus der diese Zone besteht, ist die wirkhche Keimsub- stanz, die in den Geschlechtsorganen zum Teil auf- genommen wird. (Durch die Aufnahme dieser Substanz werden die Geschlechtszellen bei ihrer »Reifung« aus somatischer erst in reproductive umgewandelt.) Von dieser centralen dem Centralnervensystem (seiner inner- sten, periependymatischen Zone) entsprechenden Zone geht eine den Organismus durchziehende nervöse Cir- culation aus, so daß z. B. die Ontogenese als die fort- währende funktionelle Anpassung des Embryos an die Einwirkungen der centralen Entwicklungszone erscheint, [E. Rignano, Sur la transmissibilite des caracteres ac- quis. Paris, Alcan, 1906. Autoreferat: Arch. f. Entw.- Mech., 21, 1906.] F. Cephal seine Bestimmung im Ei s. Kopulations- richtung, Dotteranordnung, Penetrationsbahn, Samen- körper. R. Cephalodien (xecfalri Kopf). Wenn in den Thallus der Flechten fremde Algen eindringen, so können sich an der - 74 — Infektionsstelle Wucherungen von atypischem Bau bilden ; sie werden als C. bezeichnet. Vgl. auch Phycocecidien. K. Chemische Determination s. Determinationsfaktoren, Physikalische Determination. R. Chemoauxesis {aü^r]Oig Zuwachs), die durch ein chemisches Agens bedingte einseitige Förderung der Seitenorganbildung. K. Chemodolichosis, die durch ein chemisches Agens hervorgerufene Form der Dolichosis [s. d.]. K. Chemokinesis {Kireto bewege), nach Engelmann die durch Einwirkung eines chemischen Agens angeregte Bewegungstätigkeit eines Organismus. K, Chemomorphosen d^ioQcpr^ Gestalt) [Herbst], die durch ein chemisches Agens hervorgerufenen Gestaltungspro- zesse (Aitiomorphosen, s. d.). K. Chemonastie, die durch chemische Reize ausgelöste Form der Nastie [s. d.]. K. Chemophobotaxis, die durch ein chemisches Agens ausgelöste Phobotaxis [s. d.]. K. Chemotaktikum, ein Stoff, durch welchen chemotak- tische Bewegungen ausgelöst werden [s. Chemotaxis]. K. Chemotaxis [W. Engelmann, W. Pfeffer] der Zellen ist Bewegung derselben gegen die Richtung stärkerer Concentration einer im Medium gelösten chemischen Substanz [s. Taxis, Chemokinesis, Cytotropismus]. R. Chemotropicum heißt jeder Stoff, welcher chemo- tropische Erscheinungen auslösen kann [s. Chemotropis- mus]. K. Chemotropismus, der »von einem Stoffe vermöge seiner chemischen Qualität und der Concentrations- differenz ausgelöste« Tropismus [Pfeffer]. Die Bewe- gungen, welche zu einer bestimmten Einstellung des reagierenden Organs zur Richtung der Diffusion führen, heißen chemotropisch. Positiver Chemotropismus nähert die Organe der Reizquelle, negativer Chemotropismus entfernt sie von dieser. Transversaler (oder plagiotroper) Chemotropismus stellt sie quer dazu ein. Bei Concen- trationsunterschieden in dem die reagierenden Pflanzen- - 75 - teile umgebenden Medium kommt außer der chemischen Qualität des wirkenden Stoffes auch noch die ungleiche osmotische Wirkung, die von seiner Lösung ausgeht, in Betracht [vgl. Osmotropismus, Diffusiotropismus]. Je nach der Qualität des die chemotropische Reaktion aus- lösenden Stoffes unterscheidet man Oxygenotropismus, Aerotropismus, Alcaliotropismus, Oxytropismus, Saccha- rochemotropismus, Proteinochemotropismus [s. d.]. Vgl. ferner Chemotaxis, Chemonastie. K. Chimaeren. [H. Winkler 1907.] Organismen, deren Gewebe aus Zellen bestehen, die zwei verschiedenen Sippen (z. B. zwei verschiedenen Arten) angehören. Bei Pflanzen ist dann auch, wenigstens eine Zeitlang, der Vegetationspunkt aus Zeilen dieser zwei Sippen zusammengesetzt. Die ersten, von H. Winkler durch Pfropfen dargestellten Chimaeren waren Sektorialchimaeren aus Solanum -Arten; hier ist ein Sektor, ein Streifen oder die Hälfte der Chimaere von der einen Sippe gebildet, der Rest von der anderen ; der Begriff der Periklinalchi- m a e r e , bei der die ä u ß e r e n Zellschichten der einen, die inneren der anderen Sippe angehören, ist von E. Baur eingeführt worden; hierher gehören manche Pfropfbastarde (z. B. der Cytisus Adami). Nach E. Baur kommen Chimaeren auch auf sexuellem Wege durch Bastardierung zustande. [H. Winkler, Über Pfropfbastarde und pflanzliche Chimaeren. Berichte d. Deutsch, botan- Gesellsch., Bd. 25, S. 574 (1907). E. Baur, Das Wesen und die Erblichkeitsverhältnisse der »Varietates albomarginatae hört. << von Pelargonium zo- nale. Zeitschr. f. indukt. Abst. u. Vererbungslehre, Bd. I, S. 344 (1909).] C. Chloranthie [xhoQog grün, äv^og Blüte) s. Vergrü- nung. K. Chorise (Dedoublement). Congenitale Spaltung eines Organs (Laubblätter, Blütenorgane) in zwei; die Spal- tung kann eine collaterale oder seriale sein. K. Chorismus nennt Fitting die Abstoßung lebender - 76 - Chorismus (Fortsetzung). Organe (Laubfall, Zweigabsprünge u. dgl.), die durch Selbsttrennung lebender Zellen, also durch den Cytochorismus Roux', infolge eines Reizvorganges bewirkt wird. Nach den auslösenden Ursachen können unterschieden werden : Photo-, Chemo-, Thermo-, Trau- ma t o - [Wund-] Chorismus, ferner der durch Turgor- änderung ausgelöste »V a r i a t i o n s c h o r i s m u s<<, sowie der durch Zellen Wachstum bewirkte N u t a - tionschorismus. S. auch Cytotropismus. K. Chromosomen, accessorische oder heterotropi- sche. Sexuelle Differenz der Chromosomenzahl oder -art bei manchen Tieren (bes. Hemipteren). [S. bes. E. B. Wil- son, Studies on Chromosomes. Journ. of experim. Zoo- logie, 1905 u. folg.] F. Circumvallation. [Rhumbler 1910.] Eine der vier von Rhumbler unterschiedenen Arten der Nahrungsaufnahme der Amoeben, darin bestehend, daß das Amoebenplasma an beiden Seiten der Beute vorbei Pseudopodien aussendet, welche sich jenseits der Beute miteinander vereinigen, nach ihrer Verschmelzung einen vollständigen Wall um sie herum bilden und sich bald darauf auch auf der Ober- und Unterseite der Amoebe zusammenschließen, so daß die Beute voll- ständig eingekerkert wird, ohne daß das Plasma selbst bis dahin mit ihr irgendwo in direkten Kontakt gekom- men zu sein braucht. [L. Rhumbler, Die verschieden- artigen Arten der Nahrungsaufnahme bei Amoeben usw. Arch. f. Entwmech., 30, 1910.] F. Cladomanie {xlädog Zweig, /.larla Wut), abnorm reichliche Verzweigung bei Pflanzen. K. Coefficienten (wörtlich: Mitwirkende) nennt man die- jenigen an einem Geschehen mitwirkenden Faktoren, welche von den variablen, das heißt mit dem einzelnen Geschehen wechselnden Faktoren u n a b - - 77 - h ä n g i g , also in ihrer Wirkungsgröße relativ c o n - s t a n t sind und multiplicativ mit den Vari- ablen zusammen wirken. In der Hämodynamik z. B. sind es neben der genau ermittelten Wirkung der Variabein: der Druckhöhe der Flüssigkeit, sowie der Weite und Länge des durchflossenen Rohres auf die Strömungsgeschwindigkeit die auf der Wirkung der Reibung, der Wärme beruhenden constanten Größen, speziell die Coefficienten a und b in der Formel H agens B, = a^ + b^ Es sind also die durch die Beschaffenheit des Materials gegebenen Wirkungsgrößen z. B. die Reibungscoeffi- cienten des Wassers, Blutes, Eisen, Holz usw., die sich bei einem Geschehen also nur mit dem Wechsel der Be- schaffenheit des Materiales ändern. In der Biologie wird das Wort für die in der Be- schaffenheit des Gewebematerials enthaltenen Faktoren angewandt, welche bewirken, daß bei verschiedenen Lebewesen derselben Species bzw. Gattung, Klasse, sowie in den vier verschiedenen causalen Gestaltungs- perioden des Individuums die gestaltenden Reactionen nach Größe und Art verschieden sind. Jeder solche sog. Coefficient kann aus einer Gruppe einzelner Faktoren bestehen. S. Knochenbildungs-, Muskelbildungscoeffi- cienten, Bildungscoefficienten, Erhaltungscoefficienten, Schrumpfungs-, Anpassungscoefficienten. [Roux, Ges. Abhdl. I, S. 281, 345.] R. Coleopterocecidien [Thomas], die durch Coleopteren (Käfer) hervorgerufenen Cecidien [s. diese]. K, Collaterale Bastarde [De Vries 1903] s. avunculäre Bastarde. C. Compensatorische Hypertrophie s. Hypertrophie. Complexer Vorgang und Faktor [s. d.]. Componenten eines Geschehens sind genau genom- men nur wirkende Teile »gleicher Art«, deren Wirkung sich bloß summiert oder subtrahiert, nicht aber multi- pliziert, wie die der Faktoren [s. d.]. Doch wird das - 78 - Wort in der Biologie oft auch als gleichbedeutend mit Faktoren gebraucht. [Generalreg. 280.] R. Compound Allelomorphs. [Bateson und Saunders 1902.] Vorstellung von einer zusammengesetzten Anlage, die ein bestimmtes Merkmal übermittelt und durch Bastar- dierung in zwei oder mehr Componenten ( »H y p a 1 - lelomorphs«) zerlegt werden kann. Gegensatz: Simple Allelomorphs. Jetzt zugunsten der Dihybridentheorie aufgegeben. [W. Bateson und E. R. Saunders, Rep. Evol. Comm. I, S. 143, 1902.] C. Concordanz der Zellteilungen, Gesetz der. [Zur Strassen.] Gruppen gleichartiger, auf eine gemeinsame Urzelle (Furchungszelle) zurückführbarer Zellen weisen eine außerordentlich auffallende zeitliche Übereinstimmung der Teilungsphänomene auf. Diese zeitliche Con- cordanz der Teilungsvorgänge der embryonalen Zellen ist abhängig von dem Grade ihrer Verwandt- schaft. Die Folge hiervon ist das Gesetz der differenten Teilungszeiten [s. d.]. [O. zur Strassen, Embryonalentwicklung der Ascaris megaloceph. Arch. f. Entwmech,, 3, 1896.] F. Concurrenz gleich Wettbewerb ist die Benachteiligung des einen Lebewesens oder Teiles durch das andere oder den anderen, ohne daß sie miteinander in Be- rührung zu kommen brauchen. Sie ist ein indirek- ter Kampf durch Vorwegnahme oder Wegnahme einer Lebensbedingung a) infolge eines qualitativen erb- lichen Vorzuges. So durch Vorwegnahme der (NB. spärlichen) Nahrung durch stärker die Nahrung an- ziehende Zellen , also durch eine dauernde und i n t r a - personell vererbliche Eigenschaft des Gebildes. Diese Vorwegnahme führt zur Züchtung der dauerfähigeren vererblichen Gewebs- qualitäten, [s. Umzüchtung, Auslese], b) durch bloß lokale Begünstigung und so lokalisierte Teil auslese; so z. B. in den Knochen, indem an - 79 - den Stellen stärkeren funktionellen Reizes (Druckes) die Knochensubstanz vermehrt und dadurch den an den Stellen schwächeren Reizes liegenden Gewebsteilen dieser Reiz ganz vorweggenommen wird, weshalb diese Teile schwinden. Diese Art der Concurrenz führt zur nichterblichen Bildung »funktioneller«, der Reiz- verteilung angepaßter Gestaltung (Gestalt und Struk- tur), nicht aber zur Qualitätszüchtung; er ist kein Kampf um Nahrung und Raum, obschon er damit ver- wechselt wird [Driesch, Plate]. Dieser Irrtum beruht vielleicht auf Verwechslung damit, daß seinerzeit in der Phylogenese diejenigen neuen (!) Gewebequalitäten, welche durch den vorhandenen funktionellen Reiz am stärksten in der Assimilation gekräftigt wurden, in der Concurrenz um die Nahrung und im direkten Kampf um den Raum siegen und damals gezüchtet werden mußten. Die lokale Begünstigung schafft also nicht Vererb- bares, sie muß in jedem Einzelfalle neu stattfinden und neu gestalten. Lokale Begünstigung in der Concurrenz kann auch durch Wegnahme der (NB. spärlichen) Nah- rung durch der Nahrungsquelle, den Blutkapillaren näher gelegene Zellen auf Kosten der ferner liegenden stattfinden. [Roux 1883, Ges. Abh. I, S. 654, 657, 236, 276; Eugen Schultz, Arch. Entwmech. 15, S. 572. General- reg. 280.] Vgl. Kampf der Teile, Umzüchtung, Auslese, Bewähren, funktionelle Anpassung. R. Condeterminatio s. Mitbestimmung. Conditionalität s. Ursache, Causalität. Configuration heißt die Anordnung der Teile, also die Gesamtheit gegenseitiger Lagerungsbeziehungen aller Teile eines Gebildes oder eines der Betrachtung unter- worfenen Systems von Teilchen, somit die Gestalt, sichtbare Struktur und (unsichtbare) Metastruktur bis zum Aufbau aus Atomen und der Verteilung der Energie. R. Configuration der Faktoren im Ei ist die Gruppie- rung und Verbindung der einzelnen Faktoren desselben. — 8o — Configuration der Faktoren im Ei (Fortsetzung). Neben der Qualität der Faktoren ist es die Configura- tion, welche die Art des Aufeinanderwirkens derselben bestimmt und nach der Aktivierung der Faktoren, auch mitbewirkt. Die einzelnen physikaUschen Faktoren sind innerhalb großer Tierabteilungen wohl qualitativ meist dieselben: das typisch Unterscheidende nahe ver- wandter Lebewesen beruht vermutlich mehr auf geringen Unterschieden der Anordnung der Faktoren im Keim- plasma, soweit nicht auch diffus wirkende chemische Faktoren mitbeteiligt sind. R. Congruenz der Muskelursprungs- und Ansatzfläche [Roux] s. Muskellänge relative. R. Constanz der Species; sie wird nach Roux durch die gestaltlichen, bereits in der >>Determinationsstruktur<< des Keimplasma in potentia enthaltenen Selbstregulationen bewirkt, indem diese durch die Art der »Störungen« [s.d.] in entsprechender Weise aktiviert werden. In den Perioden der Variabilität der Species sind die Regulationsmechanismen noch nicht so vollkommen aus- gebildet wie in den Perioden der Constanz. [Roux, Kampf der Teile, S. 70, 171. Ges. Abhdl. I, S. 454, 337, 224.] R. Continuität des Keimplasma Weismanns [s. Keim- plasma] geschieht durch vollkommene »morpho- logische und chemische Assimilation« [s. Keimplasma]. [Roux, Ges. Abhdl. II, S. 45.] R. Copulationsrichtung s. unter K, Correlation [Ch. Darwin], Wechselwirkung leben- der Gebilde heißt die ändernde Einwirkung von solchen Ge- bilden oder deren Teilen aufeinander. Der Wirkungs- weise nach ist sie chemisch oder physikalisch, letzteren Falles also mechanisch (durch Druck, Zug, Schub), thermisch, elektrisch, optisch usw. »bewirkt« oder nur »veranlaßt«; meist letzteres, denn es werden gewöhnlich dabei spezifisch vitale, die Art des Geschehens vorzugs- weise bestimmende Reactionsmechanismen activiert, ev. gehemmt. Sie ist [Roux]: — 8i — I. differenzierende: a) gestaltende oder gestaltliche, also Form oder Struktur ändernde Wirkung, die zwi- schen ganzen Lebewesen oder häufiger zwischen Teilen eines solchen stattfindet. Das Produkt des Wirkens, also das Änderungsgeschehen, heißt Differenzierung [s. d.]. Die Wirkung ist eine quantitative oder quali- tative, danach führt auch die Correlation ihren Na- men. Die Correlation ist eine einseitige, wenn ein Ge- bilde ändernd auf ein anderes wirkt, ohne selber durch letzteres verändert zu werden, sie ist wechselseitig, reciprok, wenn beide Teile gegenseitig aufeinander än- dernd wirken. Die correlativen Veränderungen beider Gebilde können annähernd gleichstark und gleich- artig oder ungleich sein. Rein funktionelle Veränderung [s.d.] des einen Organs, z. B. der motorischen Ganglienzellen, kann gestaltliche Ver- änderung des anderen, z. B. der Muskeln, bewirken; auch können beide sich an die verstärkte Tätigkeit gestaltlich anpassen. Die so charakterisierten Corre- lationen von Gebilden, in denen eines in dem anderen Veränderung bewirkt, sind direkte Correlationen, Die Correlation beider ist dagegen eine indirekte, wenn die Veränderung derselben nicht von ihnen auf- einander, sondern unter Vermittelung eines dritten Ge- bildes, sei es direkt durch Wirkung desselben auf beide oder erst vom einen auf ein Zwischenglied und von die- sem auf das andere, bewirkt wird, z. B. Wirkung der motorischen Ganglienzellen durch die Muskeln auf die Knochen. b) chemische, sie ist a)rein chemische: chemisch ändernde Wir- kung von chemischen Agentien des Körpers aufeinander ohne structurelle und sonstige gestaltliche Alteration, ß) chemisch-morphologische : die Wir- kung chemischer Agentien auf die Gestaltungsmecha- nismen des Organismus, indem sie Wachstum und Diffe- renzierung von Organen anregen oder hemmen, z. B. Wirkungen des Stoffes der Schilddrüse, der Geschlechts- R u X , Terminologie der Entwicklungsmechanik. 5 - 82 - Correlation (Fortsetzung), drüse, Thymus, Hypophysis auf die Gestaltung mancher Organe. S. a. Variabilität, correlative. R. Die differenzierende Correlation ist das neoepigene- tische Grundgeschehen der Entwicklung, also das Haupt- geschehen in Periode I, denn auch jede »Selbstdiffe- renzierung« von Teilen geschieht durch ändernde Wirkung von Unterteilen aufeinander. Zu den differen- zierenden Correlationen gehören auch die mechanischen Massencorrelationen [s. d.], [Roux] und die chemischen Correlationen [s. d.]. Zu den Correlationen im weiteren Sinne gehören auch Kampf, Concurrenz, ändernde Wirkung äußerer Umstände auf die Lebe- wesen usw. [Roux, Ges. Abhdl. II, S. 1045.] Die gestaltlichen Correlationen können ontogene- tische oder phylogenetische oder p h y 1 o - ontogenetische, z.B. letzteren Falles die durch das sog. biogenetische Grundgesetz [s. d.] bezeichneten sein ; diese werden durch die vergleichende Anatomie und Entwicklungsgeschichte ermittelt. S. a. Beziehungs- causalität, Induction. 2. rein funktionelle, an sich nicht gestaltende. Diese Art der Correlation besteht in der Änderung der Be- triebsfunktion : der Funktionsgröße oder Funktionsweise des einen Organs mit der Änderung der Funktion des anderen Organs, z. B. Änderung der Funktionsgröße der Knochen und Bänder mit stärkerem Gebrauch der Mus- keln. Diese können beide wieder von einer gestaltlichen, also nicht funktionellen Änderung eines dritten, z. B. bei den Cerviden von der Vergrößerung des Geweihes ab- hängen. Durch die mit der Zeit gestaltende Wirkung der Funktion [s. funktionelle Anpassung] können diese anfänglich rein funktionellen Correlationen allmählich auch gestaltende werden. [Roux, Ges. Abhdl. II, S.1045.] R. Correlationsheteroplasie liegt nach Küster dann vor, wenn infolge lokaler Wachstumshemmung ander- weitig lokale Hyperplasie eintritt [s. d.] und die Pro- - 83 - dukte der letzteren den Charakter von Heteroplasien haben [s. d.]. Vgl. Correlationshomoeoplasie. K. Correlationshomoeoplasie hegt nach Küster dann vor, wenn infolge lokaler Wachstumshemmung ander- weitig lokale Hyperplasie [s. d.] eintritt und die Produkte der letzteren den Charakter von Homöoplasien haben [s. d.]. Vgl. Correlationsheteroplasie. K. Coryphyllie {^ÖQvg Helm, (pvXXov Blatt). Ausbildung eines absolut terminalen Blattes. K. Cosmaesthesie [Massart] {-/.6gi.ios Welt, aiadvcvof^at, empfinde), die Fähigkeit eines Organismus, irgendwelche äußere Reize wahrzunehmen. Vgl. Aesthesie. K. Croissant gris. s. Graues Sichelfeld Roux'. Curvipetal nennt Vöchting diejenigen Organe, welche aus inneren Ursachen sich krümmen. Vgl. rectipetal. K. Cytarme [Roux] (von aQco fügen) ist das von Roux analytisch erwiesene Vermögen zur flächenhaften Selbst- zusammenfügung der Zellen untereinander. Auf ihm beruht besonders die spezifische Eigenschaft der Epithelien des Dichtzusammengeschlossenseins der Zellen . Da sie bei denselben zwei Zellen wechselt : bald stark ist, bis zur »vollkommenen« d. h. am Rande keinen Winkel lassenden Vereinigung geht, bald wieder gelöst wird: Cytochorismus, Framboisia [s. d.], so ist sie wohl nicht bloß allgemeine Thigmotaxis [s. d.], sondern auch spezifische Wirkung der beteiligten Zellen aufeinander. Bei »vollkommener« Cytarme ist die Ober- flächenspannung an den Berührungsflächen Null ge- worden (Roux). Sie ist polare, wenn die Zusammenfügung nur mit bestimmten Seiten, (z. B. bei der Conjugation der In- fusorien), apolare, wenn sie mit den zufällig einander zugewendeten Seiten geschieht. Cytarme mit Cytotro- pismus vereint heißt Philie, speziell C y t o p h i 1 i e bei Zellen [s. Philia]. S. a. Cytotaxis, Framboisia. [Roux, Arch. f. Entwmech. III, 318.] R. 6* - 84 - Cytochorismus {%ioqitio trennen) bezeichnet Roux die von ihm beobachtete Selbsttrennung von zwei oder mehr flächenhaft miteinander vereinig- ten Zellen, also die Trennung durch in den betreffenden Zellen selber liegende Determinationsfaktoren. Voll- ständiger, aber wohl nicht nötig, ist die Bezeichnung Cyto-Autochorismus, s. Cytotaxis, Autotaxis. Ein ev. Auslösungsfaktor kann dabei von außen ein- wirken ; das Geschehen ist dann unvollständiger Autochorismus dieser Zellen. Wird die Trennung aber wirklich von außen »determiniert« (s. Determina- tion), also die besondere Art des Geschehens durch äußere Faktoren bewirkt, so liegt (NB. von außen) ab- hängiger Cytotropismus vor. Fitting empfiehlt die Weglassung von >>Cy to <<, also die Ab- kürzung auf Chorismus zur Bezeichnung von Roux' Zellenselbsttrennung, wonach dann aber die even- tuelle Selbsttrennung von lebenstätigen Zell teilen z. B. des Chromatins nicht als Chorismus bezeichnet werden könnte. [Roux, Arch. f. Entwmech. III, S. 382, 406. Derselbe, Jahrb. f. wiss. Botanik, Bd. 50, S. 355, 1912. Fitting, Jahrb. f. wiss. Botanik, 191 1, Bd. 49.] S. a. Autochorismus. R. Cytochym [Eug. Albrecht] (x^/ia das Flüssige). Die nach Albrecht flüssige Grundsubstanz des lebenden Cyto- plasmas. [E. Albrecht, Die physikalische Organisation der Zelle. Verhdig.d. intern. med. KongressesMadrid 1903.] F. Cytolisthesis [Roux] (von oXiadtdvco gleiten), Zellen- gleiten, bezeichnet das Gleiten der Zellen aneinander. Es kann aus in ihnen selber liegender determinierender Ursache geschehen. [Roux, Arch. f. Entwmech. III, S. 380.] S. a. Cytotaxis. R. Cytostagmen [Eug. Albrecht]. Tröpfchen verschie- dener, nicht oder nur beschränkt mit dem Cytochym [s. d.] mischbarer Flüssigkeiten (z. B. Sekrettropfen in DrüsenzeUen). F. Cytotaxis, genauer Cytoautotaxis, Zellenselbst- Ordnung. Roux beobachtete diese Geschehensweisen - 85 - 1893 zuerst analytisch an zwei oder mehr isoherten in einem homogenen Medium Hegenden Furchungszellen. Doch kommt dies Geschehen auch im Verbände des Organismus an schon mit anderen Zellen oder Gebilden flächenhaft vereinigten Zellen vor. Da das Medium rings um dasselbe war, liegt also Selbstordnung, Auto- taxis der Zellen vor. Es wurden alle denkbaren Arten des Geschehens be- obachtet : 1. positiver Cytotropismus [s. d.] a) Selbstnäherung wenig voneinander entfernter Zellen, b) negativer Cytotropismus, Selbstvoneinander-Entfernung be- reits bis zur Berührung genäherter Zellen. Beides, wenn es in Richtung der mittleren Verbindungslinie ge- schieht. 2. Cytarme [s. d.] Selbstzusammenfügung von Zellen, bis zum vollkommenen Schwund der Furche an der Be- rührungsstelle oder bis zum Umschließen einer Zelle durch die andere. 3. Cytochorismus [s. d.] Selbsttrennung der flächen- haft vereinigten Zellen bis zur vollkommenen Lösung. 4. Cytolithesis [s. d.] Zellengleiten, gegeneinander Ver- schieben durch in den Zellen liegende Faktoren, Das Vorkommen dieser verschiedenen Arten der Selbstordnung der tierischen Zellen nötigte in einem der Fälle (Nr. i) zu einem anderen Gebrauch des Wortes Tropismus, als er (in übrigens willkürlicher Be- schränkung des Wortinhalts) bei den Botanikern für die wenigen bei Pflanzen vorkommenden Arten der Cytotaxis üblich ist. Doch gibt das allein von diesem Gebrauche abweichend gebildete und verwendete Wort Cytotropismus wegen der Unterabteilungen (s. d.) keine Veranlassung zu Verwechslungen. [Roux, Arch. f. Entwmech. I, S. 43, III, S. 381.] R. Cytotaxis, sexuelle, nennt Waldeyer die Näherung der Geschlechtszellen. S. a. Adelphotaxis ; Affinität, sexuelle. Cytotropischer Elementarmechanismus s. letzteren. ^ 86 — Cytotropismus nennt Roux das 1893 von ihm ent- deckte Vermögen zweier oder mehr freier, etwa bis Zelldurchmesser voneinander entfernter, amöboider Be- wegung fähiger Furchungszellen, einseitige oder gegen- seitige Näherung veranlassend, also gleichsam an- ziehend (positiver C, Selbstnäherung), oder ab- stoßend (negativer C.) aufeinander zu wirken. Die Näherung geschieht im Experiment meist schritt- weise und zwar in der geraden mittleren Verbindungs- richtung beider Zellen mit langsamen, 2 — 5 Minuten dauernden Vorbewegungen und einigem Zurücksinken nach jeder Vorbewegung. Sie geschieht also nicht durch >>Capillaritätswirkung<< des Mediums, wie O. Hertwig in- folge unzureichender Beachtung der Versuchsanordnung und des Ergebnisses glaubt. Unter Vermittelung zwi- schenliegender Zellen kann auch auf mehrfachen ZeU- durchmesser hin Näherungswirkung erfolgen. Der Cytotropismus kommt auch an im Verbände des Embryo befindHchen, bereits flächenhaft mit anderen vereinigten Zellen vor [zur Strassen]. Cytotropismus ist a) polarer C, wenn die Nähe- rung mit bestimmten Seiten gegeneinander erfolgt, z. B. bei der Copulation der Geschlechtszellen oder der Infusorien, b) apolarer oder einfacher : wenn die Näherung mit den »zufällig« einander zugewendeten Seiten geschieht. [Generalreg. S. 269.] Außer diesem durch »Bewegung« bewirkten C. kommt auch Näherung von Zellen durch von ihnen selber aus veranlaßtes Gegeneinanderwachsen vor, z. B. der Blut- capillarsprossen, der Nervenfasern gegen die Muskel- fasern: Neuromyotropismus (s. a. Desmotropis- mus). Daher ist der erstere Cytotropismus als »Be- wegungscytotropismus« von dem »Wachstumscytotropis- mus« zu scheiden. Letzteres Wort ist wieder ganz dem Gebrauche der Botaniker entsprechend gebildet. Vgl. auch Cytotaxis, Autotaxis und Selbstcopulation von Tropfen. [Arch. f. Entwmech. I, S. 44, III, S. 380.] - 87 - DD, DR, RR [De Vries 1900]. Bezeichnung für Homozygoten mit dem dominieren- den Merkmal (DD), für Homozygoten mit dem reces- siven Merkmal (RR) und für Heterozygoten (DR), bei schematischer Darstellung der Mendelschen Bastarde, statt der von Mendel selbst gebrauchten großen und kleinen Buchstaben, z. B. A, Aa, a. [H. De Vries, Compt. Rend. Acad. Paris, 1900, 26. Mars.) C. Dauerfähigkeit ist die Fähigkeit eines Gebildes, in seiner besonderen Eigenart zu dauern, erhalten zu bleiben. Da jedes Lebewesen einen Komplex von vielen ganz spezifischen, es von der unbelebten Natur unter- scheidenden, zur Erhaltung desselben beitragenden Eigenschaften darstellt, einen Komplex, der nur unter ganz besonderen Verhältnissen seinen viel einfacheren Anfang nehmen konnte und nur durch verschiedenartiges Wirken in sehr langen Zeiten sich hat ausbilden können, so können Lebewesen nicht plötzlich ganz neu aus orga- nischer Substanz entstehen. Daher ist die u n u n t e r - brochene Dauerfähigkeit der Kette der Lebe- wesen und eine gewisse Dauer der Einzelwesen (bis zur Selbstvermehrung) nach Roux die nötigste, fälschlich als Zweckmäßigkeit bezeichnete Eigenschaft der Lebe- wesen, weil sie die Vorbedingung der Entstehung aller anderen Eigenschaften darstellt. Deshalb impo- niert alles, was die Dauerfähigkeit der Lebewesen her- stellt oder erhöht, als Zweckmäßigkeit. Soweit es aber zweifelhaft ist, ob diese Eigenschaften wirldich von einem diesen Zweck setzenden Agens bewirkt sind, schließt der Ausdruck Zweckmäßigkeit ein Vorurteil ein ; Roux bezeichnete daher (1881) die Sachlage objektiv, indem er in diesem Umfange das Wort Zweck- mäßigkeit durch Dauerfähigkeit der Lebewesen ersetzte; er erwies zugleich von vielen anscheinend nur durch wahre Zwecktätigkeit möghchen Gestaltungen ihre rein mechanistische Entstehungsmöglichkeit (s. An- passung, funktionelle). Es ist gezeigt worden, daß viele scheinbaren Zweck- - 88 — Dauerfähigkeit (Fortsetzung), mäßigkeiten der Lebewesen ohne Beteihgung eines zwecktätigen Agens, rein durch züchtende Auslese (s. d.) aus zwecklosen Variationen, und zwar durch die Perso- nalauslese Darwins und die Partialauslese Roux*, sowie durch die funktionelle Anpassung hergestellt werden, so daß das sog. Zweckmäßige in diesen Fällen in Wirk- lichkeit nur das »Dauerfähige« darstellt. Spätere Autoren suchten auf Grund dieser Erkenntnis andere Namen dafür, z. B. Dauermäßigkeit statt Dauer- fähigkeit einzuführen. Die Dauerfähigkeit der Lebewesen ist an sich begrün- det auf den Stoffwechsel (Selbst Veränderung, Selbstaus- scheidung, Selbsternährung, Selbstassimihation), ferner auf Selbstbewegung, Selbstvermehrung, also Selbsttei- lung, Selbstgestaltung sowie auf Selbstregulation in allen Leistungen (s. Lebewesen); sie beruht also auf der Selbstleistung des Spezifischen zur Dauer Nötigen (s. Funktionen.) Diese Art der Dauerfähigkeit ist S e 1 b s t e r h a 1 t u n g, ein Teil der Autoergie. Sie beruht auf Selbstdetermination (s. d.) der spezifischen Art des Nötigen in dem Lebewesen selber. Dabei ist aber, wie immer auch hier zur »Realisation« die Zufuhr der indifferenten »Realisationsfaktoren« wie Sauerstoff, Nahrung (Licht bei Pflanzen) von außen her nötig. Alle mit solcher Selbstdetermination versehenen Stoffwechselgebilde, die außerdem durch eigene Tätig- keit noch diese äußeren Unterhaltungsmittel also selber erwerben, sich selber aneignen, sind »von sich aus dauer- fähig«; sie können aber natürlich von anderen äußeren Faktoren zerstört werden und müssen sich erst in den fünf Instanzen »bewähren«. S. Bewähren und Auslese, Kampf der Teile, Keimplasmavariation. Diese so überaus kompliziert bedingte Dauerfähig- keit erscheint dem teleologisch denkenden Menschen als Zweckmäßigkeit. [Roux, Ges. Abh., I, 103, 154.] R. Dauergewebe (somatische Gewebe) sind fertig aus- gebildete Gewebe der Pflanzen; die Zellen der Dauer- - 89 - gewebe teilen sich nicht mehr. Unter dem Einfluß innerer oder äußerer Faktoren können die Zellen der D. wieder meristematisch [s. d.] werden. Sehr häufig ist der Fall, daß nach Verwundung die Zellen der D. wieder meristematisch werden. Meristeme, die sich vom Dauer- gewebe herleiten, heißen sekundäre oder Folgemeristeme (Interfascicularcambium, Stockcambium u. dgl.). K. Deckbastarde [Haecker 191 1] = Mischbastarde. [V. Haecker, AUgem. Vererbungsl., S. 214 (191 1).] C. Deckglascultur s. Explantation. Decrement funktionelles [Roux] s. Beanspruchungs- größe. Dedifferenzierung s. Reduction. Dedoublement s. Chorise. K. Deformation, vitale; Formänderung von Lebewesen ist die Abweichung ihrer Gestaltung [s. d.] vom Ty- pischen oder vom Normalen. Sie ist einzuteilen nach der Art ihrer Ursache und der Art ihrer Vermittelung in : I. mechanische Deformation, das ist die durch mechanische Einwirkung, durch Druck, Zug, scherende Wirkung veranlaßte Formänderung. Solche passive De- formation der Furchungszellen ändert die Teilungsrichtung [s. d.] derselben infolge der Gestalt- änderung (nicht aber infolge des Druckes an sich). [Roux, Ges. Abb., II, S. 302 — 305, 922 u. f., 972, 975. Arch. f. Entwmech., V, 339.] S. auch Röhrenzwangs- lage, Pressung, Teilungsrichtung. Dauert diese Deforma- tion an, so wird der Embryo gleichwohl fast so wohl- gebildet, als ob er erst nach der Bildung seiner Organe (genügende elastische Beschaffenheit vorausgesetzt) de- formiert worden wäre. [Roux, Ges. Abh. II, S. 926.] 2. thermische D. ist die Änderung der Gestalt durch Erwärmung oder Abkühlung, z. B. Zwergbildung durch abnormes Erwärmen von Hühnereiern nach L. Gerlach. Dazu kommen noch andere physikahsche sowie che- mische Wirkungen, welche Deformation veranlassen. Die »vitale« Deformation wird durch dem Leben eigentümliche Kräfte und Wirkungen »als Reaktion« her- — 90 — Deformation (Fortsetzung), vorgebracht, z. B. durch zu starkes, zu schwaches, ge- hemmtes oder abnorm gerichtetes Wachstum, durch Selbstumordnung von Zellen usw., durch Schwund von Teilen usw. Vergl. Massencorrelation. Nach dem Sitz der Ursachen ist die D. einzuteilen in: I. Selbstdeformation des Gebildes, wenn die die Ab- weichung »determinierenden« Faktoren (s. d.) in ihm selber sich befinden, 2. abhängige Deformation, soweit die determinierenden Faktoren der Abweichung außer- halb des Gebildes liegen. Vgl. Selbstdifferenzierung und Differenzierung, abhängige. Selbstdeformation ist nicht im strengen Sinne möglich, denn alles Atypische muß ursprünglich von außen bewirkt sein: aber diese primäre äußere Einwirkung kann schon im Keime (also blastogen) oder im Em- bryo, lange bevor ihre Folge durch die Entwicklung wahrnehmbar wird, stattgefunden haben. Der deter- minierende Faktor liegt also zur Zeit der Ausführung in dem Gebilde selber; der realisierende Faktor kann von außen kommen. Deformation wird auch bloß im Sinne des Deformationsgeschehens gebraucht, während Defor- mität stets das deformierte Produkt bezeichnet. S. a. Anpassungsfähigkeit, vitale, an D. R. Deformität ist eine Abweichung der Gestalt und Struktur eines Lebewesens oder eines Teils desselben vom Typus oder mindestens von der Norm (s. d.) R. Degeneration, physiologische [R. Hartwig 1904]- Jene eigenartigen Plasma- und Kernveränderungen, welche überfütterte Protozoen aufweisen. Hertwig ist der Meinung, daß die Zellen gewisser Geschwülste durch die gleiche Ursache in derselben Weise verändert wer- den können. S. a. Depression. [R. Hertwig, Über physiologische Degeneration bei Actinosphaerium Eich- horni. Festschr. z. 70. Geburtst. v. E. Haeckel. Jena, Fischer, 1904.] F. — 91 — Degressive Mutation, [De Vries, 1901] s. Mutation. C. Dehnungscoefficient ist die Zunahme der Längen- einheit o pro Kilogramm Spannung: a = a .k, worin a den Dehnungscoefficienten, k die Zugspannung pro qcm bedeutet. Genauer: die Factoren dieser Größe s. Coef- ficient. R. Depression [Calkins 1902]. Nach zu lange fortgesetzter Kultur von Protozoen tritt ein Zustand der Teilungs- und Assimilationsunfähig- keit ein: »Depression«. Nach R. Hertwig (1904) ent- spricht dieser Zustand dem der »Kernhypertrophie«. Der Kern ist auf Kosten des Protoplasmas so stark ge- wachsen, daß er funktionsunfähig wird. — Einen dieser Depression analogen Zustand konnte Hertwig auch bei einem Metazoon, bei Hydra, beobachten. [G. N. Cal- kins, Studies on the Life History of Protozoa. Arch. f. Entwmech., 15, 1902 und Biolog. Bull. Woods Hall v. 3. R.Hertwig, Über Knospung u. Geschlechtsentwicklung von Hydra fusca. Biolog. Centralbl., Bd. 26, 1906.] F. Depression, partielle [R. Hertwig.] 1906. Durch die kombinierte Wirkung lange fortgesetzter Kulturen und dazu hinzutretender Temperatiurabnahme konnte Hertwig bei Hydra fusca Depressionszustände (= Stillstand der Lebensfunktionen) am Ento- und Ektoderm beobachten, während die interstitiellen Zellen zu gesteigerter Tätigkeit veranlaßt wurden. Nahrungs- aufnahme, Assimilation und Knospung kamen in Stockung, dagegen trat geschlechtliche Fortpflanzung (Hodenentwicklung) ein. — Nach W. Koch [Biol. Centralbl., Bd. 31] gehen nur gesunde Tiere zur Ge- schlechtsproduktion über. [R. Hertwig, Über Knos- pung und Geschlechtsentwicklung von Hydra fusca. Biol. Centralbl., 26, 1906.] F. Description ist die Erforschung und Beschreibung des »wahrnehmbaren« (also sichtbaren, tastbaren, hörbaren usw.) Seins und Geschehens. Gegensatz ist das auf Grund der Causahtät aus dem Experiment möghche — 92 - Erschließen und danach Beschreiben des nichtwahrnehm- baren Seins und Wirkens sowie seiner Factoren ( c a u s a 1 e Beschreibung), also die causale Forschung und Lehre. [Roux, Arch. f. Entwmech., Bd. V, S. 73.] R. Descriptive Forschung hat zum Ziel die Description. Gegensatz : die causale, das Wirken und dessen Faktoren ermittelnde und beschreibende Forschung, D e s r i p - tiv bearbeiten heißt, bloß das Wahrnehmbare des Seins und Geschehens darstellen; dies kann geschehen: a) so wie es sich uns selber darbietet ; b) wie es mit Hilfe des das betreffende Geschehen nicht alterierenden : d e - scriptiven Experimentes [Roux] (s. d.) wahrnehmbar wird. [Roux, Arch. Entwmech. V, y^.] R. Desmophilie nennt E. Kromayer die Neigung von Gewebe, z. B. der Epithelzellen, sich dem Binde- gewebe zu nähern und sich mit ihm flächenhaf t zu ver- einigen. [Arch. f. Entwmech., VIII, 357.] R. Desmotropismus der sensiblen Nerven oder Neurodes- motropismus bezeichnet Roux das (NB. mechanistische) Bestreben und Vermögen der sensiblen Nerven, in das noch nicht oder noch nicht ausreichend mit sensiblen Nerven versehene Bindegewebe wachsend einzudringen, z. B. in eine angesetzte Nase, sowie auch bei der typischen Ent- wicklung. S. Cytotropismus, speziell Wachstumscytotro- pismus, Epitheliotropismus. [Arch. VIII, 358.] R. Determinanten nennt August Weismann entsprechend seiner rein evolutionistischen Theorie die von ihm an- genommenen sehr vielen verschiedenen Teile des Keimes eines Lebewesens, von denen jeder einzelne Teil in be- stimmter Beziehung zu bestimmten Zellen oder Zellarten des zu bildenden Organismus derart steht, daß dieser Teil des entwickelten Lebewesens (s. Determinate) durch jenes Teilchen des Keimplasmas in seiner Existenz wie in seiner Natur bestimmt wird, also auch ohne sein Mitwirken nicht gebildet werden könnte. Danach muß für jede einzelne Besonderheit des entwickelten Lebe- wesens schon eine diskrete Determinante im Ei vorhanden sein. Roux nennt diese Art D. Evolu- - 93 — tionsdeterminante. Vermehrung der Mannigfaltig- keit gibt es danach bei der typischen Ontogenese nicht, sondern die individuelle Entwicklung ist nur Umbildung nicht wahrnehmbarer Mannigfaltigkeit des Keimes in sinnenfällige, also Neoevolution (s. d.)- Vgl. dagegen Determinationsfaktoren. [Roux, Vererbung blastogener und somatogener Eigenschaften, 191 1. Weismann, Vortr. üb. Descendenztheorie, 1902, S. 389.] R. Determinate, Vererbungsstücke [Weismann 1892.] Jene Zellen oder Zellgruppen, welche selbständig vom Keim aus veränderlich sind. Die ihnen entsprechen- den und sie bestimmenden Teilchen des Keimplasmas sind die Determinanten oder Bestimmungs- stücke. Eine solche Determinante wird durch eine Gruppe von Biophoren (s. d.) dargestellt. Es soll auch Doppel- Determinanten geben, also zwei De- terminanten in enger Verbindung, aber so eingerichtet, daß immer nur die eine von ihnen aktiv werden kann. Beim Menschen sollen alle oder fast alle Determinanten des Keimes Doppeldeterminanten sein, halb männlich, halb weiblich. Die beiden Teile sind die Determi- nanten-Hälften. Dies bezieht sich durchaus auf die Annahme rein evolutionistischer Entwicklung. Vgl. Neoevolution, Neoepigenesis. [A. Weismann, Das Keim- plasma. Jena 1892.] F. Determination, Bestimmung, auch causa determi- nans, vollständige Bestimmungsursache, Determinations- complex [Roux] eines Geschehens und seiner Produkte nennt Roux die Gesamtheit derjenigen Faktoren, welche die Art (s. d.) (Qualität, Besonderheit) des Ge- schehens, also auch seiner Produkte »bestimmen«, zumeist im voraus, verursachen. Die D. eines Lebewesens ist entgegen Pflüger substantiell dargestellt durch die Ver- erbungssubstanz, das Keimplasma (s. d.), mit seiner Vererbungsstruktur [s. d.]. Zur Verwirklichung des Bestimmten sind noch die (NB. indifferenten) Rea- lisationsfaktoren oder Ausführungsfaktoren, z. B. Wärme, Nahrung (Blut) ev. Licht usw. nötig. - 94 - Determination, Bestimmung (Fortsetzung). Die Art oder Qualität in diesem weitesten Sinne be- trifft bei der individuellen Entwicklung außer den beson- deren chemischen und physikalischen inkl. gestaltlichen, strukturellen Eigenschaften (welche die Qualität des einzelnen Teiles darstellen) noch den bestimmten Ort, die bestimmte Zeit (Beginn und Dauer), die t5^ische Größe, Intensität, Richtung des Bildungsgeschehens. Die Determination der individuellen Entwicklung ist einzuteilen in typische und atypische (s. Typus), letztere in normale und anormale (s. Norm), ferner in Partial-, Total-, Spezial- und Generaldetermination (s. d.) sowie anderer- seits in physikalische und chemische Determina- tion. S. a. Determinationsfaktoren. [Roux, Vortr. I, 1905. S. 118; Generalreg. 269.] Der Determinationskomplex eines Indivi- duums oder ev. eines Teiles desselben stellt somit die ganze Präformation oder die Neopräformation (s. d.) desselben, anfangs im unentwickelten (impliciten) und später im mehr oder weniger entwickelten (expli- citen) Zustande dar. Diese Neopräformation kann neo- e volutionistischer, neoepigenetischer oder aus beiden kombinierter Art sein (s. Neoevolution, Neo- epigenesis). Meist müssen wir statt der wirklichen zunächst die minimaleDetermination [s. d.]zu ermitteln suchen. Determination, doppelte resp. mehrfache orga- nischer Gestaltungen [Roux]. Viele Gestaltungen haben schon tjrpischerweise dop- pelte, dasselbe gestaltliche Produkt liefernde Deter- minationsfaktoren. [Roux, Ges. Abb., I, 507, 530. Rhumbler, Arch. Entwmech. 4. S. 703; 8. S. 220]. In der zweiten, dritten und vierten kausalen Gestal- tungsperiode der Ontogenese werden andererseits viele »funktionelle« Gestaltungen außer durch typische ver- erbte Gestaltungsfaktoren noch durch die gestaltende - 95 - Wirkung der Funktion resp. der funktionellen Reize mit hervorgebracht (s. Perioden). Dazu kommt, daß nach Roux alle »tj^ischen« [s. d.], also vererbten und »bewährten« Gestaltungen in ge- wissem Maße durch »gestaltliche Regulationen« gegen Abänderung durch alterierende Einwirkungen etwas ge- sichert sind, sowie daß trotzdem eingetretene Alterationen nach dem Aufhören der Ursache derselben oder zum Teil sogar trotz Fortdauer der alterierenden Ursache (z. B. durch geringe Überanstrengung) wieder ausgeglichen werden und die typische resp. normale Gestaltung der betreffenden Entwicklungsstufe oder einer späteren Ent- wicklungsstufe hergestellt wird, was durch besondere regulierende Determinationsfaktoren geschehen muß. Für die drei letzten Perioden sind also viererlei, für die erste Periode dreierlei Determinationen annehmbar. Diese Mehrfachheit ganz oder fast ganz dasselbe Pro- dukt hervorbringender Determinationen ist nicht damit zu verwechseln, daß jede dieser Determinationen selber erst durch mindestens zwei einzelne Determinations- faktoren bewirkt werden muß. S. Selbstbestim- mung. [Roux, Vortrag I, S. 207 ; Ders., Die vier kausalen Hauptperioden und doppeltes Bestimmtsein. Becher, Festschr. f. Spengel, III S. 501. 1912]. R. Determination, minimale, ist die Determination durch möglichst wenig Faktoren oder durch die ein- fachste Konfiguration derselben. Da wir die wirklichen Determinationsfaktoren meist noch nicht oder nicht direkt erforschen können, empfiehlt Roux, zunächst diejenigen Determinations- faktoren hypothetisch aufzustellen, welche als wenigste zur kausalen Ableitung der betreffenden Gestaltungen ausreichend erscheinen. Das ist eine heuristische Hilfs- annahme, die danach in experimentelle prüfende Bear- beitung zu nehmen ist. Für die Entwicklung des Lebewesens aus dem Keim- plasma handelt es sich dabei vorzugsweise um die An- nahme ausreichender neoepigenetischer Fak- - 96 - Determination, minimale (Fortsetzung), toren (s. Neoepigenesis), denn die neoevolutionistische Ableitung arbeitet prinzipiell mit ebensovielen Ausgangs- verschiedenheiten als im entwickelten Produkt Ver- schiedenheiten vorhanden sind. Es ist also hierbei nicht die Zahl, sondern nur die Qualität dieser neoevolu- tionistischen Faktoren zu ermitteln ; während bei der neoepigenetischen Entwicklung beides in glei- cher Weise nötig ist. Durch Roux' Theorie der funktionellen Anpassung, welche die vielen neuen zweckmäßigen Gestaltungen des Individuallebens, so alles direkte Anpassen, ohne Zweck- tätigkeit erklärt, wird das von andern zu dieser Leistung herangezogene, in den Lebewesen angeblich direkt zweck- tätig gestaltende Agens (Gott, Entelechie, Archeus) von einer unendlichen Menge Detailarbeit entlastet, so daß ihm bloß die Produktion (sog. Erschaffung) neuer vererb- barer selbsterhaltungsfähiger Typen übrig bleiben würde. Doch sind auch diese Leistungen durch Darwins züch- tende Individualauslese und Roux' züchtende Teilauslese in hohem Maße ateleologisch ableitbar geworden. S.Typus. Die Ableitung Roux' der millionenfach verschiedenen »funktionellen« Structuren und Gestaltungen von den wenigen Faktoren der funktionellen Anpassung (s. d.) war ursprünglich auch eine solche minimale Ableitung, die aber einen höheren Grad der Wahrscheinlichkeit er- langt hat. Danach hat der ev, Schöpfer oder die zu- fällige Variation nur die minimalen neuen Determina- tionen der Periode i zu beschaffen; von der unendlich vielen ständigen zwecktätigen Detailarbeit im Leben jedes Einzelwesens wird die Entelechie oder der Archeus des Schöpfers dadurch befreit. (S. a. Roux in Oppel-Roux, S. I34-) R- Determinationscomplex [Roux] s. Determination. Determinationsfaktoren (Roux) sind diejenigen Fak- toren in ihrer spezifischen Anordnung, welche die De- termination (s. d.) eines Geschehens, nicht aber die Aus- führung des Bestimmten darstellen resp. bewirken (s. - 97 - Realisationsfaktoren). Diese analytische Distinktion ist besonders deshalb nötig, weil die typischen Deter- minationsfaktoren alle im Ei enthalten sind (s. Typisch), während alle anderen, ebenfalls zur Entwicklung nötigen Faktoren außerhalb desselben liegen können. Bei Ein- führung dieser Unterscheidung nannte Roux (1878, 1881 Kampf der Teile) die Determinationsfaktoren »spezifische Ursachen«, die Realisationsfaktoren »Vor- bedingungen« des Geschehens. Die Determinationsfaktoren sind für jedes Lebewesen einer anderen Species, Klasse usw. entsprechend andere an Eigenschaft oder in der Konfiguration. Die Reali- sationsfaktoren dagegen sind bei vielen verschiedenen Lebewesen bzw. deren Organen dieselben, z. B. Wärme, Sauerstoff und sonstige Nahrung (Licht bei Pflanzen). Alle verschiedenen Organe des Körpers erhalten dasselbe Blut und differenzieren sich dabei verschieden. Auch dieselben gymnastischen Übungen regen bei verschie- denen Menschen ganz verschiedene, in jedem selber de- terminierte geistige Tätigkeit an, z. B. künstlerische, wissenschaftliche, industrielle usw. Tätigkeit. Auch im Zeitlichen sind diese beiden Arten von Faktoren sehr verschieden. Erstere sind meist schon lange vor dem Geschehen in der geeigneten Konfigura- tion beieinander, sie stellen zusammen ein besonderes Gebilde dar, den Determinationskomplex im weiblichen resp. männlichen Keim dar, der substan- tiell durch die Vererbungsstruktur (s. d.), auch die Erbmasse, Keimplasma, Gen genannt, re- präsentiert wird. Die Realisationsfaktoren brauchen erst später zu diesem Gebilde hinzuzutreten und be- wirken damit, sobald sie vollständig also inklusive ev. Auslösungsfaktoren beisammen sind, den Beginn des einzelnen Bildungsgeschehens. Strenge Scheidung beider ist auch für die Pathologie wichtig. Die im typisch beschaffenen, also in den fünf In- stanzen [s. d.] bereits mehrere Generationen hindurch be- währten [s. d.] Keimplasma enthaltenen Determinations- Roux, Terminologie der Entwicklungsmechanik. 7 - 98 - Determinationsfaktoren (Fortsetzung), faktoren heißen typische; sie bestimmen die Stamm-, Klassen-, Gattungs-, Speciescharaktere. Außerhalb des Keimplasmas resp. des sich entwickelnden Lebewesens befindliche Determinationsfaktoren heißen atypische, sie bewirken Alterationen : Eigenschaften der Lebewesen, die nicht zum Typus gehören und also auch weniger konstant sind, da sie mit den äußeren Umständen wechseln (s. Modifikationen). Kommen sie aber in der »Mehrzahl« der Fälle in den äußeren Umständen vor, z. B. die klimatischen Faktoren, so heißen sie normale, anderenfalls abnorme (s. Norm) , ebenso wie die durch sie bewirkten Eigenschaften als normale oder abnorme bezeichnet werden. Ursprünglich äußere Faktoren können vielleicht auch »erbliche« Wirkungen hervorbringen, die dann durch sich Bewähren in den fünf Instanzen typische, zu einem neuen Typus werden können. Manche »Realisationsfaktoren« Z. B. besondere Nah- rungsstoffe, können zugleich auch etwas »determinierend« wirken, z. B. fleischige Viehrassen bilden, besonderen Geschmack des Fleisches veranlassen ; und solches kann in einer Gegend in der Mehrzahl der Fälle »vorkommen«, also hier »normal«, die Norm sein. Oder die Art der Nahrung konnte den Kauapparat bei Fleisch- und Pflanzenfressern anders ausbilden. Ihrer allgemeinen Qualität nach sind die Determina- tionsfaktoren einzuteilen in : physikalische und chemische. Der Art ihres Wirkens nach sind sie zu scheiden in neoevolutionistische, d. h. Neoevolution (s. d.) bewirkende, und in neoepigenetische, Neoepigenesis (s. d.) bewirkende. Beide sind ganz ver- schieden voneinander, kommen aber wohl meist kom- biniert vor. Meist empfiehlt es sich, zunächst h5rpothetisch nach den minimalen Determinationsfaktoren [Roux] [s. d.] einer Gestaltung zu fragen. Soweit die Determinationsfaktoren im Keimplasma, - 99 — also schon vor Beginn der Ontogenese vorhanden sind und in der Art, wie sie dies sind, heißen sie primäre Determinationsfaktoren (Roux), soweit sie im Laufe der Ontogenese bloß verändert werden, heißen sie meta- morphosierte Determinationsfaktoren (Roux). Soweit da- gegen : I. bei neoepigenetischer Entwicklung die durch die Aktivierung der primären Determinations- faktoren »entwickelten«, also neugebildeten, unsicht- baren oder sichtbaren Teile ihrerseits aktiviert werden und nun als neue Determinationsfaktoren wirken, stellen diese Teile dann sekundäre Determinationsfaktoren vor. Die Produkte dieser können dann als tertiäre usw. ev. vigintäre Determinationsfaktoren wirken. Auch 2. neoevolutionistische Determina- tionsfaktoren können zugleich epigenetisch wirken, wie z. B. die vergrößerten Hefeteigkugeln des »Entwicklungs- modells« (s. d.). Im speziellen sind bei jedem Geschehen zu unter- scheiden, also zu erforschen die Determinationsfaktoren des Orts, der Zeit des Beginns, der Dauer, der Größe, Intensität, Richtung und der beson- deren chemischen und physikalischen Eigenschaf- ten. Und von jedem dieser Faktoren ist wieder sein Ort und seine eigene besondere Beschaffenheit zu er- mitteln. Die primären Determinationsfaktoren sind meist physikalischer Art; da schon die »sichtbaren« orga- nischen Gestaltungen sehr eigenartig sind. Die chemi- schen D. können aber das durch erstere Produzierte in typischer Weise abändern und so auch typische Gestaltungen mitbestimmen und mitbewirken. S. Phy- sikalische Determination. [S. Roux, Ges. Abh., I, 208, 406, 450, 332, II, 868, Arch. f. Entwmech., IV, 340, 481.] Vgl. die »Determinanten« Weismanns. [S, Roux, Vortr. I, S. 207. Ders., Über die bei der Ver- erbung blastogener und somatogener Eigenschaften an- zunehmenden Vorgänge. Verh. d. naturforsch. Ges. zu Brunn, 191 1.] R. 7* — 100 — Determinationsproblem bezeichnet C. Heider (1902) »die Gesamtheit der Fragen, welche sich mit der Be- stimmung der einzelnen Teile des Embryo für ihr späteres Schicksal beschäftigen«; es handelt sich somit um den Ursprung, das Wesen und die Lokalisation »der organ- bildenden Faktoren«; z. B. um Präformation und Epi- genesis, Selbstdifferenzierung und abhängige Differen- zierung, typische und atypische Potenz der einzelnen Furchungszellen. F, Determinierte Furchung. Jene Furchungsart, bei welcher die Blastomeren spezifisch different werden, also einander (NB. für die »typische«) Entwicklung nicht gleichwertig, sondern spezifiziert, determiniert sind. Diese Furchung stellt die Aufteilung spezifischer, schon im Ei enthaltener Anlagematerialien auf die einzelnen Blastomeren dar. Die durch sie gebildeten Furchungs- zellen sind der Selbstdifferenzierung fähig, sie produ- zieren im Eiverbande wie auch, wenn sie isoliert sind, durch Selbstdifferenzierung Stücke des Embryos : T e i 1 - bildungen, z. B. Hemiembryonen (Roux). Aber später ergänzen manche das zum Ganzen Fehlende durch Postgeneration (Roux). S. Specietät, Mosaikarbeit, F. Deutophylie s. Steironothie. Dexiochirie s. Scherenumkehr. Dexiotropisch, laeotropisch [Lillie 1901]. Rechts und links gerichtete Furchungstypen ent- sprechen Neigungen der Furchungsspindel. Diese Nei- gungen — bezogen auf einen in der Eiachse am oberen (vorderen) Eipole befindlichen Beobachter — nennt Lillie dexio-, beziehungsweise laeotropisch. [F. R. Lillie, The Organisation of the egg of Unio usw. Journ. Morph., 17, 1901.] F. Diageotropismus, diageotropische Organe bzw. Be- wegungen s. Geotropismus. K. Diaheliotropismus s. Heliotropismus. K. Diaphototropismus s, Hehotropismus. K. — lOI — Diaphyse (botan.) {diacpvco hindurchwachsen), cen- trale Durchwachsung der Blüten. Vgl. Ekblastesis. K. Diastrophe {diaaTQeffio verdrehe) oder Vor-Rücklage nennt Senn die Anordnung der Chromatophoren in zwei scharf getrennten Gruppen auf den der Lichtquelle zu- gewandten und den ihr abgekehrten Seiten der Zellen. Vgl. auch Epistrophe, Antistrophe, Parastrophe, Es- charostrophe usw. K. Diataktisch heißen diejenigen taktischen Bewegungen und Einstellungen frei beweglicher Organismen (siehe Taxis), bei welchen sich diese mit ihrer Achse quer zur Angriffsrichtung des reizauslösenden Agens einstellen. K. Diatropismus s. Plagiotropismus. K. Dichogenie {dixa geteilt, yeveä Entstehung) nennt de Vries den Fall, daß an einer Stelle einer Pflanze etwas aus inneren Ursachen gebildet wird, während andere z. B. äußere Ursachen, Licht, Schwerkraft, die besondere Art dieser Bildung bestimmen. R. Dicke heißt gewöhnlich die größte zur Länge und Breite rechtwinkehg stehende Dimension eines Gebildes. Genaueres s. Dimensionen. Über »gestaltliche« und »rein funktionelle« Dicke s. Größe. Differentiation without cleavage [Lillie 1902]. Nach etwa stundenlangem Aufenthalte in mit KCl versetztem Meerwasser können befruchtete und unbe- fruchtete Annelideneier (Chaetopterus) gewisse Organe der Trochophoralarve ohne vorangegangene Zell- und Kernteilungen entstehen lassen. [F. R. Lillie, Diffe- rentiation without cleavage usw. Arch. f. Entwmech., 14, 1902.] F. Differenz, biochemische [Borst und Enderlen 1909, Oppel 191 1.] Chemische Unterschiede zwischen den Säften und Ge- weben verschiedener Individuen derselben Species. Auf sie sind u. a. die Mißerfolge bei Homoio- und Hetero- transplantation bei Säugetieren — im Gegensatz zu den erfolgreichen Autotransplantationen — zurückzuführen. — 102 — Differenz, biochemische (Fortsetzung). Oppel nimmt an, daß die biochemische Differenz eine Folge, bzw. eine Begleiterscheinung der somatischen Regulation (also der funktionellen Anpassung) ist und daß sie die Ursache für eine germinale Regulation, d. h. für eine zu identischen Resultaten mit der Änderung des Somas führende Veränderung des Keimplasmas darstellt. — Auf Grund dieser Differenz treten Borst und Enderlen für die »Individualität« der Person ein, also für das, was Fick (1907) »Individualplasma« nennt, d. h. eine für jedes Individuum spezifische, lebende, organisierte Plasmaart, in welcher alle Vor- bedingungen für die ganze individuelle Entwicklung und für die Entstehung aller vererbten und erworbenen Eigenschaften enthalten sind. [A. Oppel, Über die gestaltliche Anpassung der Blutgefäße usw. Leipzig 1 9 1 1 .] F. Differenzierender Faktor ist ein, wenn er aktiviert ist, Differenzierung bewirkender Faktor. Also ein Faktor, sei er der letzte hinzutretende oder ein früher schon am Orte des Geschehens vorhandener, der die »Art« (s. d.) des Geschehens im weitesten Sinne bestimmend oder mit »be- stimmend« bewirkt, NB. sofern das Produkt des Ge- schehens wahre Gestaltung (s. d.) ist, somit physikalisch oder chemisch von genügend langer Dauer ist oder bei der Entwicklung eine, wenn auch rasch ver- gängliche, »Vorstufe« weiterer »wahrer Gestaltung« (s, d.) darstellt. S. Determination, Faktoren. [Roux, Vortr. I, S. I35-] R. Differenzierung heißt in der Biologie eine dauernde (d. h. mindestens die funktionellen Wechselzeiten über- dauernde) physikalische oder chemische, wahrnehmbare oder bloß zu erschließende Veränderung eines Lebewesens (s. Gestaltung). Sie entsteht unter »determinierender« Be- teihgung der eigenen organisierenden Tätigkeit desselben. Passive Veränderung durch Schlag, Verbrennung ist keine Differenzierung. Manche Autoren gebrauchen als synonym die Bezeichnung Specification (s. d.). — I03 — Die Differenzierung geschieht durch Wirkung von Teilen auf einander, also durch differenzierende Correlationen (s. d.) dieser Teile. Sie ist zu scheiden von der mit den Funktionsphasen wechseln- den »rein funktionellen« Änderung [Roux] (s. Gestaltung). Differenzierung der Lebewesen stellt das eigentliche Geschehen der »Entwicklung« dar (s. d.). Die Diffe- renzierung ist »bewirkt«: a) durch oft lange vorher vor- handene, die »Art« (s. d.) des Geschehens bloß »bestim- mende« Faktoren, die »Determinationsfaktoren«, in Kombination mit b) den zur »Ausführung« des Bestimm- ten nötigen Realisationsfaktoren (s. d.), z, B. Wärme, Licht, ev. Nahrung (Blut). Ihrer Art nach ist die Differenzierung : i) qualitative Differenzierung, welche in Änderung der sog. Qualität (im engeren Sinne) des betreffenden Gebildes besteht, a) in der Bildung der verschiedenen Gewebe, gewebliche Differenzierung, und b) im Aufbau der verschiedenen Organstrukturen aus diesen Geweben, strukturelle Differenzierung der Organe, 2) quantita- tive Differenzierung, wesentlich nur die quantitativen Verhältnisse ändernde. Doch ist diese Scheidung keine scharfe, da die erstere durch letztere hervorgebracht werden kann. (S. Roux, Kampf der Teile u. Ges. Abh., II, S. 1046.) Dem SitzderFaktoren nach ist die Differen- zierung zu scheiden in : i. die Selbstdifferen- zierung [Roux] eines (NB. stets zu nennenden !) Ge- bildes oder Teiles, das ist Differenzierung, deren »deter- minierende« Faktoren in dem sich ändernden Teile selber enthalten sind (s. Selbstdifferenzierung), und in 2. ab- hängige Differenzierung (s. d.). 3. ge- mischte Differenzierung (s. d.). Eine weitere Unterart ist die p r ä f u n k t i o n e 1 1 e also zugleich afunktionelle Differenzierung (s. d. und Perioden). Die Differenzierung ist ferner, vom Anfang der indi- viduellen Entwicklung beginnend, einzuteilen in pri- — 104 — Differenzierung (Fortsetzung). märe , sekundäre, tertiäre und so weiter zu höheren Graden der Mannigfaltigkeit , also in pro- gressive: komplizierende eines Eiteiles usw. (ein- schließhch des von ihm durch Assimilation angeeig- neten Materiales;) ferner in rückschreitende, regressive, also vereinfachende Differenzierung. Diese wieder ist zu scheiden in: Entdifferenzierung oder bloße Vereinfachung als solche, sowie in Rückdiffe- renzierung, Vereinfachung zu einer früher durchlaufenen Beschaffenheit, Reduction. [Eug. Schultz, Ruzicka.] Zu unterscheiden ist ferner die (NB. viel weiter als die Metaplasie [s. d.] gehende) Umdif ferenzierung , also Umänderung eines schon differenzierten Gebildes zu einigen oder mehreren neuen Entwicklungsstufen ; z. B. gibt es Regeneration und Postgeneration durch Um- differenzierung [Roux]; s. d. und auch Metaplasie. Implicierende Differenzierung oder Implication ist die bei der ev. Vererbung vom Soma erworbener Verände- rungen anzunehmende vereinfachende Umänderung der- selben, die der einfachen Beschaffenheit des Keim- plasmas entspricht. S. Implication, blastoide Metamor- phose, Vererbung. [Roux, Ges. Abh. II 1046; General- reg. 270.] R. Differenzierung, actuelle [Hatschek 1888, Heider 1900]. Auftreten von Verschiedenheiten, durch welche zu- nächst die (NB. atypische) entwicklungsmechanische Potenz (s. d.) der Elemente in keiner Weise beeinflußt wird, so daß bloß actuell differenzierte Elemente in bezug auf atypische Gestaltungsleistungen noch untereinander vertauschbar sind. Sie sind umdif ferenzierungsfähig. (Gegensatz: Virtuelle Differenzierung). S. a. Virtuell. F. Differenzierung, virtuelle [Hatschek.] Veränderungen, welche die entwicklungsmechanische Potenz der Elemente selbst betreffen. Hierdurch wer- den Verschiedenheiten der Potenzen geschaffen, welche - 105 - nicht mehr rückgängig gemacht werden können, so daß die Elemente selbst in bezug auf atypisches Entwick- lungsvermögen nicht mehr untereinander vertauschbar sind. [B. Hatschek, Lehrbuch der Zoologie, Jena, 1888 — 1891. K. Heider, Das Determinationsproblem. Verhdlg. d. deutschen zool. Ges. 1900.] F. Differenzierungsgebilde: A) aktive, sind solche [Roux] : i) die sich selber differenzieren, Selbstdifferenzie- rungsgebilde. 2) die auf andere differenzierend wirken: Ander- differenzierungsgebilde. B) abhängige D., solche die fähig sind, durch die Einwirkung anderer differenziert zu werden : Sie heißen im speziellen: i) abhängige Differenzierungsgebilde, sofern sie die Art ihrer Veränderung noch mit bestimmen, oder 2) passive Differenzierungsgebilde, sofern bzw. soweit sie die Art ihrer Differenzierung nicht mit be- stimmen, wie z. B. die spezielle Gestalt der Leber, Lunge, von den Nachbarorganen bestimmt wird. S. Massen- correlation. [Roux, Ges. AbhdI. II. S. 910.] R. Differenzierungshauptgebilde, z. B. Differen- zierungshauptzellen [Roux] sind Gebilde, welche stärker auf andere Teile differenzierend wirken als andere Gebilde derselben Entwicklungsphase des Embryo usw. Der Zellkern ist z. B. ein Differenzierungs- hauptgebilde der Zelle, weil ohne ihn die gestalthche Regeneration nicht stattfindet. [Roux, Ges. Abhdl. II. S. 910.] R. Differenzierungshauptzellen sind Zellen, welche Differenzierungshauptgebilde [s. d.] sind bzw. solange sie dieses sind. R. Differenzierungsleistung s. Leistung, ontogenetische. Differenzierungsnebengebilde sind Gebilde, welche weniger stark auf andere Teile differenzierend wirken als andere Gebilde derselben Entwicklungsphase als Diffe- renzierungshauptgebilde desselben Lebewesens. [Roux, Ges. Abhdl. II, S. 910.] — io6 — Differenzierungsnebenzellen sind Zellen, welche Differenzierungsnebengebilde [s. d.] sind, bzw. solange sie dieses sind. R. Differenzierungsurzellen nennt Roux Blastomeren oder auch noch später vorkommende somatische Zellen, welche zwar typischerweise selbstdifferenzierungsfähig sind, außerdem aber atypischerweise zur Regeneration oder Postgeneration omnipotent sind, welche also wohl Totalkeimplasma enthalten. [Ges. Abhdl. II. S. 515.] R. Differenzierungsverwendung s. Verwendung. Diffusiotropismus. Bei den von Wurzeln im Diffu- sionsstrome ausgeführten tropistischen Bewegungen spricht Porodko von Diffusiotropismus (statt von Chemotropismus, s. d.), weil es zunächst noch unauf- geklärt bleiben muß, ob chemische, osmotische oder elektrische Energie den Ausschlag gibt. K. Dihybriden [DeVries 1900] s. Monohybriden. [De Vries, Ber. d. Deutsch. Botan. Gesellsch., 1900, S.84.] C. Dimensionen sind die Durchmesser eines Gebildes, sie werden gewöhnlich eingeteilt in L ä n g e : die größte Dimension, Breite: der größte zur Länge recht- winkelig stehende Durchmesser, und Dicke: der größte zu beiden ersteren rechtwinkelig stehende Durchmesser. Für »gestaltliche« und »bloß funktionelle« Dimen- sionen siehe Größe, Gestaltung, Axe. R. Dimensionale Hypertrophie s. Anpassung, funk- tionelle, Activitätshypertrophie. Diphagocytosis [Nusbaum-Oxner 19 10]. Nusbaum und Oxner weisen nach, daß bei der Rege- neration von Nemertinen (Lineus ruber) morphollak- tische Prozesse (s. d.) vermittels eines ganzen Herdes von besonderen migrierenden Zellen des Körperparenchjons zustande kommen. Diese Zellen treten zunächst als aktive Phagocyten auf, werden aber dann, nachdem sie sich mit Reservestoffen gefüllt haben, von lebens- fähigen Zellen des Regenerates verzehrt, denen sie so neue Lebensenergie verleihen. Diese zweifache Phago- cytose bezeichnen die Autoren als Diphagocytosis, den — 107 — ganzen Prozeß als diphagocy totisch , d. h. mit einer doppelten Phagocytose verbundene Morphollaxis. [J. Nusbaum u. M. Oxner, Studien über die Regeneration der Nemertinen. I. Arch. f. Entwmech., 30, Festschr. f. Roux, 19 10]. F. Diplokaryon [Boveri 1905] {ÖLTzlöog zweifach, ytdqvov Kern). Verdoppelung der Chromosomen des ersten Furchungs- kernes ohne Kernteilung. Ein hieraus entstehender Organismus ist diplokaryo tisch. — In einer späteren Arbeit (1907) schlägt Boveri vor, den Ausdruck : T e t r a- k a r y o n {rhqa vier) für Diplokaryon zu gebrauchen. [Th. Boveri, Zellenstudien, Heft 5, 1905. Heft 6, 1907. Jena, Fischer]. F. Diplonastie (diTtla^ doppelt). Diejenige Form des excentrischen Dickenwachstums von Sprossen, bei welchen an zwei einander gegenüber- liegenden Flanken das Dickenwachstum gefördert er- scheint (nach Schimper). Vgl. Epinastie und Hypo- nastie. K. Dipterocecidien [Thomas] die durch Dipteren (Zwei- flügler) hervorgerufenen Cecidien; s. d. Disperme Eier. R, Doppelt befruchtete Eier. Je nach der Zahl der Centren kann man tetra-, tri- und d i c e n t r i - sehe disperme Eier unterscheiden. [Th. Boveri, Zellen- studien, Heft 6, 1907.] F. Disposition ist die besondere qualitative Veranlagung eines Lebewesens zu irgendeiner besonderen, gewöhnlich atj^ischen vitalen Leistung oder Veränderung, vergl. Potenz. Sie ist bei erblichen Eigenschaften durch aty- pische Vererbungsstruktur (s. d.) bedingt und bedarf wie alles Determinierte zum Aktuell-, also zum Erkennbar- werden noch des Hinzukommens mindestens eines »Reali- sationsfaktors« (s. d.). Die Disposition ist für die Erhal- tung des Lebens günstig oder ungünstig, letzteren Falles ist sie krankhaft und heißt Diathese, z. B. chlorotische, exsudative, epileptische, gichtische Dia- — io8 — these. Ist sie qualitativ und zunächst nur einigen Zellen des Soma eigen, so ist sie vielleicht zunächst nur »intra- personell« [Roux] vererblich; vielleicht kann sie auch vom Soma aus »interpersonell« vererblich werden (s. Vererbung). S. Auslese. R. Dolichosis {dohxog lang) [Czapek], die Beschleu- nigung des Längenwachstums, welche ein Pflanzenorgan ohne Ablenkung von seiner Wachstumsrichtung durch irgendwelchen äußeren Reiz erfährt. Vgl, Etiolement. K. Dominant germs, Galton s. Pangenesis. Dominanz- Gesetz oder -Regel. In jedem Merkmalpaar eines mendelnden Bastardes soll das eine Merkmal über das andere so »dominieren«, daß der Bastard es in voUer Ausbildung zeigt, er von dem Elter, das das Merkmal besitzt, nicht unterschieden werden kann, und Mittelbildungen nicht vorkommen. [De Vries, Ber. d. Deutsch. Botan. Gesellsch. 1900, S. 84.] Die Erkenntnis, daß richtiges Dominieren in diesem Sinne zum mindesten selten ist, hat zur Änderung des Namens inPraevalenz-Regel geführt. [Cor- rens, Botan. Zeitg. 1900, Sp. 230.] Jetzt wissen wir längst, daß alle Abstufungen von völliger Dominanz zu wirk- licher Mittelbildung vorkommen und mit typischem Spalten verbunden sein können. C. Dominierend [Mendel 1866] ist in einem Merkmals- paar eines mendelnden Bastardes jenes Merkmal des einen Elters, das »ganz oder fast unverändert in die Hybride-Verbindung übergeht, somit selbst die Hy- briden-Merkmale repräsentiert«. Der Bastard zwischen Urtica pilulifera mit gesägtem Blattrand und Urtica Dodartii mit fast ganzrandigen Blättern hat den gesägten Blattrand der erstgenannten Art, dieses Merkmal dominiert also. [G. Mendel, Versuche über Pflanzenhybriden. 1866, S. 11 d. S. A.] C. Doppelmißbildungen s. Regel der doppelten Sym- metrie. — 109 — Doppelmonaster-Typus [Boveri 1907], Hypothetischer Typus dispermer Seeigeleier-Entwick- lung, bei welchem die beiden Sphären als Monasteren selbständig sind, und zwar die eine mit den Chromo- somen des Eikernes und des einen Spermakernes, die andere mit denen des zweiten Spermakernes. [Th. Boveri, Zellenstudien, Heft 6, 1907.] F. Doppelspindel typus [Boveri 1907]. Bei dispermen Seeigeleiern kann sich bloß der eine Spermakern mit dem Eikern vereinigen, während der andere selbständig bleibt. Es entsteht dann eine in ihrer Konstitution vollkommen normale »erste Furchungs- spindel« und eine »Spermaspindel <<[Br. Hertwig]. Diesen Typus der Entwicklung dispermer Eier nennt Boveri den Typus des doppelten Amphiasters oder Doppelspindel- typus. Wie beim Tetrastertypus [s. d.] ist ebene und gekreuzte Doppelspindel zu unterscheiden. [Th. Boveri, Zellenstudien, Heft 6, Jena, Fischer, 1907.] F. Doppelte Determination der organischen Gestalten s. Determination. [Roux, Die vier causalen Perioden.] Doppeltreziproke Bastarde [De Vries 191 1]. Vgl. Reziproke B. C. Dorsal, seine Bestimmung im Ei s. Dotteranordnung, Samenkörper, Penetrationsbahn. R. Dotter^nordnung, ihre causale Bedeutung. Sie be- stimmt nach Roux die Hauptrichtungen des Embryo im Froschei. Z. B. wird die Seite des Bildungsdotters (die obere braune Seite) zur ventralen Seite des Embryo, die Seite der tiefer herabreichenden braunen Rinde (das ist normalerweise die Seite, an der zufällig der Samenkörper eingedrungen ist), wird zur ventricaudalen Seite des Embryo. Die S5nnmetrieebene der Dotter- anordnung, welche normalerweise durch die Bahn des Samenkörpers hergestellt wird, wird normal zur ersten Furchungsebene und zur Medianebene des Embryo. Letzteres ist auch der Fall, wenn die vorherrschende Dotteranordnung NB. bei Zwangslage des Eies, durch die Schwerkraft bewirkt worden ist. Die halbkugelige — HO — Dotteranordung (Fortsetzung.) halbsymmetrische Anordnung des Dotters in einer der beiden ersten Blastomeren >>determinirt<< , aber vollzieht nicht für sich allein die Bildung eines halben Embryos aus ihr, dies auch nach Isolation der ersten Blastomeren [Roux]. S. Hemiembryo, Haibeigestalt. [Roux, Arch. mikr. Anat. Bd. 29, 1887. Ges. Abhdl. II S. 1047. Ders. Ursachen der Bestimmg. der Hauptrichtungen, Anat. Anz. 1903. Ders, Vortrag I, S. 233, 35, 161, 178. Generalreg. S. 270. S. a. Doppelbildungen.] Spätere gestaltende Wirkung der Dotteranordnung erwiesen resp. vertreten Boveri, Driesch, Fischel u. a. s. a. Promorphologie. R. Dorsinastie s. Epinastie. Drehung s. Torsion. Druck heißt diejenige Einwirkung auf einen Körper, welche die Teile desselben in der Richtung der Einwir- kung nähert oder zu nähern strebt. Druck erregt Druckwiderstand und erzeugt so Druck- spannung; die entsprechend wirkenden Kräfte heißen Druckkräfte. Der von außen auf ein Gebilde wirkende Druck heißt der primäreDruck, der durch ihn geweckte entgegengesetzt gerichtete, ihm Widerstand leistende Druck heißt Gegendruck. Sind Druck und Gegendruck gleich groß, so bleibt der Körper ruhend, anderenfalls wird er fortbewegt, ge- schoben, geworfen, s. Schieben. Selbst reiner primärer Druck auf ein Gebilde bewirkt in ihm secundärin anderen Richtungen auch Zug- spannung, den secundären Zug, dazu noch Schubspannung. Der secundäre Zug ist am stärksten rechtwinkelig zum Druck; die Schubspannung ist am stärksten bei prismatischen und völlig homogenen Kör- pern unter 45° zum Druck, sonst abhängig von der bei der Beanspruchung bestehenden Form und Structur. R. Druck auf Knochen. Es ist prinzipiell unwesentlich, ob der Druck auf die Knochen durch Wirkung der Schwerkraft oder der — III — Muskelkraft (Tonus oder Contraction derselben) oder durch Schrumpf ungs- Spannung anderer Weichteüe z. B. der Bänder, Haut bewirkt wird. Da aber die Art der Verteilung, die Richtung und die Dauer dieser Wirkungen verschieden sind, sind auch ihre durch funktionelle An- passung ausgeübten gestaltenden Wirkungen auf die Knochen ev. Knorpel entsprechend verschieden. Da die Schwerkraft lange andauernd in bestimmten Richtungen wirkt (beim Stehen und Liegen), ist der Effekt ihrer gestal- tenden Wirkung auch größer als der Effekt der nur zeit- weilig wirkenden Muskelcontractionen (s. dagegen Muskel- tonus.) Vgl. Beanspruchung, Stemmen, Druckschwund. R. Druckaufnahmefläche der Knochen, die typische, ist meist mit Knorpel bedeckt. Diese findet sich an den Gelenkenden und Synchondrosen und stellt die Fläche dar, auf welche nur der andere Skeletteil, beim be- wegten Gelenk gleichzeitig Reibung und daher Scherung bewirkend, drückt. Unter der Gelenkfläche ist immer eine Compacta und darunter folgt wenn auch nur dünne Spongiosa pilosa [Roux] (s. d.), letztere, weil hier, auch selbst an Winkelgelenken und Amphiarthrosen oft seitlicher Druck verschiedener Richtung stattfindet. Bei den Kugelgelenken gehört dieser all- seitige Wechsel der Druckrichtungen zum Normalen, und der Wechsel ist hier viel ausgiebiger, weshalb hier die Substantia spongiosa pilosa in viel dickerer Schicht vorhanden ist als unter der Gelenkfläche der Winkel- gelenke, wo die Spongiosa laminosa vorherrscht. (s. Formationes substantiae spongiosae). Diese überknorpelte Fläche hält außer der Wirkung der Belastung durch die Schwere der Körperteile auch den starken intermittierenden, durch die Muskelcon- tractionen und den immer andauernden durch den Muskeltonus und den Schrumpfungstonus der Bänder, Haut bewirkten Druck aus. Auch die nicht überknorpelten Druck- aufnahmeflächen der Syndesmosen, z. B. an den Nähten des Schädels, widerstehen rätselhafterweise — 112 — Druckaufnahmefläche (Fortsetzung), dem dort kontinuieriichen Druck, während die gleichfalls von Periost oder (Endost) überkleideten »Seitenflächen« der Knochen, z. B. durch den schwächeren Druck der Pacchionischen Granulationen oder erweiterter Venen oder andrängender Aneurysmen, dem Schwunde anheimfallen. S. Druckschwund. Druckfalten sind durch Druckwirkung auf ein Ge- bilde entstehende Falten. Sie stehen rechtwinke- 1 i g zur Richtung des Druckes. Vgl. Zugfalten. R. Druckmitose s. Mitotisch. Druckschwund des Knochens. Er ist sehr ver- schieden je nach der Beschaffenheit der Angriffsstelle des Druckes. Er findet statt: i. angeblich von den überknor- pelten Flächen aus bei abnorm gesteigertem Druck, obschon von diesen Flächen aus der starke Druck der Last des Rumpfes, sowie der Druck des Tonus und der Contraktion (s. d.) der Muskeln und der zwar schwache, aber kontinuierliche Druck des Schrumpfungstonus der Bänder [Roux] ausgehalten wird; und obschon normalerweise bei Stei- gerung des von diesen Flächen her einwirkenden Druckes Verdickung durch Acti vitätshypertrophie des Knochens in Richtung rechtwinkelig zum Druck erfolgt, so daß die »relative Beanspruchung« (s. d.) des Knochens nor- malerweise dieselbe bleibt. Druckatrophie durch vom Knorpel aus einwirkenden Druck kann also wohl nur stattfinden, wenn die Drucksteigerung so rasch statt- findet, daß die Activitätshypertrophie nicht genügend folgen kann. 2. Druck auf das Periost oder Endost und deren Fortsetzung längs durchtretender Gefäße. An diesen »Seitenflächen« bewirkt schon wenig über das Normale gesteigerter Druck, also an sich noch sehr geringer, aber meist kontinuierlicher Druck Wachstumshemmung und Schwund, so z. B. der Druck von Pacchionischen Granulationen, Aneurysmen, erweiterten Venen. — 113 — Die Druckatrophie durch den gesteigerten, aber noch schwachen Druck auf das Periost muß ganz besonders bedingt sein, vielleicht veranlaßt und vermittelt durch Druck auf die Osteoblasten, wodurch sie vielleicht zu Osteoklasten werden, auf die eintretenden Blutgefäße und durch chemische Alteration. S. a. Knochenresorp- tion, Schwund, physiologischer. [Roux, Ges. Abb., I, S. 735, 761 u. f.] Dunkeletiolement s. Etiolement. Durchströmungskompressorium [H. E. Ziegler 1894, 1897]. Apparat, mittels dessen ein fein regulierbarer Druck auf das zu untersuchende Objekt ausgeübt und gleichzeitig frisches Wasser oder irgend eine andere Flüssigkeit zugeführt werden kann. Durch entspre- chende Verwendung von Baumwollfäden lassen sich mit dem Apparate auch Seeigeleier zerschnüren : Durch- schnürungskompressorium, [Ziegler, Die beiden Formen des Durchströmungskompressoriums. Zeitschr. f. wiss. Mikr., 14, 1897.] F. Durchschnürungskompressorium s. Durchströ- mungskompressorium. Dynamische Biegungsconstruction im Gegensatz zur statischen, s. Biegungsconstruction. Dynamische Funktion ist eine aktive Leistung durch besondere Produktion von Widerstand oder Bewegung seitens der Muskeln, oder Bildung eines besonderen Produktes seitens der Drüsen, Ganglienzellen, Bildung neuen Epithels. Gegensatz statische F., z. B, passive Widerstandsleistung der Knochen, Knorpel, des Bindegewebes. R. Ebene, karyokinetische, des Eies. [Boveri 1901.] Jene auf der Eiachse senkrecht stehende, in der Nähe des Äquators gelegene Ebene, in welcher auch die beiden Pole der normalen ersten Furchungsspindel sich finden. Entspricht der Kernschicht Roux' (s. d.). [Th. Boveri, Die Polarität von Ovocyte, Ei und Larve des Strongylocentrotus lividus. Zool. Jahrb., Bd. XIV, 1901.] F. Roux, Terminologie der Entwicklungsmechanik. 8 — 114 — Echte Bastarde [De Vries 1900], soviel als mendelnde Bastarde. S. Erbgleiche Bastarde. [Dort die Lit.] C. Egoismus s. Funktion. Eiachse s. Dotteranordnung. Eifurchung s. Furchung. Eigendruck, osmotischer [Hoeber] ist der osmotische Druck eines bestimmten Lebewesens in bestimmter Phase seiner Entwickelung. Manche Tiere haben konstanten, von der Konzentra- tion der umgebenden Flüssigkeit unabhängigen osmo- tischen Druck ; diese Tiere nennt Hoeber h o m o 1 o s - m o t i s c h ; ändern sie den Druck mit der Umgebung, sind sie pökilosmotisch. [Hoeber, Physikal. Chemie der Zelle u. Gewebe 1906.] R. Eigengestalt s. Gestalt. Einheiten, physiologische s. Automerizon. Einschnürung ist in ihrer eigentlichen causalen Be- deutung eine Verschmälerung durch ringsum stattfin- dende äußere Einwirkung, wie bei Abschnürung (s. d.), nur daß sie nicht bis zur Zusammenhangstrennung fortge- setzt wird. Das Wort wird in der deskriptiven Embryologie aber ebenso wie Abschnürung ohne Be- rücksichtigung seiner eigentlichen, das spezifische Wir- ken bezeichnenden Bedeutung für die Entstehung einer an schmaler Stelle ringsum stattfindenden oder auch nur einseitigen Verschmälerung eines Gebildes angewen- det, dies sogar auch dann, wenn keine äußere, das Ge- bilde passiv deformierende Einwirkung stattfindet, son- dern wenn die Umformung durch Selbstumordnung der die Stelle bildenden lebenden Teile (Zellen) geschieht, wie dies meist der Fall ist. Wirklich »eingeschnürt« wird, auch abgesehen von dem Mangel einer Schnur, bei dem »typischen« Entwicklungsgeschehen, wenn über- haupt, wohl nur sehr selten. S. Abschnürung. R. Einseitige Bastarde [De Vries 1903], welche den Typus des einen Elters mit Ausschluß des anderen füh- ren (also Bastarde mit Dominanz des einen Merk- - 115 - males). [H. De Vries, Mutationstlieorie, Bd. II, S. 20 (1903)-] C. Einzelursachen s. Teilursachen, Faktoren. Eiteil-Gebilde, Oomeroplast (coör Ei, f-dQog Teil, Ttkagrög gebildet), nennt Roux die bloß aus einem Teile eines Eies entstandenen Lebewesen (z. B. Halbeigebilde, Vierteleigebilde), einerlei, ob sie selber bloß halbe oder ganze Lebewesen darstellen, also ob sie bloß T e i 1 g e - bilde, Meroplasten, z. B. Hemiembryonen oder (primäre oder sekundäre) Ganzbildungen, Holoplasten sind. S. Hemiooplasten, Teilgebilde, Teilbildung. [Roux, Ges. AbhdI. II, S. 792, 884.] Eiteil-Larven s. Partiallarven. Ekblastesis {hßXaardrcü sprosse hervor) seitliche Durchwachsung der Blüten. Vgl. Diaphyse. K. Ekphorie s. Semons Hypothese. Ektauxese {iKTÖg außen, ecv^)]aig Zuwachs) nennt Weisse die durch »die Lage zum Muttersproß bedingte Förderung der an der Außenseite eines Zweiges stehen- den Organe«. K. Ektropie der Energie nennt G. Hirth diejenige Ener- gieumwandlung, welche Energie bei den Schlußprozessen des Lebens resp. der Entwicklung für die äußeren Arbei- ten des Systems, für seine Funktionen, potentiell ver- fügbar resp. frei macht. Gegensatz ist die Entropie der Physiker : die Entwertung der Energie für ihre Ver- wendbarkeit durch die Verteilung der Wärme im Raum (nach dem zweiten Hauptsatz der mechanischen Wärme- theorie). [E. Hirth, Entropie der Keimsysteme und erbliche Entlastung. München 1900, S. 66, 6g, 106. Ders., Wege zur Freiheit. München 1903, S. 248.] R. Ektropismus nennt F. Auerbach, im Anschluß an G. Hirth, das von ihm als eine besondere universelle Fähigkeit der Lebewesen erkannte Vermögen, Energie aufzuspeichern (durch sogen . Energiehunger [Hirth]) sowie die Mannigfaltigkeit der sichtbaren und un- sichtbaren Gestaltung zu vermehren, also das Ver- mögen zur phylogenetischen und ontogenetischen Neo- 8* — ii6 — Ektropismus (Fortsetzung), epigenesis Roux'. Dies Vermögen steht im Gegen- satz zu der allgemeinen Entropie, zur Entwertung der Energie durch Verteilung (Dissipation) beim anorga- nischen Weltgeschehen und zum vielfachen Abbau des Strukturierten in der freien Natur. Der Ektropismus ist aber keine einzelne, besondere Funktion, sondern er beruht [Roux] auf der »besonderen Art« des Geschehens einiger Elementarfunktionen [s. d.]: i. der Selbst- bewegung und Reflexbewegung, insoweit diese auf vor- heriger Aufspeicherung von potentieller Energie beruhen, 2. der Selbsten t Wicklung, soweit sie in Neoepigenesis [Roux] (nicht in Neoevolution Weismanns) besteht ; außer- dem in anderer Weise: 3. auf der morphologischen Selbstassimilation des Keimplasmas und 4. auf der qualitativen Halbierung bei der Selbstteilung. Beide letzteren »erhalten« die erwachsenen ektropischen Ver- mögen der beiden ersten Funktionen. Es sind dem- nach zu unterscheiden: i. energetischer, Energie auf- speichernder und 2. formativer, gestalthche Mannig- faltigkeit produzierender Ektropismus [Roux]. S. Ek- tropie. [Fei. Auerbach, Ektropismus oder die physika- lische Theorie des Lebens. Leipzig 1910. G. Hirth, Entropie der Keimsysteme und erbliche Entlastung. München 1900.] R. Elastikotropie, die Fähigkeit einiger Mikroorganis- men (Bacterium Zopfii), in der Richtung ihres Wachs- tums von den im Nährboden herrschenden mechanischen Spannungen sich beeinflussen zu lassen. K. Elastizität, das Streben der Körper, gewisse durch äußere Kräfte hervorgerufene Deformation rückgängig zu machen oder auch die Fähigkeit zur Wiederherstel- lung der ursprünglichen Gruppierung der Teile nach Entfernung der äußeren Kräfte. Die Kräfte, welche darauf hinwirken, heißen elastische Kräfte, die rückgängig werdenden Veränderungen elastische Ver- änderungen, im Gegensatz zu bleibenden Veränderungen [nach Weyrauch]. - 117 - Elastizitätsgrenze. Für Zug, Druck, Schub usw. wur- den früher diejenigen Beanspruchungen per Quadrat- einheit oder auch im ganzen genannt, bei deren Über- schreiten bleibende Formänderungen eintreten, während die Körper nach geringeren Beanspruchungen wieder vollständig in ihren früheren Zustand zurückkehren sollten. Diese Definition hat sich als unhaltbar erwiesen, eine so scharf bestimmte Grenze existiert nicht [Wey- rauch]. Statt dessen jetzt Proportionalitätsgrenze, die- jenige Beanspruchung, unterhalb welcher die elastischen Formänderungen als proportional den erzeugenden Kräf- ten gelten können [nach Weyrauch]. Elastizitätsmodul E für Zugbeanspruchung ist die- jenige Zugkraft, welche einen prismatischen Körper vom Querschnitt = i (z. B. qmm) um seine anfänghche Länge ausdehnen würde, sofern die Dehnung ständig proportional wie am Anfang erfolgen würde. P = ^FE worin P die ausdehnende Kraft, F der Querschnitt, I die Länge des Körpers, sowie l die durch diese Kraft bewirkte Verlängerung bedeutet. Für Druck ist der Elastizitätsmodul diejenige Druckkraft, welche den prismatischen Körper bei immer derselben Proportionalität um seine anfänghche Länge verkürzen würde. S. a. Tragmodul, Proportionalitäts- grenze. R. Elastizitätsstrukturen stellen Bau auf Elastizität dar. Sie sind im Gegensatz zu den gewöhnlichen Steifigkeitsstrukturen solche Strukturen, bei denen gegenüber den normalen Beanspruchungen eine erhebhche elastische Deformationsmöglichkeit angestrebt wird, in den meisten Fällen unter qualitativ bestimmter Deformation. Die Vorteile eines solchen Baues liegen in Verteilung, Dämpfung und Schwächung des mecha- nischen Lisultes, letzteres, weil ein erheblicher Teil von dessen Energie in Formänderungsarbeit umgesetzt wird, ferner unter Umständen auch in der Zerlegung der — ii8 — äußeren Kräfte in bestimmt gerichtete Komponenten. Vgl. auch >> Spannungsauslese« (W, Gebhardt). Elektive Auslösung [Roux] s. 1. Elektive Reizung [Roux] s. Reizung. Elektrische Polarisation, gestaltliche, S.Polarisation. Elektrotaxis = Galvanotaxis [s. d.]. K. Elektrotropismus, der durch einseitige Einwirkung strahlender Elektrizität hervorgerufene Tropismus [s. diesen]. Vergl. a. Galvanotropismus, Hertzotropismus. K. Elementa >>histologica<< ossium, gewebliche Ele- mentarteile der Knochen, sind die Knochen- zellen und die Knochengnindsubstanz (Fasern und Zwischensubstanz). Vgl. Elementa statica. R. Elementa statica [Roux] substantiae compactae ossium, statische Elementarteile der Knochencompacta. Als solche sind am fertigen Knochen zu unterscheiden : 1. die Generallamellen, aus lamellös geordnetem, feinfaserigen Knochengewebe bestehend, 2. d i e statischen Säulchen, Haversschen Säu- len [Gebhardt] oder Haversschen Lamellensysteme, Haversschen Röhrchen, Tubuli Haversiani und 3. die wesentlich als stützende Füllmasse fungierenden Reste beider aus früherer Zeit , die sog. intersti- tiellen Lamellen. [Roux, Ges. Abhdl. I, S. 709, 7 1 1 und Meyburg, Arch. f. mikroskop. Anat., 64.] R. Elementa statica substantiae spongiosae ossium, statische E 1 e m e n t a r t e i 1 e , Bausteine der Knochenspongiosa nennt Roux die aus den vielen vorkommenden Formen von Bausteinen unterscheid- baren vier am meisten voneinander verschiedenen Typen mit entsprechend verschiedener Funktion. Zwischen diesen vier Typen gibt es alle denkbaren Übergangsfor- men. Aus ihnen sind also im wesentlichen alle die überaus verschiedenen speziellen Strukturen der Knochenspon- giosa aufgebaut. Als solche spezifisch fungierenden sta- tischen Elementarteile charakterisiert Roux zunächst unter Definition ihrer »specifischen Funktionen« die be- — 119 — reits früher deskriptiv unterschiedenen Tubuli ossei, Knochenröhrchen, Lamellae, speciell s t a t i c a e [Roux], statische Knochenplättchen, resp. L a m i n a e staticae [Roux], statische Platten und Trabe - culae osseae, Knochenbälkchen ; er fügte neu hin- zu die P i 1 a e o s s e a e , Kugelschalen [s. diese]. Aus ihnen werden die Formationes substantiae spongiosae zusammengesetzt [s. d.]. [Roux, Ges. Abhdl. I, S. 702 — 704.] Elementarfunktionen derLebewesen sind die- jenigen Leistungen, welche allen oder fast allen Arten von Lebewesen eigen sind. Sie sind die zur Existenz nötigsten. Allen, auch den niedersten kommen zu die allgemeinsten oder universellen Erhaltungsfunktionen. Dann fügen sich hinzu immer komphziertere Leistungen; z. B. typische Gestaltungs- oder Entwick- lungsfunktionen. Alle sind »Selbstlei- stun g en des Gebildes« im Sinne Roux' [s. Selbst- und Autoergie], daß diejenigen Factoren, welche die Art [s. d.] des Geschehens determinieren (nicht aber not- wendig auch die reahsierenden Faktoren) in dem Ge- bilde selber gelegen sind. Die universellen, zugleich die minimalen Elementar funktionen sind die Selbsterhaltungsfunktionen, welche keinem Gebilde, das den Namen Lebewesen führt, fehlen dürfen: 1. Selbstveränderung, Autodissimilatio, 2. Selbstanbildung, Autoassimilatio , chemische so- wie »morphologische <<[Roux], zum Selbstersatz des Ver- änderten, zum Selbstwachstum und zur Selbstver- mehrung, 3. Selbstausscheidung des Veränderten, Autoexcretio, 4. Selbstaufnahme von Stoff, Autoreceptio, 5. Selbstbewegung, Automatie und Reflexbewegung. Alle diese Leistungen bilden den Stoff- und Energie- wechsel; die Selbstbewegung und morphologische Assi- milation sind aber auch noch bei den »gestaltenden« Leistungen beteiligt. — 120 — Elementarfunktionen (Fortsetzung). 6. Selbstteilung, Autodivisio, unter qualitativer Hal- bierung, und 7. Vererbung, Hereditas, das ist Selbstübertragung der Eigenschaften der Eltern auf ihre Kinder. Sie geschieht einfachsten Falles durch Selbstverdoppelung aller Teile durch Nr. 2 und durch qualitative Halbierung Nr. 6. Diese beiden bewirken die Selbstvermehrung der Lebewesen. Dazu gehört noch zugleich als seiner Art nach charak- teristischstes Merkmal der Lebewesen die Selbst- regulation, Autoregulatio, in der Ausübung aller Leistungen [Roux]. Das Gebilde mit diesen Leistungen ist das Auto- merizon [s. d.]. Differenziertere, sog. höhere Lebewesen haben noch andere Erhaltungsleistungen: die specifi sehen Gewebe- leistungen, z. B. die Stützfunktionen der Stützgewebe, die Betriebsfunktionen [s. d.], deutlich charakterisierte seelische Funktionen usw. Zu den Erhaltungsleistungen kommt auf etwas höherer Stufe zuerst noch das nur den allerniedersten Lebewesen fehlende Vermögen, die Potenz zu typischen Selbstge- staltungsleistungen oder die Selbstentwicklung hinzu (zu welchen auch die Bildung der typischen chemischen Struktur mit zuzurechnen ist [s. Gestalt]. Die Erhal- tungsfunktionen können auch an sich mit Gestaltungs- leistung verbunden sein [s. Anpassung, funktionelle]. Auch die Entwicklung erfolgt unter Selbstregulation. S. a. Funktionen, Betriebsfunktion. Vgl. dagegen Ele- mentarprozeß Drieschs unter Elementarorgan. S. die Insubstantiationen der verschiedenen Gruppen dieser Funktionen unter: Biogenesis Roux', Partialbionten und Idioplasson, Psychoplasson. [Roux, Ges. Abh.II, S.76, 1892. Ders., Angebliche künstl. Lebewesen, 1906, Ders. : Können wir die Faktoren und die gestaltenden Wirkungsweisen der »typischen« Entwicklungs Vorgänge der Lebewesen — 121 — ermitteln. Proceed. of the VII. Internat. Zool. Congress. Boston 1907.] R. Elementarmechanismus, cytotropischer [zur Stras- sen 1896]. Je vier ihrer Abstammung nach zusammengehörige Blastomeren von Ascaris megalocephala bilden einen »cytotropischen Elementarmechanismus«, d. h. sie führen stets die gleichartigen Bewegungen während der t}^!- schen Entwicklung aus, wobei die Bewegungen je zweier Paare koordinierte sind [s. Cytotropismus]. [O. zur Strassen, Embryonalentwicklung der Ascaris megalo- cephala. Arch. f. Entwmech., 3, 1896.] F. Elementarorgan nennt Driesch im sich entwickelnden Keim das, was in jedem einzelnen Falle als morpholo- gisch einheitlich gekennzeichneter Effekt unter Verwen- dung eines der »elementaren morphologischen Mittel« [s. d.] der Ontogenese geschieht. Den zu seiner Bildung führenden Prozeß bezeichnet er als einen morphogenen Elementarprozeß, z. B. Furchung, Mesenchymbildung, Urdarmbildung, Wimperringbildung; er unterscheidet celluläre, primäre, sekundäre, tertiäre E. »Ultimäre Elementarorgane sind solche, an denen keine neuen Ele- mentarprozesse inszeniert werden, sondern welche nur noch etwa in sich gleichförmige Veränderungen zeigen, wie z. B. Wachstum unter Erhaltung der Proportionen« (also »Ähnlichkeitswachstum« Roux'). Negativ bestimmte Elementarorgane bezeichnet Driesch »solche, welche ohne sichtbare Veränderung eine Ände- rung ihrer prospektiven Potenz (also ihres entwicklungs- mechanischen Vermögens [Roux]) und damit ihres typi- schen Charakters erleiden; positiv bestimmte Elemen- tarorgane sind das Gegenstück dazu«. Vgl. dagegen Elementarfunktionen Roux'. [Driesch, Resultate u. Probl. 1899, S. ^66, 772. Ders., Analytische Theorie der Organentwicklung, Leipzig 1894.] R. Elementarprozeß, morphogener s. Elementarorgan. Eliminationsmethode [Dreyer, Driesch], »diejenige Art der Forschung, welche durch Aufzeigung ihrer che- — 122 — Eliminationsmethode (Fortsetzung) . mischen oder physikahschen Natur gewisse Phänomene aus dem Kreise der Lebensgeschehnisse und damit ge- wisse Probleme aus dem Kreise der Biologie eliminiert« [Driesch]. [Driesch, Ergebn. d. Anat. u, Entwgesch. 1901, S. 800.] Es ist keine besondere Methode, sondern bloß die An- wendung einer besonderen Bezeichnung auf unser Be- streben, das Komphzierte in Einfaches zu zerlegen, das biologische Geschehen auf physikalisch-chemisches Ge- schehen und dessen Faktoren zurückzuführen. Soweit dies geschehen ist, ist es aus dem noch verbliebenen Rest noch nicht physikalisch-chemisch erklärten »complexen« Geschehens »eliminiert«. R. Embryo. Bestimmung seiner Haupt rich- tungen im Ei. Die Determination der Richtung der Medianebene geschieht im Froschei nach Roux (1885 bis 1887): I. normalerweise durch die symmetrische Dotteranordnung, welche der Samenkörper bei seiner Durchwanderung durch den Dotter als Abweichung von der vorherigen Rotationsstruktur [s. d.] bewirkt; dies derartig, daß der (NB. beliebig wählbare) Befruchtungs- meridian [s. d.] diese Symmetrieebene bildet und daß diese Ebene zur ersten Furche und zur Medianebene des Embryo wird; 2. bei schiefer Zwangslage [s. d.] des Eies, indem die Medianebene durch die Symmetrieebene derjenigen Dotteranordnung bestimmt, welche durch die Schwerkraft [s. d.] bewirkt wird; 3. bei Parthenogenesis nach Brächet (1910) ge- schieht die Bestimmung also ohne i, aber nach Roux wohl wieder durch die Schwerkraft infolge der Zwangs- lage der Eier im Mutterleibe s. Manifestation. Die anderen Richtungsbestimmungen siehe unter Dotter- anordnung, Penetrationsbahn. [Roux Arch. f. mikroskop. Anatomie 1887 Bd. 29. Ges. AbhdI. II. S. 344, Anat. Anzeig. 1903.] R. Embryo, deformierter, er entwickelt sich bei an- dauernder Deformation des Eies und Embryos — 123 — der Hauptstruktur nach so normal, als ob der Embryo, genügend elastische Beschaffenheit vorausgesetzt, erst nach der Bildung seiner Organe deformiert worden wäre, [Roux, Ges. Abhdl. II. S. 926.] R. Embryologie, experimentelle, ist die Beobachtung der Entwicklungsvorgänge und ihrer Produkte unter irgendwelchen künstlich hergestellten Bedingungen oder Eingriffen. Sie braucht nicht die »einzelnen« Faktoren der Ontogenese und deren Wirkungsweisen [s. d.] zu er- mitteln. Unterschied: Entwicklungsmechanik, deren spe- cifische Aufgabe dieses ist [s, d.]. R. Embryonal der Potenz nach, also embryonalpotent ist Lebendes, welches noch die specifischen Lebens- eigenschaften des Embryo oder seiner Teile hat, d. h., wenn es noch erhebliche Entwicklungspotenzen hat. Das ist der Fall, erstens wenn es noch aus eigenen er- erbten Vermögen, also ohne funktionelle Reize und sonstige nicht ererbte Faktoren wächst und sich diffe- renziert, wie es in Roux' Perioden I und II geschieht. Es ist dabei einerlei, ob Selbstdifferenzierung [s. d.] und Selbstwachstum [s. d.] des »betreffenden Ganzen oder Teiles« wieder zunächst nochmals durch Selbst- differenzierung und Selbstwachstum von Unterteilen oder gleich durch differenzierende Correlationen der nächsten Unterteile bewirkt wird. In letzter Instanz ge- schieht doch alle Selbstdifferenzierung eines Gebildes durch differenzierende Wirkungen von Unterteilen auf- einander. Embryonal-potent sind also auch noch Teile, welche noch stark der abhängigen Differen- zierung, aber unter erhebUcher eigener differenzierender Mitwirkung ihrer Unterteile fähig sind. Soweit diese em- bryonale Potenz für uns noch nicht erkennbar ist, sei dieser Zustand kryptoembryonalpotent genannt. Die Vermögen (Potentiae) zur passiven Diffe- renzierung, also zur Massencorrelation, sowie zum Wachs- tum durch funktionellen Reiz sind dagegen »nicht em- bryonal«. Letzteres Vermögen bekundet bloß noch die specifische das ganze Leben andauernde gestaltliche Reiz- — 124 — Embryonal (Fortsetzung), barkeit des Gebildes durch die funktionellen Reize. Wenn ein nicht selbstdifferenzierungsfähiges Gebilde aber noch durch andere, nicht funktionelle, atypische Reize zum Wachstum und zur Differenzierung veranlaßt werden kann, so offenbart sich darin noch immanente embryo- nale Potenz, denn äußere Einwirkungen können solche Potenz nicht schaffen, sie können sie höchstens acti- vieren, und sie ist nicht allen Teilen das ganze Leben eigen. Der Struktur nach embryonal beschaffen sind Gebilde, welche noch die wesentliche sichtbare Beschaffenheit der embryonalen Gebilde haben, z. B. relativ viel Protoplasma und wenig zur specifischen Gewebsfunktion differenzierte Substanz (z. B. wenig Fleischprismen in den Muskelfasern). R. Endauxese (evdov innen, av^r]Oig Zuwachs) nennt Weisse die durch die Lage zur Abstammungsachse be- dingte Förderung der an der Innenseite eines Zweiges stehenden Organe. K. Endogenes Wachstum s. Wachstum. Endotrophie {evdov innen) ist diejenige Form der Trophie [s. d.], bei welcher ein Organ auf der seiner Ab- stammungsachse zugewandten Seite im Dickenwachs- tum gefördert wird. K. Engramm s. Semons Hypothese. Entelechie [Driesch] s. Lebewesen. Entkalkungsmethode. Herbst fand, daß man durch Ca-freies Meerwasser den Verband der Furchungszellen membranloser Eier der Seeigel auflockern, ja sogar die letzteren isolieren kann. Trotz dieser gänzlichen Isolation oder Auflocke- rung verläuft aber die Furchung bis zu ihrem Ende, ja es tritt sogar Differenzierung von Wimperzellen ein. — Durch Ca-freies Wasser kann übrigens auch der Verband zwischen den Zellen späterer Entwicklungsstadien oder erwachsener Formen gewisser Tiere gelöst werden, ohne den Tod der isolierten Elemente zu bewirken. — Nach - 125 - Übertragung in kalkhaltiges Wasser findet wieder ein Zusammenschluß der Zellen statt. [C. Herbst, Über das Auseinandergehen von Furchungs- und Gewebezellen im kalkfreien Medium. Arch. f. Entwmech., 9, 1899.] F. Entmischung, tropfenförmige, des Kernkörper- chens. [Eug. Albrecht 1898.] Mittels verschiedener Salzlösungen konnte Albrecht ein Ausfallen der Nucleolarsubstanz in Form von Tropfen erhalten, deren schließlicher Erfolg häufig die Bildung einer sehr zähflüssigen Oberflächenschicht ist. [E. Al- brecht, Untersuchungen zur Struktur des Seeigeleies. Sitzgber. d. Ges. f. Morph., München 1898.] F. Entmischung, tropfige, des Plasmas. [Eug. Al- brecht 1903.] Mittels verdünnter Lösungen indifferenter Salze oder mit Wasser konnte Albrecht das Cytoplasma in eine dichte Emulsion feiner Tröpfchen — »Cytostag- m e n<< — verwandeln. In den Leberzellen von Mäusen konnte diese Umwandlung auch durch Hungernlassen der Tiere erzielt werden. Das Fixationsbild solcher Zellen ergab Waben (Schaum) — Strukturen. — Die Tröpfchen selbst bestehen aus einer dünnen Oberflächen- schichte fettartiger (myelinogener, lipoider) Substanz, welche die Unmischbarkeit mit der umgebenden Flüssig- keit bedingt und dadurch gleichzeitig den Inhalt vor der Mischung mit der Zellgrundflüssigkeit schützt. [E. Al- brecht, Über die Bedeutung myelinogener Substanzen im Zelleben. Verhdlg. d. deutschen pathol. Ges., VI, 1903-] F. Entoblast, aktiver und passiver. [Gurwitsch 1904.] Bei mit Lithiumchlorid behandelten Frosch- und Kröteneiern konnte Gurwitsch wahrnehmen, daß die ursprünglich (im Blastulastadium) einheitliche Masse der weißen Dotterzellen in zwei scharf voneinander be- grenzte ungleiche Abschnitte zerfällt. Der untere, die weiße Eihälfte einnehmende Abschnitt der Dottersub- stanz besitzt sehr große, polygonale, pigmentlose und im Absterben begriffene Zellen: passiver Entoblast. — 120 — Ell toblast (Fortsetzung) . Im Gegensatze hierzu stehen jene Zellen, welche einen Wall um die kegelförmige Blastulahöhle bilden und scharf gegen die passiven Entoblastzellen abgegrenzt sind : Ihrer Größe nach stehen sie zwischen den schwar- zen Ektoblast- und den großen absterbenden Zellen; sie besitzen ferner Pigment, das aber ausschließlich an der einen nach außen gewendeten Spitze der langen spindel- förmigen Spitze konzentriert ist:aktiver Entoblast. Der passive Entoblast dieser Larven ist als eine dem Dotter der meroblastischen Eier analoge, bei den holo- blastischen Eiern sonst gar nicht vorhandene Bildung aufzufassen; der aktive entspricht dem Parablast oder den Dotterkernen eines meroblastischen Eies. [A. Gur- witsch, Über die formative Wirkung des veränderten chemischen Mediums usw. Arch. f. Entwmech., 3, 1896, sowie: Morphologie und Biologie der Zelle. Jena, Fischer, 1909.] F. Entomocecidien [Thomas], die durch Insekten her- vorgerufenen Cecidien [s. d.]. K. Entropie s. Ektropie, Ektropismus. Entwicklung, Evolutio, ist die Vermehrung (Neoepi- genesis) oder Umbildung (Neoevolution) von Mannig- faltigkeit oder wohl zumeist die Kombination beider [Roux, 1885]. Beiderlei Geschehen geht in der organischen Natur stets mit Vermehrung der »wahr- nehmbaren« Mannigfaltigkeit einher. (Geschehen, bei welchem die wahrnehmbare oder nicht wahrnehmbare Mannigfaltigkeit vermindert wird, heißt Involution, Reduction.) Die Entwicklung der Lebewesen wird nach Haeckel eingeteilt in a) Entwicklung des Einzelwesens, des Individuums: Ontogenesis [s. Evolution, Epigenesis, Neoevolu- tion, Neoepigenesis]. b) Entwicklung der Stämme der Lebewesen : P h y - logenesis. R. — 127 — Entwicklung, typische, ist die individuelle Entwick- lung rein zufolge der typischen determinie- renden Beschaffenheit des Keimplas- mas und der ersten Activierung dieses Determinations- complexes, also die Entwicklung ohne »äußere determi- nierende«, somit ohne das Typische >>alterierende<< oder »störende« Einwirkung, somit Selbstentwicke- lung, Autoformatio [s. Typus]. Sie kommt infolge der wohl bei jeder einzelnen Onto- genese in irgendwelcher Weise stattfindenden alterieren- den oder störenden äußeren Einwirkungen auf den männlichen oder weiblichen Keim und auf das sich ent- wickelnde Lebewesen in keinem Einzelfalle rein vor, ist aber aus analytischen Gründen von der alterierten, aber durch Erweckung der Regulationen trotz der Ab- weichungen im Verlaufe doch noch zu sichtbar tjrpischen Produkten führenden regulatorischen Entwicklung mög- lichst streng zu unterscheiden, ebenso wie Typus und Norm [s. 1.]. Die typische Entwicklung findet (besonders bei den höheren Tieren) unter mehr oder weniger weit- gehender »Selbstdifferenzierung« vieler Teile des in Zellen zerlegten Eies, der Morula, Blastula und des Embryo statt ; aber innerhalb dieser Teile geschieht die Entwicklung durch differenzierende Wirkung der Unter- teile aufeinander [Roux]. Die regulatorische Ent- wicklung geschieht durch viel weiter greifende differen- zierende Wirkungen besonders zwischen atypischen und typischen Teilen oder auch aller Teile des in Zellen ge- teilten Eies resp. des Embryos. Die Entwicklung ist neotypisch, wenn durch irgendwelche Einwirkungen eine neue vererbbare Eigenschaft im Keimplasma auf- getreten ist. Dieses Neue hat sich aber, ehe es wieder einen wirkhchen Typus darstellt, erst in den fünf Kampfesinstanzen zu bewähren (s. Bewähren) und sich also eine Reihe von Generationen zu erhalten. S. a. Kampf der Teile [s. Typus]. [Roux, Ges. Abb., II, 1049. Vortrag I, S. 279.] ' R. — 128 — Entwicklung, umgekehrte, s. Reduction. Entwicklungsbedingungen nannte Roux früher (1881) diejenigen äußeren Faktoren, welche, wie Wärme, Nahrung, Sauerstoff, zur Entwicklung des Eies zwar nötig sind, welche aber bei normaler Einwirkung nicht die s p e c i f i s c h e , sei es typische oder normale oder anormale »Art« [s. d.] des Entwicklungsgeschehens und seiner Produkte, also auch nicht die Species-, Gattungs-, Klassenmerkmale usw. bestimmen. Sie werden jetzt von ihm als Realisationsfaktoren oder Aus- führungsfaktoren bezeichnet. Vgl. Determinations- faktoren. R. Entwicklungsfunktionen sind die Leistungen des Lebewesens, welche die Entwicklung be\virken. Sie sind physikalische, chemische und aus beiden kom- biniert. S. Determinationsfaktoren, Vererbungsstruktur. R. Entwicklungsgeschichte, experimentelle, ist an sich nur die Beschreibung des Entwicklungsgeschehens, wie es unter irgendwelchen künstlichen Bedingungen oder Eingriffen stattfindet. Sie braucht nicht die »einzelnen« Faktoren der Ontogenese zu ermitteln, wie es die Aufgabe der Entwicklungsmechanik ist. R. Entwicklungsmechanik [Roux], Mechanike gene- seos, developmental mechanics, mecanique de deve- loppement, meccanica dello sviluppo oder c a u s a 1 e Morphologie der Lebewesen ist die Lehre von den Ursachen, Faktoren der Gestaltung der Lebewesen sowie von den Wirkungsweisen und Wir- kungsgrößen dieser Faktoren. Da alles bezügliche >>W irken« unsichtbar ist, ist die Entwicklungsmechanik, im Gegensatz zur »de- skriptiven« oder das Wahrnehmbare beschreiben- den Entwicklungslehre, welche das bereits bis zur sichtbaren Größe und Art integrierte Bildungs- geschehen ermittelt und darstellt, auch als die Lehre von dem unsichtbaren, nur zu erschließenden Entwick- lungsgeschehen, genauer vom Wirken zu bezeichnen. — 129 — Das Wort Mechanik ist hierbei im philosophischen Sinne Kants gebraucht, also als die Lehre vom mecha- nistischen, das heißt der Causalität unter- stehenden Geschehen, nicht aber bloß im Sinne des Physikers als die Lehre von der Bewegung. Sie umfaßt die Bildung, Erhaltung und Rückbil- dung der organischen Gestaltungen. Sie ist einzu- teilen in: 1. die ontogenetische E., Mechanike ontogeneseos, welche die Ursachen der Entwicklung sowie der gestalthchen Erhaltung und der Rückbildung des einzelnen Lebe- wesens, somit auch die Vererbung der elterhchen Eigen- schaften umfaßt. Diese ist wieder zu scheiden in die allgemeine E., welche die der Entwicklung vieler ver- schiedener Lebewesen gemeinsamen Arten des gestalten- den Wirkens und seiner Faktoren zusammenstellt, nachdem die specielle E. die besonderen Faktoren und Wirkungsweisen der Entwicklung der Lebewesen der verschiedenen Species und Gattungen ermittelt hat. [S. Vortrag I, S. 27 — 30.] 2. Die phylogenetische E. , Mechanike phylogeneseos, möchte die Ursachen der früheren Entstehung der Stämme der Lebewesen erforschen. Da dies Geschehen aber kein »wiederkehrendes« ist, kann sie nur Entstehung neuer vererbbarer Variationen (sog. Mutationen) und die Ursachen ihrer Erhaltung in den fünf Instanzen des Sich - Bewährens resp. des Kampfes [s. d.] sowie die Ursachen ihrer Steigerung durch Summation, somit nur die Ursachen der erbhchen Umbildung und der Erhal- tung der gegenwärtig lebenden Organismen erforschen. Daher ist sie besser bloß als causale Umbildungslehre der Organismen zu bezeichnen [Roux]. Zu ihr gehört also als spezieller Teil die causale Ver- erbungslehre, die Lehre besonders von den Ursachen der Entstehung neuer vererbhcher Variationen. Die Entwicklungsmechanik ist also die causale Lehre von den produzie- renden, erhaltenden und regressiven Roux, Terminologie der Entwicklungsmechanik. g — 130 — Entwicklungsmechanik (Fortsetzung). Gestaltungsfunktionen, nicht aber von den »specifischen Erhaltungsfunktione n<<, bezw. Betriebsfunktionen [s. d.] der Organe resp. Gewebe für das ganze Lebewesen; diese bilden das spezielle Gebiet der Physiologie im jetzt üblichen Sinne. Vgl. a. Ur- sache. Die sicherste und ergiebigste Methode der Ent- wicklungsmechanik ist das causal-analytische Experiment [s. d.], dazu noch die »Vergleichende« Anatomie und Entwicklungsgeschichte. S. a. experimen- telle Embryologie. [Roux, Ges. Abh. II, 1049, Arch. Entwmech., I, Einleitung, Bd. V, S. 3. Ders., Vortr. u, Aufs, über Entwmech. I, 1905, S. 279. Generalreg. 272.] R. Entwicklungsmechanisches Vermögen [Roux] s. Po- tenz. Entwicklungs modeil nennt Roux sein Modell, wel- ches aus einer Anzahl aneinander haftender Brotteig- kugeln von bestimmter Anordnung besteht, deren jeder eine bestimmte Menge Hefe oder Backpulver (kohlen- saures Kali) zugesetzt ist. Nach Einlegen in den Brüt- ofen entstehen durch die Bildung von verschiedener Menge Kohlensäure in jeder Kugel, also durch ungleiches Wachstum derselben, immer neue Formen, deren Cha- rakter von der ursprünglichen Anordnung der Kugeln und von dem verschiedenen Hefegehalt derselben be- stimmt wird (NB. sofern der Brotteig nicht zu weich ist). Diese Entwicklung ist einesteils Neoevolution [s. d.], Umwandlung der durch die ungleiche Verteilung der Hefe gegebenen, nicht direkt sichtbaren Mannigfaltig- keit in formale, sichtbare Verschiedenheiten durch das ungleiche Wachstum der Kugeln, und außerdem N e o - epigenesis, Produktion neuer formaler Mannigfal- tigkeit, denn durch das Zusammenhängen der ungleich wachsenden Kugeln beeinflussen sie sich gegenseitig und bewirken immer neue Formen. Es liegt also Kombination beider Arten der Genese vor, ähnlich wie sie nach Roux und Driesch die wirkliche Onto- — 131 — genese darstellt. Das Modell demonstriert aber mehr nur das Wesen des Geschehens als die speziellen Formen- bildungen, da der Brotteig etwas zu weich ist, um seine Formen entgegen der Wirkung der Schwerkraft aus- reichend zu erhalten. [Roux, Vortr. I, S. 270. Ders., Vererbung blastogen. u. somatogen. Eigensch., 191 1.] R. Entwicklungsphysiologie ist nach W.Preyer (1880) die Lehre von den bereits während der Entwicklung eines Lebewesens stattfindenden »Erhaltungsfunktionen << [s. d.] der Organe resp. Gewebe für das Ganze, also der Organ- funktionen und specifischen Gewebsfunktionen. Neuer- dings wird das Wort auch manchmal im Sinne von Entwicklungsmechanik, also für die causale Lehre vom Entwicklungsgeschehen selber gebraucht [s. Ent- wicklungsmechanik]. Das hat sich aber praktisch als unzutreffend erwiesen, insofern die Physiologen zumeist die causale Gestaltungslehre nicht pflegen. [Preyer, Die Entwicklungsphysiologie, 1880. Roux, Arch. f . Entwmech. V, S. 309.] R. Entwicklungsprocesse, umgekehrte s. Reduction. Epanorthose s. Abbau. Ephebogenesis, Jünglingszeugung (ecfrjßog im rei- fen Jünglingsalter, yh'soig Zeugung). [Rawitz 1901.] Bringt man Spermien von Sphaerechinus granularis in auf chemischem Wege entkernte, aber sonst ganze Eier von Holothuria tubulosa, so tritt Furchung und Entwicklung bis zur Blastula ein, unter gleichzeitiger Teilung des eingedrungenen, in einen Samenkern ver- wandelten Spermienkopfes. Damit soll wahrscheinlich gemacht sein, daß Samen, wenn er auf geeigneten Ei- boden gelangt, aus sich heraus die Anregung zur Bildung eines neuen Organismus geben kann, und daß dazu die Anwesenheit eines weibhchen Vorkerns nicht not- wendig ist. Boveri wendet sich gegen den Ausdruck »Epheboge- nesis« und will für die in Betracht kommenden Tat- sachen eher den Ausdruck von Delage »Merogonie« 9* — 132 — [s. d.] verwendet wissen. [B. Rawitz, Versuche über Ephebogenesis. Arch. f. Entwmech., ii und 12, 1901. Th. Boveri, Merogonie und Ephebogenesis usw. Anat. Anz., ig, 1901.] F. Epigenesis [C. Fr. Wolff] ist die Entwicklung des Individuums von einem relativ »einfach erscheinenden« Keime aus, also die Produktion neuer »wahrnehmbarer« Mannigfaltigkeit von solchem Ausgang aus durch »wiederholte« Neubildung. Vgl. Neoepigenesis, Neo- evolution. R. Epimorphosis [T. H. Morgan] s. Regeneration. Epinastie. Als E. bezeichnet Schimper diejenige Form des excentrischen Dickenwachstums von Ästen, bei welchem die Oberseite im Wachstum gefördert ist. De Vries und Wiesner nennen E. oberseitig gefördertes Längenwachstum von Pflanzenorganen, das zu nasti- schen Krümmungen führt. Vgl. Nastie. K. Epiphysen heißen die anfangs knorpeligen, mit ande- ren in Gelenkverbindung stehenden Endstücke von Skeletteilen, nachdem das früher gleichfalls knorpelige Mittelstück durch eine Knochenschale (die Diaphyse) um- geben worden resp. im Innern von Knochen substituiert worden ist. Ihre Abghederung und Abgrenzung ent- steht nach Roux durch Abscherung, durch Verschie- bungsbeanspruchung dieser Enden gegen die Diaphyse; dasselbe gilt auch für die Apophysen. S. a. Interme- diäre Epiphysenlinie. Ihre Verkalkung beginnt an der Stelle geringster Abscherung und größter Ruhe, also fast im Centrum. Sie sind auch nach ihrer typischen Ver- knöcherung noch eine Zeitlang durch Zwischenknorpel, den intermediären Epiphysenknorpel [s. d.], von dem Hauptstück, der Diaphyse, getrennt. [Roux, Ges. Abhdl. I, S. 1049.] Epiphysenknorpel, intermediärer, ist der Knorpel, welcher die verknöcherte Diaphyse mit der, vom Ge- lenkknorpel abgesehen, bereits verknöcherten Epiphyse verbindet. Er liegt an der Stelle stärkster, bei der Be- wegung der Gelenke entstehender Scherung gegen die — 133 — Diaphyse [Roux] und wird durch diese Abscherung lange Zeit widerstandsfähig gegen die Verknöchening erhalten. Aber zu bestimmter, für jeden Skeletteil besonderen Zeit läuft seine vererbte, vielleicht durch die Abscherung etwas verlängerte Dauer der Selbsterhaltungsfähigkeit der Periode I ab. Er verändert sich blasig, wird zerstört und durch Knochen substituiert. Die Stelle der letzten dünnen Scheibe des intermediären Epiphysenknorpels ist noch viele Jahre als ein dünnes, anfangs kontinuierliches, später durchbrochenes Knochenplättchen und durch benachbarte engermaschige Spongiosa globata und ovata (s. Formationes substantiae spongiosae) gekennzeichnet. Zwischen der A p o p h y s e [s. d.] und Diaphyse kehren ganz dieselben Verhältnisse am intermediären Apophysenknorpel wieder. R. Epistatisch [Bateson 1907] wird eine Eigenschaft ge- nannt, wenn sie eine andere Eigenschaft in einem (Bastard-)Individuum verdeckt; diese verdeckte Eigen- schaft ist hypostatisch. S. Hypostatisch und Erbformel. [W. Bateson, Science, 1907, p. 653.] C. Epistrophe {l7tLaTqB(fco wende mich hin) oder Frei- wandlage nennen Frank und Senn diejenige Verteilung der Chromatophoren in der lebenden Pflanzenzelle, bei welcher sich jene auf den freien, an das äußere Medium grenzenden Wandpartien ansammeln. Vgl. Apostrophe^ Systrophe, Antistrophe u. a. K. Epithelbewegung nennt Alb. Oppel die specifische Bewegung der Epithelzellen im Unterschied zur Leu- kokytenbewegung. [Arch. Entwmech. 35.] Epitheliophilie der Epithelzellen nennt Kromeyer die Kombination des Cytotropismus und der Cytarme Roux' bei den Epithelzellen, also das Streben dieser Zellen zur Näherung und zur flächenhaften Vereinigung. [Roux, Arch., 8, S. 258.] S. Philia. R. Epitheliotrcpismus der Nerven [Roux] s. Neuro- epithehotropismus. Epitrophie ist diejenige Form der Trophie [s. d.]. — 134 — bei welcher ein Organ oberseits in seinem Dickenwachs- tum gefördert wird. K. Erbeinheiten s. Units, Determinante. C. Erbformel. Bezeichnet man jede Eigenschaft, resp. jedes Gen für eine bestimmte Eigenschaft (oder die dominierende Eigenschaft) mit einem großen Buch- staben, das Fehlen dieser Eigenschaft, resp, des entsprechenden Genes (oder die recessive Eigenschaft) mit dem entsprechenden kleinen Buchstaben, so läßt sich für einen Organismus, resp. für eine Keimzelle eine Erbformel aufstellen. Sie lautet z. B. für eine grüne Erbse GG yy, für ihre Keimzellen Gy, für eine gelbe Erbse GG Y Y, für ihre Keimzellen G Y, für den Bastard beider GG Yy und (nach dem Spalten) für dessen Keimzellen G Y und Gy, wobei G die Anlage für Grün, Y die »epistatische << Anlage für gelb und y das Fehlen (oder Inaktivsein) dieser Anlage für Gelb bezeichnen. Komphziertere Erbformeln (für Löwenmaul- Gartenfor- men) sind z. B. BBcc ff AA RR MM 11 GG dd EE; BB Cc Ff AA RR MM 11 Gg Dd Ee; BBCC FFAA RRMM llgg DDee; die zweite Formel gehört dem Bastard zwischen den durch die erste und dritte Formel charakterisierten Eltern. [E. Baut, Einführung, S. 78, 191 1.] Man hat auch versucht, durch die gegenseitige Stellung der Buchstaben gewisse Beziehungen der Gene, resp. der von ihnen übertragenen Eigenschaften auszudrücken, entsprechend den Strukturformeln der Chemie. Die ursprünglichen Cu6notschen Formeln wichen von den jetzt gebrauchten wesenthch ab, dadurch, daß nicht Vorhandensein und Fehlen einer Eigenschaft ausge- drückt wurde (durch große und kleine Buchstaben), sondern die Eigenschaften schlechtweg mit verschiede- nen Buchstaben versehen wurden. Die Erbformel für die grüne Erbse war damals G, die für die gelbe Y, die für den Bastard G Y und die seiner Keimzellen G und Y. C. Erbgleiche Bastarde. [De Vries 1900.] »Kreuzungen, deren Produkte sich bei der Bildung - 135 - der Keimzellen gleichwertig spalten« = mendelnde Bastarde (auch = i s o g e n e und echte Bastarde). [De Vries, Ber. d. Deutsch. Botan. Gesellsch. 1900, s. 437.] .. C. Erbliche Übertragung s. Translatio hereditaria. Erblichkeitsfaktor, das »Etwas« in der Keimzelle, das für die spätere Entfaltung einer bestimmten Eigen- schaft allein oder mit bestimmend ist, soviel wie Gen. S. Determinante, Determinationsfaktor. C. Erbmasse s. Vererbungsstruktur, Determinations- complex. Erbungleiche Bastarde. [De Vries 1900.] »Kreuzungen, deren Produkte sich bei der Bildung der Geschlechtsorgane entweder nicht oder nach anderen Regeln (als den Mendelschen) spalten« (= aniso- g o n e und unechte Bastarde). [H. de Vries, Ber. d. Deutsch. Botan. Gesellsch. 1900, S. 437.] C. Erbzahl [De Vries 1903] ist die prozentische Zusam- mensetzung einer reinen Samenprobe, genommen von einem bestimmten Individuum. [De Vries, Mutations- theorie, II, 117 (1903).] C. Ergatül [Hatschek] s. Generatül. R. Erhaltungsäquivalent, gewebliches s. Reizäquivalent. Erhaltungscoefficienten sind in ihrer Größe (längere Zeit) konstante Faktoren (s. Coefficienten), welche an der Erhaltung eines Gewebes, Organes außer den variabeln Faktoren, z. B. dem Hauptfaktor in der Periode II und III, dem funktionellen Reiz (resp. bei Muskeln der Vollziehung der Funktion) mitwirken. Sie sind vielleicht verschieden in den vier kausalen Gestaltungsperioden [s. Perioden]. R. Erhaltungsfaktoren eines Lebewesens oder bloß eines Organes, Gewebes und sonstigen Teiles sind alle, sei es variabeln oder in ihrer Größe konstanten Fak- toren, welche an der Erhaltung des vorhandenen Ge- bildes mitwirken [s. a. Erhaltungscoefficienten]. Sie werden eingeteilt wie die Bildungsfaktoren [s. d.]. Der hauptsächlich nötige Erhaltungsfaktor ist in der — 136 — Periode III und IV der specifische funktionelle Reiz. Der funktionelle Erhaltungsreiz einer Gewebemenge ist geringer als der funktionelle Bildungsreiz [s. d.]. S, a. Erhaltungs - Reizäquivalent , Bildungs - Reizäquivalent. [Roux, Ges. Abhdl. I, S. 554, 559, 636, 806.] R. Erhaltungsfunktionen der Lebewesen. Sie sind zu scheiden in die der Teile und die des Ganzen. Die der Teile sind: i. die Selbsterhaltungsfunktionen der Teile; sie gleichen denen der niedersten Lebewesen ( Selbst ernäh- rung, Selbstassimilation, Selbstausscheidung, Reparation der Teile usw.), 2. die Erhaltungsfunktionen der Teile, (also der Zellen, Gewebe, Organe) für das ganze Lebewesen. Diese stellen die specifischen Gewebs- funktionen oder die sog. Betriebsfunktionen [s. d.] der Teile für das ganze Lebewesen dar, denn sie sind Leistungen, die den Geweben resp. Organen selber nicht direkt nützen, wohl aber dem Betriebe der ganzen Lebensmaschine dienen, ihn selber darstellen. 3, Dazu kommen die besonderen Selbsterhaltungs- funktionen des ganzen Lebewesens. Sie setzen sich aber I. aus den Betriebsfunktionen der Teile und 2. aus der Leitung dieser von dem Centrum des Ganzen aus zu- sammen. Das Ganze als solches hat nur wenig eigent- liche, ihm selber nicht nützende Betriebsfunktionen, nur die Leitungsfunktionen der »altruistischen« Funk- tionen. S. Betriebsfunktionen, Gestaltungsfunktionen, Funktion. Driesch unterscheidet als harmonische die Funktion, »welche sich infolge des harmonischen Baues des ganzen Organismus äußert«, z. B. ist diese Funktion eines Skeletmuskels die Bewegung von Ghedmaßen, die Verdauung diese Funktion des Pankreas. Eigenfunktion nennt er die Contraction des Muskels, die Trjrpinausscheidung des Pankreas, also dasselbe, was Roux specifischeGewebefunk- t i o n oder die Betriebsfunktion des Organs resp. Gewebes nennt. [Driesch, Result. u. Probl. 1899, s. 793.] R. - 137 - Erhaltungsreiz ist der zur Erhaltung eines bereits gebildeten Gewebes nötige Reiz. In den kausalen Perioden III und IV der Ontogenese [s. Perioden] dient als Erhaltungsreiz bei manchen Geweben allein der funk- tionelle Reiz, also derjenige Reiz, welcher die sog. Er- haltungsfunktion [s. d.] für das Individuum bewirkt. Über sonstige Erhaltungsreize der Gewebe, z.B. trophische Reize, ist noch wenig bekannt. S. Kampf der Teile. [Ges. Abhdl. I. S. 553— 5 55-] R. Erhaltungs- Reizäquivalent eines Gewebes nennt Roux das zur Erhaltung der Einheitsgröße z. B. eines Kubikmillimeters oder Grammes Drüsengewebes, des Qmm Querschnitt Muskel-, Sehnengewebes, des Milli- meters Länge eines Muskels in der »Anpassungs-Zeitein- heit« [s. d.] nach Ablauf der selbständigen vererbten Wachstumsfähigkeit, also in Periode III und IV nötige Gesamtquantum an funktionellem Reiz in der »An- passungszeiteinheit«. Dieses Quantum muß in an- nähernd gleichmäßiger Weise verteilt werden. S. Reiz- äquivalent, Beanspruchungsgröße, Funktionsgröße. [Ges. Abhdl. I, 553. 555.] R. Erhaltungsseele oder Betriebsseele nennt Roux die Gesamtheit der seelischen Leistungen eines Lebewesens, welche seiner Erhaltung durch Veranlassung der Be- triebsfunktionen dient. Gegensatz die angebhche Ge- staltungsseele, welche direkt gestaltend im eignen Organismus wirken soll. Erstere wirkt indirekt ge- staltend durch die mit der Ausübung der Betriebsfunk- tionen verbundene Aktivierung der funktionellen An- passung. S. Psychomorphose, Seele. [Roux, Arch. f. Entwmech., Bd. 24, S. 687, Bd. 25, S. 723. Ders. in Oppel-Roux S. 130 — 134.] R. Erhaltungsstoffwechsel s. Stoffwechsel. Erklärung, ursächliche, ist die Ziurückführung eines Geschehens auf bereits bekannte, allgemeiner vorkom- mende Wirkungsweisen und weiterhin auf deren Fak- toren. R. - 138 - Ernährung ist eine aktive Leistung, also Selbst- ernährung, s. Nahrungswahl. R. Escharostrophe (eoxccQcc Brennpunkt, OTQi(pio wende) oder Brennpunktlage nennt Senn die Anhäufung der »Chromatophoren auf der von der Lichtquelle abgekehr- ten Zellenseite, auf welche die Lichtstrahlen infolge der innerhalb der Zelle stattfindenden Brechung konzen- triert werden«. Vgl. auch Epistrophe, Diastrophe, Para- strophe usw. K. Etiolement (Dunkeletiolement). Die bei Dunkel- kultur von irgendwelchen Pflanzen auftretenden Ano- malien faßt man als Etiolementerscheinungen (Vergei- len, Verspillern) zusammen; die auffälhgsten Symptome etioherter Pflanzen sind im allgemeinen die übermäßige Streckung ihrer Internodien und Blattstiele, die Reduk- tion der Blattspreiten, die bleiche Farbe >>Etiolin<<. Ähnliche Wachstumserscheinungen wie im Dunkeln treten auch unter anderen Bedingungen ein. Vgl.Wasser- etiolement, Hungeretiolement, Zeugungsetiolement. K. Euapagemie [Farmer u. Digby 1907] s. Apogamie (somatische). Meiotische s. Apogamie (generative). C. Eucecidien sind diejenigen Cecidien [s. d.], welche für den gallentragenden Organismus vorteilhaft sind (Bakterienknöllchen an den Wurzeln der Leguminosen u. dergl.) K. Eugenik [Francis Galton], die Zucht gut veranlagter Lebewesen, sie ist das Ziel der Rassenhygiene. R. Euneurogen. [Braus 1905.] Extremitäten-Transplantate, die von normalen Em- bryonen stammen und Nerven in sich differenzieren — im Gegensatz zu aneurogen. [Literatur s. aneurogen.] F. Euphotometrisch {sv gut, (pCbg Licht, (.lirqov Maß) nennt Wiesner diejenigen Laubblätter, welche sich im Lichte so ausbreiten und zum Lichtfall so orientieren, daß sie das Maximum der Menge diffusen Lichtes des ihnen zufallenden Lichtareales empfangen. Vgl. pan- photometrisch. K. — 139 — Eutelie, Konstanz der histologischen Elemente. [Martini 1906.] Bei Nematoden, Rotiferen und Appendicularien sind die Organe aus konstanten Zellen aufgebaut, d. h. alle Individuen einer Species weisen nach Lage, Form und Zahl die gleichen Elemente auf. Auch bei anderen Tier- arten (Polygordius, Hirudineen, Amphioxus) ist diese Konstanz wenigstens für gewisse Organe nachgewiesen worden. In Zusammenhang damit steht eine streng determinierte Entwicklung dieser Organe. Dieser Zu- sammenhang zwischen Zellkonstanz und determinierter Entwicklung wird von Martini als Eutelie bezeichnet. [E. Martini, Die Nematodenentwicklung als Mosaik- arbeit. Verhdlg. d. anatom. Gesellsch. 1906 und 1909; auch Verhdlg. d. deutschen Zoolog. Ges. 1909.] F. Evolution bedeutet die Entwicklung. Im speziellen bezeichnet sie die Entwicklung des Individuums von einem Keim aus, der schon ebensoviel und ähn- lich gebildete nur zumeist unsichtbar kleine Mannigfaltigkeit enthält als das entwickelte Indi- viduum. Die Vorbildung des Keimes zu dieser Ent- wicklung heißt Präformation, genauer evolutio- nistische Präformation. Genaueres s. Ent- wicklung, Neoevolution, Neoepigenesis. R. Evolutionsdeterminante [Roux] s. Determination. Evolutionsfelder, Fortbaufelder. [Tornier 1910.] Jene Stellen der Deckhaut von Froschlarven, bei wel- chen das Hautgewebe so dichtfaserig wie bei Volltieren wird und dann auch die normale Pigmentierung gewinnt. [G. Tornier, Die Mosaikentwicklung der Froschlarven bei ihrer Endumwandlung. Arch. f. Entwmech., 30, 1910.] Fortbaufelder s. Evolutionsfelder. F. Exarchenteron. [Herbst 1896.] Durch buttersaures Natrium konnte Herbst das Her- vorwachsen des Urdarmes bei Seeigellarven hervorrufen. [C. Herbst, Experim. Untersuchg über d. Einfluß d. veränderten ehem. Zusammensetzg. usw. III — VI. Arch. f. Entwmech., Bd. 2, 1896.] F. — 140 — Exogastrulation, Exogastrula. [Driesch, Herbst I893-] Durch Zusatz geringer Mengen von Lithiumsalzen oder von Natrium butyricum zum Meerwasser, durch Verrin- gerung des Salzgehaltes des Meerwassers, durch Wärme kann an Seeigeleiern das Hervorwachsen des Urdarmes unter Umstülpung nach außen veranlaßt werden. S. a. Lithiumlarve. [C. Herbst, Experimentelle Untersuchun- gen über d. Einfluß d. veränderten chemischen Zusam- mensetzung usw. II. Mitteilg. d. zool. Station Neapel, ii, 1893. H. Driesch, Entwmechan. Studien VII. Mitteilg. d. zool. Stat. Neapel, 11, 1893.] F. Exostomodaeum. [Herbst 1896.] Durch die Einwirkung von Natrium but5n:icum konnte Herbst mitunter das »Hervorwachsen der Mundhöhle« also Umstülpung ihrer Wandung bei Seeigellarven her- vorrufen. Vgl. Teleskopform der Nase. [Literatur s. Exarchenteron.] F. Exotrophie ist diejenige Form der Trophie [s. d.], bei welcher ein Organ auf der seiner Abstammungs- achse abgewandten Seite im Dickenwachstum gefördert wird. K. Exotropie s. Exotropismus. Exotropismus (s^co außen, TQeTto) wende). Den rich- tenden Einfluß, den die Abstammungsachse auf ihre Seitenorgane ausübt und der die letzteren veranlaßt, sich möglichst weit nach außen einzustellen, sowie die Bewegungen, die zu dieser Einstellung führen, nennt Noll Exotropie oder Exotropismus. K. Experiment, Versuch ist die künstliche Herstellung von Bedingungen zu Geschehen, die künstliche Kombi- nation von Faktoren, um zu sehen, was durch sie bewirkt wird, somit um Aufklärung über das Wirken derselben zu gewinnen. Es ist dabei gleichsam die Absicht, die personifiziert gedachte sogenannte Natur zu zwingen, auf unsere Fragen nach ihrem Wirken Antwort zu geben. Der Versuch ist ein anorganischer, wenn alle seine Faktoren der anorganischen Natur angehören, rein - 141 — organisch, wenn nur Kombination organischer Faktoren den Versuch bildet, gemischt, wenn außer anorganischen specifisch organische, also mehr oder weniger »complexe« Faktoren [s, d.] an ihm beteiligt sind. Das ist bei bio- logischen Versuchen das Gewöhnhche. Rein organische Versuche sind seltener, z. B. Transplantation, Parabiosis [s. d.], Einfuhr von Bakterien in andere Lebewesen. Es kann sich geringstenfalles bei dem Versuche bloß darum handeln, die Möglichkeit herzustellen, um das Geschehen, welches auch ohne unser Zutun in der anorganischen oder organischen Natur vorkommt, ge- nauer zu beobachten, als es ohne unsere besondere Ver- anstaltung möglich ist, also das Naturgeschehen sicht- barer oder sonst für uns wahrnehmbarer zu machen, ohne es selber zu verändern und ohne eine Reaction zu veranlassen. Dies tut das descriptive Experiment [Roux], z. B. der Versuch mit der Atwoodschen Fall- maschine, um die Fallgeschwindigkeit zu beobachten, die Fixation der Eier von der Furchung an, um zu er- kennen, ob die erste Furche zur Medianebene des Embryo wird, die Anbringung von kleinen Anstich- marken auf der Blastula, um die Materialumlagerungen bei der Gastrulation genauer beobachten zu können [Roux Vortrag I, S. 21, 147]. S. a. »Gedankenexperiment«. Das Experiment im vollen Sinne des Wortes aber schafft neues Wirken, welches von selber überhaupt nicht an dem von uns gewollten Ort oder zu der von uns gewollten Zeit vorkommt, bezw. dessen einzelne Fak- toren in der Natur nicht in solcher (ev. für uns wahrnehm- baren) Weise zusammentreten. Bei den Lebewesen und ähnhch sich verhaltenden anorganischen Körpern nennt man das besondere, von der Art des Einwirkens gewöhn- lich nur wenig in seiner »Art« bestimmte Mitwirken nach einem Eingriff Reaction. Sucht man durch geeigneten Versuch die einzelnen Faktoren eines von selber vorkommenden Ge- schehens oder die Art ihrer Kombination oder ihre Wir- kungsweise oder wenigstens z. B. bei der individuellen — 142 — Experiment (Fortsetzung). Entwicklung ihren Ort, die Faktoren der Zeit ihrer Acti- vierung zu ermitteln, so ist das Experiment ana- lytisch, und zwar causal anal3rtisch. Das ist die specifische Versuchsart der Entwick- lungsmechanik [Roux]. Ist es der Zweck, durch Kombination von Faktoren neues Geschehen herzustellen, so ist das Experiment synthetisch. Beides kann kombiniert werden, zumal beim organischen Versuch, denn durch manchen Eingriff in das organische Geschehen wird dem organischen Ge- schehen noch ein neuer »determinierender« [s. d.] Fak- tor hinzugefügt. Das Experiment ist ein blindes [Roux] oder wenigstens causal unbestimmtes [Roux], wenn nicht genau be- kannte Faktoren kombiniert werden oder wenn Eingriffe in das Naturgeschehen vorgenommen werden, ohne daß wir wissen, was verändert wird, was wirkt, bloß um zu sehen, was dabei geschieht. Das ist die Versuchsweise der »experimentellen Embryologie« im popu- lären Sinne, wobei der Versuch Selbstzweck ist, und bloß dazu dient, um zu sehen, was geschieht, nicht aber um die typischen Gestaltungsfaktoren zu ermitteln. Ist letzteres aber der in Aussicht genommene Zweck, so ist solch unbestimmter Versuch ein Orientierungsversuch, welcher dazu dient, um sich über die Sachlage zu orien- tieren, ehe analytische Versuche vorgenommen werden können. Unbestimmt ist der Versuch auch noch, wenn gleichzeitig mehrere Faktoren verändert werden und wir daher nicht wissen, welchen Anteil jeder ein- zelne derselben an dem neuen Ergebnis hat. Durch weitere Versuche muß dies einzelne ermittelt und der Versuch so allmählich causal bestimmt und wirklich analytisch werden. Der Eingriff, die Einwirkung kann von uns selber bestimmt lokalisiert sein, so bei manchen mechanischen Einwirkungen wie Zerstörung, Abtrennung von Teilen, oder diffus wie bei Erschütterung, Pressung, bei vielen ~ 143 — chemischen, thermischen, elektrischen. Röntgen-, Ra- dium-Einwirkungen. Bei diffusen Einwirkungen ist die besondere uns interessierende Wirkung entweder auch diffus oder gleichwohl lokalisiert. Letzteres, wenn das Agens e 1 e c t i V wirkt, indem nur besonders beschaf- fene (zunächst gewöhnlich noch unbekannte) Teile durch den Eingriff besonders stark verändert werden oder besonders stark auf ihn reagieren. Dann ist auch dieser Versuch zunächst noch causal unbestimmt, und es sind erst diese also besonders qualifizierten Angriffs- und Reactionsstellen zu ermitteln. Zur causalen Aufklärung des organischen Geschehens dient auch der Analogieversuch oder Modellversuch. Dieser produziert künstlich durch Kombination von rein anorganischen oder auch unter Mitwirkung von organischen Faktoren Geschehen, welches bestimmtem rein organischen Geschehen möglichst ähnlich ist. Bei diesem Nachahmungsbestreben lernen wir auch die Not- wendigkeit mancher Art von Faktoren kennen, an die wir vorher nicht dachten. Zu der Folgerung aber, daß auch das ähnliche oder anscheinend gleiche orga- nische Geschehen auf dieselbe Weise entstehe, ist erst noch der Nachweis nötig, daß auch dieselben Faktoren-Kombinationen im Organismus vor- handen und bei dem betreffenden Geschehen wirksam sein können oder wirklich sind [Roux, Arch. Entwmech. V, S 270]. Dem speziellen Ziele nach ist das biologische Experiment ontogenetisch, physiolo- gisch, pathologisch usw., je nachdem man die Ontogenese, die normalen Erhaltungsfunktionen, die krankhaften Vorgänge und Veränderungen usw. dadurch aufzuklären sucht. Wir hier haben es vorzugsweise mit dem morpholo- gischen Experiment zu tun, welches zur Aufklä- rung des typischen und normalen Gestaltungsgeschehens dient; es ist d e s c r i p t i v und dann formal analytisch [Roux], wenn es uns das komplizierte organische Ge- — 144 — Experiment (Fortsetzung), staltungsgeschehen in »sichtbar« verschiedene Vorgänge, 7. B. in Material Verschiebung Concrescenz, Sonderung zerlegen hilft, ohne aber das »Wirken« und seine Fak- toren uns bekanntzugeben. Tut es aber dies, so ist es causal analytisch. [Generalreg. 273.] Im speziellen können hauptsächlich unterschieden werden : 1. der Ausschaltungsversuch, welcher bestimmte Teile eines Lebewesens entfernt oder tötet, um zu sehen, was der überlebende Teil danach leistet. Er wurde am Ei zuerst 1883 von Roux angewandt; oder z. B. Ent- fernung einer Muskelgruppe eines Kugelgelenks, um die Umbildung des Gelenks danach zu beobachten; 2. der Isolationsversuch, a) welcher einen Teil des Lebewesens möghchst ohne ihn zu schädigen, entnimmt und in ein indifferentes Medium überträgt (Explantation, [Roux]), ihn konserviert, um zu sehen, was er für sich allein leistet, z. B. Explan- tation der Furchungszellen durch Zerreißen der Morula führte zur Entdeckung des Cytotropismus [Roux], oder der Neuroblasten (Harrison, Braus u. a.] bekundete die Selbstdifferenzierung dieser Zellen; Carrels Expl. der Gewebe Erwachsener zeigte die sehr lange Selbst- erhaltungsfähigkeit dieser. b) teilweise Isolation, z. B. unvollkom- mene Abtrennung, z. B. Roux' Zungenlappen an Gastru- lae usw. c) mit Übertragung in ein anderes lebendes Gebilde, Transplantation, um zu sehen, wie sich der Teil daselbst und der Wirt zu ihm verhält. 3. Verlagerung der Teile eines Gebildes gegen- einander oder Umlagerungsexperiment. a) ohne Zusammenhangstrennung durch Defor- mation [s. d.] z. B. der Zellen der Morula [Driesch, Maas], b) mit vollkommener Zusammenhangstrennung, z. B. sog. Autotransplantation [s. d,]. - 145 - c) mit teilweiser Zusammenhangstrennung, z. B. Ver- tauschung der Ansatzstellen der antagonistischen Mus- kelgruppen bei Erhaltung der Ursprungsstelle [Roux], 4. Verschmelzung von Lebewesen, von Puppen und Embryonen oder von Erwachsenen, s. Parabiose. 5. Anwendung diffuser Agentien [s. c]. Bezüglich des Speziellen s. die einzelnen Versuche. [Roux, Programm u. Forschungsmethoden der Entwmech., Leipzig 1897, S. 132 — 156, od. in Arch. f. Entwmech., Bd. V, S. 270 — 294. Ders., Vortr. I, 1905, S. 279. Ex- periment. Ders. , Können wir die Faktoren und die gestaltenden Wirkungsweisen der »typischen« Entwick- lungsvorgänge der Lebewesen ermitteln? Vortrag 7. internat. Zool.-Congr. in Boston 1907. O. Levy, Ent- wicklungsmechanische Technik. Zeitschr. f. wiss. Mikro- skopie u. mikroskop. Technik, Bd. 26, S. 426 — 473, 1909. G. Wetzel, Experimentell-embryologische Methoden, in Encyclopädie d. mikrosk. Technik, herausgegeben v. R. Krause, II. Aufl., 19 10, S. 362 — 410.] Explantation [Roux], »Auspflanzung«, In- vitro- Kultur, Deckglaskultur ist die Übertragung eines Teiles eines Lebewesens in eine unschädHche Flüssig- keit, um die Dauerfähigkeit und die eignen Leistungen dieses dem erhaltenden, differenzierenden und regu- lierenden Einfluß der anderen Teile bezw. des Ganzen entzogenen Teiles kennen zu lernen. Roux explantierte zur Beobachtung unter dem Deckglas in Grübchen des Objektträgers in Eiweißlösung Furchungszellen und entdeckte so die direkten Näherungswirkungen (scheinbaren Anziehungen) und verschiedene Umord- nungswirkungen , die diese Zellen aufeinander ausüben (s. Cytotropismus, Cytotaxis). Harrison, Burrows, Braus, M. Reed u. a. explantierten Neuroblasten und sahen die Fortsätze auswachsen. Carrel erhielt viele Gewebe sehr lange am Leben, A. Oppel explantierte die Hornhaut und studierte die Epithelbewegung. [Roux, Vortr. I, S, 54. Oppel, Arch. Entwmech. Bd. 35.] R. Roux, Terminologie der Entwicklungsmechanik. jo — 146 — Explication nennt Roux die sichtbare Herausbildung von Formen und Strukturen, also entwickelter Teile des Embryo und des fertigen Individuums aus den un- sichtbaren, sei es nur einfach erscheinenden oder wirklich einfacheren, NB. impliciten Strukturen des Keimes oder des somatischen Keimplasmas, Sie kann sowohl Neo- evolution wie Neoepigenesis [s. d.] sein. Gegensatz: Implication. R. Explicite beschaffen oder vorhanden [Roux] bedeutet durch das Entwicklungsgeschehen bereits im ent- wickelten Zustande hergestellt, also in solchem vorhanden. Gegenteil: implicite oder erst im determi- nierten Zustande vorhanden. Explicites kann zugleich Implicites, d. h. Determinierendes für weiteres Entwick- lungsgeschehen sein. Z. B. ist an der Blastula des Froscheies die ventrale Seite des künftigen Embryo durch das Dach der Blastula bereits groß vorhanden, also explicite dargestellt, die künftige dorsale Seite dagegen, die Medullarplatte, ist noch in viel mehr i m p 1 i c i t e m Zustande rings etwas über dem Äquator vorhanden. S. Explication. [Ges. Abhdl. II, S. 401, 538.] Explicite Mannigfaltigkeit s. Gestaltung. Expliciter Embryo s. Reeller Embryo. Explicitum s. Implicitum. Extraovat [Roux] ist die aus dem Ei oder aus einer der ersten Furchungszellen desselben nach Verletzung (durch Anstich oder Pressung usw.) ausgetretene Eisub- stanz. Sie ist der Selbstentwicklung fähig [Roux], wenn sie den Kern der Furchungszelle enthält, ohne einen Zellkern ist sie nur der abhängigen Differenzierung von dem übrigen Teile des Eies aus fähig [Roux]. [Roux, Ges. Abhdl. II, S. 1050.] Fl, F2, F3 usw. [Bateson u. Saunders, 1902] dient zur Bezeichnung des Produktes einer Kreuzung (Fi) und der folgenden Generationen (Fg, F3). Die Eltern werden miit P^ bezechnet, die Großeltern, Urgroßeltern können dann Pg, P3 usw. benannt werden. [W. Bäte- ~ 147 — son u. E. R. Saunders, Rep. Evol. Comm. I, 160, Anm. 1902.] C. Fachwerktypus nennt Roux die Struktur der Säuge- tierleber, weil sie einem (NB. sehr engmaschigen) Fachwerk ähnlich ist (Gegensatz: tubulöse; röhrenartige Anordnung der Leberzellen bei den anderen Tieren und auch noch bei den jungen Embryonen der Säugetiere). Sie beruht nach Roux auf Multipolarität der Leberzelle und stellt höchste Anpassung der Leberzelle an die Secretion, also vollkommene »funktionelle Sekre- tionsstruktur« derselben dar. [Roux, Ges. Abb., I, 371. Ders., Arch. f. Entwmech., I, 7 u. 17.] R. Faktoren. In der Biologie werden, den besonderen Verhältnissen entsprechend, unter Abweichung vom Phy- siker, als Faktoren nicht bloß die m u 1 1 i p 1 i - c a t i V zusammenwirkenden (sei es variabeln oder in ihrer Größe konstanten), sondern alle verschieden- artigen, also auch die additiv und subtraktiv wirkenden Teilursachen eines Geschehens bezeichnet. Komponenten werden gewöhnlich, dem Gebrauche des Physikers entsprechend, nur die gleichartigen Teil- ursachen eines und desselben Faktors, deren Wirkungen sich also einfach addieren oder subtrahieren, genannt (z. B.Zugkräfte, Druckkräfte). Faktoren, welche multiphcativ zusammenwirken, sind z. B. als in ihrer Größe variable der Kraft- und Dauerfaktor, als in ihrer Größe (im Organischen wenigstens, längere Zeit) konstante die Coefficienten [s. d.]. Die Bezeichnungen Faktoren und Komponenten werden vielfach auch als gleichbedeutend gebraucht. Die Faktoren sind nach unserer derzeitigen Auffassung als einfache oder als zusammengesetzte, also noch weiter zerlegbare zu beurteilen. Faktoren des Lebensgeschehens, deren Wirkungsweise sich von der Wirkung der anorganischen physikalischen und che- mischen Faktoren so hochgradig unterscheidet, daß wir sie nicht bzw. noch nicht aus dem Wirken solcher Fak- toren abzuleiten vermögen, heißen complexe Faktoren, 10* — 148 — Faktoren (Fortsetzung). oder complexe Componenten [Roux], z. B. Zelle, Zelleib, Zellkern, Chromosomen, Chlorophyllkörper, Stärkebildner, Automerizon, Isoplasson, sie produzieren complexe Vo r g ä n g e. Die Faktoren sind allgemein einzuteilen in mate- rielle und rein energetische, in begrenzt localisierte und diffuse und ganz allge- mein vorkommende, in aktive und passive (z. B. als Baumaterial dienende: Fett im Druckpolster). Der Art nach sind ferner zu scheiden : A u s 1 ö - sungsfaktoren, Reize und Differen- zierungsfaktoren sowie Zeitfaktoren [s. d.]. Die Faktoren der Ontogenese sind im allge- meinen zu sondern in: typische und atypische oder alterierende (normale und abnorme), ferner in zum Entwicklungsgeschehen nötige, oder zwar oft oder meist beteiligte (also normale), aber nicht nö- tige (z. B. die Schwerkraft bei der tierischen Ent- wicklung). Ferner sind zu scheiden determinierende und aus- führende oder realisierende (s. Determinationsfak- toren und Reahsationsfaktoren). Zu jedem einzelnen typischen Geschehen sind nötig die besonderen speziellen Faktoren des Orts, der Zeit (des Beginns und der Dauer), der Intensität (der Größe in der Zeiteinheit), der Richtung, der beson- deren Qualität. Jeder von allen diesen Faktoren ist durch besondere Experimente zu ermitteln. Soweit diese Faktoren das »tj^ische Entwicklungsgeschehen« determinieren, hegen sie im Ei. S. Typus. [Einleitung zum Archiv f. Entwmech., I, 1894 und Vortrag I über Entwmech. 1905 S. 135 — 141.] Fakultative Gallen nennt MoUiard diejenigen (s. unter Cecidien), welche keineswegs konstant, sondern nur zu- weilen nach Infektion einer bestimmten Wirtspflanze durch eine bestimmte Parasitenart zur Entstehung kommen. [MoUiard, Une coleopteroc6cidie nouveUe — 149 — sur Salix caprea, type de c6c. facult. Rev. gen. de Botan. 1904. T. 16. p. 91.] K. Fasciation (fascis Bündel), Verbändening : band- oder messerschneidenartige Verbreiterung von Laub- sprossen und Wurzeln. K. Fascie ist eine bindegewebige Haut, welche zwei oder mehr Muskeln zusammenhält. Ihre stärksten oder Hauptfasern stehen entsprechend dieser Funktion ganz oder annähernd quer zur Längsrichtung der be- treffenden Muskelgruppe. Außer diesen Hauptfasern sind noch überwiegend quer zu ihnen stehende Nebenfasern vorhanden. Beide Systeme sind etwas untereinander verbunden. An der Beugeseite der Gelenke aber sind beide Faser- systeme fast gleichstark und stehen dann beide annähernd unter etwa 45° zur Richtung der Sehnen, d. h. zur Bewegungsrichtung des Gelenkes. Auf Aponeurosen (Sehnenhäuten, hautförmigen Sehnen) sind die Hauptfasern der Fascien häufig mit den Aponeurosenfasern fest verwachsen, z. B. an der Streckseite des Vorderarmes oder des Unterschenkels, sie werden dann gewöhnlich mit zur Aponeurose ge- rechnet. Das ist funktionell unzulässig, denn die speci- fischen Aponeurosenfasern verlaufen Inder Richtung des Zuges (der Zugresultante) und fungieren als Sehnen, die specifischen Fascienfasern verlaufen dazu recht- winkelig und fungieren als Muskelbinde. Aber jede von beiden Fasergruppen vertritt an Stellen der Verwachsung beider Schichten zugleich das secun- däre Fasersystem der anderen Haut, ist aber viel zu stark entwickelt, um bloß als solches dieses Systems betrachtet werden zu können. [Roux, Ges. Abh. I, S. 180, 282, 358.] Faux hybrides [Millardet 1894]. Bei Erdbeerbastarden wurde (von M.) zuerst beob- achtet, daß ein B a s t a r d in all seinen Merkmalen der Mutter gleichen und eine der Mutter und sich selbst gleichende Nachkommenschaft hervorbringen kann. — 150 — Faux hybrides (Fortsetzung). (Ms. Angabe, daß die Faux hybrides in einem Falle dem Vater glichen, ist irrig [Correns, Ber. Deutsch. Bot. Ges. 1901, S. 216]). Die Erscheinung wird von Bateson u. Saunders [Rep. Evol. Comm. I, 155, 1902] Mono- 1 e p s i s genannt. Vgl. auch P s e u d o g a m i e. [A. Millardet, M6m. Soc. Sc. phys. et natur. de Bordeaux 1894, t. IV, 4. Serie.] C. Feld, graues, abnormes, am Froschei [Born]. Es entsteht bei hochgradig abnormer schiefer, wagrechter oder umgekehrter Zwangslage des Eies und zwar durch Unterlagerung der braunen Rinde mit dem auf- steigenden weißen Dotter. Es wechselt in seiner Breite mit dem Grade der abnormen Stellung der Eiachse und ist ganz anders bedingt und oft anders gestaltet als das graue Sichelfeld Roux', welches zudem eine normale Bildung ist [s. d.]. [G. Born, Über den Einfluß der Schwerkraft auf das Froschei, Arch. f. mikr. Anat. Bd. 24, 1885.] R. Feld, halbmondförmiges graues Roux' am Froschei s. Sichelfeld, graues. Festigkeit ist der Widerstand, den ein Körper seiner bleibenden Deformation resp. seiner Zusammenhangs- trennung durch Druck, Zug, Biegung, Torsion entgegen- setzt. Danach heißt sie Zug-, Druck-, Biegungs-, Tor- sionsfestigkeit [s. d.]. S. a. Tragkraft, Körper gleicher F. R. Festigkeitscoefficienten heißen der Tragmodul, der Bruchmodul und der Elastizitätsmodul [s. d.]; es sind also diejenigen in ihrer Größe konstanten Faktoren, welche durch die Eigenschaften des Materials gegeben sind. R. Fiederung der Muskeln ist die Schiefstellung der Muskelfasern zur Sehne. Sie ist Ersparnis an Raum für Sehne und Muskeln, ermöglicht Ausnutzung jedes Raumwinkels für Muskelsubstanz. Sie ist aber sehr kostspiehg im Betrieb, da durch die Schiefstellung zur - 151 - Sehne 20 — 30% der Energie nur in innere Arbeit um- gesetzt werden. Sie beruht nach Roux darauf: i. daß der Querschnitt der Kraftmaschinen, der Muskelfasern viel (60 — 120) mal größer ist, als der der Transmissionsriemen, der Sehnen, und 2. daß die Sehnenfasern aufs engste zusam- mengefaßt werden. Sie entsteht außer typisch nach Roux auch als direkte Anpassung an neue Verhältnisse bei Muskel Variationen s. a. Muskelschrumpfung. [Roux, Ges. Abb., II, 1050.] R. Fischeische Körnchen [Rhumbler 1899]. Eigenartige, mittels vitaler Neutralrotfärbung sicht- bar werdende Granula in den Echinodermeneiern, welche während der Teilungsvorgänge ganz bestimmte Be- wegungen aufweisen: Bei Beginn der Teilung häufen sich die bis dahin in der ganzen Zelle verstreuten Körn- chen im Centrum der Zelle an und bilden eine Hüllkugel um den Kern. Mit den später einsetzenden Form Ver- änderungen des Kernes analog streckt sich diese Kömer- kugel zu einem Hüllellipsoid aus und wandelt sich dann in eine Hantelfigur um; die Anschwellungen der Hantel entsprechen den in der Kernpolstellung eingetroffenen Sphären, das Mittelstück entspricht der Kernspindel. Im Stadium der ZeUdurchschnürung verschwinden die Körn- chen aus der der Äquatorialebene der Kernspindel ent- sprechenden Teilungsebene, schließen sich hier aber wieder nach erfolgter ZeUdurchschnürung zu Ringen zusammen, um, nach Eintritt des Ruhestadiums, gleich- mäßig die ganzen Tochterzellen zu erfüllen wie vor Beginn der Zellteilung die MutterzeUen. Über die Be- deutung dieser Körnchen für die physikalische Analyse der Lebenserscheinungen der Zelle siehe Rhumbler, Arch. f. Entwmech., Bd. 9, 1899. C^- Fischel, Über vitale Färbung von Echinodermeneiern während ihrer Entwicklung. Anatom. Hefte, H. n, 1899, und Zur Entwicklungsgesch. der Echinodermen, Arch. f. Entw- mech., 22, 1906.] F. — 152 — Flamme istlsoplasson [Roux], d. h. ein Körper mit Selbstdissimiliation, Selbstassimilation, ev. Selbst- wachstum und einem gewissen Grade von Selbstregu- lation in diesen ihrer » Selbsterhaltung« dienenden Lei- stungen. Daher ist sie geeignet zum Gleichnis des Lebens, sowie zu Versuchen über den Kampf der niedersten Bionten um Nahrung und Raum [Roux], s. Kampf modell. Außerdem hat sie an- scheinende Selbstausscheidung und Selbstgestaltung; da diese aber durch die Schwerkraft bewirkt werden, ist es nur von außen her bedingtes, also »abhängiges« Geschehen. Sie ist vielleicht ein wirkliches Probion, ein Vorstadium der Lebewesen gewesen. [Roux, Ges. Abb., II, 218. Ders., Vortr. I, 1905 S. 109, 121.] Flankenlage der Chromatophoren s. Parastrophe. K. Fließen, Fließgrenze, Fließlinien. Wird bei der mechanischen Beanspruchung eines festen Körpers mit Zunahme der Belastung die Elastizitätsgrenze [s. d.] überschritten, so tritt bei vielen, nicht spröden Körpern nicht unmittelbar der Bruch ein, sondern ein eigentüm- licher Zustand, bei welchem ohne weitere Zunahme der Belastung die Deformation fortschreitet, die Substanz gewissermaßen zu »f 1 i e ß e n « beginnt. Die Belastungs- grenze, bei welcher das »Fließen« beginnt, heißt die »F 1 i e ß g r e n z e «. Bei solcher Deformation erscheinen auf der Oberfläche »hochglanzpolierter« Körper eigen- tümhche Liniensysteme, die sich in vielen Fällen unter konstantem Winkel in 2 Scharen durchschneiden, also mathematische Trajectoriensysteme [s. d.] darstellen. Häufigkeit, Form und Lage der Linien hängen von der Form und der Beschaffenheit der Substanz des festen Körpers sowie von der Art der Beanspruchung ab; dies betrifft in gewisser Weise anscheinend auch die Größe der Durchkreuzungswinkel. Bei sehr homo- genem Material und Dauerbelastung ist derselbe häufig ein rechter. Die »F 1 i e ß 1 i n i e n« entsprechen dann ziemHch gut dem Verlauf der maximalen Schubspan- nungen [s. d.] bei der jeweils vorliegenden Belastung. — 153 — Es sei aber ausdrücklich darauf hingewiesen, daß die innere Struktur des belasteten Körpers sehr häufig die Lage der Fheßlinien beeinflußt, ihr Entstehen ganz ver- eitelt oder auch sie durch ganz andere Deformationen ersetzt. Der Knochen kann keine Fließlinien bilden, weil durch die fibrilläre Struktur seiner Substanz genau festgelegte Spaltungsmöglichkeiten gegeben sind. W. Gebhardt. Flüssigkeitsstoß ist der Auf stoß bewegter Flüssig- keit, z. B. des Blutes auf die Wandung der Blutgefäße. Letzterer kommt nur an den Stellen unvollkommener haemodynamischer Gestaltung der Wandung, also un- vollkommener Anpassung derselben an die Eigengestalt des Blutstrahles vor. Daher nur ausnahmsweise und zwar entweder da, wo ein äußeres Hindernis oder erst nachträgliche große Umänderung der Circulation die Anpassung an die Eigengestalt des Blutstrahles hinderte. [Roux, Ges. Abb., I, 87.] R. Folgeform bei Pflanzen s. Jugendform. Folgemeristem s. Dauergewebe. Formal s. gestaltlich. Formal-analytischer [Roux] Versuch s. Experiment. Formationes substantiae spongiosae osseae nennt Roux die »wesentlich verschieden fungierenden Formen- typen« der spongiösen Knochensubstanz. Sie sind I. Spongiosa pilosa, Kugelschalenspongiosa [Roux], welche aus seitlich miteinander verschmolzenen Kugelschalen besteht, mit den Unterabteilungen : g 1 o - b a t a und ovata, completa, incompleta; ihre besondere Funktion besteht im Widerstandleisten gegen in ihrer Richtung stark und nach allen Seiten hin wechselnde Druckbeanspruchung; sie findet sich in den Gelenkenden (unter der Druckauf- nahmefläche) , besonders der Kugelgelenke, aber auch, obschon nur in dünnerer Lage, der Winkel- und anderer Gelenke, an diesen wegen der geringen, aber häufigen seitlichen Druckwirkungen und Verschiebungen. - 154 - Formationes (Fortsetzung). 2. Substantia spongiosa tubulosa, Röhr- chenspongiosa, aus Röhrchen, welche seithch miteinander verschmolzen sind; sie ist die zuerst ent- stehende Form; aus ihr werden alle anderen hervor- gebildet [Roux]. Sie ist zu scheiden in:a)completa, b) incompleta und leistet Widerstand gegen Be- anspruchung in der Längsrichtung der Röhrchen mit geringer Abweichung nach allen Seiten ; sie leistet in querer Richtung sehr elastischen Widerstand. Sie stellt wegen dieses Wechsels auch wie die vorige selber noch keine wirkliche Zerfällung der Beanspru- chung auf rechtwinkhge Componenten dar, bereitet sie aber vor. Sie dient auch zur größeren Anhäu- fung von Widerstandsmaterial auf en- gerem Raum, als dies in der Spongiosa trabeculosa und lamellosa der Fall ist, und vermittelt so an manchen Stellen den Übergang zur Substantia compacta ossea. 3. Spongiosa trabeculosa, Bälkchenspongiosa besteht aus Bälkchen, soliden geraden cylindrischen Stäbchen, welche aber an den Enden zur ausgerundeten Verbindung mit den anderen Bälkchen verdickt sind. Sie leistet Widerstand nur gegen sehr konstant gerichtete Beanspruchung, nämlich der Länge des Bälk- chens, stellt die vollkommene funktionelle Anpassung an constante Beanspruchungsrichtung dar und kommt da- her nur genügend tief im Innern des Knochens nach der Substantia pilosa und tubulosa vor, nachdem einer oder beide vorigen Typen die wechselnd gerichteten Bean- spruchungen aufgenommen und die Zerfällung in die zwei senkrechten Richtungen der Spongiosa trabeculosa vorbereitet haben. 4. Spongiosa lamellosa, Plättchenspongiosa [Roux] besteht aus den lamellae staticae oft vermengt mit rechtwinkehg dazu stehenden trabeculae, leistet Widerstand gegen innerhalb der Ebene der Plättchen in ihrer Richtung wechselnde Beanspruchung, daher in den Gelenkenden der Winkelgelenke. Die beiden letzteren - 155 - Formationen stellen ihrer Form nach die Spongiosa reticularis dar mit den Unterabteilungen : o v a t a (aus- gerundeter), rectangularis, recta, curvata, ordinata, inordinata, triangularis. Sie re- präsentieren trajectorielle Zerfällungs- strukturen [s. d.]. 5. Stellenweise ist Knochenspongiosa auch aus großen Platten, den laminae staticae, gebildet; die Spon- giosa laminosa [Roux] Plattenspongiosa oder Fach- werkspongiosa. Sie kommt z. B. im Stirnzapfen des Büffels, im Femur des Strauß vor und dient da- selbst bei ihrer schräg zur Längsrichtung stehen- den Richtung dem Torsionswiderstand, ersteren Falles zur Produktion elastischen Widerstandes gegen Stoß, letzteren Falles zur Versteifung, zmn starren Widerstand gegen die direkte Torsion. [Roux, Ges. Abb., I, S. 702 — 712.] R. Formative Organisation [Morgan 1904]. Die Eigenschaft des lebenden Plasmas, eine specifische Form anzunehmen. Diese indifferente Bezeichnung scheint Morgan vorderhand besser zu sein als z. B. der (gleichfalls von ihm) gebrauchte Ausdruck: Formative force. Minot spricht von einer »vermehrenden und morphogenetischenKraft«, welche alle Teile des Körpers, vererbt vom Keime, besitzen. Sie entfaltet sich deshalb nicht, weil der Zustand der Körperteile sie hemmt. Der Zustand, der ihr erlaubt, sich zu ent- falten, entsteht unter verschiedenen Bedingungen, von welchen eine die Befruchtung des Eies ist. [T. H. Mor- gan, An analysis of the phenomena of organic >>polarity<<. Science, 20, 1904. Ch. S. Minot, Über die Vererbung und Verjüngung. Biolog. Centralbl., 15, 1895, S. 571.] F. Formative Reize [Virchow] siehe Reize, Pfeffers und Küsters Unterscheidung. K. Formgleichgewicht, equilibrium of animal form [Przibram 1907]. Im lebenden Körper findet ununterbrochen ein Ver- - 156 - Formgleichgewicht (Fortsetzung). lust und ein Wiederersatz von lebensfähiger Substanz statt. Erfolgt dies in einer für das betreffende Entwick- lungs- und Ausbildungsstadium normalen Weise, so besteht Formgleichgewicht. Vgl. Gleichgewicht, ge- staltlich-funktionelles, Reiz-Äquivalent. [H. Przibram, Equilibrium of animal form. Journ. of exper. Zoologie 1907.] F. Fortsatz, rüsselförmiger [Herbst 1897] von Lar- ven. In karbonatfreien Zuchten von Sphaerechinus- Larven beobachtete Herbst am animalen Pole über dem Munde einen rüsselförmigen Fortsatz. Er erinnert an die gleichfalls von Herbst beobachteten hypertrophischen Wimperschöpfe in SO^-freien Echinus-Zuchten, doch ist er weniger als eine Hypertrophie des normalen Wimperschopfes als vielmehr als eine rüsselförmige Ver- schmälerung des vor dem Munde gelegenen Teiles der Wimperschnur aufzufassen. Normalerweise fällt ent- weder den Hydroxyden oder den Karbonaten die Auf- gabe zu, seine Entstehung zu verhindern. — Ähnliche Fortsätze wurden erzeugt: Von Pouchet und Chabry an armlosen Pluteis in kalkarmem Seewasser; von Herbst an Gastrulis von Echinus mittels Zusatz von KCl zum Meerwasser und an fortsatzlosen Pluteis von Sphaerechinus durch Vermehrung des MgS04-Gehaltes. [C. Herbst, Über die zur Entwicklung der Seeigellarven notwendigen anorganischen Stoffe usw. I und III, Arch. f. Entwmech., Bd. 5 u. 17, 1897 und 1904.] F. Fragmentierung des Dotters [Barfurth 1895.] Pseu- dosegmentation (Hennegui). Unbefruchtete Hühner- (und auch andere )Eier können eine Segmentierung der Keimscheibe erfahren, die aber nicht als »parthenogenetische Furchung« aufzufassen ist, da ihre Produkte keine echten Zellen sind, keine Zell- kerne besitzen: »Pseudoblastomeren« [Bataillon]. Es handelt sich bloß um einen nicht durch den spezifischen Zellteilungsvorgang, sondern durch einfachere physi- kalisch-chemische Kräfte (Gerinnung und Wasserverlust) - 157 - bewirkten Prozeß. Diese Dotterfragmentiening ent- spricht dem »scholligen Zerfall« der kontraktilen Sub- stanz. Sie ist bei allen Wirbeltierklassen beobachtet worden und hat ein Seitenstück in der Dotterfragmen- tierung von in Rückbildung begriffenen Ovarialeiem. S, a. Pseudosegmentation; Furchung, scheinbare; Fur- chung ohne Chromosomen. [D. Barfurth, Versuche über die parthenogenetische Furchung des Hühnereies. Arch. f. Entwmech., 2, 1895, S. 346.] F. Framboisia embryonalis finalis nennt Roux die von ihm beobachtete Rundung der Epithelzellen unter Lösung des epithelialen Verbandes der Blastula und junger Embryonen, also die Aufhebung der vorherigen flächenhaften Zusammenfügung, der C y t a r m e [s. d.]. Sie gibt bei diesen noch nicht sich bewegenden Lebe- wesen das erste sichtbare Zeichen des eintretenden resp. eingetretenen Todes. Sie findet sich in vielen Abbil- dungen der beschreibenden Embryologie als »normaler« Zustand dargestellt. Roux teilt sie nach den sie darbietenden Keimblättern ein in Framboisia externa, intermedia, in- terna, sowie in minor und major, medullaris. [Roux, Ges. Abh., II, S. 105 1.] R. Freiwandlage der Chromatophoren s. Epistrophe. K. Fremdassimilation [Roux] s. Assimilation. Fremdbildungsreize s. Reize, Pfeffers Unterschei- dung. K. Fremdwachstum [Roux] s. Wachstum, passives. Frostlaubfall, nach Wiesner die durch Frost hervor- gerufene Entlaubung der Bäume. K. Fugenwandlage der Chromatophoren s. Apostrophe. K. Funktionalharmonie nennt Driesch die Tatsache, daß der erwachsene Organismus funktionell ein einheit- liches Ganzes ist. S. a. funktionelle Harmonie Roux', Kompositions- und Kausalharmonie. [Driesch, Result. u. Probl. 1899, S. 841.] R. - 158 - Funktionelle Anpassung s. Anpassung. Funktionelle Gestalt s. Gestalt. Funktionelle Hypertrophie s. letztere und Activitäts- hypertrophie. Funktionelle Struktur eines Organes [Roux] ist eine Struktur, welche der specifischen Funktion des Organes, also seiner »Betriebsfunktion« [s. d.] so angepaßt ist, daß diese bestimmte Funktion entweder m i t dem Minimum an Struktur- und Be- triebsmaterial geleistet wird, oder daß wenig- stens, nämlich bei den passiv fungierenden Organen, (z. B. den Knochen, welche mit mehrfacher Sicherheit gebaut sind) umgekehrt das aufgewendete Mate- rial das Maximum an Funktion leistet. Diese Struktur ist eine Trajectorienstruktur [s. d.]. Ist diese Strukturierung ganz durchgeführt, so hat der so gebaute Körper auch »funktionelle Gestalt« [s. d.] und stellt für diese Funktion einen Körper allenthalben gleicher Festigkeit dar [s, d.]. Weiteres s. unter Struktur. R. Funktionelle Wechselgestalt [Roux] s. Gestalt. Funktionen oder Leistungen der Lebewesen sind: 1. Erhaltungsfunktionen, solche Vorgänge, welche der Erhaltung des einzelnen also bereits ge- bildeten, sei es mehr oder weniger entwickelten Lebe- wesens und seiner Species (letzteren Falles durch Ver- mehrung) dienen, also ihre Dauerfähigkeit her- stellen resp. erhöhen, daneben ev. auch Annehmlichkeit bewirken. Zu den Erhaltungsfunktionen [s. d.] gehören auch die Betriebsfunktionen [s. d.]. 2. Vorgänge, welche die typische Selbstgestal- tung, Selbstentwicklung bewirken [s. d.] ; Diesen dem eignen Lebewesen dienenden, also e g o i - stischenFunktionen fügen sich bei den höheren resp. höchsten Lebewesen noch altruistische, anderen Lebewesen dienende Leistungen hinzu, z. B. Brutpflege, Pflege des Gemeinwohls der Artgenossen. - 159 - S. Erhaltungsfunktionen, Betriebsfunktionen, Elemen- tarfunktionen, Gestaltungsfunktionen, Lebewesen. R. Funktionsgröße, Leistungsgröße heißt die Größe der funktionellen Tätigkeit der aktiv fungierenden Or- gane: Drüsen, Muskeln, Ganglienzellen usw. im Unter- schied zur »Beanspruchungsgröße « der bloß passiv fungierenden Organe. Sie ist in bezug auf ihre Be- wirkung der funktionellen Anpassung zu sondern in: i) die relative Funktionsgröße, das ist die Leistungs- größe bezogen auf die Einheitsgröße des Organs und auf die Zeiteinheit, also z. B. die Leistung der Gewichts- einheit, des Gramm Drüse in der Zeiteinheit: die Zahl der Gramm Secret in der Sekunde also der Sekunden- Gramm Sekret. Bezüglich der Muskeln sind zu son- dern: die Verkürzungsgröße der Längseinheit Mm. und die Spannungsgröße in Grammen der Querschnittsein- heit, also pro Gmm, sowie das Produkt beider für die Volumen- oder Gewichtseinheit ; also für den Cubikmilli- meter bezw. für das Gramm: die Zahl der Millimeter- Gramm Arbeit pro Sekunde also die Zahl der Sekunden- Millimeter-Gramm. 2) Das Produkt dieser Leistung in ihre Dauer. Dieses heiße entsprechend der »zeitlichen« Beanspruchungs- größe [s. d.] »zeitliche« (NB. relative) Leistungsgröße oder zeitliche Funktionsgröße; so zunächst die »zeit- liche« Einzelleistung, Die Leistung in der ganzen Dauer der »empirischen Anpassungszeiteinheit« (z. B. von 30 Tagen) heißt dann »zeitliche« (NB. relative) Gesamt- leistung, kurz Gesamtleistung, so z. B. des Gramm Drüse, des □ mm Dicke, des mm Länge eines Muskels resp. des Gramm Muskels. Es ist aber des genaueren von Bedeutung für das Anpassungsgeschehen auch noch die mittlere Dauer der einzelnen relativen Funktions- größen sowie die Dauer bzw. Häufigkeit der maxi- malen Funktionsgrößen in dieser Anpassimgszeit- einheit. — i6o — Funktionsgröße (Fortsetzung). Nicht die mit der Zeit ständig zunehmende Gesamt- summe der Leistung eines Organs bestimmt die Größe der gestalthchen funktionellen Anpassung desselben ; dies ebensowenig wie es mit der »Beanspruchungsgröße« [s. d.] der passiv fungierenden Organe der Fall ist, ob- schon dies manche Autoren vertreten. Sondern dies geschieht durch die Differenz der Gesamtleistung (oder des Mittels aller zeitlichen Einzelleistungen), also durch das Increment resp. Decrement [s. d.] in unmittel- bar aufeinanderfolgenden »Anpassungszeiteinheiten«. Genaueres s. Beanspruchungsgröße, wo statt Bean- spruchungsgröße nunmehr Funktionsgröße zu setzen ist. Die Änderung dieser Größen bewirkt die empi- rische gestaltliche Anpassung. Aber bei den Muskeln gibt es auch noch besondere Anpassung an Änderung der mittleren relativen Spannungsgröße, der mittleren relativen Verkürzungsgröße, der mittleren Dauer der einzelnen Kontraktionen, der mittleren Häufigkeit der Kontraktionen. S. Muskellänge. Jede aktive Leistung konsumiert außer dem Betriebs- material auch Struktur und veranlaßt Ersatz des Ab- genutzten, s. Reparation. Bei dem an konstante »Gesamtleistung« an- gepaßten Organ besteht Gleichgewicht zwischen Organgröße und Funktionsgröße bzw. funktioneller Reizgröße; das durch die trophische Wirkung des funk- tionellen Reizes bzw. der Funktionierung Angebildete entspricht der Abnutzungsgröße. Bei gesteigerter, also über das bisherige Maß hinausgehender mittlerer oder Gesamtfunktionsgröße in der Anpassungszeiteinheit aber steigt die trophische, die »morphologische Assimilation« anregende Wirkung der Funktion bzw. des funktionellen Reizes (NB. eine Strecke weit) mehr als der Abnutzung entspricht, als zum bloßen Ersatz nötig ist. Diese Re- lation ist die Grundlage der quantitativen funktionellen Anpassung. S. a. funktionelle Anpassung, Reizäquivalent, Überanstrengung. R. — i6i — Furchung, Segmentatio, Eifurchung, des Eies ist die Selbstteilung der Eizellen in kleinere Zellen, ohne Wachstum. Sie ist anfänglich nur mit geringer, oder sehr geringer, später mit größerer Differenzierung verbunden; man nennt letzteres Geschehen Spe ci fi- el erung, Determinierung der Furchungszellen, ihr Er- gebnis Specietät [s. d.]. S. Determinierte Furchung. Die Furchung heißt a) totale, wenn das Ei schon durch die erste und die folgenden Furchungen ganz durchgeteilt wird ; b) partielle, wenn die erste Furchung nur einen Teil des Eies in Zellen teilt und der übrige Teil erst später in Zellen zerlegt wird. Oder der übrige Teil kann auch von anderen Zellen nur als Nahrung aufgenommen werden, ohne vorher in Zellen zerlegt zu sein. Die Furchung leistet [n. Roux] bei den höheren Vertebraten in der Specificierung bereits einen Teil jener >>expliciten<< Gestaltungsarbeit, welcher bei den niederen Vertebraten erst durch die Gastrulation ge- leistet wird, welcher also bei diesen zur Zeit der Furchung erst implicite determiniert ist. [Roux, Ges. Abb., II 536. Generalreg. 274.] S. dagegen Ganzfurchung, Halbfurchung von Blasto- meren, Determinierte Furchung. R. Furchung ohne Chromosomen [H. E. Ziegler 1898]. Ziegler sah bei einem mit Sperma derselben Art be- fruchteten Seeigelei bei der ersten Teilung die gesamte Kernmasse der beiden Geschlechtskerne in die eine der beiden Blastomeren übergehen, welche sich dann regel- mäßig teilte; in der anderen chromosomenlosen Elasto- mere fanden sukzessive Teilungen der Centren statt, daneben unregelmäßige und unvollständige Zellteilungen. Vgl. a. Fragmentierung des Dotters. [Ziegler, Experi- mentelle Studien über die Zellteilung. Arch. f. Entwmech, 6, 1898.] F. Furchung, scheinbare, ist nach Roux 1888 die von J. Dewitz 1887 durch Einwirkung von Sublimat auf unbefruchtete Froscheier veranlaßte angebhche parthe- Roux, Terminologie der Entwicklungsmechanik. n — 102 — nogenetische Furchung, denn sie ist nicht Zerlegung in Zellen, sondern bloß oberflächliches Aufplatzen der Eirinde z. T. in annähernd rechtwinkelig zueinander stehenden Meridianen. S. a. Fragmentierung, Pseudo- segmentation. [Roux, Ges. Abh,. II, S. 432.] R. Furchungskern. Die Richtung seiner ersten Teilung wird allgemein durch die Kopulationsrichtung desselben bestimmt und fällt mit ihr zusammen [Roux]. Die funktionelle Bedeutung dieser Coincidenz s, bei Kopu- lationsrichtung. [Roux, Arch, f. mikrosk. Anat., Bd. 29, 1887. Ges. Abhdl., II, S. 344. Anat. Anzeig. 1903.] Furchungsnachahmung an öltropfen von Roux. Es gelingt, allein durch ungleiche Größe der Teilstücke manche typische Furchungsschemata sowie Mesenchym- bildung (Einwanderung in die Furchungshöhle) zu ver- anlassen. [Roux, Arch. f. Entwmech., IV, S. 5.] Furchungszellen s. Blastomeren, »Gestalt« der Furchungszelle s. »Deformation«. Gallen s. Cecidien. K. Gallerte, Gel, sind erstarrte kolloidale Lösungen, die also einen zähen, halbflüssigen oder festen Block bilden, z. B. aus Lösungen von Agar-Agar, Gelatine, Stärke, Tonerde, Kieselsäure. Je nach dem Lösungsmittel unterscheidet man Hydrogel, Alkoholgel, Xylolgel. Die Gallertbildung ist eine eigenartige Form der Entwick- lung. [Hoeber, Physika!. Chemie d. Zelle und Gewebe. 1906.] R. Gallplastem nennt Beyerinck den bei vielen Hyme- nopterengallen scharf umgrenzten Komplex meristema- tischer, undifferenzierter Gewebe, aus welchem sich die Galle (s. Cecidien) entwickeln soll. [Beyerinck, Beob. über die ersten Entwicklungsphasen einiger Cynipiden- gallen, Amsterdam 1882.] K. Galtonsche Regel, auch: Galtons Prinzip [Galton 1897]. Nach Galton läßt sich von der Gesamtheit der Merk- male, welche eine bestimmte Generation von ihren Vor- fahren ererbt, die Hälfte auf die Eltern der Generation, - i63 - ein Viertel auf die Großeltern, ein Achtel auf die dritt- nächste Generation usf. zurückführen. Gegen diese Regel, sowie auch gegen ihre Modifikation durch Pearson — wonach der Einfluß der früheren Generationen höher zu bemessen ist — sind mannigfache Einwendungen (besonders von Castle und Bateson) erhoben worden und Johannsen erklärt diese quantitative Relation über- haupt nur als den Ausdruck eines Wahrscheinlichkeits- gesetzes. [F. Galton, The average contribution of each several ancestor to the total heritage of the offspring. Proc. R. SOG. London, 6i, 1897.] F, Galvanotaxis, die durch einseitigen Angriff des elek- trischen Stromes hervorgerufene Form der Taxis [s. dort]. Vgl. Galvanotropismus. K. Galvanotropismus, der durch einseitige Einwirkung strömender Elektrizität hervorgerufene Tropismus [s. diesen]. Vgl. Galvanotaxis, Elektrotropismus, Hertzo- tropismus. K. Gameten {ya^ieTrjg Gatte) heißen die beiden Zellen, welche sich bei der Konjugation oder Kopulation ver- einigen. Das dadurch gebildete Individuum heißt Zygote {^vyöv Joch). R. Gametozygie [Waldeyer]. Gesamtheit aller jener Vorgänge und Erscheinungen, welche bei dem Eindringen der Spermien in die Eier in Betracht kommen. F. Gamomorphosen {yctfiog Ehe, (.lOQqr] Gestalt) [Schrö- ter], die durch den Reiz, der von einem heranwachsenden Befruchtungsprodukt ausgeht, hervorgerufenen Mor- phosen [s. d.]. Vgl. auch Andromorphosen. K. Ganzbildung, Holoplast [Roux] (oAog ganz, nkaoTÖg das Gebildete) genauer Eiteil-Ganzbildung, (z. B. Hemiooholoplast s. d.) ist ein mehr oder weniger weit entwickeltes, aber »vollständig« gebildetes, also ein ganzes Lebewesen darstellendes Gebilde, das aus einer Blastomere, also aus einem Eiteil entstanden ist [s. Ganzentwicklung]. Die Ganzbildung ist primär, wenn sie unter »Ganzfurchung« [s. d.] und unter Bildung einer II* — 164 — Ganzbildung (Fortsetzung), ganzen Morula, ganzen Gastrula usw. erfolgt; oder secundär, wenn sie zuerst unter >>Halbfurchung<< [s. d.] und mit Bildung einer Semimorula ev. Semigastrula entstanden und dann erst, als durch Post- generation ergänzt worden ist. Daß ein »ganzes« Ei eine Ganzbildung liefert, ist selbstverständlich; ein so entstehendes Gebilde wird daher nicht noch besonders als »Ganzbildung << bezeichnet. Wenn dieser Ausdruck gebraucht wird, geschieht es, um das oben charakterisierte besondere Geschehen und sein Produkt zu bezeichnen. [Roux, Ges. Abh., II, 1892, S. 792, 1053.] R. Ganzentwicklung, Holoplastia [Roux] ist die Ent- wicklung einer Elastomere, also eines E i t e i 1 e s vom Werte einer Zelle, z. B. einer Halbei- oder Viertelei- blastomere, wenn die Entwicklung so wie bei einem ganzen Ei dieser Gattung, also mit tj^pischer »Ganzfurchung<< (sei diese totale oder partielle Furchung), mit Bildung ganzer Morula, ganzer Gastrula usw. verläuft, wobei dann auch weiterhin ein »voll- ständiges« Lebewesen produziert wird (aber ohne Rück- sicht darauf, ob die Entwicklung auch ganz, d. h. bis zu Ende abläuft). S. a. Ganzbildung. Unterschied Teil- entwicklung, s. a. Teilgebilde, Ges. Abhdl. II, 884, 796, 1002, 1009. R. Ganzes, actuelles und potentielles. In einer isolierten ersten Furchungszelle des Frosches ist zwar das Ganze, d. h. das ganze Lebewesen, potentiell dem gestal- tenden Vermögen nach enthalten, denn die Zelle hat das Vermögen, durch Postgeneration später das Ganze zu produzieren; da sie aber (NB. am Ende der Laichperiode, also bei einiger sonstiger Störung, wohl des Regulations- vermögens) vorher nur einen halben Embryo produ- ziert [Roux], ist das Ganze noch nicht aktuell in ihr enthalten. Eine isolierte erste Furchungszelle des Amphioxus dagegen teilt sich (nach Edm. Wilson] wie ein ganzes Ei (s. Ganzfurchung und Teilfurchung) und - i65 - liefert so gleich eine ganze kleine Gastrula. Also ist hier das »Ganze« in der ersten Furchungszelle bereits aktiviert, also aktuell vorhanden. S. Postgene- ration. [Ges. Abhdl. II. S. 831.] R. Ganzform [Roux] ist die Gestalt einer Ganzbildung, eines Holoplasten [s. d.]. Sie kann auch aus einem halben oder Viertelei, also aus einer der ersten zwei, vier FurchungszeUen entstehen. R. Ganzfurchung, Holoblastomerie [Roux], genauer Eiteil-Ganzfurchung, ist die Furchung einer isolierten, z. B. einer ein halbes Ei oder ein Viertelei darstellenden Elastomere, also eines Eiteiles, wenn sie von Anfang an sichtbar in der Weise stattfindet , w i e sich ein ganzes typisches Ei dieser Tiergattung furcht. Die Ganzfurchung muß also, je nach der Tiergruppe, der das Ei zugehört, totale oder partielle Fur- chung [s. d.] im Sinne der descriptiven Lehre sein. Daß sich ein ganzes Ei wie ein ganzes Ei furcht, noch extra zu benennen, wäre Tautologie, deshalb konnte die Be- zeichnung Ganzfurchung in ihrer Anwendung auf >>Ei- teile<< beschränkt werden. [Roux, Arch. f. Entwmech., I, 605]. R. Gastronastie {yaarriQ Bauch) s. H57ponastie. K. Gedankenexperiment nennt Roux das nur in Ge- danken ausgeführte (also nichts beweisende) Experiment. So Antinous Raubers nur gedachte Vertauschung der Furchungskerne des Frosch- und Kröteneies mit der Folgerung, man werde dadurch zu der Überzeugung gelangen, daß aus dem Krötenei kein vollständiger Frosch entstanden sein würde. [Ges. Abh., II, S. 90.] R. Gefährlicher Querschnitt ist derjenige eines festen auf Deformationswiderstand beanspruchten Körpers, in welchem bei einer bestimmten Beanspruchung die ge- fährlichen Spannungen ihr Maximum pro Qmm Quer- schnitt erreichen, in welchem er also am leichtesten »zu Bruche geht«, eine Continuitätstrennung erfährt. Körper gleicher Festigkeit, also Körper mit voll- - i66 — Gefährlicher Querschnitt (Fortsetzung), kommen der bestimmten Funktion angepaßter, somit funktioneller Gestalt und Struktur haben keinen gefährlichen Querschnitt. S. letztere u. Trajectorienstruktur, Biegungskonstruktion. Aber ganz vollkommen angepaßte Konstruktion kommt bei der Beschaffenheit unseres Knochenmaterials nicht vor; auch sind unsere Knochen nur für die mittel- große gewohnte Art der Beanspruchung annähernd zu Körpern gleicher Festigkeit ausgestaltet, Sie sind aber mit »mehrfacher Sicherheit« gebaut. S. Funktionelle Struktur. R. Gefährliche Spannung ist diejenige Art und Größe der Spannung eines auf Deformationswiderstand bean- spruchten Körpers, welche bei noch etwas wachsender Beanspruchung dessen Bruch herbeiführt. R. Gel s. Gallerte. Gelenkanpassung. Nachdem die Hauptformen der Gelenkenden, besonders die Profile, durch das vererbte Gestaltungsgeschehen der Periode I hergestellt sind, kann durch die Bewegung der Gelenke die feinere Rotationsstruktur nach R. Fick durch Schleifen, oder nach Roux wesentlich durch Druck noch etwas ver- vollkommnet werden. Letzteres geschieht dadurch, daß an den Stellen stärkeren Druckes das vererbte (von der Funktionierung des Knorpels unabhängige) Knorpelwachstum gehemmt wird, an den Stellen ge- ringeren Druckes infolge der Entlastung aber stärker stattfindet. Dieser Anpassungsmodus bewirkt zu- gleich eine Anpassung der Form der Gelenkenden an die aus der Gruppierung der Muskeln sich er- gebenden Wirkungen, so daß eine antagonistische Muskelgruppe ein Winkelgelenk, zwei solche Gruppen ein Kugel- resp. Ellipsoidgelenk ausbilden würden, auch wenn es, wie es typischerweise geschieht, nicht schon durch Vererbung dementsprechend hergestellt ist, also bei Variationen. Auch die Ausbildung der Gelenkkapsel, soweit sie den Bewegungsumfang und die Festigkeit be- — 167 — stimmt, unterliegt der direkten Anpassung durch die Ausübung der Funktion. [Roux, Ges. Abh., I, S. 354.] R. Gelenkknorpel, überkleidet die Gelenkenden, soweit diese auf Druck kombiniert mit Abscherung in Anspruch genommen werden. Beide Beanspruchungen zusammen bilden die Funktion und den Lebenserhaltungsreiz des G. S. a. Knorpel. R. Gemischt-aequipotentielles System [Driesch], »jene aequipotentiellen Systeme, welche gleichzeitig vom har- monischen und komplexen Typus sind«. [Driesch, Phil, d. Org.. I, 185.] Gemischte Differenzierung, Differentiatio mixta [Roux] ist Differenzierung eines Gebildes zugleich durch Selbstdifferenzierung und abhängige Differenzierung. Z. B. die Entwicklung der spezifischen Struktur der Leber, der Lunge ist Selbstdifferenzierung der Leber- bzw. Lungenanlage; die äußere Gestalt aber wird durch den Druck der Nachbarorgane bestimmt, was durch Wachstumshemmung, später auch durch Schwund er- folgt, also letzteren Falles fast passive Differenzierung darstellt. Die Gestaltung des Organes im ganzen geschieht somit durch Differentatio mixta. R. Gemmules, [Ch. Darwin] s. Pangenesis u. Biogenese Roux'. Gen [Johansen 1909], das Etwas, das in den Ga- meten sich findet »und durch das eine Eigenschaft des sich Entwickelnden bedingt oder mit bestimmt wird oder werden kann«, ohne jede Hypothese über das Wesen dieses Etwas, = »Anlage «. Abkürzung von Fangen (Darwin, ohne dessen Vorstellung über das Wesen der Pangene !). Vergl. Keimplasma, Vererbungsstruktur, Deter- minationscomplex. [W. Johansen, Elemente d. exakt. Erblichkeitslehre, S. 124, 1909.] C. Generalpolarisation, electrische [Roux] s. Polarisation. Generatül nennt B. Hatschek 1905 in seiner Ver- erbungstheorie das Keimplasma Weismanns, den Deter- minationscomplex Roux'. Es ist im Zellkern enthalten. — i68 — Im Protoplasma ist das Ergatül der die Betriebsfunktion leitende Teil. Das Generatül wirkt auch Gestaltung ver- anlassend auf das Ergatül, s. Parallelinduction, Regene- ration. [Hatschek, Hypothese der organischen Vererbung. 1905.] R. Genese, causale [Fische! 1902] ist die Erörterung der Ursachen, welche die Entwicklung eines normalen oder abnormen Gebildes bedingen. Zum Unterschiede von der »formalen« Genese. [A. Fischel, Über den gegenwärtigen Stand der experimentellen Teratologie. Verhdig. d. deutschen pathol. Ges., V, 1902.] F. Genese, formale [Fischel 1902]. Ausdruck für die morphologischen Vorgänge bei der Entwicklung. Gegen- satz: »Causale« Genese. [A. Fischel, Verhdig. d. deutschen pathol. Ges., V. 1902.] F. Genesis (y^rsaig) Genese, Zeugung, Entstehung. In Verbindung auch -genie {yeveä Werden, Entstehen). Vgl. Epigenesis, Neoepigenesis. Genetic factors [Hagedoorn 191 1]. Angeborene, in der Konstitution des Keimes begrün- dete Entwicklungsursachen (Roux' Determinations- faktoren) ; nongenetic factors sind die durch äußere Einflüsse (im weitesten Sinne) bedingten Ur- sachen (Realisations- und Alterationsfaktoren Roux'). [A. L. Hagedoorn, Autokatalytical substances, the deter- ftiinants for the inheritable characters. Heft XII der Vortr. u. Aufs. üb. Entwmech. Leipzig 191 1.] F. Genotypus [Johansen 1909] besteht aus den Genen (Anlagen), die bei der Bildung eines Individuums durch die zwei sich vereinigenden Gameten zusammengebracht werden. Er liegt dem Phaenotypus zugrunde, tritt aber (eben weil es den Phaenotypus gibt) nie rein in die Erscheinung. S. a. Phaenotypus, Typisch. [W. Johansen, Elemente d. exakt. Erblichkeitslehre, S. 130 usf., 1909.] C. Geoauxesis {yfj Erde, aij^r]Gig Zuwachs) die durch den Reiz der Erdschwere bedingte einseitige Förderung der Seitenorganbildung. K. — 169 — Geocentrische Krümmungen {yfj Erde) [Wiesner] s. Lastkrümmungen. K. Geonastie {yfj Erde) die durch den Reiz der Erd- schwere hervorgerufene Form der Nastie [s. d,]. K. Geonyktinastisch (geonyktitropisch) {yfj Erde, vv^ Nacht) heißen diejenigen Pflanzen, deren nyktinastische Bewegungen (s. Nyktinastie) nur bei einseitiger Ein- wirkung der Schwerkraft eintreten. Vgl. autonykti- nastisch. K. Geonyktitropisch s. geonyktinastisch. K. Geoparallelotropismus s. Geotropismus. Geoplagiotropismus s. Geotropismus. K. Geostasis {yfj Erde, OTciatg Stillstehen). Nach Czapek die durch Einwirkung der Schwerkraft bedingte Verlangsamung des Längenwachstums eines Organs (bei Ausschluß geotropischer Krümmungen). K. Geostrophismus {yfj Erde, öTqicpw drehe), der durch den Reiz der Erdschwere ausgelöste Strophismus; [s. d.]. K. Geotaxis (yjj Erde, xa^ug Einstellung), die durch den Reiz der Erdschwere hervorgerufene Taxis [s. d.]. K. Geotortismus (/^ Erde, tortus gewunden), die durch den Reiz der Erdschwere ausgelöste Form des Tortismus (oder Strophismus); [s. d.]. K. Geotrophie {yfi Erde, tQsqjio ernähre), die durch den Reiz der Erdschwere bedingte Form der Trophie [s. d.]. K. Geotrophismus (/^ Erde, TQkpo) ernähre). Die Ge- Gesamtheit der Reaktionen (Veränderung der Zellen- wände u. a.), welche in wachstumsfähigen orthotropen Organen (s. Geotropismus) auftreten, wenn man sie in horizontale Lage bringt und an der geotropischen Auf- wärtskrümmung hindert, nennt Bücher Geotrophismus. Vgl. Kamptotrophismus und Heliotrophismus. K. Geotropismus (/ij Erde, TQemo wende) ist der durch den Reiz der Erdschwere bedingte Tropismus [s. d.], bei welchem sich die reaktionsfähigen Organe in einer bestimmten Richtung zum Erdradius einstellen. Führen — 170 — Geotropismus (Fortsetzung), die geotropischen Bewegungen zur Einstellung in die Richtung des Erdradius, so heißen die reagierenden Organe orthotrop (orthogeotropisch, geoparallelo- trop) ; erfolgt die Einstellung unter einem andern Winkel als bzw. 180°, so sind die Organe plagiotrop (plagiogeotropisch, geoplagiotrop). Ausdrücke wie Pla- giogeotropismus, Geoparallelotropismus u. ähnl. erklären sich hiernach von selbst. Den Geotropismus geoplagio- troper Organe bezeichnet man als Transversalgeotropis- mus [Frank] oder Diageotropismus [Darwin], die Organe selbst und ihre Einstellungsbewegungen auch als trans- versalgeotropisch oder diageotropisch. NoU bezeichnet als Transversalgeotropismus den speziellen Fall, in welchem diageotropische Organe sich senkrecht zur Rich- tung des Erdradius einstellen. — Positiven Geo- tropismus zeigen diejenigen Organe, die unter dem Ein- fluß der Schwerkraft sich zum Erdmittelpunkte hin, negativen G. diejenigen, welche unter derselben Einwirkung sich vom Erdmittelpunkte fort wenden. (Apogeotropismus Darwins). Vgl. auch Geotaxis, Geo- nastie, Geotrophismus. K. Gerinnungstheorie der Entwicklungserregung [Fischer-Ostwald 1905]. Fischer und Ostwald sind der Meinung, daß alle Mittel der künstlichen Parthenogenese eine gerinnende Wirkung besitzen und daß das Produkt dieser Gerinnung das Centrosom oder die Astrosphaere sei, welche die Ent- wicklung in Gang setze. Diese Hypothese ist von Loeb bekämpft worden. [M. H. Fischer u. W. Ostwald, Zur physikalisch-chemischen Theorie der Befruchtung. Pflü- gers Arch., 106, 1905.] F. Germinale Vererbung s. Vererbung. Germinalselection [Aug. Weismann] ist die Aus- dehnung von Roux' Kampf der lebenstätigen Teile im Soma [s. d.] auf die lebenstätigen Teile des Keim- plasmas. Auch diese Auslese führt zum Übrigbleiben und zur alleinigen Vermehrung der lebenskräftigeren - 171 - Teile; sie wirkt unmittelbar vererblich, ist aber bloß bei neoevolutivistisch, nicht bei neoepigenetisch wirken- dem Keimplasma ohne Störung der Entwicklung mög- lich [Roux]. R. Gesamtbeanspruchungsgröße, »zeitliche« [Roux] s. Beanspruchungsgröße. Gesamtfunktionsgröße, s> zeitliche« s. Funktionsgröße. Gesamtpotenz, gestaltende, potentia for- mandi totalis [Roux] ist die Gesamtheit der ge- staltenden Leistungen eines Teiles oder Gebildes: a) durch Selbstdifferenzierung desselben, b) durch diffe- renzierende Einwirkung auf andere, c) durch die »Art« des Geschehens mitbestimmende Mitwirkung bei der eigenen abhängigen Differenzierung. S. Potenz. R. Geschehen ist jede, sei es räumliche, quahtative oder quantitative Änderung. In der Biologie unterscheiden wir a) gestalt- liches oder morphologisches Geschehen, welches die wahre [s. d.] Gestalt und Struktur, auch die chemische Struktur der Lebewesen oder bloß von Teilen dieser ändert, b) funktionelles, welches den Stoff- und Kraftwechsel bei der Funktionierung, auch die mit letzterer verbundenen wiederkehrenden und wieder vergehenden Gestaltänderungen umfaßt. Wir unterscheiden also das Gestaltungsgeschehen oder die Differenzierung [s. d.J und das funktionelle Geschehen, die Funktionierung, d. h. bes. die Ausübung der »Betriebsfunktionen« [s. d.]. Das Ge- staltungsgeschehen ist entweder progressiv und heißt Entwicklung [s. d.] oder regressiv und heißt dann Rückbildung (typische, atypische regulato- rische) oder reparativ und heißt Reparation oder Restitution bezw. Regeneration. Wird die Art des Geschehens durch Faktoren, welche in dem betreffenden Lebewesen oder Teile desselben gelegen sind, »bestimmt«, dann heißt es Selbstgeschehen »des Lebewesens«, »des Teils«; ist es gestaltlich, heißt es Selbstgestaltung oder Selbst- — 172 — Geschehen (Fortsetzung), differenzierung, ist es bloß funktionell, heißt es (Selbst)-Funktionierung des Gebildes. Die Funk- tion eines Organs oder Lebewesens ist immer in der Hauptsache »Selbsttätigkeit« desselben, da die specif ische Art stets vom Organismus resp. Organ bestimmt wird, und der das Geschehen aktivierende Reiz nur den Ort, die Zeit und Größe desselben bestimmt. Das Selbstdifferenzierungsgeschehen ist einzuteilen in Auslösungsgeschehen und Reizgesche- hen; ihm steht gegenüber die abhängige Differenzierung oder die differenzierende Correlation [s.d.]. Über die Ursachen derselben s. Ursache, Faktoren. R. Geschichte ist die Beschreibung, Lehre vom Ge- schehenen; in der Biologie auch die Lehre von der regelmäßig stattfindenden Wiederholung des Ge- schehens bei der Entwicklung der einzelnen Lebewesen, daher Entwicklungsgeschichte. Manche Autoren nennen unzutreffend auch das Geschehen selber Geschichte. R. Gesetz s. Naturgesetz. Gesetz der Compensation des Wachstums [Ch. Darwin] besagt, daß, wenn viel organische Substanz zum Aufbau irgendeines Teiles verwendet wird, anderen Teilen die Nahrung entzogen wird und letztere damit reduziert werden. [Darwin, Das Variieren der Pflanzen, Bd. II, S. 403.] Es ist nur eine Folge der Konkurrenz um die Nahrung bei ungleicher Verteilung der funk- tionellen Reizung. [Roux, Ges. Abh. I, 270.] R. Gesetz der differenten Teilungszeiten [Ziegler 1895], Da embryonale Zellen gleicher Abstammung zeitliche Übereinstimmung ihrer Teilungsphänomene aufweisen und in jeder gesonderten Gruppe das einmal angenom- mene Tempo der Teilung konstant bleibt [zur Strassen], tritt mit der im Laufe der Entwicklung fortschreitenden Differenzierung der Zellen auch eine entsprechende Differenz der Teilungszeiten auf. [H. E. Ziegler, Unter- - 173 - suchungen über die ersten Entwicklungsvorgänge der Nematoden. Zeitschr. f. wiss. Zool., 60, 1895.] F. Gesetz der Teilungszeiten s. Concordanz. Gestalt (oder Forma) ist die gegenseitige Lagerung alier die Oberfläche eines Gebildes oder Systems bildenden Teilchen. Unterschied: Struktur. Sie ist einzuteilen wie die Gestaltung [s. d.]. R. Gestalt der Furchungszellen, ihre normale oder durch Pressung veranlaßte, beeinflußt die Teilungs- richtung derselben, nicht aber tut dies Druck an sich. Die halbkugehge Gestalt determiniert wohl die Bildung des Halben Embryo s. Hemiembryo [Roux]. S. a. Defor- mation. [RoTix, Ges. Abhdl. II. S. 118 (1883), 302—305, 922 u. f., 975.] Gestaltlich, die Gestalt un d die Struktur eines Ge- bildes betreffend. R- Gestaltliche Polarisation, elektrische, s. Polarisation. Gestaltung ( F o r m a t i o) eines Gebildes umfaßt dessen Gestalt (Form) [s. d.] und seinen Aufbau aus Teilen, die Struktur [s. d.]. (Auch wird das »Ge- staltungsgeschehen« als Gestaltung bezeichnet neben dem Produkt desselben.) Die Gestaltungen sind einzuteilen: A) in die wahren Gestaltungen [Roux] und in die bloß durch die Betriebsleistungen der Gewebe und Organe bewirkten, mit diesen Leistungen also wechselnden und wiederkehrenden funktionellen Wechselgestaltungen [Roux]. Die wahren Gestaltungen sind zu scheiden; in die längere Zeit bleibenden Gestaltungen des bereits entwickelten Lebewesens und in die rasch geänderten Gestaltungen des sich entwickelnden bzw. sich bereits rückbildenden Lebewesens, welche Gestaltungen aber nötige Durchgangsstufen der später folgenden Gestal- tungen darstellen und insofern »dauern«: das sind die Entwicklungs- und Rückbildungsgestaltungen. Die Gestaltung heißt progressiv, wenn sie neue, weitergehende Differenzierung produziert oder wenig- — 174 — Gestaltung (Fortsetzung), stens vorhandene Gestaltung vergrößert; sie heißt regressiv, wenn sie die vorhandene Differenzierung vereinfacht oder verkleinert (s. Reduction), Die wahren Gestaltungen (formationes verae) sind also die die gestaltlichen Änderungen der wechseln- den und wiederkehrenden Phasen der Betriebsfunktionen überdauernden Gestaltungsänderungen sowie die nach dem Aufhören solcher Phase, in den funktionellen Ruhepausen immer wieder hergestellten Ge- staltungen, Sie sind weiterhin zu scheiden in: i) Eigengestaltungen, Gestaltungen, welche das Organ behält oder annimmt, wenn es von deformierend wirkender Nachbarschaft isoliert und von sonstiger deformierender Einwirkung befreit worden ist, z. B. die Gestalt der herausgenommenen Lunge, Aorta, oder auch der schwimmenden und so der deformierenden Wirkung der Schwerkraft entzogenen Leber. Ihre Teile sind dann im Innern Gleichgewicht. Eine specielle deskriptive Unterabteilung der Eigen- gestalt ist die funktionelle Gestaltung, das ist diejenige Eigengestaltung eines Organs, welche der specifischen Betriebsfunktion desselben derartig angepaßt ist, daß die Ausübung derselben mit dem Minimum an Strukturmaterial und an Betriebsmaterial möglich ist, bzw. daß (z. B. bei mehrfacher Sicherheit der Con- struction) mit dem aufgewendeten Strukturmaterial das Maximum an Leistung ermöglicht wird. (S. Funktionelle Struktur, Maximum-Minimum-Prinzip). Sie kommt meist nur annäherungsweise vor, stellt aber auch in der bloßen Annäherung schon ganz speci- fische Formen und Strukturen dar. Sie kann vererbt oder durch funktionelle An- passung direkt erworben werden ; danach sind zu scheiden a) vererbte funktionelle Gestaltung (s. Peri- ode I u. II); diese ist »typische« funktionelle Gestaltung. - 175 - b) »durch« die Funktionierung bewirkte funktionelle Gestaltung (s. Periode III u. IV); sie ist funktionelle Anpassungsgestaltung und kann nor- mal oder abnorm sein (s. Norm). 2. erzwungene Gestaltungen, welche (resp. solange sie) im Leben nur durch deformierende Wirkung der Nach- barorgane hergestellt und erhalten werden, z. B. der Lunge, auch die Gestaltung anderer Organe durch die Blutfüllung : der Niere, der Aorta. Ihre Teile befinden sich in gespanntem Gleichgewicht [s. d.] ent- sprechend der Abweichung von der >> Eigengestalt«, die hier erst nach dem Tode, bzw. bei der Lunge erst nach der Eröffnung des Thorax sich herstellt. S. a. S. 21. Die wahren Gestaltungen sind typische oder aty- pische, letztere sind normale, abnorme. S.Norm, Typus. B) Den wahren Gestaltungen stehen die nie bleibenden und auch keine Vorstufe bleibender Gestaltungen dar- stellenden funktionellen Wechselgestaltungen [Roux] gegen- über. Das sind die gestaltlichen Veränderungen, welche durch die Betriebsfunktionen in den einzelnen Phasen derselben bewirkt und im funktionellen Ruhezustand wieder rückgebildet werden, z. B. der Drüsen, Muskeln, Extremitäten. [Roux in Oppel-Roux, S. 71. Ders., Ges. Abb., II, 906.] S. a. Nebenwirkung der Funktion. R. Gestaltungen, haemodynamisch bedingte, s. Haemo- dynamische Gestaltungen. Gestaltungsenergien, specifische, sind Energien, welche Gestaltung »determinieren«, aber nicht not- wendig auch »reahsieren«z. B. Schwerkraft, Centrifugal- kraft. S. Determination, Realisation. [Roux Arch. Ent- wmech. V, S. 50 u. f.] R. Gestaltungsfaktoren s. Bildungsfaktoren. Gestaltungsfaktoren des Keimplasma. I. determinierende s. Determination. Sie sind ihrer Art nach : a) physikalische, durch physikalische Be- schaffenheit und Anordnung charakterisiert und wirken — 176 — Gestaltungsfaktoren (Fortsetzung), physikalisch. Sie bilden vorzugsweise die »Vererbungs- struktur«. b) c h e m i s c h e ; sie wirken an sich chemisch, können dadurch aber auch die physikalischen Faktoren aktivieren und sie quantitativ in ihrer Tätigkeit beein- flussen. Die physikalischen wirken vorzugsweise gestal- tend; ohne sie würden die chemischen Faktoren nichts T5^isches gestalten und gestaltlich weiter entwickeln können. Manche chemische Physiologen glauben, daß alle organische Gestaltung primär chemisch bedingt sei. S. dagegen Roux, Ges. Abhdl. I, 208, 406, 450, 332, II, 868 und Arch. f. Entwmech., Bd. IV, S. 340, 481. II. r e a 1 i s i e r e n d e , z. B. Nahrungsdotter usw. s. Realisation. S. Determinationsfaktoren. R. Gestaltungsfunktionen eines Lebewesens. Sie be- wirken durch Selbstgestaltung, Autoergie des- selben [s. d.] die Entwicklungs- , Wachstums-, Repa- rations-, Involutions- und Regenerationsleistungen, also die Produktionen aller wahren »gestaltlichen« (ein- chließhch chemisch - physikalisch strukturellen) Ände- rungen [s. Gestaltung]. Hierzu gehören also nicht diejenigen Veränderungen, welche bloß vorübergehend durch den einzelnen Akt der Gewebsfunktion, z. B. der Muskelkontraktion, Drüsensekretion entstehen, welche die »funktionellen Wechselge- staltungen« [s. d.] darstellen [Roux]. Dagegen gehören dazu die viele Akte der Funktionierung über- dauernden, also gestaltlichen Änderungen, welche durch solche funktionelle Akte mit verursacht werden [s. funktionelle Anpassung]. S. dagegen Erhaltungsfunk- tionen. R. Gestaltungsperioden, causale Roux' s. Perioden. Gestaltungsvermögen s. Potenz, Prospektive Potenz. Gewebe- Reizaequivalent s. Reizaequivalent. Gewebe, specifisches, eines Organs s. Organ- gewebe. R. .r — ^11 — Gewebsfunktion, genauer specifische Gewebs- funktion oder Betriebsfunktion des Gewebes, heißt die specifische, der »Erhaltung« des ganzen Lebewesens dienende Leistung des einzelnen Gewebes. Sie nützt dem Gewebe selber nicht direkt, nur indirekt, weil sie das ganze Lebewesen erhalten hilft, mit dessen Sterben das Gewebe auch stirbt. Da die specifische Gewebsfunktion der Erhaltung des ganzen Lebewesens dient, heißt sie auch die »Erhal- tungsfunktion« des Gewebes für das Ganze oder [Driesch] harmonische Funktion. Davon zu scheiden sind i. die Selbsterhaltungs- funktionen des Gewebes (Nahrungsaufnahme, Assi- milation, Selbst-ausscheidung des Veränderten, Selbst- restitution des Abgenutzten ev. Regeneration usw.) und 2. die gestaltenden Funktionen des Ge- webes, nämhch seine Beteiligung am Aufbau und Wachstum der Organe, z. B. der Leberzellen und des Bindegtewebes am Aufbau der Leber, resp. der Organe am Aufbau des ganzen Lebewesens. S. a. Funktionen, Betriebsfunktion, Erhaltungsfunktion, Gestaltungsfunk- tionen. Gewicht, spezifisches des Bildungsdotters ist geringer als das des Nahrungsdotters [erwiesen von Roux, 1884, Ges. Abb. II, S. 261]. Die Differenz wird durch die Be- fruchtung gesteigert [Ges. Abb., II, 261, 291, 295]. Infolge dieses Unterschiedes vermag die Schwerkraft einstellend auf das beweghche Ei und umordnend auf den Dotter des fixierten Eies zu wirken. [Roux, Ges. Abb., II, 113, 120, 262, ii7.'\ Gigantismus {y'iya^ Riese). Riesenwuchs bei Pflan- zen, eine Folge allzu reichlicher Ernährung. Vgl. Na- nismus. K. Gleichgewicht, gestaltliches, eines Gebildes ist der Zustand desselben, in dem keine überwiegenden Span- nungen in ihm nach irgendeiner Richtung vorhanden sind. Man erkennt dies daran, daß das Organ nach der Los- trennung von seiner Umgebung seine Gestalt nicht Roux, Termiuologie der Entwicklungsmechanik. 12 — 178 ~ Gleichgewicht (Fortsetzung), ändert. Das Gleichgewicht ist: a) spannungslos gewesen, wenn nach dem Zerschneiden des Gebildes auch die Teilstücke dieselbe Gestalt wie im Verband behalten (s. Größe, wahre); b) gespanntes G. ist der Zustand, in dem bei äußeren oder inneren deformierenden Einwirkungen zwar noch Widerstand gegen diese De- formation geleistet wird, aber Ruhezustand eingetreten ist, insofern der Organismus sich nicht weiter an die stattfindende Deformation aktiv anpaßt, z. B. Aorta, die im Körper ständig gedehnt ist, die gespannten Ge- lenkbänder, die Lunge im lebenden Säugetierkörper. Durch vitale Anpassung, z. B. durch Längenwachstum in der Dehnungsrichtung kann das gespannte Gleich- gewicht mehr und mehr in spannungsloses umgewandelt werden ; oder andererseits kann die relative, also auf die Querschnittseinheit bezogene Spannungsgröße durch Wachstum rechtwinklig zur Spannungsrichtung, also durch Verdickung des Gebildes, z. B. bei den Knochen, herabgesetzt werden. [Roux, Ges. Abh., I, 245.] Gleichgewicht, gestaltlich-funktionelles, bezeich- net Roux dasjenige Verhältnis zwischen Organgröße und Gesamtfunktionsgröße, bezw. mittlerer Funktions- größe in der »Anpassungszeiteinheit«, in welchem (be- sonders in Periode III) das Organ vollkommen an die konstante Funktionsgröße angepaßt ist und daher seine Größe behält, da sein ererbtes Eigenwachstum der Perioden I und II in dieser Periode zu Ende ist. S. a. Reizäquivalent, Beanspruchungsgröße, Formgleichgewicht. [Roux, Ges. Abh., I, 534.] R. Gleichpolig s, Polarität. Goneokline Bastarde {yorevg Erzeuger, v.Xivio hin- neigen) [Kerner 1891] stehen nicht in der Mitte zwischen den Eltern, sondern nähern sich dem einen oder dem andern. Je nachdem es der Vater oder die Mutter des Bastardes ist, lassen sich patrokline und m a t r o - k 1 i n e Bastarde unterscheiden. Kerner hebt ausdrück- lich hervor, daß sie entweder direkt durch die Bastar- — 179 — dierung (als i. Generation) entstehen können, oder durch Rückkreuzung mit den Eltern. [A. Kerner, Pflanzenleben, II, S. 551 1891.] C. Gramm- Moleküle s. Mole. Graues Feld, abnormes am Froschei [Born] s. Feld. Graues Sichelfeld, typisches, am Froschei [Roux] s. Sichelfeld. Gravitationssymmetrie des Dotters [Rovix] ist die Abweichung der Dotteranordnung von der typischen Rotationsstruktur [s. d.], welche bei Zwangslage man- cher Eier, z. B. Amphibieneier, durch die Schwerkraft- wirkung auf die ungleich spezifisch schweren Dotterteile teils schon im Mutterleibe, teils nach der Besamung oder Befruchtung hervorgebracht wird. S. Dotteranordnung, Richtung des Embryo, Rotationsstruktur. [Roux, Arch. f. mikroskop. Anatomie, Bd. 29, 1887. Ges. Abhdl., II, S. 344. Anat. Anzeig. 1903, S. 81]. R. Greffe autoplastique [Giard] s. Transplantation. Greffe heteroplastique [Giard] s. Transplantation. Greffe homoplastique [Giard] s. Transplantation. Greisenalter s. Perioden, Tod. Größe eines lebenden Gebildes ist entsprechend Roux' Einteilung der Gestaltung auch einzuteilen: 1. wahre oder gestaltliche Größe, das ist die Größe, welche die funktionellen Umgestaltungsphasen über- dauert, insofern sie nach dem Aufhören der Funktion stets wieder hergestellt wird, z. B. die Größe des Mus- kels, der Drüse im Ruhezustand, sowie der aus dem Körper herausgenommenen, also entspannten leeren Aorta. Eine Unterabteilung der wahren Größe ist die funk- tionelle Größe [Roux], das ist diejenige Größe, welche der mittleren Funktionsgröße vollkommen angepaßt ist, so daß Gleichgewicht zwischen Organgröße und mittlerer Funktionsgröße besteht. S. Reizaequivalent. 2. funktionelle Wechselgröße oder funktionell wechselnde Größe, das ist die bei manchen Organen mit den wiederkehrenden Phasen der Funk- 12* — i8o — Größe (Fortsetzung), tionierung wechselnde Größe einer oder zweier oder aller Dimensionen, z. B. der Muskeln, der Blutgefäße, Drüsen. Vgl. auch Gestaltung. Alle drei Distinktionen gelten natürlich auch für die Größen der einzelnen Dimensionen; es sind also wahre, gestaltliche Länge, Dicke, Breite und funktio- nelle Wechsel -Länge, -Dicke und -Breite zu unter- scheiden. [Roux, in Oppel-Roux S. 73.] Haemodynamische Gestaltungen [Roux] sind solche Gestaltungen der Lebewesen, welche a) direkt durch die mechanische Wirkung des Blutstromes bewirkt oder b) durch vitale Reaction auf ihn als Anpassung an ihn hervorgebracht werden. Beispiel zu a) ist der Sinus quartus am Arcus Aortae, soweit er durch passive Deh- nung der Wandung an der Anprallstelle des Blutes ent- steht; zu b) die Gestalt der Ursprungskegel [s, d.] der Arterien, der Mündungskegel der Venen, die Gestalt der Sinus Valsalvae der Aorta und Lungenarterien, so- wie die entsprechende Buchtbildung neben den Taschen- kapplen der Venen und L5miphgefäße, die Ablenkung des Arterienstammes bei der Astabgabe. Wasser würde bei einer geringeren Viscosität und Reibung ein wenig andere Gestaltungen bewirken, daher hier der Name haemodynamische statt hydrodynamische Gestaltung richtiger ist. (Abweichungen davon s. Roux, Ges. Abhdl. I, S. 72, 12.) Vgl. haemostatische Gestaltungen. [Roux, Ges. Abhdl. I, S. 82, 365.] S. Reaction. R. Haemodynamische Selbstgestaltung des frei aus- springenden Flüssigkeitsstrahles [Roux]; sie bildet einen formal fein charakterisierten Ursprungskegel. An diese auch vom Blutstrahl bei der Verzweigung an- gestrebte Form paßt sich die Blutgefäßwand sehr genau an ; dies geschieht [Roux] dadurch, daß sie dem Flüssig- keits s t o ß möglichst ausweicht, also indem sie so wächst, daß sie möglichst wenig von dem Flüssigkeits- strahl gestoßen wird. Der runde Querschnitt der Lich- tung an den geraden Verlaufsstrecken, der etwas ovale — i8i — an den gebogenen Verlaufsstrecken, die Sinus Valsalvae usw. sind auch Anpassungen der Blutgefäßwandung an die haemodynamische Eigengestalt des strömenden Blutes. [Roux, Ges. AbhdI. I, S. 66 u. f.] S. Reaction. R. Haemostatische Gestaltungen [Roux] sind Gestal- tungen, welche a) direkt durch den Druck der ruhen- den Flüssigkeit oder b) durch vitale Reaction auf den- selben bedingt werden. Beispiele zu a): die runde Be- schaffenheit des Querschnitts der Gallen- und Harnblase, sowie der Arterien und Venen bei ihrem geraden Verlauf (obgleich da die Flüssigkeit strömt, ist letzterenfalls doch nach allen Richtungen des Querschnitts gleicher Seiten- druck) ; zu b) : die dickere Venenwandung an den unteren Extremitäten als der Halsvenen. Das sind alles Gestal- tungen, an welchen die Bewegung der Flüssigkeit keinen Anteil hat. Da die statischen Gestaltungen bei allen Flüssigkeiten ganz die gleichen sind, können sie auch als hydrostatische {üöwq das Wasser) bezeichnet werden. Vgl. haemodynamische Gestaltungen. R. Halbei-Blastomere heißt eine der beiden ersten Fur- chungszellen, wird auch kurz als 1/2 Blastomere be- zeichnet. R- Halbei-Gebilde [Roux], Hemiooplast ist das aus einem halben Ei hervorgegangene, mehr oder weni- ger weit entwickelte Lebewesen , einerlei ob es selber ganz (Holoplast, Ganzbildung) oder nur halb (Hemiplast, Halbbildung) oder sonst unvollständig ist. Also eine Unterart der Eiteil-Gebilde, Oomeroplasten. [Roux, Ges. AbhdI. II, S. 792. 796, 884.] R. Haibeigestalt ist die Gestalt jeder der beiden ersten Furchungszellen im Ei verbände. Sie »determiniert« nach Roux bei manchen Eiarten durch ihre Dotteranordnung auch bei Isolation der Blastomere, daß die Produktion eines Hemiembryo eingeleitet wird. Nachdem diese De- termination getroffen ist, ist die Erhaltung der Halb- eigestalt zur Ausbildung des Hemiembryo nicht mehr nötig. [Roux, Ges. AbhdI. II, S. 932—939, 1007 — 1009. Ders., Vortr. I, S. 233.] R. — l82 — Halbform [Roux] ist die Gestalt eines halben Lebe- wesens, sei dies mehr oder weniger weit entwickelt, also einer Halbbildung oder eines Halbgebildes, eines H e - miplasten [s. d.]. R. Halbfurchung [Roux] ist eine Unterabteilung der Partialfurchung [s. d.], nicht der sogen, par- tiellen Furchung. Sie ist die Furchung einer isolierten der beiden ersten Blastomeren, wenn die Furchung in der Weise stattfindet, wie sie im Eiverbande vor sich geht, wenn sie also bloß eine Hälfte des Fur- chungsschemas der betreffenden Gattung produ- ziert. Die Halbfurchung kann also an sich totale oder partielle Furchung sein [s. Furchung]. [Arch. Entwmech. I, S. 604.] S. a. Ganzfurchung. R. Halbierung, qualitative, oder qualitativ gleiche Tei- lung [Roux] ist diejenige Teilung eines Zellkernes resp. einer Zelle, welche die Menge aller einzelnen Qualitäten halbiert. Roux zeigte (1883), daß der Mechanismus der indirektenKernteilung diese Art der Teilung ermöglicht, und zwar eventuell auch, ohne daß in den Chromosomen besondere sondernde Kräfte wirken, näm- lich durch Fehlerausgleich bei der mechanischen »Hal- bierung« vieler Teile. Sind bestimmt sondernde. Gleiches oder Ungleiches sondernde Kräfte in den Chromosomen bei der Längsspaltung oder bei der Körnerteilung wirk- sam, so entsteht eine dieser Sonderung entsprechende gleiche oder qualitativ ungleiche Teilung. Weismann nennt erstere Homoeokinesis, letztere Heterokinesis [s. d.]. [Roux, Ges. Abhdl. II, S. 136 u. S. 1055.] R. Haptotaxis (ä/rrw heften an, rä^ig Einstellung) = Thigmotaxis. K. Haptotropismus (Thigmotropismus, Piezotropismus) {arcTio anheften, TQSTtio wende, d-iyyävio berühre, TtieCio drücke), der durch Kontaktreiz, d. h. durch Berührung mit einem festen Körper hervorgerufene Tropismus [s. diesen]. K. - i83 - Harmonisch-aequipotentielles System [Driesch] sind solche Teile von Lebewesen, von denen jede Zelle unter entsprechenden Umständen jedes leisten kann, wie sich z. B. jeder Teil des primären Ektoderms der Echino- dermen an der Ausgestaltung jedes beliebigen Teils der Haut der späteren Larve, also an der Mundbildung oder Wimperringbildung beteihgen kann. Diese letzteren Systeme nennt Driesch auch indeterminiert a e q u i - potentielle Systeme. [Driesch , Result. u. Probleme, 1898, S. 809.] Es ist aber zu berücksichtigen, daß dabei zumeist nicht mehr die t y p i s c h e und vielfach durch Selbst- differenzierung des Teiles stattfindende Differenzierung vorliegt, also keine rein eigene Leistung, sondern nur »abhängige Differenzierung«, woran des Teiles eigenes entwicklungsmechanisches Vermögen nur sehr geringen Anteil zu haben braucht. Je geringer dieser eigne Anteil ist, um so leichter und vielseitiger ist die abhängige harmonisch aequipotentielle Verwendbarkeit (statt Leistung) des Teiles. Wir müssen immer die weitergehende Analyse der Gestal- tungsleistungen, die in Selbstdifferenzierung und ab- hängige Differenzierung sowie in typisches und atypi- sches Geschehen, mit zu verwerten und die even- tuellen Differenzierungshauptzellen [s. d.] bei solchem Geschehen aufzufinden suchen. Es kann vor- kommen, daß Teile dabei fast ganz der abhängigen, viel- leicht der passiven Differenzierung unterliegen. Das wäre doch keine »Potenz« [s. d.] des betreffenden Teiles, kein eigenes entwicklungsmechanisches Vermögen mehr. R. Harmonisch-inaequipotentielles System [Driesch] ist ein lebendes System, von dem jeder verschiedene Querschnitt nach dem Defekt gerade das zum ganzen Lebewesen fehlende Stück zu produzieren, zu regenerie- ren vermag. Dieses Vermögen nennt Roux O m n i p o - t e n z [s. d.]. Vgl. Totipotenz. [Driesch, Result. u. Probl., 1899. S. 809.] R- — i84 — Harmonie, funktionelle, der Teile des Körpers, be- zeichnet Roux [1881] die Eigenschaft der Organe, ge- meinsam zur Erhaltung des Ganzen zusammenzuwirken, also auch in Struktur und Gestalt dementsprechend be- schaffen zu sein. Dazu ist nötig: 1. daß jedes Organ diejenige Struktur resp. auch Ge- stalt (z. B. bei den Skeletteilen) hat, welche eine Funk- tion auszuüben vermag, die zur Erhaltung des Ganzen möglichst dienlich ist, und 2. daß jedes Organ diejenige Größe hat, welche die Funktionsgröße ermöglicht, die seitens jedes Organs zur Erhaltung des Ganzen nötig ist. Die funktionelle Harmonie ist i. teils typische also vererbt (Periode I und H), 2. teils wird sie in der Norm und auch in neuen Verhältnissen, z. B. bei embryo- naler Variation eines Organes gleich an anderen Organen und zwar durch funktionelle Anpassung her- gestellt (Periode H und HI). Die vererbte ist also rein in der typischen Beschaffenheit des Keimplasmas deter- miniert [Ges. Abhdl. I, 446] und kann daher typische oder keimplasmatische funktionelle Harmonie heißen. Die letztere, direkt gebildete, kann man direkte funktionelle Harmonie nennen. S. Betriebsfunktion, Muskel-, Gelenk- anpassung. [Kampf der Teile, S. 204 od. Ges. Abhdl. I, 123, },7^. 561, II, 216.] Hauptgewebe eines Organs [Roux] s. Organgewebe. Hauptlarve, Hauptstück. [Born 1897.] Wird aus einer Larve ein weniger als die Hälfte be- tragendes Teilstück entfernt und ein anderes kleineres von einer zweiten Larve angesetzt, so bezeichnet Born die erstere als Hauptlarve oder Hauptstück, die letztere als Nebenlarve oder Nebenstück. [G. Born, Verwachsungsversuche mit Amphibienlarven. Arch. f. Entwmech., 4, 1897.] F. Hauptpolarität s. Polarität. Hauptrichtungen des Embryo im Ei, ihre Bestim- mung s. Embryo. R, Helioplagiotropismus s. Heliotropismus. K. - i85 - Heliotaiis = Phototaxis [s. d.]. K. Heliotrophismus {fjXLog Sonne, rqecpo) ernähre). Verhindert man Pflanzenorgane, die zu heHotropischen Reizkrümmungen befähigt sind [s. Heliotropismus], diese letzteren auszuführen, so treten in ihren Geweben unter dem Einfluß heliotropischer Reizung Veränderungen ein, die Neubert als H. bezeichnet. Vergl. auch Geo- trophismus. K. Heliotropismus (Phototropismus) (^'Afog Sonne, cpwg Licht, TQiTtco wende), die durch den von (natürlichem oder künstlichem) Licht ausgehenden Reiz ausgelöste Form des Tropismus [s. d.]; heliotropische Bewegungen stellen das reaktionsfähige Organ in bestimmter Rich- tung zu der des Lichtes ein. Positiver H. führt die Organe der Lichtquelle zu, negativer H. von ihr ab; Transversalheliotropismus (Helioplagiotropismus, Dia- hehotropismus oder Phototropismus) liegt vor, wenn sich die auf den Lichtreiz reagierenden Organe quer zur Richtung der Lichtstrahlen einstellen. Paraheliotropis- mus führt bei Blättern und ähnlichen Organen zur Pro- filstellung, derart, daß die Organe dem Licht ihren Rand zuwenden. Vgl. auch Phototaxis, Photonastie. K. Helminthocecidien [Thomas], die durch Würmer hervorgerufenen Cecidien [s. diese]. K. Hemiembryo [Roux] Halbembryo, linker, rechter oder vorderer, zuerst nach Abtötung der einen der beiden ersten Furchungszellen des Froscheies aus der überlebenden anderen Zelle gewonnen. Seine Entstehung bekundet, daß jede dieser vom Entwicklungsprozeß ge- bildeten und abgegrenzten Eihälften für sich allein zu dem ihrer Lage im ganzen Ei entsprechenden Körper- stück, also durch Selbstdifferenzierung [s. diese] sich entwickeln kann, daß zu diesem Entwick- lungsgeschehen eine entwickelnde Tätigkeit der Gegen- hälfte des Eies »nicht nötig« ist. Die Hemiembryonen werden nicht alt, da sie entweder bald absterben (s, Framboisie) oder sich durch >> Postgeneration << ergänzen. — i86 — Nur von einem Säugetier (Kalb) ist ein fast geburtsreifes Halbgebilde beobachtet [s. Hemitherium]. [Roux, Ges. Abhdl. II, S. 1055. Generalreg. 278.] R. Hemioo-holoplast, Halbei-Ganzbildung [Roux], ein ganzes Lebewesen, das aus einem halben Ei entstanden ist. Es ist eine primäre Halbeiganzbildung, wenn schon die Furchung wie bei einem »ganzen Ei« der Gattung (als »Ganzfurchung«) verlief, secundäre, wenn Halbfurchung [s. d.], dann eine Semimorula, Semi- blastula, eventuell auch Semigastrula, Hemiembryo ent- stand, und wenn erst durch Postgeneration unter Umdifferenzierung das Ganzgebilde hergestellt wurde. Vgl. dagegen Hemiplast. Ges. Abb. II, S. 884, 797. R. Hemiooplast, Halbeigebilde [Roux] ist ein aus einem halben Ei gebildetes Lebewesen, einerlei, ob es selber ein halbes (Hemiplast) oder ganzes (Hemiooholo- plast [s. d.]) Lebewesen darstellt. [Ges. Abh. II, S. 792, 796.] R. Hemiplast, Halbgebilde [Roux] ist ein nur als Hälfte eines mehr oder weniger weit entwickel- ten Lebewesens hergestelltes Gebilde, z. B. Semi- morula, Semigastrula, Hemiembryo, Hemitherium [s. d.]. Es entsteht aus einer der beiden ersten Blastomeren, stellt somit ein Eiteil-Gebilde, speciell Halbei-Gebilde dar. Vgl. dagegen Hemiooplast. [Ges. Abh. II, S. 810.] R. Hemipterocecidien [Thomas], die durch Hemipteren (Halbf lügler) hervorgerufenen Cecidien [s. diese]. K. Hemitheria [Roux] bezeichnet den Zustand des Hemi- therium [s. d.]. [Ges. Abh. II, S. 828.] Nicht zu verwechseln mit H e m i t e r i e n [s. d.] {rsQag Wunder, Mißbildung) halbmißbildete Wesen nach veralteter Einteilung. R. Hemitherium [Roux] von fjf.it. halb, ^j^q Tier), das wenigstens bis fast zur Geburtsreife ausgebildete halbe Tier; bis jetzt bloß von einem Kalb bekannt, und zwar ein vorderes halbes Kalb, Hemitherium anterius. Diese Mißbildung beweist das Vermögen der Selbst- differenzierung eines halben Säugetiereies von einer noch — i87 — nicht genauer ermittelten frühen Entwicklungsstufe an und bekundet andererseits, daß diesem Ei das Vermögen der Postgeneration fehlt. Ist sehr selten, weil bei niederen Tieren die Halbbildungen entweder als junge Hemiembryonen absterben oder sich durch Post- generation ergänzen. [Roux, Ges. AbhdI. II, S. 446, 828. Ders., Verhdig. d. anatom. Ges., 1902, Halle a./S., S. 254.] R. Hemmungsbildungen s. Hypoplasie, K. Hemmungsreize s. Reize, Pfeffers Unterscheidung. K. Hemmungstheorie. [E. Fischer 1901.] Nach einer bisher allgemein geteilten Meinung sollten Kälte und Wärme ganz specifische gegensätzliche Wir- kungen bei der Entstehung der Schmetterhngsfarben ausüben. Fischer fand jedoch, daß dies nicht der Fall ist, vielmehr die Temperatureinwirkung gewisse Hem- mungen in der Entwicklung der Puppe erzeugt und auf diese Weise die Färbung beeinflußt. [E. Fischer, Ex- perimentelle Untersuchungen über die Vererbung er- worbener Eigenschaften. Allgem. Zeitschr. f. Entomol., Bd. 6, 1901, Bd. 7, 1902.] F. Herlitzka's Apparat. Um die ersten Blastomeren des Tritoneies mit Hilfe von Haaren bequem zu isolieren, bedient sich Herhtzka eines Apparates, der die exakte Durchschnürung des Eies ermöglicht, da bei ihm das allmähhge Zuziehen der Ligatur genau reguliert werden kann. Nähere Beschrei- bung: Arch. f. Entwmech., Bd. 4, S. 62,6, 1897. F. Hertzotropismus s. Elektrotropismus. K. Herzstruktur, a) der Ventrikel, diese ist keine trajec torieile [s. d.] oder Zerfällungsstruktur, aber gleichwohl eine dynamische funktionelle Struk- tur, nämhch angepaßt an die besondere Funktion des Herzens, »flüssigen«, nach allen Richtungen drücken- den Inhalt unter »starker« Pressung zu entleeren; b) der Vorhöfe ; diese haben in Anpassung an die geringere Pressung des flüssigen Inhalts noch Anklänge an tra- — i88 — jectorielle dynamische Struktur. S. Struktur u. s. a. Selbstbefestigung. [Roux, Ges. Abh. I, S. 184, ^66, 369, 168.] R. Heterauxese [Weisse] (eVe^tog abweichend, av^T]aig Zuwachs) hegt vor, wenn die seiner Abstammungsachse zu- oder abgewandten Seiten eines Zweiges sich ungleich stark mit Bildung von Seitenorganen betätigen. Vgl. Endauxese und Ektauxese. K. Heteroassimilation , Fremdassimilation [Roux] s. Assimilation. R. Heteroblastische Ausbildung der Pflanzen s. Jugend- form. K. Heterocholie s. Scherenumkehr. Heterochromosom s. X-Chromosom. Heterogamie [De Vries 191 1] liegt vor, wenn (wie bei manchen Oenothera- Sippen) jedes Geschlecht besondere Eigenschaften hat, welche nur in seinen eige- nen Sexualzellen, nicht aber in denen des anderen Ge- schlechts vorhanden sind. Oenothera biennis 9 (Eizelle) hat z. B. andere spezifische Merkmale als O. biennis 6 (Pollenkorn) bei demselben Indivi- duum. [H. de Vries, Biol. Centralbl. 1901, S. 99.] C. Heterokinesis, Homoiokinesis. [Weismann 1892.] Je nachdem bei der Kernteilung Tochterzellen durch qualitative Halbierung [Roux] mit gleichartigem oder durch qualitativ ungleiche Teilung mit verschiedenem Idioplasma entstehen, kann man eine Homoiokinesis, integrelle oder erbgleiche Teilung, und Hetero- kinesis, dif ferentielle oder erbungleiche Teilung unterscheiden. S. Halbierung, qualitative. [A. Weis- mann. Das Keimplasma, Jena, 1892.] F. Heteromorphose [sregog abweichend, /.wQrprj Gestalt) [bot], von Pfeffer gleichbedeutend mit Aitiomorphose gebraucht [s. d.]. K. Heteromorphose, regenerative [J. Loeb 1891]. Bildung eines Regenerates, welches anderer Art ist als das entfernte Ghed — sei es i. ein Organ, das an eine — i8g — ganz andere Körperstelle gehört, oder 2. das überhaupt nicht bei der betreffenden Tierart vorkommt — Neo- morphose [Morgan], z. B. Bildung einer Antenne an Stelle eines Auges [Herbst] bei Decapoden, Neubildung des Beines bei Atyoida potimirum, das keinem der übrigen Beine gleicht u. dgl.; sei es, daß das Regenerat das Spiegelbild seines Ausgangsorganes darstellt — eigentliche Heteromorphose [Morgan], z. B. Bildung eines Schwanzes an der vorderen Schnitt- fläche eines Hinterstückes vom Regenwurm. Es werden auch folgende Arten der Heteromorphose unterschieden [Przibram] : Axiale Heteromorphose — Regeneration entgegen der Körperachse; z. B. Bildung einer Schwanz- spitze von der oralen Schnittfläche des abgetrennten Schwanzes einer Kaulquappe. Polare Heteromorphose — Regeneration des einen statt des anderen Körperpoles; z. B. Bildung eines Schwanzteiles an Stelle eines Kopfes oder um- gekehrt. Meristische Heteromorphose — z. B. Bildung überzähliger Prästomialtentakel bei Nereis nicht nur am Prästomium, sondern auch am regenerie- renden Palpus. Imitatorische Heteromorphose [Nus- baum] — Bildung eines Organs, das der Lage und teil- weise auch der Funktion nach einen anderen normalen Körperteil nachahmt, aber der Entwicklung nach einen ganz anderen, nicht homologen Körperteil darstellt. (Beispiel: Flossenregeneration bei Forellenembryonen nach Entfernung eines größeren Abschnittes des Hinter- leibes.) Homöotische Heteromorphose — Re- generation eines, einem anderen Segmente angehören- den Anhanges (= Neomorphose Morgans). Zusatzheteromorphose, Heterotopie — Bildung eines fremden Organs — neben den normalen Teilen — auf einem Körperteile, z. B. einer Antenne auf — igo — Heteromorphose (Fortsetzung), einem Vorderbeine bei Dilophus tibialis [Wheeler], Wachstum von Haaren auf der Cornea oder Zunge [Blanc], von Zähnen an den verschiedensten Körper- stellen. Bei der axialen Heteromorphose der Tubularia unter- scheidet Child supra maximale und submini- male Heteromorphosen : Bei den längeren Stammstük- ken ist die Länge des Stückes größer als die Länge des physiologischen Systems, d. h. die Länge der Wirkungs- strecke der vom dominanten Teil ausgehenden Korre- lation — supramaximale H. (früher sekundäre H. ge- nannt); bei den kurzen Stücken ist die Länge geringer als die kleinste zurzeit bestehende Organisationseinheit — subminimale H. (früher primäre H. genannt). Bei Coelenteraten (Corymorpha, Harenactis) konnte Child mehrfache Neubildung von Achsen (Manubrien, Tentakel) experimentell erzeugen : mehrfache He- teromorphose. Gegensatz zur Heteromorphose : Orthomorphose, Wie- derbildung des verloren gegangenen Körperteiles. S. a. Hyperregeneration. [J. Loeb, Untersuchungen zur phy- siologischen Morphologie der Tiere I, 1891. K. Przi- bram, Experimental-Zoologie, II, Regeneration, 1909. Ch. M. Child, Die physiologische Isolation usw., Hft. XI der Vortr. u. Aufs, über Entwmech., 191 1.] F. Heterophorie s. Homoeosis, Heteroplasie {sTSQog abweichend, TtXaaffto bilde) nennt Küster diejenige Hyperplasie [s. d.], bei welcher die abnormen Gewebewucherungen eine andere histo- logische Differenzierung aufweisen als der normale Mutterboden. Vgl. Homoeoplasie, Kataplasie, Proso- plasie. K. Heteroplastische Transplantation s. Transplantation. Heterotopie s. Homoeosis. Heterotopsie s. Homoeosis. Heterotransplantation s. Transplantation. - 191 - Heterozygote [Bateson u. Saunders 1902] entsteht durch die Vereinigung zweier Keimzellen mit unglei- chen Anlagen (Genen). Es ist gleichgültig, ob sie von verschiedenen Individuen stammen (Bastardierung) oder vom selben Individuum (infolge von »Spalten«) gebildet werden. Vgl. Homozygote. [W. Bateson u. R. E. Saunders, Rep. Evol. Comm., I, p. 126 (1902).] C. Hilfsgewebe eines Organs [Roux] s. Organgewebe. Hitzelaubfall, nach Wiesner die infolge starker Som- merhitze und gleichzeitiger großer Bodentrockenheit eintretende Entlaubung. Vgl. auch Sommerlaubfall. K. Holomorphose [Morgan 1901], regenerative Bildung eines Regenerates, welches dem verloren ge- gangenen Gliede voll entspricht. Vergl. Holoplast. Meromorphose [Morgan 1901], regenerative Bildung eines Regenerates, welches nur einem Teile des verloren gegangenen Gliedes entspricht. S. a. Hypo- typie, Meiotrophie. [Th. H. Morgan, Regeneration. New York, Macmillan, 1901, 2. Aufl., übers, v. Mosz- kowski, Jena, 1907. K. Przibram, Experimental-Zoo- logie, II, Regeneration, Leipzig, Deuticke, 1909.] F. Holoplast (olog ganz, itlaoröo, gebildet), Ganzbil- dung, ganzes Gebilde, ein als ganzes Lebewesen ent- wickeltes Gebilde das aus einer Halbei- oder Viertelei- Blastomere usw. entstanden ist; also Halbei-Ganz- bildung, Viertelei-Ganzbildung. S. Hemioo- holoplast, Holomorphose, Teilgebilde. [Roux, Ges. Abh. II, S. 884, 797.] R. Homalotropismus s. Plagiotropismus. K. Homoblastische Ausbildung der Pflanzen s. Jugend- form. K. Homocytotropismus [Roux] {fi\.i6g gleich) ist die »Näherungswirkung«, welche Zellen ein und des- selben Gewebes aufeinander ausüben. S. Cyto- tropismus. [Arch. f. Entwmech., VIII, 357.] — 192 — Homoeoplasie {b{.iolog gleichartig, Ttläooio bilde) nennt Küster diejenige Hyperplasie [s. d.], bei welcher die abnormen Gewebewucherungen dieselbe histologische Differenzierung besitzen wie der normale Mutterboden. Vgl. Heteroplasie. K. Homoeosis [Bateson 1894]. Das Auftreten von Anhängen oder Ausbildungen, welche normalerweise einem anderen Körpersegmente angehören. Man kann, nach Przibram, mehrere Grup- pen unterscheiden: 1. Homoeosis s. strict., substitutive [Wheeler] oder Ersatzhomoeosis folgt der Regel, daß stets an Stelle von höher Differenziertem weniger Differen- ziertes tritt. Es handelt sich hierbei entweder bloß um ein vorübergehendes und zwar palingenetisches (ata- vistisches) Regenerationsstadium oder um eine bleibende Heteromorphose , 2. Heterotopie, adventive H. [Wheeler] oder Zu- satzhomoeosis sind die Zusatzgebilde, solche, welche nicht benachbarten Segmenten angehören, so erscheinen sie in einer dorsoventral verkehrten Lage und heften sich an solche Stellen an, welche mit dem normalen Stand- orte dieser Gebilde während der Embryonalentwicklung in geometrische Berührung zu kommen Gelegenheit hat- ten. Wahrscheinlich handelt es sich hierbei um Auto- transplantation infolge eines mechanischen Insultes. 3. Heterophorie, translative oder Versatzhomoe- osis. Die, benachbarten Segmenten angehörenden, Zusatzgebilde besitzen dieselbe Dorsoventralität wie der übrige Körper und sind auf Verschiebungen während der Individualentwicklung ohne vorausgegangene völlige Ablösung von ihrem normalen Standorte zurückzuführen. Als Ursachen für die beiden letzterwähnten Gruppen sind — bei relativ häufigem Vorkommen — erbliche Variationen oder — bei vereinzelten Fällen — embryo- nale Umordnungen anzunehmen. [H. Przibram, Die Homoeosis bei Arthropoden. Arch. f. Entwmech., Bd. 29, 1910.] F. — 193 — Homoichelie s. Scherenumkehr. Homoiosmotisch s. Eigendnick. Homoiotransplantation s. Transplantation. Homolog im entwicklungsmechanischen Sinne sind nur Bildungen, deren erste phylogenetische Entstehung von einer und derselben Alteration des Keimplasmas herrührt, also auch auf dieselben Faktoren zurückzu- führen ist; also Gebilde gleicher Abstammung und in diesem Sinne morphologisch gleichwertige Teile. Z. B. Arm und Flügel. Gegensatz analog oder funktionell gleichwertig, z. B. die Kiemen der Muscheln und der Fische. S. a. Zellhomologie. [Roux, Ges. AbhdI. I, 440-] R. Homomorphose [Driesch, Morgan 1901], Orthomor- phose [Przibram 1909], regenerative, ist die Bildung eines Regenerates, welches dem verlorenen Ghede oder wenigstens einem Teile desselben gleicht. Vgl, Hetero- morphose, Holo- und Meromorphose. F. Homöotropie. Die Fähigkeit der Lebewesen und der flüssigen und fheßenden Kristalle, nach Gestaltänderungen oder Struk- turstörungen die ursprünghche Gestalt wieder zu er- langen. O. Lehmann unterscheidet bei Kristallen eine spontane und eine erzwungene Homöotropie. Letz- tere kann durch fortgesetzte Deformation in gleicher Richtung erzielt werden. [O. Lehmann, Fließende Kri- stalle und Lebewesen. Arch. f. Entwmech., 21, 1906.] F. Homophilie s. Philie. Homozygote. [Bateson u. Saunders 1902.] Entsteht durch die Vereinigung zweier Keimzellen mit völlig gleichen Anlagen (Genen). Vgl. Heterozygote. [W, Bateson u. R. E. Saunders, Rep. Evol. Comm. I, p. 126 (1902).] C. Hormone nennt Stariing durch die innere Sekretion mancher Organe: Hoden, Ovarien, Nebenniere, Schild- drüse usw. in die Säfte des Körpers gebrachte Stoffe, welche specifisch funktionelle Vorgänge oder auch Ge- Roux, Terminologie der Entwicklungsmechanik. iß — 194 — staltungsvorgänge anregen. Z. B. regen die Stoffwechsel- produkte des Embryo die Milchbildung in der Mutter, die Stoffe des Hodens die männliche Tatkraft und den Bartwuchs an. R. Hunger ist ein durch Nahrungsmangel veranlaßter Zustand, welcher zu vermehrter Nahrungsaufnahme anregt. Er ist eine erste und nötigste Selbstregulation [Roux 1881] und konnte zuerst beim Autokineon auf- treten, da dieses zuerst Selbstbewegung und Reflex- bewegung hat. S. Biogenesis Roux'. [Roux, Kampf der Teile, 188 1, Kapitel V.] R. Hungerauslese, innere [Roux], züchtet unter Aus- merzung der viel Stoff zur Selbsterhaltung ev. auch zur Betriebsfunktion verbrauchenden Zellen ein und des- selben Gewebes, resp. gleichartig fungierender Teile einer Zelle diejenigen Teile gleichen Ranges, welche bei der Tätigkeit wenig verbrauchen, und zugleich die Nahrung stark anziehen . Dies geschieht, indem nach Verhungerung der viel Stoff verbrauchenden oder ihn weniger stark an- ziehenden Teile die überlebenden Teile durch ihre ihnen quahtativ gleichende Nachkommenschaft die ersteren ersetzen . Erstere Umzüchtung macht den Organis- mus zur Sparmaschine. In gleicher Weise wie durch diese Partialauslese wirkt chronischer Hunger- zustand auch auslesend unter den Individuen durch Personalauslese. Vergl. dagegen Auslese, lokale. [Roux, Ges. Abhdl. I, 236, 658.] Hungeretiolement [Neil], die in stickstoffreien Nähr- lösungen beobachtete abnorme Verlängerung von Wur- zeln. Vgl. Etiolement. K. Hydraulisches Polster s. Zwischenwirbelscheibe. Hydrodolichosis {vdioQ Wasser, doXixög lang), die durch Feuchtigkeitsunterschiede hervorgerufene Form der Dolichosis [s. d.]. K. Hydroklinie {vöwq Wasser, xA/rw beuge) nennt Lid- forss diejenigen Krümmungen von Pflanzenorganen, welche nach Umstimmung des Geotropismus durch be- stimmt geartete Wasserversorgung eintreten. K. - 195 - Hydromorphosen (uöcoq Wasser, ^wqrpr] Gestalt), die durch den Aufenthalt im Wasser hervorgerufenen Ge- stalts- und Strukturveränderungen der Pflanzen (Aitio- morphosen [s. d.]). K. Hydronastie (Turgonastie) {vöioq Wasser, turgor Spannung), diejenige Form der Nastie [s. d.], welche durch Veränderung im Wassergehalt und der Wasser- versorgung einer Pflanze hervorgerufen wird. K. Hydrotrophie {vdtoQ W^asser, XQscpco ernähre), die durch Feuchtigkeitsunterschiede hervorgerufene Form der Trophie [s. d.]. K, Hydrotropismus {vdotq Wasser, rgsTtco wende), der durch Feuchtigkeitsdifferenz hervorgerufene Tropismus. Die Bewegungen, welche die reagierenden Organe dem feuchten Medium zuwenden oder von ihm entfernen, heißen hydrotropische (positiv bzw. negativ hydro- tropische). K. Hygromorphosen {vyQÖg feucht, (.loqrprj Gestalt), die durch feuchte Umgebung bzw. herabgesetzte Transpira- tion an Pflanzen hervorgerufenen Gestalts- (und Struk- tur-)veränderungen (Aitiomorphosen [s. d.]), K. Hymenopterocecidien [Thomas], die durch H3mie- nopteren hervorgerufenen Cecidien [s. d.]. K. ' Hypallelomorph [Bateson u. Saunders 1902] s. Com- pound Allelomorph. C. Hyperaemie, funktionelle, ist die mit der aktiven Funktionierung eines Organs verbundene, mit ihr gleich- zeitige und sie etwas überdauernde Vermehrung der Blut- zufuhr. Sie vermag für sich allein nicht die Aktivitäts- hypertrophie und deren dimensionale Beschränkung zu erklären. S. Nahrungswahl. [Roux, Kampf der Teile, S. 138, Ges. Abhdl. II, S. 1056.] R. Hyperchimaeren. [Strasburger 1909.] Chimaeren, deren beide Komponenten so eng im Zu- sammenhang stehen, »daß sie Bildungsvorgänge aus- lösen, die unter Umständen die Mitte zwischen den bei- den Species einhalten«. Der anatomische Bau ist 13* — 196 — dann der der Periklinalchimaeren [E, Baur]. [E. Stras- burger, Meine Stellungnahme zur Frage der Pfropf- bastarde. Ber. d. Deutsch. Botan. Gesellsch., Bd. 27, S. 521 (1909).] C. Hyperchromatosis der Zelle [Boveri], abnorme Ver- mehrung der Chromatinsubstanz einer Zelle, entweder durch ungleiche Verteilung der Chromatinsubstanz bei der Kern- und Zellteilung, oder durch Verschmelzung von Zellen oder durch abnorme Vermehrung von Chro- matin. S. Hypochromatosis. R. Hyperhydrische Gewebe (vTrig über, vSwq Wasser). Nach Küster atypische Gewebe an Pflanzenorganen, welche vornehmlich nach Herabsetzung der Transpira- tion oder dann, wenn infolge anderer Umstände die Ge- webe besondere Wasserfülle gewonnen haben, durch abnorm starkes Wachstum der Zellen (meist ohne nach- folgende Teilung) zustande kommen (hyperhydrische Rinden- oder Lenticellenwucherungen, Intumescenzen). K. Hyperplasie {vTreQ über, TiXccoaco bilde) nennen Virchow und Küster jede abnorm gesteigerte Zellenteilung; nach der in den Produkten der H. erkennbaren Gewebediffe- renzierung unterscheidet letzterer für botanische Ob- jekte zwischen Homoeoplasie und Heteroplasie [s. d.]. K. Hypertonisch s. Isotonisch. Hypertrophie {vTtiQ über, rqicpü} ernähren, vermehrte Ernährung) wird gewöhnlich für (atypisch) verstärktes Wachstum von Organen gebraucht. Sie ist (abgesehen von rein pathologischem Geschehen): i. Activitätshyper- trophie [s. d.], funktionelle Hypertrophie. Diese entsteht durch verstärkte >> Gesamtgröße« (s. Beanspruchungs- größe) der Ausübung der Betriebsfunktion [s. d.] eines Organs oder Gewebes in der »Anpassungszeiteinheit«. Auf ihr beruht der progressive Teil der f u n k t i o - n e 1 1 e n A n p a s SU n g [s. d.]; sie ist »dimensional beschränkt«. Findet diese Verstärkung der Funktion eines Organs oder Organteiles zum Ersatz der Funktion — 197 — eines teilweise zerstörten oder fehlenden Organs statt, so heißt die dadurch bewirkte Hypertrophie: compen- satorische funktionelle Hypertrophie. [Ges. Abh, I, S. 322, 128, 172.] 2. Die compensatorische Hj^pertrophie kommt nach Ribbert auch schon zum Ersatz von Organen vor, bevor diese Organe nach unserer jetzigen Kenntnis funktio- nieren, z. B. zum Ersatz eines jugendlichen Ovariums oder Hodens durch den Paarling. Diese Hj^ertrophie ist als compensatorische präfunktionelle Hy- pertrophie [Roux] zu bezeichnen. Vielleicht fun- gieren aber diese Organe zu dieser Zeit doch schon, wenn auch in anderer als der späteren, der Vermehrung der Lebewesen dienenden Weise, z. B. als Hormone, und werden zu dieser Tätigkeit durch im Organismus pro- ducierte Reize angeregt, so daß also doch Activitäts- hypertrophie vorhegt. Wenn dies nicht der Fall ist, dann ist diese H57pertrophie als ganz anders vermittelt als die funktionelle Hypertrophie aufzufassen. [Roux, Ges. Abh. I, S. 322, II, S. 43.] S. Regeneration, compen- satorische. R. Hypertrophie [botan.] nennt Küster mit Virchow jedes abnorm gesteigerte Wachstum der PflanzenzeUen, dem keine Teilung folgt. Macht die abnorm wachsende Zelle regressive Veränderungen durch (Abnahme des Plasma- gehaltes, Degeneration der Chloroplasten usw.), so spricht Küster von kataplastischer H. ; treten progressive Veränderungen ein (Zunahme des Plasmagehaltes, Ent- wicklung von Anthocyan, Stärke oder dergl.), so liegt prosaplastische H. vor. Vgl. Hyperplasie, Kataplasie, Prosoplasie. K. Hypertrophie, regenerative [Nusbaum]. Je nachdem bei der Regeneration eine Vergrößerung eines Organs oder eine Vermehrung der Zahl desselben stattfindet, unterscheidet Nusbaum eine qualita- tive und eine quantitative regenerative Hyper- trophie. Vergl. Meiotrophie, Holomorphose. F. — igS — Hypertypie, regenerative [Przibram 1909] ist kom- pensatorische Differenzierung. Wenn von einem Paar ty- pischerweise ungleich ausgebildeter Organe das Differen- zierte entfernt wird, nimmt ev. das weniger ausgebildete Organ dessen Form an. Z. B. nach Entfernung der großen Hummerschere die kleine die Gestalt der großen. Gegensatz: Hypot5rpie. [Przibram, Experimentalzoo- logie, II, 1909.] F. Hypoblem s. Abbau. Hypochromatosis [Boveri] ist abnorm geringer Chro- matingehalt einer Zelle, entweder durch ungleiche Ver- teilung der Chromatinsubstanz bei der Zellteilung, wo- bei die andere Zelle zuviel Chromatin erhält (Hyper- chromatosis) oder durch zu starken Verbrauch an Chro- matin in der Zelle oder durch Degeneration und Schwund von Chromatin. R. Hyponastie. Als H. bezeichnet Schimper diejenige Form des excentrischen Dickenwachstums von Ästen, bei welchem die Unterseite im Wachstum gefördert ist. De Vries und Wiesner nennen H. unterseitig gefördertes Längenwachstum von Pflanzenorganen, das zu nasti- schen Krümmungen führt. Vgl. Nastie. K. Hypoplasie {vTtb unter, ttMooio bilde) liegt nach Vir- chow und Küster vor, wenn ein Organismus oder einer seiner Teile nicht die typische Ausbildung erfährt. Letz- terer betont, daß das Organ dabei seinen Entwicklungs- vorgang vorzeitig beschließt, so daß Formen oder Eigen- schaften, die unter normalen Verhältnissen nur vorüber- gehend den betreffenden Organismen oder Organen zukommen, als endgültig fixiert erscheinen (Hemmungs- bildungen). K. Hypostatisch [Bateson 1907] wird eine Eigenschaft genannt, wenn sie zwar in einem (Bastard-)Individuum in aktivem Zustand vorhanden ist, aber infolge der Ent- faltung einer anderen Eigenschaft nicht wahrgenommen werden kann, weil sie von dieser verdeckt wird. Durch Bastardierung mit einer geeigneten anderen Sippe kann diese hypostatische Eigenschaft zum Vorschein gebracht — 199 — werden, infolge des Spaltens resp. der Neukombination der Eigenschaften bei der Bildung der Keimzellen des Bastardes. Macht einen Teil des alten Begriffes »latent« aus. Eine reindunkelgrüne Pflanze von M i r a - bilis Jalapa kann z. B. »hj^ostatisch« die Eigen- schaft enthalten, g e 1 b g r ü n und dunkelgrün gescheckte (variegata-) Blätter hervorzubringen ; diese Eigenschaft zeigt sich bei Selbstbefruchtung nicht, wohl aber in der Nachkommenschaft des Bastar- des zwischen der dunkelgrünen Pflanze und einer rein gelbgrünen (chlorina) Pflanze [Correns]. S. a. Epistatisch, Implicit. [W. Bateson, Science, 1907, p. 653.] C. Hypotonisch s. Isotonisch. Hypotrophie {rQscpci} ernähre) ist diejenige Form der Trophie [s. d.], bei welcher ein Organ unterseits in seinem Dickenwachstum gefördert wird. K. Hypotypie, regenerative. [Giard 1878.] Wiederbildung entfernter Körperteile in richtiger Zahl und Bestimmung, aber in einer hinter der Norm zurückbleibenden Differenzierungsart. Gegensatz: Hy- pertypie [s. a. Meiotrophie]. Beispiel: Regeneration kleiner Schuppen am Eidechsenschwanze. [Literatur s. Hypertypie.] F. Hysteresis {voxiqriaig, das Spätersein, Hinterher- kommen) das sogenannte Altern der kolloidalen Lösun- gen, bezeichnet die allmählich erfolgende Ausfällung derselben. [Hoeber, Physikal. Chemie d. Zelle und Gewebe.] R. Id nennt Aug. Weismann den Komplex der zu einem ganzen Individuum erforderlichen (NB. neoevolutioni- stischen) Anlagen (vergl. dagegen Determinationscom- plex Roux'). Es ist nach ihm reell gewöhnlich durch ein kleines Chromosom dargestellt. [Vortr. üb. Descen- denztheorie 1902 S. 382.] R. Idant nennt Aug. Weismann zusammengesetzte, aus mehreren Iden [s. d.] bestehende Chromosomen; solche sind nach ihm wohl alle Stäbchen- und schleifenförmigen — 200 — Elemente der Kemsubstanz. [Vortr, Vererbungstheorie 1902, S. 383.] R. Identität der funktionellen und der trophischen, die morphologische Assimilation [s.d.] und Wachstum veranlassenden Reize, Reizidentität [Roux]. Von ihr leitet Roux z. B. die atypische Ent- stehung der »funktionellen« Struktur und Gestalt ab. S. funktionelle Anpassung. [Kampf der Teile, Ges. Abh. I, 343, II, 229.] R. Idiometrisch, arterwachsen [Kammerer 1905, Przibram 1907.] Erwachsene Exemplare einer Tierart, welche die für die betreffende Art charakteristische gewöhnlich er- reichte Größe aufweisen. Vgl. Teleometrisch. [P. Kammerer, Über die Abhängigkeit des Regenerations- vermögens der Amphibienlarven usw. Arch. f. Entw- mech., 19, 1905. H. Przibram u. E. J. Werber, Regene- rationsversuche allgemeinerer Bedeutung usw. Arch. f. Entwmech., 23, 1907.] F. Idioplasma nennt Naegeli die Vererbungssubstanz, das heißt eine den Bau des ganzen entwickelten Körpers »bestimmende« Substanz. Das I. entspricht bei Naegeli dem nur das CausaJe bezeichnenden Terminus Deter- minationskomplex Roux'. Weismann ver- wendet das Wort I. nur für die Vererbungssubstanz der somatischen Zellen, s. dazu Keimplasma. Vgl. a. Idio- plasson. R. Idioplasson (der Name stammt als Idioplasma [s. d.] in etwas anderer Bedeutung von Naegeli) ist nach Roux' Klassifikation der Probionten und niedersten Bionten solche Lebenssubstanz, welche außer den Leistungen des Automerizon noch das Vermögen zu in ihm selber bestimmter »gestalthcher« Leistung, sowohl z. B. zu ty- pischer Selbst gestaltung und Reaktion wie zu typischer gestaltender Wirkung auf andere Teile hat. Das Idio- plasson steht damit über dem Automerizon. Idio- plassonten sind z. B. die Chromosomen des Zellkerns, vielleicht auch schon manche Teile des Zelleibes; größere, — 201 — eine höhere Stufe darstellendes I. sind Zellkern, der Zelleib, noch höhere, die Vereinigung beider, die ZeUe, Vgl. Idioplasma. S. Biogenesis Roiix', Partialbionten, Pangenesis. [Roux, Ges. Abh., II, S. 1056. Ders., Vor- trag, I, S. 117.] R. Immunität des Individuums gegen chronische Schäd- hchkeiten kann außer durch Serum nach Roux auch durch innere Umzüchtung unter Teilauslese während einer Krankheit entstehen, indem alle nicht widerstandsfähigen ZeUen eines Gewebes resp. tätigen Teile einer Zelle sterben und durch die widerstands- fähigen Nachkommen der widerstandsfähigen ZeUen er- setzt werden. S. Auslese, Kampf der Teile. [Roux, Ges. Abh., I, S. 147, 658, II, S. 224.] R. Implantation [Roux] s. Transplantation, funktionelle. Implication [1881], neuerdings auch blastoide Meta- morphose nennt Roux den Vorgang der zur ev. V e r • erbung somatogener Eigenschaften als nötig anzunehmenden Umbildung der variierten »ent- wickelten« Eigenschaft in die ganz anders beschaffene Präformation des Keims. Sie ist je nach der Art der Ontogenese zu scheiden in neoepigenetische und neoevolutionistische ImpHcation. Erstere verwandelt die entvdckelte Variation in eine Alteration einer der wenigen anfänghchen epigenetischen Deter- minationen; letztere müßte für jede besondere Varia- tion des Entwickelten mindestens eine besondere Evo- lutions-Determinante bilden. S. a. Translatio hereditoria, Blastogene Insertion. [Ges. Abh, II, S. 1056. Ders., Vererb, blastog. u. somat. Eig.] R. Implicite Gestaltung nennt Roux [1882] die von dem »entwickelten« Individuiun abweichende, einfachere und auch sonst andere Beschaffenheit des Keimplasmas ev. noch Embryos, soweit dieselbe Entwicklung »deter- miniert«. Sie stellt die Präformation, den je- weihgen Determinationskomplex dar. Sie ist je nach der Art der Ontogenese einzuteilen in neoepigenetische, neoevolutionistische imphcite Gestaltimg, oder sie ist — 202 — Kombination beider [Roux]. S. Neoepigenesis, Neoevo- lution, Hypostatisch. [Roux, in Jahresber. d. Anat. u. Physiol. V. Hoff mann u. Schwalbe, Bd. X, S. 396, 1882, Ges. Abh. II, S. 1056; Ders., Vererb, blastog. u. somat. Eig.] R. Implicite Mannigfaltigkeit s. Gestaltung. Impliciter Embryo s. Virtueller E. Impregnation heterogene sans Karyogamie (s a n s Amphimixie nuclöaire) [Bataillon 1909]. Entwicklungserregung durch das Sperma einer anderen Tierart, wobei jedoch das Kernmaterial nur von der Eizelle beigestellt wird (Seeigeleier — Molluskensperma, Kupelwieser; Eier von Pelodytes punctatus und Bufo calamita — Sperma von Triton alpestris, Bataillon). [E, Bataillon, L'impregnation heterogene sans Amphi- mixie nucleaire etc. Arch. f. Entwmech., 28, 1909.] F. Impulse, irradierte, nicht beabsichtigt verteilte; sie können nicht mehr wirklich »gebrauchte« typische Mus- keln und nicht gebrauchte Muskelvarietäten in geringer Dicke erhalten, sofern diese keinen Kampf um den Raum mit Nachbarn zu bestehen haben (z. B. die Ohr- muschelmuskeln). [Roux, Ges. Abh., I, 648.] R. Inactivität, Nichtgebrauch, ihre gestaltende Wirkung s. funktionelle Anpassung, regressive. Inactivitätsatrophie, Untätigkeitsschwund ist die Rückbildung der Organe infolge von längere Zeit ver- minderter oder aufgehobener Ausübung ihrer Funktion. Sie erspart Lebensmaterial und ist dimensional be- schränkt, d. h. sie erfolgt [n. Roux] nur in denjenigen Dimensionen jedes Organs, welche schwächer fungieren, z. B. bei Einschränkung bloß der Bewegungsgröße der Gelenke nur in der »Länge« der zugehörigen Muskeln, bei geringerer Anspannung nur in der Dicke der Muskeln. Bei totaler anhaltender Inactivität kann das ganze untätige Gebilde degenerieren. S. funkt. Anpassung, Beanspruchungsgröße. [Roux, Ges. Abh. II, S. 1056.] R. — 203 — Inactivitätsatrophie der Knochenspongiosa findet bei Verminderung der mittleren bzw. Gesamt - Bean- spruchungsgröße in der Anpassungszeiteinheit (s. d. u. Beanspruchungsgröße) statt. Sie ist: a) einfache, Atrophia simplex, welche in Bildung von Bälkchen aus Plättchen oder von Plättchen aus Röhrchen, resp. unter Verdünnung der Bälkchen, sowie auch unter Vergrößerung der Maschenweite infolge von Schwund von Bälkchen besteht. Sie fehlt teilweise den Knochen der Sirenen; diese sind daher »schwer«. [Roux, Ges. Abb., I, S. 443.] b) hypertrophierende Inactivitätsatrophie, Atrophia hyper- troph! cans. Diese von Roux entdeckte Art besteht in übermäßiger Resorption von ganzen Röhrchen, Plätt- chen und Trabekeln und in (ev. sehr starker) Ver- dickung, also Hypertrophie der erhaltenen Trabekel. Sie kommt bei ganz konstanter Druckstelle und Druck- richtung und zugleich kontinuierlich wirkendem aber sehr herabgesetztem Druck, so z, B. bei mancher An- kylose vor. Die Spongiosa heißt dann atropisch hypertro- phische Knochenspongiosa [Roux]. S. a. Atrophie der Knochen. [Roux, Dicke und Maschenweite usw., S. 17. Ges. Abh., I, S. 721, 358, II, S. 221.] R. Inactivitätshypoplasie (botan.) hegt nach Küster dann vor, wenn infolge abnorm schwacher Inanspruch- nahme eines Gewebes das letztere in seiner normalen Entwicklung gehemmt wird. Ist bei Tieren nur in den Perioden II u. III möglich (s. Perioden). K. Inaequipotentielles System s. aequipotentieUes System. Inanition, chronische, züchtet den Organismus durch Teilauslese zur Sparmaschine um. s. Hunger- auslese. R. Increment, funktionelles [Roux] s. Beanspruchungs- größe. R- Indeterminiert-aequipotentielles System gleich Harmonisch aequipotentieUes System [s. d.]. — 204 — Indifferenzzone [Schaper 1905]. Die zwischen den differenzierten Teilen eines Organes (z. B. vorderes Linsenepithel, Linsenfasern) eingeschal- tete ZeUzone (Äquatorialzone der Linse), deren Elemente ihren embryonalen Charakter beibehalten und durch fortgesetzte Prohferation das Material liefern, welches durch Apposition nach einer oder beiden Seiten hin das weitere celluläre Wachstum der differenzierten Ab- schnitte und somit des ganzen Organes bewirkt. S. Matrikulargebilde. [A. Schaper, Beiträge zur Analyse des tierischen Wachstums. Arch. f. Entwmech., 19, 1905.] F. Individualplasma s. Differenz, biochemische. Inducierte Bewegungen s. paratorische B. K. Induction (Einwirkung) heißt die Wirkung eines Gebildes auf ein anderes. In der Entwicklungsmechanik der Lebewesen versteht man darunter gewöhnlich eine Differenzierung veranlassende Einwirkung, also diffe- renzierende Einwirkung eines Gebildes auf ein lebenstätiges anderes. Dieser andere Teil unter- liegt dabei der abhängigen Differenzierung Roux'. Das ganze Geschehen heißt differen- zierende Correlation. Die differenzierende Einwirkung bestimmt, determiniert entweder ganz (passive Differenzierung) oder teilweise die Art der Ver- änderung des anderen Teils, Eine Einwirkung kann aber auch bloß eine Ver- änderung »auslösend« wirken (Auslösung) oder auch die Größe der Veränderung mitbestimmen (Reizung) [s. d.]. R. Auf botanischem Gebiete gehören hierher jene Fälle, welche Pfeffer [1881] unter dem Titel »Induktion spezi- fischer Gestaltung« durch »äußere« Faktoren zusammen- gefaßt hat. (Induktion specif. Gestaltung durch innere Faktoren ist gleichbedeutend mit Korrelation, d. h. Beeinflussung des morphologischen Charakters eines Organes dinrch ein anderes auf direktem Wege, also gleich abhängiger Differenzierung Roux'). S. Determi- — 205 — nation, Correlation, Aitiomorphose. [C. Herbst, Über die Bedeutung der Reizphysiologie für die kausale Auffassung von Vorgängen in der tierischen Ontogenese II. Biolog. Centralbl., 15, 1895.] F. Induction, somatische, nennt Semen die Einwirkung des Soma auf das Keimplasma der Geschlechtszellen, speziell eine derartige Einwirkung, welche bei Ver- änderung des Soma diurch äußere Einwirkung die gleiche Änderung bei den Nachkommen, also ohne Fortdauer der äußeren Einwirkung veranlaßt. Es ist also dasselbe Geschehen, was Roux neuerdings in Translatio hereditoria, blastoide Metamorphose und blastogene Insertion [s. d.] zerlegt hat. R. Inferenzgesetz , Gesetz der Vererbung durch In- ferenz [Tornier 1896]. Nach Tornier wird bei höher organisierten Individuen jede Anpassung eines arbeitleistenden Endorgans von einer entsprechenden und gleichwertigen Anpassung im Centralnervensystem begleitet; das Centralnervensystem wieder soll seinerseits die erworbene Eigenschaft auf das mit ihm eine funktionelle und nutritive Einheit bildende Geschlechtsorgan, speziell auf die Geschlechts- zellen, übertragen, indem es sie zu gleichwertiger Um- bildung zwingt. Werden die Geschlechtszellen zu Fort- pflanzungszeUen, dann soll auf diesem Wege, also durch »Inferenz«, die von den Eltern erworbene Eigenschaft auf die Nachkommen vererbt werden. — Dieses »Gesetz« ist lebhaft bekämpft worden. [G. Tornier, Über Hyper- daktylie, Regeneration und Vererbung. Arch. f. Entw. mech., 3 und 4, 1896]. F. Insertion, blastogene, keimbildende Einfügung, nennt Roux den dritten bei der ev. Vererbung somato- gener Eigenschaften im Falle der neoevolutionistischen Entwicklung nötigen Teilvorgänge ; dieser besteht in der Einfügung der durch blastoide Metamorphose gebildeten neuen Evolutions -Determinanten an der passenden Stelle des Keimplasmas. [Vererb, blastogen. u. somat. Eig.] R. — 206 — Insertionsmittelpunkte, Theorie der. [Heidenhain 1895.] Theorie, nach welcher die Centralkörper oder Mikrocentren als Insertionsmittelpunkte eines Systems kontraktiler Fibrillen erscheinen. [M. Heidenhain, Arch. f. Entwmech. i.] Instanzen, die fünf des Kampfes, bzw. des nötigen Sichbewährens der Lebewesen s. Bewähren, Concurrenz, Keimplasmavariation. Intensität eines Geschehens ist seine Größe bezogen auf die Zeit, also in der Zeiteinheit. R. Intensitätsfaktoren sind die Faktoren, welche die Intensität eines Geschehens bestimmen. R. Intercelluläre Vererbung s. Vererbung. Intercelluläres Wachstum s. Wachstum. Intermediäre Bastarde stehen in der Mitte zwischen den Eltern. Dabei ist entweder die Mittelstellung i n einem bestimmten Merkmal gemeint, oder Mittelstellung im Durchschnitt, wobei die einen Merkmale doch noch dem einen, die andern dem andern Elter entsprechen können. [H. de Vries, Mutationstheorie, Bd. II, S. 20.] C. Interpersonelle Vererbung [Roux] s. Vererbung. Interplantation , Zwischenpflanzung, funk- tionelle Substitution [Oppel 1910]. Jene Einpflanzungsart (Transplantation), bei welcher es nicht zum vollkommenen Anschluß an den Organismus kommt, welche also nicht »funktionelleTrans- plantation« oder »Implantation« Roux' ist. Diese »Zwischenpflanzung« kann sowohl in räumlichem — zwischen biochemisch verschiedenen Körpern — als in zeithchem Sinne — bis zur Ersetzung durch körper- eigenes Gewebe — erfolgen. [A. Oppel, Über gestalt- liche Anpassung der Blutgefäße usw. Leipzig, 191 1.] F. Intervallgröße [Gebhardt] der Knochenarchi- tekturen; häufig gleich der »Maschenweite Roux'«. In den bekannten technischen Zeichnungen der Span- nungsverläufe in trajektoriellen Fachwerken ist sie eine — 207 ~ willkürliche, durch die willkürlich angenommene Ent- fernung der belasteten Punkte gegebene Größe. Sie bedarf also im Organismus, wo nicht einzelne Punkte, sondern ganze Flächen belastet werden, besonderer kausaler Erklärung. Sie scheint in vielen Fällen primär durch die Gefäßmaschenweite bei der periostalen und endodesmalen Knochenentstehung (s. Periode I) ohne weiteres gegeben zu sein. S. a. Maschenweite. [Gebhardt, Arch. f. Entwmech., Bd. 12, S. 2 u. 201, Bd. 20, S. 303 ff.] W. Gebhardt. In tote concentrisches Stadium [Gebhardt] der Röhrenknochen ist eine von jedem Röhrenknochen durch- laufene Entwicklungsstufe, die sich aus der lamellösen Ausfüllung der grobgeflechtigen Anlage ohne weiteres ergibt. Die Haversschen Speziallamellensysteme ver- laufen darin noch nicht untereinander annähernd parallel longitudinal, sondern bilden auf Tangentialschnitten eng- maschige Netze, welche sich konzentrisch blätterig zur Achse des ganzen Knochens anordnen und auch unter- einander durch radiäre Anastomosen verbunden sind. Das Endstadium der Entwicklung wird aus diesem Stadium durch ausgiebige Resorptionen erreicht, durch welche zur Knochenachse annähernd parallele Hohlräume ent- stehen, welche mit longitudinalen Haversschen Säulen ausgefüllt werden. Ihre, dieser Entstehung nach, ur- sprünghch auf dem Querschnitt des Knochens noch deutlich radiäre und circuläre Verteilung verlieren diese Säulen z. B. in vielen Knochen des Menschen durch immer wiederholten Umbau allmählich ganz, wie auch ihre Konturen dadurch immer unregelmäßiger werden. In vielen anderen Knochen, namenthch der Huftiere, bleibt das aber aus. [Gebhardt, Arch. Entwmech., Bd. 11, 12 u. 20.] W. Gebhardt. Intracellulare Pangenesis [de Vries] s. letztere. Intracelluläres Wachstum s. Wachstum. Intraelectrolyt nennt Roux einen elektrisch leiten- den Gegenstand, welcher in einer elektrisch durch- strömten Flüssigkeit (Elektrolyt) liegt, ohne die Elek- — 208 — Intraelectrolyt (Fortsetzung), troden zu berühren, welcher also nur von der Flüssig- keit aus durchströmt wird. Der Strom dringt, ev. ober- flächliche, sichtbare Veränderungen bewirkend, in ihm an Flächen (den elektrischen Polfedern) ein, welche gegen die Elektroden zu liegen, und in ihrer Größe und Gestalt erstens von der Differenz der Größe der beiderseitigen Leitungsfähigkeiten, und zweitens von der Gestalt und relativen Größe des Mediums und des Intraelektrolyten abhängen, und sich mit äqui- potential gerichteten Grenzen gegen den zwischen ihnen liegenden, nicht deutlich veränderten elektrischen »Äquator« abgrenzen. Bei kugehgen Intraelektrolyten stehen diese Grenz- flächen rechtwinkelig zu den Stromfäden des Feldes, stellen also Niveauflächen [s. d.] dar und lassen so die Richtung der ersteren erschließen : Roux' Me- thode zurErkennung derRichtung der elektrischen Stromfäden und Niveauflächen (1891). [Ges. Abh., II, S. 545, 579. 672, 705, 708.] Die Eier und die embryonalen Lebewesen (sowie die Gallenblase des Erwachsenen NB. bei Fröschen, Mäusen) zeigen bei dieser Versuchsanordnung »augenfällige« Re- aktionen und besondere Lokalisation derselben. S. Pol- felder, elektrische; Aequator, elektrischer. R. Intralauslese s. Auslese, Kampf der Teile im Orga- nismus. Intraovate [Barfurth] sind Teile der Wand von Froschgastrulae, die bei Operationen gelegentlich in das Innere der Gastrula verlagert werden und sich einige Zeit selbständig erhalten ; sie sind vielleicht für die Entstehung von Dermoiden von Interesse. [Barfurth, Sitzungsber. der Dorpater Naturf. Ges., 1892, S. 176; Anatom. Hefte 1893, S. 325.] R. Intrapersonelle Vererbung [Roux] s. Vererbung. Intraselection nennt Weismann die von Roux er- kannte züchtende Teilauslese [s. d.] im Organismus. S. SL, Auslese, Kampf der Teile. R. — 209 — Intumescenzen sind nach Sorauer diejenigen hyper- hydrischen Gewebe [s. d.], welche an Achsen, Blättern und Blüten meist durch h5:pertrophische Veränderungen des Grundgewebes zustande kommen und als kleine Pustein auf der Oberfläche des Organs sichtbar werden, K. Inverse Eier, inverse Embryonen [zur Strassen 1896]. Bei Ascaris megalocephala ist der rhombische Keim im Achtzellenstadium so formiert, daß typischerweise die Zellen der linken Seite vom, die der rechten rück- wärts gelegen sind. Bei einem geringen Bruchteile von Eiern ist jedoch ein genau umgekehrtes Verhalten der Leibeshälften zu beobachten: Inverse Eier, inverse Embryonen. [O. zur Strassen, Erabryonalentwicklung der Ascaris megalocephala, Arch. f. Entwmech., 3, 1896.] F. In-vitro-Cultur s. Explantation. R. Involution ist im Sinne der Pathologen Rückbildung, Schwund, Kleinerwerden. Senile I. ist die Rück- bildung infolge hohen Alters. Sie ist a) typische, soweit sie dem von jeder krankhaften Veränderung freien Alter eigen ist, also schon im typischen Keim- plasma determiniert ist , b) atypisch, soweit sie durch die im Greisenalter häufigen krankhaften Verän- änderungen z. B. durch Arteriosklerose, frühere Über- anstrengung bedingt ist. Neuere Autoren, Driesch, Eug. Schultz, gebrauchen das Wort, wie auch Reduction, im Sinne von UmkehrungderEntwicklung, also für rück- läufige Entwicklung. [Eug. Schultz, Über umkehrbare Entwicklungsprozesse. Roux' Vortr. u. Aufs. üb. Entwmech., Nr. IV, 1908. Roux, Die vier causalen Perioden, 191 1.] R. Involutionsfelder, [Tornier] s. Abbaufelder. Involutionsformen heißen die abnorm großen oder abnorm gestalteten Zellindividuen, die man in Bakte- rienkulturen unter der Einwirkung ungünstiger Lebens- Roux, Terminologie der Entwicklungsmechanik. i± — 210 — bedingungen (zu hohe Temperatur, ungeeignete Zusam- mensetzung des Substrats, alternde Kulturen usw.) ent- stehen sieht. Auch bei einzelligen Algen, bei Hefen, Pilzsporen usw., wird von I. gesprochen, wenn bei ihnen abnorm gebildete Individuen zur Entwicklung kommen. K. Isogone Bastarde [De Vries 1900] s. Erbgleiche Bastarde (dort d. Lit.). C. Isolation, physiologische [Child 191 1]. Die funktionelle Ausschaltung von Teilen des Orga- nismus. Sie soll der Auslösungsfaktor von Ersatzvor- gängea (Regeneration) sein. Die Abtrennung des Teiles an sich ist: physikalische Isolation. [Ch. M. Child, Die physiologische Isolation usw. Heft XI der Vortr. u. Aufs. üb. Entwmech., Leipzig, 191 1.] F. Isoplasson [Roux 1892] (laog gleiches, nXdaaov bil- dend) ist die niederste lebenstätige (aber noch nicht im vollen Sinne lebende) Substanz. Das Isoplasson hat nach Roux' Klassifikation der Probionten, sowie der Partialbionten die Fähigkeiten : bestimmter chemischer Selbstveränderung (Dissimilation) und der Selbstassimilation, welche die Selbstveränderung durch Ersatz wieder ausgleicht, dazu der Überkompensation der Assimilation, also des Wachstums. Dazu gehört auch schon die einfachste, bloß durch Oberflächenspannung (ohne Auslösung aufgespeicherter Energie) bewirkte Art der Selbstaufnahme von Stoff sowie der Selbstausschei- dung des Veränderten und des nichtassimilationsfähigen Aufgenommenen, vgl. Selbstbewegung. Das I. hat aber nicht die Fähigkeiten der Reflexbewegung und der »gestaltlichen«, also dauernden Selbstveränderung und der Entwicklung (s. Gestalt). Aber diese Leistungen der Selbstassimilation usw. sind wohl schon mit Selbstregulation der Größe jeder Leistung für sich sowie untereinander verbunden, so daß z. B., wenn mehr Stoff durch Selbstveränderung verbraucht ist, sich auch die Selbstaufnahme, ferner — 211 — die Selbstassimilation und ev. die Selbstausscheidung steigert. Das Isoplasson kommt wohl als Bestandteil des Proto- plasma vor, und vielleicht in noch viel einfacherer Weise als selbstassimilierende und selbst wachsende Intercellularsubstanz, z. B. in der Bindegewebsfaser. Das Isoplasson entspricht ziemhch dem, was Verworn später als B i o g e n bezeichnet hat. Das Isoplasson stellt als Gebilde der jetzigen Lebe- wesen ein Partialbion vor und ist außerdem bio- genetisch nach Roux' Annahme das niederste Probion [s. d.] (als selbsterhaltungsfähiges Gebilde). Das anorganische Beispiel des Isoplasson ist die Flamme. Wie diese außer Selbstveränderung und Selbstassimila- tion nur erst einfachste, kaum aktive Selbstaufnahme des Sauerstoffes und der Nahrung und keine »Selbst <<- Ausscheidung hat (denn die Ausscheidung des Ver- brauchten wird durch die Schwerkraft bewirkt), so hatte auch das niederste organische Isoplasson vielleicht noch keine besondere Selbstaufnahme und Selbstausscheidung. Diese Leistungen könnten also erst danach erworben worden sein ; und man kann sie daher auch der nächsten Stufe, dem Autokineon [s. d.], zusprechen. Vgl. Ele- mentarfunktionen, Biogenesis Roux'. [Rovix, Ges. Abh., II, S. 84, I, S. 231, 389. Ders., Künstliche Lebewesen, 1906. Ders., Vortrag I, S. 112, 1905.] Isopotent [Roux] gleichvermögend im entwicklungs- mechanischen Sinne. Dieser Terminus ist bezeichnender und richtiger als das im selben Sinne gebrauchte, der Elastizitätslehre entnommene Wort isotrop. Gegenteil : allopotent, ungleich vermögend. Hauptwörter dazu: Isopotenz, Allopotenz [Roux]. Diese sind zu scheiden in typische und atypische sowie für alle Arten der Potenz; besonders wichtig ist typische Iso- potenz zur Selbstdifferenzierung. R- Isotonisch [de Vries], isosmotisch [Tammann] heißen Lösungen, welche den gleichen osmotischen Druck aus- üben wie ein bestimmtes Objekt, welche daher an ihm H* — 212 — eben noch nicht die ersten Zeichen der Plasmolyse [s. d.] bewirken. Lösung mit geringerer, nicht zur Plasmolyse zureichender Konzentration, also von zu geringem os- motischem Druck heißen hypotonisch; konzentriertere Lösungen als isotonische heißen hypertonisch. R. Isotrophie [Wiesner] ein auf allen Seiten eines Achsen- organes gleichmäßig fortschreitendes Dickenwachstum (vgl. Heterotrophie). K. Isotropie (besser Isopotenz) des Dotters, bezeichnet Pflügers Lehre (1884), daß der ganze Dotter des Frosch- eies entwicklungsmechanisch gleichwertig sei, weil bei Zwangslage des Eies aus jedem Teil die Medullarplatte hervorgehen könne. Roux und Born zeigten aber (1885), daß bei der Zwangslage nur die Eirinde fixiert wird, und sich der Eiinhalt wieder wie normal einstellte (s. Zwangslage). Die Bestimmung der Hauptrichtungen des Embryo im Ei durch die normale oder abnorme Dotteranordnung [s. d.] [Roux], sowie später O. Schnitzes und Morgans Umkehrung von Eiern mit Produktion von Doppel- bildungen erweisen die Gestaltung determinierende Wir- kung der verschiedenen Dotterteile, somit ihre Allo- potenz. S. a. Penetrationsbahn. Der Umstand, daß unter manchen abnormen Verhält- nissen aus manchen Dotterteilen des Eies oder aus Zellen anderes gebildet wird als typischerweise, beweist nicht deren Isopotenz, sondern ihr Vermögen zur »abhängigen« Differenzierung. Der Irrtum beruht wie viele andere auf Nichtsonderung [O. Hartwig u. a.] von typischem und atypischem Geschehen, sowie auch von Selbstdifferen- zierung und abhängiger Differenzierung [s. d. und Po- tenz]. [Roux, Ges. Abhdl., II, S. ^66. Ders., Vortrag I, S. 49, I95.[ R. Iterative Bastarde [De Vries 191 1]. Vgl. reziproke B. C. Jugendform. Bei vielen höheren und niederen Pflan- zen ist die Ausbildung der Sprosse, Blattform, Blatt- stellung usw. in ihrer Jugend mehr oder minder auffällig — 213 — von den in späteren Lebensabschnitten gebildeten Sproß- abschnitten verschieden ; Göbel spricht in solchen Fällen von Jugendform und Folgeform und nennt diejenigen Pflanzen, bei welchen die beiden Formen nur wenig von- einander verschieden sind, somoblastisch, diejenigen, bei welchen der Unterschied auffälliger ist, heteroblastisch [vgl. B. Göbel, Organographie 1898, p. 121]. Auch an Individuen, die bereits die Merkmale der Folgeform entwickelt haben, läßt sich durch Eingriffe verschie- dener Art die Jugendform wieder hervorrufen. S. Re- tinispora. K. Kälteruhe, Ruhezustand der Entwicklung oder des Lebens durch Herabsetzung der Temperatur. Man kann eine Vegetationsruhe und eine Samen- ruhe unterscheiden (Winterschlaf; Samenruhe der Wintereier von Insekten). Auch sich bereits entwickeln- de Froscheier [Roux 1884] sowie in Bebrütung befind- liche Hühnereier können in Kälteruhe versetzt werden [Roux, Pictet, Colasanti, Kaestner]. [S. u. a. S. Kaestner, Über künstliche Kälteruhe von Hühnereiern im Verlauf der Bebrütung. Arch. f. Anat. u. Phys., Anat. Abtlg., 1895.] F. Kampf der Gewebe im Regenerat. [Tornier 1906.] Tornier ist der Meinung, daß die Gewebe, welche ein Regenerat aufbauen, bei diesem Tun bis zu einem ge- wissen Grade unabhängig voneinander sind, und daß des- halb unter Umständen beim Regenerataufbau ein Kampf zwischen den beteihgten Geweben stattfinden kann. Das ist nicht der »Gewebsqualitäten züchtende« Kampf Roux', sondern nur der zu »typischem« Ergebnis führende »tjrpische« Kampf von His und BoU [s. Kampf der Teile, s. Nr. 2]. [Tornier, Kampf der Gewebe im Re- generat usw. Arch. f. Entw.-mech., Bd. 22, 1906.] F. Kampf der Teile im Organismus [Roux], Intral- kampf. Er kommt in sehr verschiedener Weise vor: I. als Pathologischer Kampf zwischen verschieden- artigen Teilen, zwischen Geweben oder Organen; dieser schädigt, tötet eventuell das »Individuum«. Z. B. — 214 — Kampf der Teile (Fortsetzung), dadurch, daß ein zu stark wachsendes Gewebe (eines bösartigen Tumors) in die anderen Gewebe hineinwächst und sie zerstört usw., oder daß bei interstitieller Ent- zündung das specifische Gewebe des Organs (z. B. der Niere) durch Bindegewebe angeblich erdrückt wird. In der Phylogenese mußte Ähnliches stets beim Auf- treten neuer Gewebsqualitäten stattfinden und als Kampf um Nahrung und Raum zur Selbstelimi- nation der mit einer zu starken oder zu schwachen (funktionell an sich nötigen) Gewebsqualität versehenen »Individuen« führen, somit zur Züchtung von Individuen mit dem für die Erhaltung des Lebewesens nötigen Gleichgewicht der Gewebe bzw. Organe. Dieser Kampf züchtete also die quantitative funktionelle Harmonie dieser verschiedenartigen Gebilde, so auch von Zelleib und Zellkern durch Personalselection. [S. Roux, Kampf der Teile 1881.] 2. Typischer Kampf [Roux] verschiedenartiger Gewebe [von His (1865) und Bell (1876)], er findet angeblich beim Einwachsen des Drüsen- und Keimepithels in die Unterlage zur Bildung der betreffenden Drüsen durch Verdrängen des einen Gewebes durch das andere statt, ferner wenn die Gefäßsprossen des Periosts bei der Knorpelzerstörung in den Knorpel einwachsen, und so unter Knorpelschwund Platz für die Substitution des Knorpels durch Knochen geschaffen wird. Da dieser Kampf der Gewebe aber zu typischem, bei allen Individuen derselben Species gleichem Re- sultate führt, kann es zweifelhaft sein, ob in Wirklich- keit ein Vernichten oder Schädigen des einen Gewebes durch das andere, also ein Kampf oder etwa bloßer Selbstschwund und Ausweichen stattfindet. Immerhin mag er typischer Gewebekampf heißen. Dazu kann man auch den Kampf benachbarter Organe um den Raum, z. B. der Nachbarorgane der Leber mit dieser rechnen. S. Massencorrelationen. [Roux, Arch. f. Entwmech., 13, S. 643.] — 215 — 3- Züchtende Teilauslese [Roux], (Qualitäten) züch- tende Partialselection. Sie führt durch Aus- merz u n g von lebenstätigen Teilen , welche in den gegebenen Verhältnissen weniger dauerfähig sind, zur positiven Teilauslese, zum alleinigen Übrig- bleiben der dauerfähigeren »Teile«, Sie fand in der Phylogenese und findet jetzt noch stets nach dem Auftreten neuer assimilationsfähiger und dadurch >> intrapersonell« vererblicher [s. Vererbung] Variationen lebenstätiger Teile unter »gleichartigen« Teilen, also gleichen biologischen Ranges und desselben Gewebes, z. B. unter Zellen des- selben Gewebes, unter lebenstätigen Zellteilen (mindestens vom Range des Isoplasson, s. d.) derselben Zelle statt, ferner auch beim Auftreten neuer Lebensumstände, so- fern unter diesen gleichartigen Teilen vererbliche Ver- schiedenheiten in der Widerstandsfähigkeit gegen diese Umstände bestanden resp. bestehen. Indem die allein übrig bleibenden Qualitäten ihre dauerfähige Eigenschaft auf ihre Nachkommen übertragen, vererben, entsteht die Züchtung dieser Eigenschaft im einzelnen Lebewesen, im Unterschied zur Züchtung durch Personalselection (s. No. i). Sie geschieht um Nahrung und Raum, sowie um den funktionellen Reiz. Es siegen, unter Ausmerzung der anders qualifizierten »Teile«, also erhalten und vermehren sich allein, werden somit gezüchtet: i. die mit der vor- handenen Nahrung am besten sich ernährenden (bei Nahrungsmangel die am wenigsten brauchenden) Teile, 2. die am raschesten wachsenden, dabei 3. druckfestesten und 4. durch den funktionellen Reiz des Ge- webes am meisten trophisch gekräftigten resp. zum Wachstum angeregten Teile. Letzteres ist die generelle Qualität fast aller unserer Gewebe. Auf dieser Qualität beruht nach Roux' Theorie die Möglichkeit der funktionellen Anpassung, ohne daß bei dieser Anpassung dann aber noch ein Kampf um Nahrung und Raum stattfindet, wieDriesch und Plate Roux zu- — 2l6 — Kampf der Teile (Fortsetzung), schreiben (s. Concurrenz), sondern (ev. z. B. im Knochen) nur noch Concurrenz um den funktionellen Reiz. Es handelt sich also bei dem züchtenden Kampf der Teile um Nahrung und Raum um eine Ausmerzung dem Stoffwechsel unterliegender und vermittelst Selbstassimi- lation sich selbst erhaltender Gebilde, dies durch die Anwesenheit und Lebenstätigkeit anderer, fernerhin allein sich erhaltender und vermehrender Gebilde. Wir erfahren durch die Kenntnisnahme von diesem Auslesege- schehen also mehr von dem, was sich im Organismus ab- spielt, als wie nach O. Hertwigs und Drieschs Meinung „nur so viel, wie der Chemiker von dem Zustandekommen einer chemischen Verbindung erführe, wenn er sich mit der Formel eines Kampfes der Molekel im Reagenzglas zufrieden geben würde." Wir erfahren besonders, welche lebenstätigen Zellquali- täten allein übrig bleiben und daher die dauerfähigen Lebewesen bilden ; und wir können von ihnen viele Ge- staltbildungen ableiten. [Roux, Kampf der Teile 1881. Ges. Abhdl. II, S. 1057. — Arch. f. Entw. Mech. 13, S. 641.] Nichtzüchtend wirkt Ausmerzung durch lo- kale Begünstigung (s. Concurrenz) sowie Ver- nichtung von Gebilden mit an sich vorübergehender momentaner Beschaffenheit z. B. der älteren oder an- gestrengten Teile. [Roux, 1883, Ges. Abh. I, 654, 657, 236, 276. Eug. Schultz, Arch. f. Entwmech. Bd. 15. S. 272.] Der Kampf neuer qualitativer Gewebs- oder Gewebs- teilvarietäten, oder allgemeiner die züchtende Auslese (resp. auch direkte Umänderung) findet in fünf In- st a n z e n statt, in denen eine neue Variation des generativen Keimplasma sich »bewähren« [s. d.] muß, um dauerfähig zu sein und so einen neuen Typus dar- zustellen. S. Keimplasmavariation, Neotypisch. 4. Als indirekte Concurrenz um den funktio- nellen Reiz durch lokale Begünstigung, also durch lokale Auslese. Z. B. wird an der stärker gedrück- ten Seite eines Knochenbälkchens Knochen angebildet; dadurch wird auf der andern Seite des (z. B. schief zur — 217 — Dnickrichtung stehenden) Bälkchens der Knochen- substanz allmählich der Druck entzogen, dadurch wird die Substanz daselbst schwinden und so nach Roux das Bälkchen allmählich zur Druckrichtung umgearbeitet. Hierbei wird aber keine »Qualität «bevorzugt. S. Knochen- anpassung. [Ges. Abb. II, S. 221 ; Generalreg. S. 278.] R. Kampfmodell Roux' demonstriert den Kampf nie- derster »lebenstätiger« Gebilde : der Probionten, und zwar an Flammen, also an Gebilden, welche sich durch Selbst- assimilation und durch Ausscheidung des Dissimilierten selber erhalten. Die Flamme eines mit Terpentinöl ge- tränkten Fidibus erstickt z. B. die Flamme eines ein- fachen Fidibus, wenn sie mit ihr unter einen umgekehrten Trichter gebracht wird. Das stärker assimilierende Ge- bilde nimmt dem schwächer assimiUerenden den Sauer- stoff und Raum weg und beraubt es dadurch seiner Erhaltungsfähigkeit. [Ges. Abhdl., II, S. 218.] R. Kamptotroph Ismus {■adfiTtTio biege, rQecpoj ernähre). Die Erscheinungen einseitiger Förderung in der Gewebs- ausbildung, die man an gewaltsam gekrümmten Pflan- zenorganen beobachten kann, nennt Bücher Kampto- trophismus. Vgl. Geotrophismus und Heliotrophismus. K. Karyotropismus [Roux] ist die Näherung der Zell- kerne bei der Befruchtung des Eies und bei der Conju- gation der Infusorien bis zur Berührung. Es ist fraglich, ob dieser K. »Selbstnäherung der Kerne« ist, wie die Näherung der Zellen beim Cytotropismus, also ob die Näherung durch Wirkung der Kerne aufeinander »be- stimmt« wird, wenn auch vielleicht das Medium dabei das durch sie »Bestimmte« »ausführend« mittätig ist [s. Realisation], oder ob etwa (NB. weniger wahrschein- lich) die Kerne rein passiv durch Tätigkeit des Zelleibes zusammengeführt werden. S. a. Selbstkopulation von Tropfen. Arch. f. Entwmech., I, 198. R. Katachonie s. Abbau. Kataklinotropismus = negativer Klinotropismus [s. d.]. K. — 2l8 — Katalysator ist nach Ostwalds Definition jeder Stoff, der, ohne in den Endprodukten einer chemischen Reak- tion zu erscheinen, ihre Geschwindigkeit verändert. R. Kataplasie, derjenige Gewebebildungsvorgang, bei welchem kataplasmatische Gewebe entstehen [s. d.]. K. Kataplasmatisch (xara niederwärts, ytXdaoco bilde) nennt Küster diejenigen abnormen Pflanzengewebs- wucherungen, welche von ihrem normalen Gewebsmut- terboden durch unvollkommenere Gewebedifferenzierung oder durch völligen Mangel an dieser sich unterscheiden. Kataplasmatische Gewebe entstehen namentlich nach Verwundung (Callus, Wundholz) oder nach Infektion durch tierische oder pflanzliche Parasiten (viele He- miptero- und Mycocecidien [s. d.]. S. a. unter Hyper- trophie (kataplastische H.). K, Katatropismus heißt jeder negative Tropismus [s. d.]. K. Katatropistisch [Massart] = apotropistisch. K. Kausalharmonie der Ontogenese nennt Driesch die von ihm aufgestellte »Harmonie zwischen Ursachen und Ursachaufnehmern«. Er begründet sie folgendermaßen: »Jede einzelne ontogenetische Differenzierung ist Effekt einer Ursache. Damit eine Ursache einen Effekt habe, muß etwas da sein, was gerade ihr als Ursache mit einer Reaktion entsprechen kann.« [Driesch, Result. u. Prob!., 1899, S. 841.] R. Keimbahn. [Weismann 1885.] Die Entwicklung der Keimzellen erfolgt aus ganz be- stimmten Zellfolgen, und nur diese tragen die Anlagen der Keimzellen in sich. Diesen Entwicklungsgang der Keimzellen von der befruchteten Eizelle bis zu den Fortpflanzungszellen nennt Weismann Keimbahn. De Vries unterscheidet Haupt- und Neben- keimbahnen; die ersteren sind die Keimbahnen Weismanns; die Nebenkeimbahnen sind solche Zellfolgen, welche (bei Pflanzen) »durch adventive Knospen zu Keimzellen hinleiten«. (Adventive Knospen sind solche — 219 — Vegetationspunkte, welche an Orten entstehen, deren Gewebe bereits differenziert ist.) Es gibt auch Vermehrung und Vererbung ohne be- sondere Keimbahn. [A. Weismann, Die Continuität des Keimplasrnas usw. Jena, 1885. De Vries, Intracellu- lare Pangenesis. Jena, 1889. Roux, Über die bei der Vererbung anzunehmenden Vorgänge. Verhdl. d. naturf. Ver. zu Brunn, 191 1.] F. Keimbezirke, Prinzip der organbildenden. [His 1874.] Aus seinen Untersuchungen über die Entwicklung des Huhnes folgerte His, daß jedes Organ und jeder Organ- teil in einem bestimmten Bezirke der Embryonalscheibe seine vorgebildete Anlage besitze. Das Prinzip, wonach die Keimscheibe die Organanlagen in flacher Ausbrei- tung vorgebildet enthält und umgekehrt jeder Keim- scheibenpunkt in einem späteren Organ sich wieder- findet, ist His' Prinzip der organbildenden Keimbezirke (Germinal localization [Wilson 1904]). Es ist nach His' Fassung nur ein topographi- sches Prinzip, das auch nur für die typische Ent- wicklung gelten sollte und hauptsächlich nur auf das neoevolutionistische Entwicklungsgeschehen [Roux] anwendbar ist. Durch Roux' Nachweis der Selbstdifferenzierung der Blastomeren bei der tjTpischen Entwicklung hat es auch einen auf dem Begriff der >> Selbstdetermination« beruhenden be- stimmten kausalen Inhalt erhalten. In modemer Auffassung hat dieses Prinzip für die tierische Entwicklung seinen Ausdruck in der von J. Sachs für Pflanzen begründeten Theorie der organbildenden Stoffe gefunden : Die Or- gane und Gewebe entstehen durch bestimmte, quali- tativ verschiedene Stoffe, welche im Ei in bestimmter Weise lokalisiert sind. S. Keimplasma. C. Rabl, Über organbildende Substanzen und ihre Bedeutung für die Vererbung. Leipzig, 1906.] F. Keimbildende Einfügung s. Blastogene Insertion. — 220 — Keimblattmerkmal. [Schridde 1909.] Jenes Merkmal, das bei gewissen Keimzellen domi- nierend gegenüber anderen wird und sie als zu einem bestimmten Keimblatt gehörig stempelt. [Literatur s. Merkmal.] F. Keimchen s. Pangenesis. Keimformengesetz s. Konstitutionsgesetz. Keimplasma nennt A. Weismann (1887) die (kurz vorher zurückgewiesene) Vererbungssubstanz, deren neue Annahme dadurch möglich geworden war, daß Roux Pflügers angebhchen Beweis [1883], daß die »äußeren Umstände« bestimmten, was aus einem Ei werde, ex- perimentell [1884] als unrichtig erwies, indem er zeigte, daß keine »äußere« Gestaltung »determinierenden« Fak- toren zur Ontogenese nötig sind, daß also alle die typische Gestaltung bestimmenden Faktoren im Ei enthalten sind. [Roux, Ges. Abb., II, S. 256 — '276.] Keimplasma, germinales oder generatives, nennt Roux das Keimplasma der Keimdrüsen, also das Hauptkeimplasma Weismanns, im Unterschied zu dem von beiden Autoren in den Zellen des mehr oder weniger entwickelten Individuums angenommenen somatischen Keimplasma [s. d.]. Das Keimplasma ist seinen Leistungen nach einzutei- len in: 1. tjrpisches Keimplasma, das ist solches Keimplasma, welches nach seiner Aktivierung durch die Reahsations- faktoren [s. d.] typische, also die typischen Klassen-, Gattungs-, Speciesmerkmale darstellende Produkte liefert [s. Typus]. Diese Produktion kann auf typische oder at5^ische, aber regulatorische Weise geschehen. 2. atjrpisches Keimplasma, das ist solches, welches derart vom typischen abweichend verändert ist, daß es »von selber«, d. h. ohne äußere »determinierende« Ein- wirkungen vom bisherigen Typus abweichende Produkte liefert. Sofern das Keimplasma für die Neuheit auch vollkommen assimilationsfähig ist und sich in den fünf Instanzen bewährt [s. Bewähren], also viele Generationen — 221 — dauerfähig ist, stellt es einen neuen Typus dar, das atypische Keimplasma, ist somit neotypisch. S. Keim- pläsmavariation. Normales Keimplasma ist in der Mehrzahlder Fälle in einem Lande vorkommendes, und zwar durch die khmatischen (und sonstigen, z. B. bes. Nahrung) Ein- wirkungen derartig vom Typus abgeändertes Keimplasma, daß es vom Typus abweichende Produkte liefert. Dabei muß die Veränderung in jedem Einzel- falle immer aufs neue von außen bewirkt, mindestens determiniert werden. Abnormes Keimplasma ist solches, welches in der Min- derzahl der Fälle durch äußere determinierende Einwir- kungen derartig verändert ist, daß es also nur in dieser Minderzahl vom Typus abweichende Produkte hefert. Die abnormen Abweichungen können größer sein als die des »normalen« Keimplasmas; denn wenn sie bei letzte- rem, also in der Mehrzahl der Fälle groß sind, wird die Selbsterhaltungsfähigkeit der Species zu sehr herab- gesetzt. Roux unterscheidet das K. »hypothetisch« ferner in; a) Keimplasson, keimbildenden Stoff oder den noch nicht auf ein Einzelwesen angelegten Keimstoff, (sofern es ein solches Stadium gibt) und in b) Keimplastos, gebildeter Keim, den bereits per- sonahsierten, also auf ein Einzelwesen angelegten Keim. S. Vorentwicklung. [Roux, Ges. Abhdl., II, S. 62, 72.] Das Keimplasma besteht aus dem Komplex der Deter- minationsfaktoren, also dem Determinations- komplex [s. d.]Roux'. Ob auch sogleich einige Reali- sationsfaktoren : Realisationsmaterial zum Keimplasma nötig sind, ist zweifelhaft. Theoretisch ist letzteres nicht dazu zu rechnen, ebensowenig wie die bloß accessorischen Teile und Eigenschaften der Keime, die bloß der Selbsterhaltung der Keime und zu ihrer Kopulation dienen [s. accessorische Vorentwicklung], Das Keimplasma ist neoevolutionistisch oder neoepi- genetisch oder kombiniert beschaffen [s, Neoevolution, — 222 — Neoepigenesis]. S. a. Generatül, Gen, Gestaltungsfaktoren, Vererbungsstruktur. R. Keimplasma, Continuität desselben zwischen den Generationen. Sie ist nach A. Weismann dadurch her- gestellt, daß bei jeder individuellen Entwicklung ein dem ganzen Keim gleich beschaffener Teil des Keimes von der individuellen Entwicklung ausgeschlossen und also unverändert reserviert wird ; das ist der Teil, welcher später die Keimdrüsen und Keimzellen bildet. Hier besteht also von Anfang an eine »besondereKeim- b a h n<< [Weismann]. Nach Roux ist die Continuität des Keimplasmas auch ohne »besondere« Keimbahn möglich, nämlich durch das von ihm behufs Erklärung der Regeneration und Postgeneration und anderer gestaltlicher Regulationen in den Somazellen (Körperzellen) angenommene s o m a - tische Keimplasma [s. d.]. Dieses tritt dann auch in Tätigkeit, wenn die Keimdrüsen erst nach- träglich von somatischen differenzierten Zellen aus ge- bildet werden, z. B. bei Bandwürmern nach Child, bei Amphibien nach Kuschokewitsch. [A. Weismann, Die Continuität des Keimplasmas. 1887. Roux, Ges. Abh., I, 451; Ders., Über die bei der Vererbung blastogener und somatogener Eigenschaften anzunehmenden Vor- gänge. Brunn, 191 1.] Keimplasma, somatisches, oder Reserveidioplas- son nennt Roux das von ihm (1881) in den Zellen des mehr oder weniger entwickelten Individuums angenom- mene Keimplasma. Dasselbe leitet nach ihm die lo- kale Entwicklung des Körpers, besonders bei Störungen, veranlaßt also die Reparation und Regeneration, ist auch nach Roux als bei der ev. Vererbung durch sogen. Parallelinduktion wesentlich beteihgt anzunehmen. Es ist entweder ebenso potent wie das generative Keimplasma der Keimdrüsen, also totipotent, und h,eißt wie dieses dann somatisches Voll- oder Total- keimplasma, oder es ist weniger potent und heißt dann Partialkeimplasma. Letztere Eigenschaft bekundet sich — 223 — in unvollkommener Regenerationsfähigkeit (sofern nicht auch Hemmung der Tätigkeit dieses Plasmas oder Mangel in der Auslösung seiner Tätigkeit an der Un- vollkommenheit der Regeneration mit beteiligt ist. Letzteren Falles wäre Aussicht, unser geringes Regenera- tionsvermögen künstlich zu vergrößern. Roux), Das somatische Vollkeimplasma kann eventuell die Vermehrung ohne gesonderte Keimbahn ermöghchen [s. Keimplasma]. [Roux, Der Kampf der Teile im Orga- nismus, 1881, S. 177. Ders., Ges. Abhdl., I, S. 344, II, S. 450, 842, 877, 897, 905. Ders., Vererb, blastogen. u. somatogen. Eig., 191 1.] R. Keimplasmavariation. Sie muß, um erblich zu sein, folgende Bedingungen erfüllen: Das Keimplasma muß für sie vollkommen assimilations- fähig sein und die Variation muß sich in vier bzw. fünf Instanzen bewähren: 1. Sich bewähren im Kampf der lebenstätigen, also mindestens assimilierenden Teile des einzelnen Keimes, also des Eies oder Spermakörpers, Germinalaus- lese Weismanns. Vielleicht findet auch im Keim- plasma eine »differenzierende« Einwirkung von Teilen aufeinander statt, so daß bloß das Produkt dieser die neue, für die Zukunft bleibende Keimvariation darstellt. 2. Sich bewähren bei der wirkhchen, sukzessive statt- findenden Coaction des weiblichen und männlichen Keimplasmas [s. Kopulationsrichtung] ; dies sowohl bei der ersten, nach dem Auftreten der neuen Eigen- schaft folgenden Kopulation wie bei allen späteren Kopulationen, also bei jeder Generation aufs neue. Hierbei wird nicht sowohl eine züchtende Auslese, son- dern qualitative Änderung vorkommen können, sodaß die neue Eigenschaft leicht wieder abgeändert wird. 3. Sich bewähren des Teiles im S o m a des sich ent- wickelnden und fertig entwickelten Lebewesens: Teil- auslese, Partialselection. (S. Kampf der Teile.) 4. Sich bewähren des Individuums im Kampf der Personen, einer Art der Personalselection. — 224 — 5- Sich bewähren des Individuums in anderen äußeren Umständen: Klima, Nahrung usw. S. Auslese, Concur- renz. [Roux, Kampf der Teile, 1881. Ders. Vererbung blastogener und somatogener Eigenschaften usw.] Kernhyperplasie. [R. Hertwig 1904.] Protozoen- kulturen können zu Tieren führen, welche abnorm kleine Kerne in kolossaler Anzahl enthalten. S. Degeneration, physiologische. F. Kernhypertrophie. [R. Hertwig 1904.] Durch langdauernde Kultur läßt sich bei Protozoen eine Zunahme der Kernmasse — bei Actinosphaerium als übermäßige Steigerung der Kernzahl im Vergleiche zur Protoplasmamasse auftretend — erzielen. [Litera- tur s. Degeneration, physiologische.] F. Kernlage der Chromatophoren s. Systrophe. Kernplasmarelation. [R. Hertwig 1904.] Das Massenverhältnis zwischen Kern und Proto- plasma ist, nach R. Hertwig, ein ganz bestimmtes, der Ik Quotient—, d. h. Masse der Kernsubstanz dividiert durch Masse des Protoplasmas ist ein gesetzmäßig reguherter Faktor, dessen Größe für alle vom Kerne beeinflußten Lebensvorgänge der Zelle, für Assimilation und organi- sierende Tätigkeit, für Wachstum und Teilung von fundamentaler Bedeutung ist. Vgl. Kernwachstum, proportionales. Da es noch viele andere Relationen zwischen Zellkern und Zelleib gibt, besonders qualitativer Art [s. Roux, Ges. Abhdl., II, 927 — 937 und Godlewski, Das Vererbungsproblem im Lichte der Entwicklungsmecha- nik, 1909, S. 237], so ist die vorstehend erwähnte Rela- tion genauer als quantitative Kernplasmarela- t i o n zu bezeichnen und so von den qualitativen K e r n - plasmarelationen zu sondern. [Literatur s. De- generation, physiologische.] F. Kernplasmaspannung. [R. Hertwig 1904.] Die Zellteilung tritt, nach Hertwig, dann ein, wenn diirch die Nahrungsaufnahme ein bestimmter Zustand — 225 — der Zelle: »Kernplasmaspannung << sich ausgebildet hat. Er beruht auf einem Mißverhältnis zwischen Kern- und Plasmamenge, das dadurch entsteht, daß bei der Ernäh- rung der Kern wenig, das Plasma stark zunimmt. Hat dieses Mißverhältnis eine bestimmte Größe erreicht, so beginnt der Kern sich auf Kosten des Protoplasmas zu vergrößern (Teilungswachstum des Kernes) und es kommt zur Zellteilung. [Literatur s. Degeneration, physiologische.] F. Kernschicht des Eies nennt Roux (1887) diejenige Schicht, in welcher die »Kopulationsbahn« des Sperma- kems verläuft, und in welche der Kern durch die Pene- trationsbahn [s.d.] gelangt. Vgl. Ebene, karyokinetische, Boveris. [Roux, Ges. Abhdl., II, S. 374.] R. Kernteilung, indirekte, s. qualitative Halbierung. Kernwachstum — Satz vom proportiona- len Kernwachstum. [Boveri 1905.] Das Chromatin vermehrt sich nicht auf eine bestimmte, für die betreffende Zellenart typische Menge, sondern stets, mag die Zelle viel oder wenig Chromatin enthalten haben, auf etwa das doppelte der Anfangsmenge, also proportional zu sich selbst. Vgl. Kernplasmarelation. [Th. Boveri, Zellen- Studien, Hft. 5, Jena, Fischer, 1905.] F. Klinotropismus heißt diejenige Form des Plagio- tropismus [s. d.], bei welcher nicht eine rechtwinkhge, sondern eine schiefwinklige Einstellung des reagierenden Organismus oder Organs zur Angriffsrichtung des rei- zenden Agens erreicht wird. Positiver Khnotropismus (Anaklinotropismus) führt zu einer Annäherung des Organismus oder Organs an die Reizquelle, negativer Klinotropismus zu einer Entfernung von ihr. K. Knochen, »lange«, heißen Knochen, welche minde- stens 5 mal so lang als dick sind. Sie werden von den Gelenkflächen aus nicht bloß auf reinen Druck, sondern bei dieser relativen Länge infolge der oft nicht rein axialen Druckbeanspruchung auch noch auf Biegung, also auf Biegungsdruck und -Zug, in Anspruch genommen. Roux, Terminologie der Entwicklungsmechanik. 15 — 226 — Knochen (Fortsetzung). Diese Art der »zusammengesetzten« Beanspruchung heißt Beanspruchung auf Strebfestigkeit oder Zerknickungsfestigkeit [s. erstere]. Wofern diese Biegung nach verschiedenen Seiten hin erfolgt, bildet sie die hohle Form, die Röhrenform also Röhrenknochen aus. Diese Gestaltbildung geschieht vielleicht schon im Embryo wesentHch mit durch die histogenetische Wirkung der Beanspruchung, also der funktionellen Reize (Periode II). S. a. Biegungskon- struktion. [Roux, Ges. AbhdI., II, S. 1058.] R. Knochenanpassung, funktionelle ist die funktionelle Anpassung der Knochen an ihre Funktion durch Aus- übung derselben. Sie betrifft die Herstellung derjenigen Gestalt und Struktur, welche der längere Zeit in Druck- bzw. Zugaufnahmestellen, also auch in gewissem Maße in der Richtung, sowie ferner in der mittleren oder der »Ge- samt -Beanspruchungsgröße« (s. Beanspruchungsgröße) konstanten Beanspruchung angepaßt ist. Sie geschieht nach Roux: i) durch Aktivitäts- hypertrophie an den Stellen verstärkter mittlerer Beanspruchungsgröße, 2) durch dadurch allmählich statt- findende Entziehung der Beanspruchung an den Stellen geringerer Beanspruchung (also durch Konkurrenz um den funktionellen Reiz) und 3) dadurch unter Schwund an diesen Stellen, also unter I n a k t i - vitätsatrophie oder infolge von »Nichtwieder- bildung« nach dem sog. physiologischen Schwund [s. d.] der Knochensubstanz. Durch die Kombination dieser drei Wirkungen werden z. B. schief zur kon- stanten Di"uckrichtung stehende »Knochenbälkchen« um- gearbeitet, bis sie die konstante Druckrichtung erlangt haben ; so entsteht die funktionelle, speziell trajektorielle Struktur [siehe beide]. Der Knochen erhält durch dieselben Wirkungsweisen auch eine funktionelle Gestalt [s. d.], soweit nicht äußere Faktoren, z. B. anliegende Organe durch Druck auf das Periost [s. a, Druckschwund] dies (NB. zumeist etwas) — 227 — hindern. S. Anpassung, funktionelle. [Roux: Kampf der Teile 1881. Ges. Abhdl. II. 1058; Virchows Archiv Bd. 209. 1912.] R. Knochenbildungscoefficienten sind die Coefficien- ten [s. d.], also diejenigen constanten Factoren oder Gruppen von Factoren, welche die Größe der Knochen- bildung bestimmen, soweit diese Größe unabhängig von den sogenannten variabeln Factoren (z. B. Beanspru- chung) ist. Roux unterscheidet für die Knochen des Menschen drei verschiedene solcher Coefficienten : einen für die Pyramide des Felsenbeins, einen geringeren für die Knochen des Schädeldachs, einen noch geringeren für alle anderen Knochen. Sie wechseln vielleicht auch et- was in den vier causalen Perioden. Thoma glaubt mit einem einzigen K. auskommen zu können. [S. Erhal- tungscoefficient.] [Roux, Ges. Abh. I. S. 281, Virchows Archiv Bd. 209. S. 206.] R. Knochengewebefunktion der Säugetiere ist es, dem Druck oder Druck wechselnd mit Zug Widerstand zu leisten, also Druckspannung und eventuell zeitweihg auch Zugspannung zu leisten [Roux]. Die Ausübung dieser Funktion ist auch der Anbildungsreiz und der Erhaltungsreiz des Knochens in Roux' kausalen Perio- den II bis IV; sie macht den Knochen auch etwas wider- standsfähig gegen die Mechanismen, welche den ent- lasteten Knochen zerstören. Knochengewebe, welches nur auf Zug, nie auf Druck, also auch nicht wenigstens auf Biegungsdruck in Anspruch genommen wird, also reinerZugknochen, kommt bei den Säugetieren nicht vor; Zug allein ist daher auch nicht als Bildungs- und Erhaltungsreiz der Knochensubstanz anzusehen. Selbst die Sehnenknochen der Vögel werden nicht rein auf Zug beansprucht und haben außerdem eine besondere, bei Säugetieren nicht vorkommende Struktur. Knochenstellen, welche infolge Wechsels der Beanspruchung nur noch auf Zug beansprucht werden, werden aufgelockert und schwinden [Roux]. Darauf und auf die Aktivitätsh57pertrophie gründet sich Roux' 15* — 228 — Theorie der direkten Anpassung der Knochenspongiosa. [Ronx, Ges. Abhdl., I, S. 1058. Virch. Arch. Bd,209, S.181, 1912.] R. Knochenresorption. Sie findet vielleicht in drei auch causal verschiedenen Formen statt : a) Gefäß- resorption durch Blutgefäßsprossen und die sie um- gebenden Zellen; sie bildet die Haversschen Räume und viele durchbohrende Kanäle in der Compacta, sie verzehrt wohl auch stark fungierenden Knochen, b) die g r u b i g e Resorption durch Osteoklasten [v. Kölliker, G. Pommer], die rasch arbeitet; c) nehmen einige Autoren noch eine glatteAtrophie, bestehend in direktem eignen Schwund des Knochengewebes, an; er soll langsam verlaufen, an entlasteten Knochenstellen stattfinden [Rindfleisch, Kassowitz, Benecke, Rouxu. a.]. Causal ist ferner zu scheiden i) vererbte oder physiologische Resorption durch Modus a u. b bewirkt, 2) Inaktivitätsatrophie durch Modus b, c. 3) Die Druckatrophie durch Druck auf die von Binde- gewebe (nicht vom Knorpel) bekleideten Knochenflächen (s. Druckschwund). R. Knochenschwund, interstitieller, Kleinwerden der Länge der Knochen, wie es angeblich durch Ausfall von Teilen im Verlauf der Länge, nicht durch Resorption an den Enden der Knochen geschieht. Dieser Schwund wurde von Gurlt aus dem Kürzer- werden der distal von recessierten Gelenken gelegenen Gliedmaßen von Soldaten, also Erwachsener (so von Fuß und Hand) erschlossen. Vgl. Druckschwund, Knochenresorption. [Roux, Ges. Abhdl., I, 749.] Knochenstruktur, statische, trajektorielle, funk- tionelle ist die einer »bestimmten« Beanspruchungs- weise des Knochens vollkommen angepaßte Struk- tur desselben. Wenn sie (NB. ohne Hindernis, also selten) ganz durchgeführt ist, hat der Knochen auch eine »funktionelle« d. h. der bestimmten Funk- tion ganz angepaßte Gestalt. Der Knochen leistet dann, weil er mit mehrfacher Sicherheit [s. d.] gebaut — 229 ~ wird, die Funktion des Widerstandes gegen die bestimmte mechanische Deformation zwar nicht mit dem Minimmn an Knochenmaterial, aber das aufgewendete Knochen- material leistet das Maximum an Festigkeit. Das Knochen- material wird bei solcher Konstruktion an allen Stellen gleichstark pro qmm Material beansprucht. Das Ge- bilde stellt einen Körper allenthalben gleicher Festigkeit gegen die bestimmte Art der Bean- spruchung, an die er vollkommen angepaßt ist, dar. Dieser Knochen hat also keinen »gefährlichen Querschnitt « für die bestimmte Beanspruchung, Solche Gestalt und Structur entsteht schon andeutungsweise durch ver- erbte also afunctionelle Factoren (in Periode I), danach in viel vollkommenerer Weise sowohl normal wie in abnormen functionellen Verhältnissen durch functionelle Anpassung. S. Knochenanpassung, Identität, funk- tionelle Structur, Beanspruchung. [Roux, Ges. Abh. I, 281, 356, 434. II. 221.] R. Knochensubstanz s. Substantia compacta, spongiosa. Knochenwachstum, es geschieht fast ausschließlich appositionell, d. h. durch Auflagerung auf den schon vorhandenen Knochen. Nur so lange der neu- gebildete Knochen noch weich, noch nicht fertig verkalkt ist, kann er etwas expansiv, interstitiell, d. h. durch Einlagerung neuer Teile in die schon vor- handene Knochensubstanz, wachsen [G. Pommer]. Der Grund ist wohl der, daß die Einlagerung neuer Teilchen nur unter Dehnung der schon vorhandenen Substanz nach allen Richtungen geschehen kann, was bei Hartgebilden (auch wenn sie kolloidal sind) nicht möglich ist. R. Knorpelanbildungs- und Erhaltungsreiz ist in den kausalen Perioden II bis IV Druck so kombiniert mit Reibung, daß Scherung [s. d.] hervorgebracht wird. [Roux, Ges. Abhdl., II. 229.] Dies deshalb, weil es die Funktion des Knorpels ist, dieser zusammengesetzten Beanspruchung zu widerstehen [s. Identität]. Die Bil- dungs- und Erhaltungsfaktoren des Knorpels in Periode I sind vererbte und noch nicht bekannt. — 230 — Knorpelfunktion ist die Widerstandsleistung gegen Druck kombiniert mit Reibung, wodurch Scherung (und auch Schub) hervorgebracht wird [Kassowitz, Roux]. [Roux, Ges, Abhdl., I, 808 — 812; II, 227 — 230]. Knospenfurchung. [Gebr. Hertwig 1887.] Bei vergifteten oder mit hypertonischem Meerwasser behandelten Seeigeleiern treten wogende Bewegungen auf, die anscheinend um die Kerne oder Chromosomen herum stattfinden und an Protoplasmaströmungen und Pseudopodienbildung bei Amöben erinnern. Die Fur- chung verläuft dann abnorm, und es werden verschieden große Teilstücke vom Ei abgegliedert. [O. u. R. Hert- wig, Über den Befruchtungs- und Teilungsvorgang des tierischen Eies usw. Jenaische Zeitschr. f. Naturwiss., 1887.] F. Knospungs - Keimplasma. [Weismann 1892.] . Bei den der Knospung fähigen Organismen besitzen, nach Weismann, gewisse Zellen (nicht Geschlechtszellen) ein Neben-Idioplasma[s. Anlagenplasma], wel- ches sämtliche »Determinanten« [s. d,] der betreffenden Art enthält: Knospungs- oder Knospenkeimplasma. S. a. Somatisches Keimplasma Roux*. [Literatur s. Keimplasma.] F. Kolloidale Lösungen, nach Graham Sole genannt, sind heterogene Gemenge von Lösungsmittel und feinen suspendierten Teilchen, also Suspensionen, Emulsionen, wenn auch die Verteilung ev. so fein sein kann, daß nur mit dem Ultramikroskop die emulgierten Teilchen zu sehen sind. S. Kolloide. Die kolloidalen Lösungen haben ein hohes Molekular- gewicht und üben daher nur geringen, sehr gereinigte sogar keinen osmotischen Druck aus. Diese sind also keine Lösungen mehr. S. Gallerte, Gel. R. Kolloide (xdAAa Leim), Kolloidsubstanzen [Graham] sind Stoffe von leimähnlichem Zustand. Sie sind unfähig, in krystallinischen Zustand überzugehen, diffun- dieren sehr langsam, ihre Hydrate haben gallertige Eigenschaft. R. — 231 — Kolloidomorphosen [Roux] sind Gestaltungen, welche durch den kolloiden Zustand bedingt oder vermittelt werden, z. B. die vielfache Zeichnung der SchmetterUngs- flügel, die nach W. Gebhardt infolge dieses Zustandes von wenigen Stellen aus (s. Minimale Determination) hervorgebracht wird. [Verhdig. d. Deutsch. Zoolog. Ges. 1912.] R. Kombinationsreize. [L. Loeb 1909.] Zum Unterschiede von den einfachen formativen Reizen (physikalischer oder chemischer Natur): Reize, welche auf dem Zusammenwirken chemischer und physikalischer Faktoren beruhen. Hierbei kann ein chemischer formativer Reiz wesentHch nur vorbereitend wirken : präparativer oder sensibilisie- render Reiz, während die eigentliche Auslösung des Wachstums durch einen mechanischen Faktor bewirkt wird. So kann durch den kombinierten Reiz einer vom Ovarium ausgeschiedenen >>sensibiHsierenden<< Substanz und den Reiz einer Wundfläche die Bildung von Deciduen künsthch hervorgerufen werden. [L. Loeb, Beitr. z. Analyse des Gewebe Wachstums. Arch. f. Entwmech., 27, 1909; 31, S. 1911.] F. Kombinationsschema. [Duncker 1899.] Tabelle zur bequemen tabellarischen Übersicht über die kombinierte Variation zweier Merkmale, in der Art gewonnen, daß man die beobachteten Varianten jedes dieser Merkmale ihren Zahlenwerten nach geordnet von einem gemeinsamen Minimum aus rechtwinklig zuein- ander aufschreibt und an den durch je zwei Varianten bestimmten Punkten des so entstehenden Feldes die beobachtete Häufigkeit ihrer Kombination notiert. [G. Duncker, Die Methode der Variationsstatistik. Arch. f. Entwmech., 8, 1899.] F. Kompaßpflanzen nennt Stahl diejenigen Gewächse, die im Freien und bei vollem Genuß des Sonnenhchtes ihre Blattspreiten in die Meridianebene einstellen (Lac- tuca scariola, Silphium laciniatum u. a.). K. — 232 — Komplex-aequipotentielles System [Driesch]. ein ^^System, welches einen ganzen Organismus gleicher- maßen aus jedem seiner Elemente hervorgehen lassen kann«. [Driesch, Phil. d. Org., I, 154] R. Komplexe Faktoren bzw. Komponenten [Roux] des organischen Geschehens sind so kompliziert zusammen- gesetzte Faktoren, daß die Art ihrer Wirkung von der- jenigen der anorganischen Faktoren abweicht. Sie können von uns zumeist noch nicht in anorganische Faktoren resp. Komponenten [s. d.] zerlegt werden. [Roux, Ges. Abhdl., I, S. 2ii; II, S. 82. Ders., Arch. f. Entwmech., I, Einleitung.] R. Komponenten sind streng genommen die »gleich- artigen« Teilursachen eines einzelnen Faktors; sie wirken additiv resp. subtraktiv zusammen und bewirken die Größe und eventuell die Richtung des im übrigen durch die Faktoren bestimmten Geschehens. Vielfach wird Komponente auch in gleichem Sinne wie Faktor ge- braucht. [Roux, Vortr, I, S. 15, 135.] R. Kompositionsharmonie nennt Driesch »die Tat- sache, daß in der Ontogenese bei nicht durchgängiger Abhängigkeit der Differenzierungsphänomene vonein- ander (also trotz relativer Selbstdifferenzierung von Teilen) doch ein einheitlicher erwachsener Organismus resultiert. S. a. Funktional- und Kausalharmonie. [Driesch, Result. u. Probl., 1899, S. 841. R. Konstitutionsgesetz, biologisches [Haacke 1906]. Nennt man die Anzahl der möglichen Rassen einer Or- ganismenart :Rassenmenge und die der möglichen Formen reifer Keimzellen : Keimformenmenge, so ergibt sich als Rassen- und Keimformen- gesetz oder als biologisches Konstitu- tionsgesetz nach Haacke : Die Rassenmenge ist gleich der Keimformenmenge und zwar gleich einem aus soviel Faktoren, als die betreffende Art selbständig variable Eigenschaften oder Keimplasmaportionen hat, bestehenden Produkt, worin jeder Faktor gleich der Anzahl der möglichen Modifikationen der ihm ent- — 233 — sprechenden Eigenschaft ist. [Literatur s. Konstitutions- gesetze.] F. Konstitutionsgesetze W. Haackes 1906, Haacke formuliert aus seinen Zuchtversuchen mit domestizierten Hausmäusen folgende Gesetze: Erstes Konstitutionsgesetz: Jede un- abhängig von anderen vererbte Eigenschaft eines Orga- nismus beruht auf einer besonderen Bildungsstoffpor- tion, die bei Organismen mit geschlechtlicher Fort- pflanzung aus einer väterhchen und einer von dieser oft verschiedenen mütterlichen, aber gleich der väterlichen ungeteilt und unvermischt von Generation zu Genera- tion weitergegebenen Hälfte besteht. ZweitesKonstitutionsgesetz: Die kräf- tiger konstituierte Hälfte eines Bildungsstoffhälftenpaa- res läßt die schwächere Hälfte bei der Entwicklung des Organismus nicht oder doch weniger gut zur Geltung kommen. [W. Haacke, Die Gesetze der Rassenmischung und der Konstitution des Keimplasmas. Arch. f. Entw.- mech., 21, 1906.] F. Kopulation der Geschlechtszellen s. Karyotropis- mus, Selbstkopulation von Tropfen. Kopulationsebene nennt J. Rückert (1885) die Be- rührungsebene beider Geschlechtskerne bei ihrer Kopu- lation. [Rückert, Zur Befruchtung von Cyclops strenuus. Anat. Anz. Bd. 10.] R. Kopulationslinie nennt Roux die Verbindungslinie der Mittelpunkte der beiden sich kopüUerenden Ge- schlechtskerne. Ihre Richtung ist die K o p u 1 a t i o n s - richtung. [Roux, Anat. Anz. 1903, S. 127.] R. Kopulationsrichtung des Ei- und Spermakerns ist die Richtung der Kopulationslinie [s. d.]. Sie wird zur immanenten Teilungsrichtung des Furchungskerns und bleibt dies auch, wenn dieser Kern im Dotter und durch denselben, sei es abnormerweise, oder, wie bei den folgenden Teilungen, normalerweise gedreht wird [Roux 1885, 1887]. Die Richtung der Kopulation bestimmt beim Froschei auch die Teilungsrichtung des Dotters, — 234 — Kopula tions rieh tung (Fortsetzung), indem diese mit ihr zusammenfällt, sofern nicht stark abnorme Anordnung des Dotters vorhanden ist, welche drehend auf den Furchungskern wirkt [Roux] (s. Dotter- anordnung). Wenn dabei die Penetrationsbahn [s. d.] und die Kopulationsbahn nicht in derselben Meridian- ebene liegen, folgt die erste Furchungsebene der Kopu- lationsbahn, nicht aber der Penetrationsbahn; letztere wirkt also weniger bestimmend [Roux 1 887]. Die f u n k- tionelleBedeutungderCoincidenzvon K o pul a t i o n s r i c h t u ng und Teilungs- kern des Furchungskerns besteht darin, daß zur gleichmäßigen Verteilung keine Mischung des Materiales der beiden Geschlechtskerne nötig ist, daß ev. statt- gefundene Mischung dabei nicht wieder rückgängig gemacht wird [Roux 1887] und daß das Kernmaterial jeder der beiden Geschlechtskerne dabei qualitativ hal- biert werden kann. Das »experimentell« ermittelte Vor- kommnis der genannten Coincidenz wurde später durch viele deskriptive Beobachtungen verallgemeinert und auf spätere Teilungen ausgedehnt [Haecker]. [Roux, Arch. f. mikrosk. Anat., Bd. 29, 1 887. Ges. Abhdl., II, S. 301, 344, Ders. Anat. Anz., 1903. V. Haecker, Das Schicksal der elter- lichen u. der großelterlichenKernanteile. Jenaische Zeitschr. f. Naturwiss. Bd. 30. 1902.] S. Manifestations. R. Körper gleicher Festigkeit sind so gestaltet und strukturiert, daß ihre Materialspannungen pro Quer- schnittseinheit, also pro qmm, bei einer konstanten Art, also von bestimmten Stellen ausgehender in be- stimmter Weise (Druck, Stoß) stattfindender Bean- spruchung allenthalben gleich groß sind. Für reinen, also axialen Druck oder reinen Zug ohne Biegungs- beanspruchung sind solche Körper bei entsprechender Struktur prismatisch oder cylindrisch gestaltet. Für Biegungsbeanspruchung sind sie je nach der Art der Befestigung und der Biegungsbeanspruchung verschie- den gestaltet [s. Biegungskonstruktion]. Die entspre- chenden Formen heißen Festigkeitsformen. — 235 — Der Technik schwebt diese Biegungsgestaltung und die entsprechende Struktur nur als Ideal vor; bei den Knochen des erwachsenen Säugetiers ist sie aber so weit verwirkhcht, als nicht andere gestaltende Faktoren direkt hemmend und alterierend wirken, wie außen andrückende Organe und die während der Wachstumsperiode statt- findende innere Umbildung. S. Architekturumbildung, Knochenresorption, Druckschwund. [Ges. AbhdI. , I, S. 509, 678.] R. Kraft, morphogenetische s. Formative Organi- sation. Kräfte, gestaltende, sind Einzelkräfte oder Kombi- nationen von Kräften, insoweit sie Gestaltung bewirken, z. B. die Schwerkraft, denn sie nähert Körper einem anderen, ändert also die Gestaltung des Systems beider; in Kombination mit Centrifugalkraft bewirkt sie z. B. schöne Gestaltung der Wasserfäden des Spring- brunnens; die ungleiche Oberflächenspannung bewirkt die wechselnde Gestaltung der Schaumtropfen und der Amöben, Druck bewirkt Abplattung weicher Gebilde usw. Nach O. Hertwig dagegen gibt es keine »gestaltenden Kräfte«. [S. Roux, Arch. Entwmech., V, S. so.] R. Kreuzungsnovum. [Tschermak 1903.] Eine bei einem Bastard auftretende, bei den Eltern nicht beobachtete Eigenschaft, resp. deren Träger, teils in der ersten, teils erst in der zweiten oder den fol- genden Generationen beobachtet. Meist nach dem Vor- gang von Correns und Cuenot als Fälle von »Dihybridis- mus<< [s. diesen] aufzufassen. [E. Tschermak, Die Theo- rie der Kryptomerie und des Kryptohybridismus. Bei- hefte z. Botan. Centralblatt, 1903.] C. Krümmungsbewegungen s. str. = nastische Be- wegungen [s. Nastie]. K. Kryptoepigenesis [Roux] ist die Produktion neuer, aber unsichtbarer Mannigfaltigkeit durch das Wirken ein- facherer sichtbarer oder unsichtbarer Determinations- faktoren. Diese Mannigfaltigkeit kann nur aus dem — 236 — Verhalten erschlossen werden, s. Metastruktur, Neoepi- genesis. [Roux, Vererb, blastogen. u. somatogen. Eig., I9II.] Kryptoevolution [Roux] ist die Umwandlung, sei es wahrnehmbarer oder (und zwar meist) nicht wahrnehm- barer Mannigfaltigkeit in andere, aber nicht wahrnehm- bare Mannigfaltigkeit bei der individuellen Entwick- lung, ohne Vermehrung der Mannigfaltigkeit. S. Neoevolution, Metastruktur. [Roux, Vererb, blastogen. u. somat. Eig., 191 1.] R. Kryptomerie. [Tschermak 1903.] >>K r y p t o m e r , d. h. Träger bestimmter latenter Eigenschaften, sind Formen, welche bei Inzucht in be- stimmten charakteristischen Merkmalen konstant sind, jedoch im Anschluß an Fremdkreuzung ohne Zufuhr eines neuen bezüglichen Merkmales dennoch eine cha- rakteristische Abänderung jener Merkmale, also neue Eigenschaften oder »Kreuzungsnova << zutage treten lassen.« Diese Erscheinung kann verschiedene Ursachen haben. [E. Tschermak, Beihefte z. Bot. Centralbl., 1903, S. 3.] C. Kryptometaplasie s. Metaplasie. Krystalle, fließende. [O. Lehmann 1904.] Krystalle, welche durch ihre eigene Oberflächenspan- nung nur an den Ecken und Kanten abgerundet werden und bei gegenseitiger Berührung zusammenfließen. S. a. Krystalle, flüssige. [O. Lehmann, Flüssige Kry- stalle usw. Leipzig, 1904. Referat von Rhumbler, Arch. f. Entwmech., 19, 1905.] F. Krystalle, flüssige. [O. Lehmann 1904.] Krystalle, die sich kraft eigener Oberflächenspannung zu vollkommenen Kugeln abrunden. [Literatur s. fließende Krystalle.] F. Kugelstechapfelformen. [Albrecht 1904.] Durch Lösung und Abströmung der Oberflächen- schicht der roten Blutkörper entstehende Formen. Literatur s. Stechapfelformen, hypertonische. F. — 237 — Künstliche Lebewesen s. Biogonesis Roux', Auto- merizon, Probionten, Plasmogenie. Laeotropisch s. dexiotropisch. Lage der Teile im Ei und Embryo, sie hat »an sich« keine »gestaltenden« Wirkungen, was hochgradige Deformation [s. d.] von Eiern und sich bil- denden Embryonen bekunden [Roux, Ges. AbhdI., II, S. 926]; sondern die von einigen Autoren angenommenen, geheimnisvoll von der »Lage« der Teile abhängigen Differenzierungen geschehen nach Roux nur durch per contiguitatem et continuitatem wirkende »differen- zierende Correlationen«, also durch ab- hängige Differenzierung Roux'. Selbstdifferenzierung vollziehende Teile sind in ihrer Gestaltungstätigkeit un- abhängig von ihrer Lage. Doch ist es möglich, daß sie infolge von geänderter relativer Lage durch Erweckung von Regulation z. B. unter den Einfluß von »Differen- zierungshauptzellen« gelangen und ihrer Selbstdifferen- zierungsfähigkeit mehr oder weniger beraubt werden. [Roux, Ges. Abhdl., II, S. 891, 906.] R. Lamarckismus ist die Lehre von der Entstehung ver- erblicher Veränderung der Lebewesen direkt durch Wirkung der Außenwelt. Diese vererbliche Veränderung ist großenteils zugleich Anpassung [s. d.] an die Außenwelt; dies soweit sie die Dauerfähigkeit in den neuen äußeren Verhältnissen herstellt oder erhöht. Diese Anpassung sollte durch die direkte Wirkung des Ge- brauches (also durch funktionelle Anpassung Roux') entstehen, wobei aber die Wirkungsmöglichkeit nach zwei Seiten sehr überschätzt wurde; erstens die direkte gestaltende Wirkung (sie kann z. B. nicht die Zahl der Wirbel vermehren oder die Wirbel sehr verlängern) ; und zweitens sind ihre Wirkungen nicht ausreichend als erb- lich erwiesen; auch ist über die Wirkungsweise selber nichts bekannt. Die theoretische Grundlage des La- marckismus in bezug auf die direkte Anpassung des Indi- viduums bildet Roux' Lehre von der phylogenetischen Züchtung der zur direkten funktionellen Anpassung [s. d,] — 238 - Lamarekismus (Fortsetzung), geeigneten Gewebsqualität als Keimplasmavariation [s. d. und Neotypisch], derjenigen Gewebsqualität, welche durch den funktionellen Reiz trophisch, d. h. zum Wachstum usw. angeregt wird. Diese Gewebsqualität bewirkt alle einzelnen Gestaltungen der funktionellen Anpassung; doch ist für diese Leistungen die Vererbung nicht er- wiesen. Über die Tatsachen der funktionellen An- passung s. Roux, Ges. Abb., Bd. I ; Fuld, Arch. Entwmech., Bd. 23. [Theorie s. Roux, Kampf der Teile, 1881; Ges. Abhdl., I, 652 — 654. Ders., Arch. f. Entwmech., 13, S. 634.] R. Lameila statica, statisches Plättchen, ist einer der vier von Roux unterschiedenen statischen Ele- mentarteile der Knochenspongiosa. Diese La- mellen sind im Mittel 0,1 — 0,3 mm dick und einige Millimeter breit (lamellae tenues) oder mehrere Millimeter breit (lamellae latae). Sie leisten Widerstand außer in der mittleren Längsrichtung noch gegen Wechsel der Beanspruchung in den innerhalb der Lamelle liegenden Längsrichtungen; kommen daher be- sonders in den Gelenkenden der Winkelgelenke vor und werden da oft zu Laminae staticae integriert [s. d.]. Sie sind zu unterscheiden von den »mikrosko- pischen Lamellen« der lamellösen Knochensub- stanz der Substantia compacta [s. d.]. S. Elementa statica, Formationes substantlae spongiosae. [Roux, Ges. Abhdl., I, S. 704 u. f.] Lamina statica substantiae spongiosae osseae [Roux], statische Platte der Knochenspongiosa ist eine ein bis mehrere Zentimeter breite, etwa ein Drittel bis einige Millimeter dicke Knochenplatte der Substantia spongiosa. Sie kommt erstens als Bestand- teil der Spongiosa reticularis vor in den Gelenkköpfen der Winkelgelenke z. B. in den Condylen des mensch- lichen Femur in Richtung der Bewegungsebene des Knie- gelenkes, gegeneinander versteift durch Trabekel oder Lamellae. Oder die Laminae bilden für sich allein eine — 239 — Spongiosaform, die Spongiosa laminosa, die Fachwerks- spongiosa [Roiix], sie steht schief zur Längsrichtung des Röhrenknochens und leistet Torsionswiderstand, so z. B. im Stirnzapfen des Büffels gegen Stoßwirkung, im Fe- mur des Strauß; in ersterem Knochen sind die Platten 4 — 6 Zentimeter breit, mehrere Millimeter dick und die Maschenräume zwischen ihnen 5 — 7 Zentimeter weit. S. Torsionsstruktur. Formationes substantiae spongiosae, [Roux, Ges. Abhdl.. I. S. 710.] R. Länge ist die größte Dimension eines Gebildes. Über gestaltliche und funktionelle Länge, sowie über funk- tionelle Wechsellänge s. Größe. R. Lastkrümmungen nennt Wiesner alle durch Be- lastung hervorgerufenen Krümmungen der Pflanzen- organe. Verhalten sich diese bei der Belastung und der Krümmung wie tote Organe, so spricht Wiesner von toten Lastkrümmungen; wird das Organ durch die Krümmung zu irgendwelchen Reaktionen (Wachstums- prozessen bestimmter Art) veranlaßt, so liegen vitale Lastkrümmungen (geocentrische Krümmungen) vor. S. a. tote, vitale L. K. Latent für entfaltungsunfähige und nicht sichtbare Eigenschaften im alten Sinne gebraucht. Die neuen Vererbungsstudien an Bastarden haben uns gelehrt, daß die Latenz auf sehr verschiedene Weise zustande kom- men kann. Shull unterscheidet: 1. Latenz infolge von Trennung, wenn sich eine Eigenschaft für sich allein nicht äußern kann. Gibt eine weißblühende und eine rosablühende Pflanze einen blau blühenden Bastard, so hat die weißblühende eine Anlage enthalten, die sich nicht verraten hatte, deren Zusammentreffen mit der Anlage für rosa aber das Auftreten des Blau bedingt. 2. Latenz infolge von Kombination, wenn zwei in den Eltern vorhandene Eigenschaften infolge des Zusammentreffens im Bastard nicht in Er- scheinung treten. So ist in dem unter i. genannten Fall im Bastard weiß und rosa in diesem Sinne latent ; — 240 — Latent (Fortsetzung), sie treten in der 2. Generation infolge des Spaltens wieder auf. 3. Latenz infolge von Hypostasie; wenn eine Eigenschaft von einer anderen im selben Individuum verdeckt wird und sich deshalb nicht zeigen kann, ob- schon sie durch Bastardierung sofort in aktivem Zustand isohert werden kann. Siehe hypostatisch. 4. Latenz infolge von Fluktuation; Wenn eine Eigenschaft infolge äußerer Einflüsse zum Verschwinden gebracht ist; z. B. erbliche Unterschiede in der Größe, dem Wuchs durch Unter- oder Über- ernährung verdeckt werden. Daneben gibt es gewiß auch Fälle von Latenz im alten Sinne: Anlagen für bestimmte Eigenschaften im entfaltungsunfähigen Zustand. Vgl. auch recessiv. [Correns, Ber. d. Deutsch. Botan. Gesellsch., 19 10, ShuU, A newMendelian Ratio and severalTypes of Latency. Amer. Natural. XLII. July 1908.] C. Lateralgeotropismus (latus Seite), nach Noll die- jenige besondere Form des Geotropismus [s. d.], bei welcher nicht die dem Erdmittelpunkt zu- oder von ihm abgewandte Seite des reagierenden Organs, sondern eine seitliche Kante im Wachstum gefördert wird, so daß die tropistische Krümmung in horizontaler Rich- tung erfolgt (Schhngpflanzen). K. Leben ist die Tätigkeit der Lebewesen [s. d.], das Geschehen in ihnen. R. Lebend ist lebenstätig. Unterschied nicht le- bend aber noch unter Umständen lebensfähig [Preyer]. [Roux. Ges. Abh. II. S. 480.] Tod s. d. R. Lebensprozesse, umgekehrte s. Reduction. Leber der Säugetiere. Ihre specifische Structur s. unter Fachwerktypus. Ihre secinöse Gliederung wird durch den Typus der Endver- zweigung der Vena portae, nicht aber durch die An- ordnung der Drüsengänge bestimmt [Roux]. [Roux, Ges. Abhdl., I, S. 134; Arch. 1 Entwmech., i, S. 17.] R. — 241 — Lebewesen, B i o n {ßiöo) leben), Mehrzahl B i o n - ten, sind Naturkörper, welche »mindestens« durch eine Summe bestimmter, direkt oder indirekt der >> Selbst <<- Erhaltung dienender Elementarfunktionen [s. d. und Autoergie] sowie durch Selbstregu- lation [Roux] in der Ausübung aller dieser Funk- tionen vor den anorganischen Naturkörpern sich aus- zeichnen und dadurch trotz der »Selbstveränderung« und durch dieselbe, sowie trotz der zu alledem nötigen komplizierten und weichen Struktur sehr »dauerfähig« werden. Zu ihren, sie vom Anorganischen unter- scheidenden Vermögen gehört auch nach Fei. Auerbach ihre Fähigkeit des E k t r o p i s m u s [s, d.]: des Auf- speicherns von Energie und von Mannigfaltigkeit. S. Selbst-, Elementarfunktionen, Funktionen, Selbstregu- lation, Anpassung, Biogenesis Roux', Probiologie, Sie bestehen zum Teil wieder aus nicht im vollen Sinne lebenden, also nicht aller Lebensleistungen fähigen Teilen, den Partialbionten[s. d.]. Driesch sagt, »daß der lebende Organismus mehr ist, als eine Summe oder ein Aggregat seiner Teile, daß es nicht hinreicht, den Organismus ohne weitere Erklärung einen »typisch kombinierten Körper« zu nennen. Dieses besondere Etwas in dem Verhalten des Organismus nennt er Entelechie. »Entelechie ist weder eine Energie- art, noch von einem chemischen Materiale in ihrem Dasein abhängig; sie ist weder Kausalität noch Sub- stanz im wahren Sinne dieser Worte. Aber sie ist ein Faktor der Natur, obwohl sie sich nur auf die Natur im Räume bezieht und auch nicht selbst irgendwo im Raumeist.« [Driesch Phil. d.Org., II, S. 351.] Da sie so- mit als souverän über die materielle Structur herrschend angenommen wird, ist diese Entelechie kein in der exacten Naturforschung veiAvendbarer Begriff. [Vgl. Roux in Oppel-Roux S. 130 — 134; Generalreg. S. 280.] R. Lebewesen, künstliche s. Biogenesis Roux', Probion- ten, Automerizon, Plasmogenie. Roux, Terminologie der Entwicklungsmechanik. iß — 242 — Leistungen des Lebewesens und seiner Teile sind zu scheiden in sogenannte »rein funktionelle« und gestal- tende [s. Funktionen], Leistung, ontogenetische oder Differenzierungs- leistung eines Teiles ist diejenige Differenzierung, welche der Teil selber bewirkt a) durch Selbst- differenzierung oder b) durch Ausübung diffe- renzierender Tätigkeit auf andere Teile, das ist Be- wirken von abhängiger Differenzierung dieser Teile, auch Induction genannt [s. d.] und c) sein eigener determinierender und ausführender Anteil an der eignen »abhängigen« Differenzierung [s. d.]. Es ist wie bei Drieschs Distinktionen der prospektiven Potenz und Bedeutung auch hier stets zu scheiden die Gesamtheit der nach Beschaffenheit und örthch- keit des betreffenden Teiles ihm möglichen Leistungen und die im Einzelfalle stattfindende, also wirk- liche Leistung. Gegensatz zu Leistung ist Verwen- dung [s. d.]. Die Ausdrücke prospektive Bedeutung und prospek- tive Potenz [s. d.] scheiden Leistung und Verwendung nicht. Die weitere causale Forschung erfordert jedoch, beides möglichst zu trennen. S. Potenz, Prospektive Po- tenz, Funktion. R. Lentoid [Fischel 1900]. Linsenähnliche Bildungen, welche nach Läsionen des Auges aus dem Gewebe der Iris oder der Retina ent- stehen können. Der Ausdruck >>Lentom<< [Fischel] ist auf Mißbildungen der regenerierten Linse zu be- schränken. [A. Fischel, Über die Regeneration der Linse. Anatom. Hefte, H. 40, 1900.] F. Barfurth beobachtete sie nach Verletzung der Augen- anlage bei jungen 2 — 3tägigen Hühnerembryonen als Ver- dickung der Epidermis nahe der Verletzungsstelle. Sie entstehen daselbst an einer Stelle der Epidermis, die normalerweise mit der Linsenbildung nichts zu tun hat. [Verh. d. anat. Ges., 1902, S. iSfif.] F. Lentom s. Lentoid. — 243 — Lepidopterocecidien [Thomas], die durch Lepido- pteren (Schmetterlinge) hervorgerufenen Cecidien; [s.d.]. K. Lernen s. Anpassung, funktionelle. [Roux, Ges. Abb., I. I7S-] Lex proprietatis [Fleischmann] 1836 s. Loi d'attrac- tion de soi pour soi. R. Lichthart nennt Kinzel diejenigen für Belichtung empfindlichen Samen, die unter der Einwirkung des Lichtes ihre Keimfähigkeit verloren haben. K. Linie, reine [Johanssen 1909] ist »der Inbegriff aller Individuen, welche von einem einzelnen absolut selbst- befruchtenden, homozygotischen (aus der Vereinigung von Keimzellen mit genau den gleichen erblichen An- lagen entstandenen) Individuen abstammen«, und zwar wieder durch strenge Selbstbefruchtung. [W. Johannsen, Über Erblichkeit in Populationen und in reinen Linien, S. 9, 1903. Ders., Elemente der exakten Erblichkeits- lehre, S. 133, 1909.] C. Liposomen [Eug. Albrecht], feinste Tröpfchen fett- artiger Substanz, die sich in allen Arten des Cytoplasmas finden. F. Lithiumlarve (Herbst 1892]. Durch Zusatz von Lithium zum Meerwasser konnte Herbst aus Seeigeleiern Larven züchten, welche sich von den normalen wesentlich unterschieden. Sie be- standen aus drei hintereinander gelegenen Segmenten, dem Gastrulawandabschnitt, dem Verbindungsstück und dem Urdarmabschnitt. Letzterer entsteht durch Aus- dehnung der normalerweise kleinen Entodermbildungs- zone auf weiter nach dem animalen Pole zu gelegene Bezirke der Blastulawand. Je stärker die Lithium- wirkung, desto weiter dehnt sich der Urdarmabschnitt über die Larvenoberfläche aus, so daß sogar der ganze Gastrulawandabschnitt aufgebraucht werden kann. [C. Herbst, Experimentelle Untersuchung über den Ein- fluß d. veränderten chemischen Zusammensetzung usw. I. Zeitschr, f. wiss, Zeel., 55, 1892.] F. 16* — 244 — Localisation ist die örtlichkeit eines Geschehens resp. seiner Faktoren. R. Lochmarken und Stiftmarken im Knochen [Jul. WolffJ, dienen um das Wachstumsgeschehen der Knochen auf feste Punkte zu beziehen und so genau erkennen zu können , wo das Wachstum stattfindet, nicht aber, um eine Reaktion hervorzurufen. Sie dienen also einem deskriptiven Experiment [Roux, s. d.]. Der Ort dieser Marken kann aber durch einseitigen Zug des Periosts eine Änderung im Knochen erfahren : sie sind also keine ganz zuverlässig festen Punkte. S, Markierversuch. [Roux, Ges. Abhdl., I, 747.] R. Loi d'attraction de soi pour soi nennt Js. Geoffroy St. Hilaire [1837] die schon kurz vorher von Fleisch- mann beobachtete und als lex proprietatis be- zeichnete Tatsache, daß in den Doppelmißbildungen immer die gleichnamigen Organe beider Gebilde mit- einander verschmolzen sind. G. Born beobachtete das- selbe Geschehen an künstlich vereinigten Embryonen. Vgl. Regel der doppelten Symmetrie. [Arch. f. Entwmech., IV. 1897.] R. Lösung, echte ist eine homogene Flüssigkeit, die sich aus zwei oder mehreren Stoffen zusammensetzt, die gewöhnlich in ungleichen Mengen darin enthalten sind. Der gelöste dieser Stoffe ist so fein in dem anderen, dem »Lösungsmittel« verteilt, daß er auch nicht mit den stärksten Vergrößerungen der Mikroskope und Ultra- mikroskope sichtbar zu machen ist. Gegensatz Kolloi- dale Lösung [s. d.] R. Luxusteleologie nennt Roux die Erklärung von Ge- schehen mit Zuhilfenahme eines teleologischen, also zwecktätigen Agens, sofern wir bereits eine rein mechanistische Erklärung haben oder solche be- reits als »prinzipiell« möglich dartun können. Z. B. die Ableitung der anscheinend zweckmäßigen Leistungen der funktionellen Anpassung von einer ge- staltenden Seele, obschon durch Roux' Theorie die bisher bekannten Tatsachen derselben bereits im ein- — 245 — zelnen rein mechanistisch ohne solches Agens erklärt sind. Oder überhaupt die teleologische Ableitung eines Ge- schehens, welches wir prinzipiell, wenn auch noch nicht im einzelnen mechanistisch ableiten können, wie die t57pische und auch die regulatorische Ontogenese, die Regeneration und Postgeneration. [Roux, Vortr. I, 1905, S. 89. Roux in Oppel-Roux, S. 130 — 135.] R. Lysintheorie der Entwicklungserregung [J. Loeb. 1906.] Nach Loeb besteht die künstliche Parthenogenese im allgemeinen aus zwei Eingriffen, von welchen einer die Hervorrufung einer oberflächhchen Cytolyse oder Mem- branbildung ist. Bei den Eiern mancher Tiere genügt dieser Eingriff allein noch nicht, es müssen vielmehr bei ihnen noch — durch Behandlung mit h5^ertonischem Seewasser — die Oxydationen in richtige Bahnen ge- lenkt werden. Auch die Samenzelle soll nun, nach Loeb, die Entwicklungserregung durch zwei Agenzien bewirken, von welchen das eine ein Lysin ist, während das zweite ähnlich wirkt, wie die kurze Behandlung des Eies mit hypertonischem Seewasser oder die längere Unterdrückung der Oxydationen im Ei. [J. Loeb, i. Un- tersuchungen über künstliche Parthenogenese. Leipzig, 1906. 2. Über den chemischen Charakter des Befruch- tungsvorganges usw. Vortr. u. Aufsätze über Ent- wicklungsmech. d. Organismen. Herausgegb. v. W. Roux, 2. Heft, Leipzig, 1908.] F. Manifestations dynamiques de la fecondation nennt A. Brächet die von W. Roux (1887 u. f.) ermittelten, durch die Befruchtung entstehenden sichtbaren Verän- derungen der Dotteranordnung [s. d.] des Froscheies, die besonders in dem normalen halbmondförmigen grauen Feld [s. Sichelfeld] auf der künftigen dorsicephalen Seite des Embryo und in einer symmetrischen Anordnung des Dotters zur »Befruchtungsebene« [s. d.], welche normaler- weise zur Medianebene des Embryo wird, bestehen. Sie entstehen aber auch bei künstlicher Parthenogenesis der Froscheier und zwar mit denselben Lagebeziehungen zu — 246 — Manifestations dynamiques (Fortsetzung), den Hauptrichtungen des künftigen Embryos [Brächet 1910] [s. Embryo]. Dabei kann die »ausschlaggebende« Anordnung des Dotters entweder eine ev. durch typische ( ?) Faktoren im unbefruchteten Ei hervorgebrachte oder die von Roux 1885 erwiesene, infolge der Zwangslage der Eier im Uterus durch die Wirkung der Schwerkraft ent- stehende »Abweichung« von der (normal durch die Be- fruchtung activierten) potentiellen »Rotationsstruktur« [s. d.] des Dotters sein oder ev, erst durch den Anstich selber bewirkt werden. Künstliche Dotteranordnung wirkt ja auch nach der Befruchtung noch in dieser Weise determinierend, und sogar ev. stärker determinierend als die durch die Bahn des Samenkörpers im Ei be- wirkte Dotteranordnung [Roux 1887]. S. Dotteranord- nung, Embryo. [Roux, Gedenkschr. f. Mendel, Brünnipi i. S. 311.] R. Mannigfaltigkeit, implicite, explicite s. Gestaltung, Manövrierhypothese [R. Fick 1899, ausführlich 1905] der Chromatinverteilung. Nach Fick sind die Chromosomen nicht als Individuen, sondern als »taktische Formationen« aufzufassen, »die nur dann auftreten, wenn es auf eine »regelrechte Ver- teilung des Chromatins auf neue Zellen« nach Roux ankommt«. Jede Tierart hat eine bestimmte Chro- matin-Manövrierart : Der eine Organismus besorgt seine Chromatinmanöver bei der Kernteilung mit weni- gen, der andere mit vielen Chromosomen, Sie sind die »taktischen Einheiten der Kernteilungsmanöver«, die sich nach Beendigung des Manövers wieder auflösen. Was sich wirklich erhält, ist nur »das Mobilmachungs- oder Exerzierreglement, als das jeweils adaequate Pro- dukt der betreffenden chemischen und physikalischen Verhältnisse.« [R. Fick, Betrachtungen über die Chro- mosomen usw. Arch. f. Anat. u. PhysioL, 1905.] F. Markierversuch, Anbrennungsversuch am Ei von Roux [1888], Spemann, durch Anstich oder Anbrennen mit heißer Nadel. Er dient dazu, um bestimmte Punkte am — 247 — Ei, an Keimscheiben zu gewinnen, auf die das Umlage- rungsgeschehen des Eies bezogen und daher Lagever- änderungen der Teile erkannt werden können. Da der Versuch nicht eine Reaktion des Eies veranlassen soll, ist er, soweit dies nicht der Fall ist, oder nicht verwertet wird, ein »deskriptiver« Roux, [s. d.], also kein cau- saler Versuch. Z. B. Markierversuche an Knochen durch Einschlagen von Stiften (Jul. Wolff), um die Stellen des Längenwachstums zu ermitteln und um auf inter- stitielles Wachstum zu prüfen, s. Lochmarken. [Roux, Ges. Abhdl., II, 1888, 527 Anm. 2. 429, Ders., Vortr. I, S. 21, 147. Spemann, Anat. Anz. 19. Kopsch, Verhandl. d. anat. Ges. 1898.] F. Maschenweite der Knochenspongiosa ist die Weite der Hohlräume der Knochenröhrchen und Kugel- schalen, also der Spongiosa tubulosa und pilosa, sowie die Größe des Abstandes der Knochenbälkchen und Knochenplättchen der Spongiosa trabeculosa und lamel- losa. Sie beträgt unter der Druckaufnahmefläche 0,2 bis 0,4 mm und nimmt bis gegen den Markraum um das 3 — 4fache zu. S. a. Intervallgröße. [Roux, Dicke und Maschenweite S. 8.] Maschine ist eine bestimmte Anordnung physika- lischer und chemischer Konstituenten, durch deren Wir- kung ein bestimmter Effekt erreicht wird, um mensch- lichen Zwecken zu dienen. [Driesch, Phil. d. Org., I, 140, II, 134.] R. ^ Massencorrelation, mechanische, nennt Roux die gestaltende Wirkung, welche lebende Teile durch direkt deformierende Wirkung von Druck, Zug, Schub, Torsion, Biegung aufeinander ausüben. Z. B. ist die Gestalt der Leber durch den Druck der Nachbarorgane : Zwerchfell, Wirbelsäule, Magen, Nieren, Nebennieren bestimmt (s. a. Deformation). Doch geschieht diese Art der Gestaltung am lebenden Material nicht rein passiv, nicht ohne Beteiligung specifisch vitaler Vorgänge; so entsteht diese typische Gestalt der Leber durch Hem- mung des Wachstums an den Stellen stärkeren Druckes — 248 — Massencorrelation (Fortsetzung), und unter Hinwachsen nach den Richtungen geringeren Druckes; im höheren Alter kommt direkte Druckatro- phie der Leber hinzu. Auch bei den Knochen wirkt Druck auf die NB. von Periost bekleideten Flächen in gleicher Weise durch Veranlassung vitaler Reaction (s. d.) deformierend. (S. Druckschwund.) [Roux, Ges. AbhdI., II, S. 1060; Generalreg. S. 281.] Bei starker künstlicher Umbiegung lebender Hühner- embryonen mit offener Medullarrinne nach rückwärts bildet sich trotz der hochgradigen Deformation erst nach einigen Minuten eine Rautengrube aus, die dann aber auch nach dem Aufhören der deformierenden Einwirkung noch einige Zeit erhalten bleibt [Roux]. Dies Geschehen nennt derselbe : durch mecha- nischeMassencorrelationvermittelte vitale Umformung. [Roux, Ges. Abhdl., II, S. 249, 253.] »Mechanisch« ist hier im Sinne des Phy- sikers (nicht des Philosophen wie »mechanistisch« in Entwicklungsmechanik, s. d.) gebraucht. Gegensatz ist chemische Massencorrelation. Das ist die chemische Wir- kung sichtbar großer Massen. Auch sie ist bei den Lebe- wesen meist nicht »einfach« chemisch bedingt, sondern sie besteht in den durch chemisch wirkende Agentien mit veranlaßten s^pezif isch vitalen Reactionen wie Wachs- tum, Teilung, Anpassungsfähigkeit, Correlation. R. Matriculargebilde sind, wenn man das Prinzip der »Matriculargewebe« [s. d.] verallgemeinert, alle die spe- cif isch beschaffenen und entsprechend specifisch fun- gierenden Gewebe undGewebe teile, welche von an- deren, mehr Keimplasma ähnlichen, nicht die specifischen »Betriebsfunktionen« der Gewebe ausübenden Teilen der- selben aus produziert worden sind und werden, wie z. B. die Fleischprismen von dem Sarkoplasma unter Betei- ligung des Zellkerns, die erste Intercellularsubstanz des Bindegewebes von den fixen Bindegewebszellen. Der die Aktivitätshypertrophie veranlassende Reiz regt also wohl diese Matrices an und ev., sofern die specifisch — 249 — differenzierten und specifisch fungierenden Teile außer- dem auch selber noch des Wachstums, also des Selbst- wachstums fähig sind, wohl auch diese. S. Indifferenz- zone. [Roux, Arch. f, Entwmech., 13, S. 647.] Matriculargewebe [Roux] ist Gewebe, welches nicht von seinesgleichen gebildet wird, welches (resp. soweit es) auch nicht selber wächst, sondern von einer stets anders beschaffenen, besonderen Bildungsschicht, der Matrix aus produziert wird, z. B. das Knorpel- und Knochengewebe vom Perichondrium oder Periost aus, das Stratum corneum der Epidermis vom Stratum ger- minativum aus. Dieses Wachstum des auf diese Weise vergrößerten Gebildes ist somit passives W., sog. Fremdwachstum. S. Wachstum. [Roux, Arch. f. Entwmech., 13, S. 647.] R. Matrokline Bastarde s. Goneokline Bastarde. C. Maximum- Minimum-Prinzip der Konstruction nennt Roux Konstruktionen, welche mit dem aufgewendeten Bau- bzw. auch Betriebsmaterial das Maximum an Funktion leisten oder die bestimmte Funktions- größe mit dem Minimum an Material und Energie ermöglichen. So gebaute Organe haben funktio- nelle Gestalt und Struktur [s. d.]. Solche Konstruktion kommt für alle Arten von Leistungen der Lebewesen, für passive und aktive Leistungen vor, für Druck-, Zug-, Biegungs-, Torsionswiderstand, für Kontraktion, Sekretion, Nervenfunktion usw. [s. d.]. Diese typischen Konstruktionen entstehen großenteils zunächst durch die im Keimplasma enthaltenen ver- erbten, also typischen Gestaltungsfaktoren (Periode I). Diese vererbten Gestaltungen werden dann durch Aus- übung der Funktionen noch etwas vervollkommnet (Periode II). Sie können aber auch in neuen atypischen funktionellen Verhältnissen durch direkte Anpassung, speziell durch funktionelle Anpassung [s. d.] diesen neuen Funktionsweisen entsprechend hergestellt werden. Das Prinzip ist auch annähernd in dem Bau des ganzen Individuums mancher Tiergruppen, z. B. mancher — 250 — Säuger und Vögel vertreten; in anderen faulen: un- tätigen, vielfressenden Tieren aber nicht so im Ganzen, wenn auch noch in einzelnen Organen. [Roux, Ges. AbhdI., I, 508.] S. Funktionelle Struktur, Gestalt funk- tionelle, Knochenstruktur. (Kampf der Teile 223). R. Mechanisierung, festere der individuellen Ent- wicklung ist die von Roux erkannte Art der typischen individuellen Entwicklung der höheren Tiere, welche mehr durch »Selbstdifferenzierung« einzel- ner Furchungszellen und des Complexes ihrer Nachkom- men, sowie einzelner Organanlagen geschieht, also mit weniger weitgreifenden differenzierenden und geringeren regulierenden Correlationen vieler resp. aller Teile des Ganzen verläuft als die Ontogenese der niederen Tiere. [Roux, Ges. AbhdI., II, 1895, S. 815]. R. Mechanistische Erklärung ist eine rein kausale Er- klärung (wobei übrigens auch der Causalität vollkom- men ( !) unterstehende psychische Faktoren mit in Rech- nung gestellt werden können). S. Entwicklungsmechanik. R. Mechanistisches Geschehen ist alles durchaus der Kausalität unterstehende Geschehen. Gegenteil wäre ohne »zureichenden Grund« stattfindendes Geschehen, was nicht vorstellbar ist. R. Mechanomorphose (j^irixccrri Maschine, f^iogcpr] Gestalt) nennt Jul. Sachs alle von äußeren Faktoren abhän- gigen Gestaltungsprozesse (Aitiomorphosen, s. d.). Sie entsprechen also zumeist Roux' atypischen [s. d.]: nor- malen und anormalen Gestaltungen. Herbst bezeichnet so nur die durch Druck und Zug herbeigeführten Ge- staltungen. S. Massencorrelation, Abhängige Differen- zierung. K. Mechanotropismen {^iiqxavri Maschine, TQSJtco wende), alle durch einen mechanischen Reiz hervorgerufenen Tropismen (s. Tropismus). Als besondere Formen der Mechanotropismen sind zu nennen: Thigmotropismus (Haptotropismus), Rheotropismus, Traumatropismus ; [s. d.]. K. — 251 — Medianebene ist die Symmetrieebene des Tieres. Ihre Richtung wird im Froschei normalerweise durch die Kopulationsrichtung [s. d.] von Spermakern und Ei- kern [Roux 1887], die zugleich die Richtung der Sym- metrieebene des Dotters wird, bestimmt [Roux, Ges. Abhdl. II., S. 301, 355 u. f., 394]. Bei Deformation der Eier durch Pressung sowie bei Zwangslage finden Ab- weichungen von der Kopulationsrichtung statt; die Me- dianebene geht dann aber meist noch durch die ab- normerweise hergestellte Symmetrieebene der Dotter- anordnung [s. d. und Embryo]. [Roux, Ges. Abhdl. II., S. 960, 1060; Generalreg. S. 281.] R. Mehrfache Determination der organischen Gestalten [Roux] s. Determination. Mehrpoligkeit s. Polarität. Meiotrophie (,«€ior kleiner), regeneratorische [Nusbaum 1907]. J. Nusbaum will mit diesem Namen alle jene Fälle bezeichnet wissen, bei welchen der regenerierte Teil kleiner als in der Norm ist. S. a. H5rpotypie und Mero- morphose, Hypertrophie. [J. Nusbaum, Zur Teratologie der Knochenfische usw. Arch. f. Entwmech., 24, 1907.] F. Mendelismus [Punnet 1095] läßt sich der Teil der Ver- erbungslehre nennen, in dem durch experimentelle, exakte Untersuchungen über Bastarde und Bastard- nachkommen die einschlägigen Probleme in Angriff ge- nommen werden, nach dem Vorbild G. Mendels. [R. C. Punnet, Mendelism. Cambridge 1905.] C. Mendelnde Bastarde. Bastarde, die den von G. Mendel entdeckten Verer- bungsregeln oder -Gesetzen folgen. Dabei handelt es sich vor allem um das Spaltungsgesetz und das Gesetz von der Selbständigkeit der Merk- male; auf die Dominanzregel wird heute kein Gewicht mehr gelegt ; an ihre Stelle ist das U n i f o r - mitätsgesetz getreten. Man vergleiche diese ein- zelnen Termini. Das Zeitwort >>m e n d e 1 n« ist zuerst — 252 — von De Vries für Bastarde, die den Gesetzen folgen, gebraucht worden. C. Meristematisch ist das Gewebe der Meristeme [s. d.]. K. Meristeme heißen alle undifferenzierten, aus teilungs- fähigen Zellen gebildeten Pflanzengewebe. Über Folge- meristeme vergleiche das unter Dauergewebe Gesagte. S. ferner Cambium und Gallplastem. K. Merkmal, ortsfremdes, ortsunterwertiges, ortsgehö- riges [Schridde 1909]. Bei der Organentwicklung werden gewisse in den Keimblattzellen enthaltene Merkmale zu dominierenden, >X)rtsgehörigen<<, während andere unterdrückt werden: »ortsunterwertige, ortsfremde« (latente) Merkmale. Unter besonderen Verhältnissen oder in bestimmten Zellgruppen eines Organes kann dieses normale Verhalten der Merk- male zueinander, die Merkmalkorrelation, verändert werden, so daß das ortsunterwertige Merkmal zum domi- nierenden wird (Heteroplasie) ; z. B. Darmepithelinseln in der Schleimhaut der Cardia. S. a. Keimblattmerkmal und Organmerkmal. [H. Schridde, Die ortsfremden Epithelgewebe des Menschen. Sammlung anatom. u. physiol. Vorträge, hgg. v. Gaupp, Heft 6, Jena 1909.] F. Merogonie [Delage 1899]. Entwicklung von Larven aus monosperm befruch- teten Eifragmenten (ohne Eikern). Der Name rührt von Delage, der Nachweis der Tatsache von den Brüdern Hertwig und besonders Boveri her [s. auch Ephebo- genesis]. — Je nach der Größe des Eifragmentes unter- scheidet Delage hemigonische, tritogonische usw. Larven. (Kritik dieser Nomenklatur bei Boveri). Winkler hat Merogonie bei pflanzlichen Objekten (Fucaceen) nach- gewiesen und außerdem gefunden, daß Bruchstücke, die von befruchteten Eiern nach der ersten Furchungsteilung stammen, sich nicht noch einmal befruchten lassen. [H. Delage, Etudes sur la merogonie. Arch. de Zoologie exp6rim., 7, 1899. Th. Boveri, Ein geschlechtlich er- — 253 - zeugter Organismus ohne mütterliche Eigenschaften. Sitzgb. d. Ges. f. Morph., München 1889 und Arch. f. Entwmech., 2, 1895. H. Winkler, Nachr. d. k. Ges. d. Wiss. Göttingen 1900 und Jahrb. f. wiss. Botanik, 36, 1901.] F. Merokinesis [Reuter 19 10]. Bei den Eiern der Milbe Pediculopsis graminum be- schreibt Reuter einen Kernteilungstypus, bei welchem während des ganzen Teilungsschrittes jede der vier Karyomeren ihre volle Selbständigkeit als solche be- wahrt, daß sich also jede als Ganzes, mit Membran, Zellsaft und achromatischen Chromosomen in zwei gleich große Tochterkaryomeren teilt. Zwischen den Karyomerengenerationen besteht daher volle Konti- nuität. Diesen Vorgang nennt Reuter: Merokinesis. — Diese Erscheinung konnte auch durch experimentelle Eingriffe bei Seeigeleiern künstUch hervorgerufen werden [Herbst, Schiller, Baltzer]. [E. Reuter, Merokinesis, ein neuer Kernteilungsmodus. Acta Societ. Scient. Fennicae, -^,7, (Referat von Godlewski im Arch. f. Entwmech., 31, 191 1).] F. Meromorphose s. Holomorphose. Meroplast s. Teilgebilde. Metabolismus, morphologischer, des Proto- plasmas {(.leraßolrj Umänderung) [Rüzicka 1906]. Fähigkeit einzelner morphologischer Bildungen des lebenden Plasmas, sich in andere lebende und gleichfalls wieder umwandelbare Bildungen von morphologischem Charakter umzubilden ; also allgemein : die Fähigkeit des Protoplasmas zu autonomen, zweckmäßigen morpho- logischen Umwandlungen. Den dabei auftretenden Schwund vorhandener morphologischer Gebilde bezeich- net Rüzicka als Morpholyse, ihre Ausbildung als Morphogenese [s. auch Abbau]. [V. Rüzicka, Der morphologische Metabolismus des lebenden Proto- plasmas. Arch. f. Entwmech., 21, 1906.] F. Metacecidien, gallenähnliche Gebilde [s. Cecidien], welche an den von Parasiten besiedelten Pflanzen erst — 254 - dann sich bilden, wenn die Parasiten den Wirt verlassen haben. — Vgl. auch Cecidien und Procecidien. K. Metamorphogene Reize s. Reize, Herbsts Unter- scheidung. K. Metamorphologie [Boveri, Bataillon] s. Promorpho- logie. Metamorphose, blastoide, keimähnliche Umbildung oder Implication, wörthch Einwicklung, nennt Roux die zur eventuellen Vererbung somatogener Eigenschaften notwendig anzunehmende Umbil- dung der zu vererbenden Veränderung des mehr oder weniger »Entwickelten« des Individuums in die all- gemeine eigenartige, einfachere oder so erscheinende Be- schaffenheit des Keimplasmas. Je nach der Art des Keimplasmas und daher auch seiner Entwicklung ist neoevolutionistische oder neoepigenetische blastoide Meta- morphose zu unterscheiden [s. d.]. Erstere verwandelt jede einzelne entwickelte Verän- derung mindestens in eine besondere »Determinante« Weismanns [s. d.], letztere verwandelt sie in eine Ab- änderung der relativ wenigen anfänglichen »Deter- minationsfaktoren« Roux' [s. d.]. S. Translatio heredi- tariau. Blastogene Insertion. [Roux, Vererbung blastogen. u. somatogen. Eig., 191 1.] R. Metamorphosierende Reize s. Reize, Pfeffers Unter- scheidung. K. Metaplasie {(.lerä- um-, Ttlaooio bilden) [Virchow] [zoolog.], wörtlich Umbildung, nennen Histologen und Pathologen die Umbildung eines bereits differenzierten Gewebes in ein anderes, z. B. des Knorpel- oder Bindegewebes in Knochengewebe, der Muskelfasern in Sehnen [Roux s. Muskelschrumpfung]. Unterschied ist die Umdifferenzierung [s. d.] sowie die Substitution z. B. des Knorpelgewebes durch Knochengewebe. Demnach bedeutet Metaplasie die Umwandlung eines »sichtbar Differenzierten« in ein anderes sichtbar differenziertes, so daß also auch keine wesentliche Vermehrung der - 255 - strukturellen und sonstigen Mannigfaltigkeit dabei statt- zufinden braucht. Der Begriff der Umwandlung kann vom sichtbaren Geschehen auch auf unsichtbares Ge- schehen, also auf bloß zu erschließende Strukturen (s. Metastruktur) angewandt werden, somit auf Umände- rung unsichtbarer Mannigfaltigkeit in andere unsicht- bare, bloß zu erschließende Mannigfaltigkeit (ohne we- sentliche Vermehrung der Mannigfaltigkeit). Dieses letztere, wohl auch oft bei der Ontogenese vorkommende Geschehen wird dann passend als Kryptometaplasie [Roux] zu bezeichnen sein. Die Metaplasie kann nach Orth ge- schehen: i) durch direkte Umbildung der vorhandenen Zellen und Intercellularsubstanz, z. B. des Knorpels, Bindegewebes in Knochenzellen und Knochengrundsub- stanz, 2) durch Neubildung anderer Zellen von den vor- handenen Zellen aus, z. B. von heterogenem Platten- epithel aus Cylinderepithel gelegentlich der Überhäutung von Schleimhautdefecten. Vgl. a. Umdifferenzierung und Metamorphose, Involution, Reduction. R. Metaplasie (botan.) nennt Küster diejenigen Ver- änderungen pflanzlichen Gewebes, bei welchen weder Hypertrophie noch Hyperplasie eintritt [s. d.], sondern nur Veränderungen des Zellinhalts oder der Membran- beschaffenheit. K. Metaplasie, indirekte [Schridde 1907]. Im Gegensatz zur direkten Umwandlung der Zellen (Bindegewebe) in andere unterscheidet Schridde eine für Epithelien allein in Frage kommende, bei welcher zunächst eine Rückdifferenzierung auf eine Stufe ein- tritt, in welcher die Potenzen, auch eine andere Struktur zu produzieren, vorhanden sind und die nun unter den besonderen Umständen auch ausgebildet werden. Der Vorgang besteht also darin, daß das ortsdominierende Organmerkmal (s. Merkmal) in der Descendenz der Zellen unter die Qualitätshöhe des ortsunterwertigen herabsinkt, und daß dieses dann zum dominierenden gewordene Merkmal zur Ausbildung gelangt. [H. Schridde, Die Entwicklungsgeschichte des mensch- — 256 — liehen Speiseröhrenepithels und ihre Bedeutung für die Metaplasielehre. Bergmann, Wiesbaden, 1907.] F. Metastruktur [Roux 1883] ist die unsichtbare, nur aus besonderen Leistungen sowie zu einem Teil ihres Wesens auch aus dem Verhalten gegen polarisiertes Licht zu erschließende Struktur histologischer Gebilde, z. B. der Bindegewebsprimitivfaser [Roux, Ges. Abhdl. I, S. 187), des Chromatins des Zellkerns [Ges. Abhdl. II, S. 1060]. S. a. Struktur und Funktionelle Struktur. Diese Struktur kann bei mechanisch fungierenden Ge- bilden, z. B. eben der Bindegewebsfaser eine d i m e n - s i o n a 1 e , d. h. in den verschiedenen Hauptdimen- sionen verschiedene, verschiedenen Funktionen an- gepaßte, funktionelle sein. Bewirkt resp. bestimmt sie Entwicklung, so ist sie genetische oder determinie- rende Metastruktur, und zwar nach der Art dieses Ent- wicklungsgeschehens neoepigenetische oder neoevolutionistischeM. oder beides zugleich, so z. B. die Vererbungsstruktur des Eies oder Samen- körpers, des somatischen Keimplasmas. Sie selber kann durch Kryptoevolution und Kryptoepi- g e n e s i s [s. d.] entstanden sein. R. Methodik der Entwicklungsmechanik. Sie be- steht im causal-analytischen Denken (s. Analyse) und dem ihm angepaßten causal-analytischen Experiment [s. d.], unterstützt durch vergleichend-anatomische und ver- gleichend-entwicklungsgeschichtliche Forschung. [Roux, Ges. Abhdl., II, S. 1061, 32, 75, 89, 1015. Ders. Arch. f. Entwmech., I, S. 11, V, S. 219 — 224. Vortrag I, S. 279 Experiment. O. Levy, Entwicklungsmechanische Technik im letzten Decennium : Zeitschr. f. wiss. Mikroskopie und für mikroskopische Technik. Bd. XXVI, 1909. S. 426 bis 473. Wetzel, Experimentell-embryologische Methoden in: Encyclopädie der mikroskopischen Technik, heraus- gegeben von R. Krause. 2. Aufl. 1910, S. 366 — 297.] Minimale Determination s. Determination, minimale. Mischbastarde [Haecker 1904] liegen vor, wenn die einzelnen, einander korrespondierenden Charaktere der - 257 - Eltern zu einem Misch typus zusammentreten (also keine Dominanz vorliegt). [V, Hacker, Arch. f. Rass. u. Gesellsch.-Biol., I, S. 322.] C. Mischling [Focke 1881]. Da man Bastarde vielfach auf die Nachkommen- schaft zweier verschiedener S p e c i e s beschränkt hat, und Blendlinge auf jene zweier verschiedener Unter- arten, Rassen, Varietäten usw. derselben Species, hat Focke beide zusammenfassend »Mischlinge << ge- nannt. (Der Unterschied zwischen »Bastarden« und »Blendlingen« ist nicht aufrechtzuhalten, und es genügt Bastard in dem erweiterten Sinne für jedes Produkt zweier Keimzellen, die nicht die gleichen erbhchen An- lagen haben, zu gebrauchen.) [W. O. Focke, Die Pflan- zen-Mischlinge S. I, (1881).] C. Mißbildung ist eine Abweichung vom Typus, welche die Funktion sehr stört oder das Individuum entstellt und dadurch störend wirkt. Vgl. Modification, Variation, Mutation. R. Mitbestimmung, Condeterminatio [Roux] ist der An- teil des einzelnen Faktors an der Bestimmung eines Ge- schehens, die ja stets durch mindestens zwei Faktoren geschehen muß. S. Determination. R. Mitokinetism [Hartog 1909]. Nach Hartog entstehen die karyokinetischen Figuren durch die Wirkung einer Kraft »of a dual character like electrostatic force or magnetism«; doch ist sie mit diesen Kräften nicht identisch, folgt aber gleichen Gesetzen. Er nennt sie Mitokinetism. Die Hypothesen H.s be- kämpft Baltzer [Arch. f. Entwmech., 32, 191 1]. [M. Hartog, Mitokinetism in the mitotic spindle and in the polyasters. Arch. f. Entwmech., 27, 1909.] F. Mitotischer Druck [Fr. Reinke 1900]. Nach Reinke entsteht während der Mitose im Innern der Zellen ein ganz erhebhcher Druck, der dm-ch die Größe der Aufquellung der Zellen gemessen werden kann. [F. Reinke, Über den mitotischen Druck. Arch. f. Entwmech., 9, 1900.] F. Roux, Terminologie der Entwicklungsmechanik. ly - 258 - Mittel der Formbildung nennt Driesch in letzter Zeit nur »solche für den Formbildungsprozeß notwendigen Faktoren, welche weder zur Specifität noch zur ört- lichkeit seiner Konstituentien in Beziehung stehen, ob- schon sie für das Zustandekommen der Formbildung überhaupt durchaus unentbehrlich sind«. [Driesch, Philosophie des Organ. I, S. 170.] Mittel sind ihm also dasselbe , was Roux Realisationsfaktoren oder Ausführungsfaktoren des Determinierten nennt und was dieser früher [1881] als V o r b e d i n g u n g e n be- zeichnete. Es ist also eine Bezeichnung des einen Gliedes der [1881] von Roux eingeführten für die causale For- schung in der Biologie fundamentalen und unerläßlichen Analyse (s. Determination, Potenz). Sie hat aber einen teleologischen Charakter, denn Mittel bedeutet hier: die Natur erreicht nüt Hilfe von Sauerstoff, Licht usw. als Mittel ihr Ziel. Mechanistisch sagt man dafür: Durch die nicht spezifisch differenzierend wirkenden Faktoren : Sauerstoff, Licht usw. wird das durch die in dem Objekt enthaltenen Determinationsfaktoren in seiner Art »Bestimmte« aktiviert und verwirkhcht. Weil das Geschehen prädeterminiert ist, braucht man seine Aus- führungsfaktoren noch nicht als »Mittel« zu bezeichnen. Früher unterschied Driesch auch innere Mittel der Ontogenese und bezeichnete als solche z. B. organ- bildende Stoffe, die Bewegungsfähigkeit, Zellteilung, Wachstum, Sekretionen, welche Formeffekte haben, auch osmotische und capillare Eigenschaften, als ä u ß e r e Mittel die Energiequellen Licht, Wärme, Sauerstoff, Osmose. [Driesch, Result, u. Probl., 1899, S. 738, 786.] R. Mittellinie eines länglichen Körpers ist gebildet durch die Mittelpunkte aller Querschnitte desselben; unter Querschnitt sind die rechtwinkelig zur größten Dimension stehenden oder bei einem Rotationskörper zur Achse stehenden Schnitte zu verstehen. R. Mittlere zeitliche Beanspruchungsgröße [Roux] ist die mittlere Größe aller in der »Anpassungszeiteinheit« — 259 — (von 30 Tagen) stattgehabten relativen »zeitlichen« Einzel -Beanspruchungen. S. Beanspruchungsgröße. R. Mittlere zeitliche Funktionsgröße [Roux] ist die mittlere Größe aller in der »Anpassungszeiteinheit« (von 30 Tagen) stattgefundenen relativen »zeitlichen« Funk- tionen. S. Funktionsgröße R. Mneme s. Semons Hypothese. Modificationen [Nägeli 1884], durch Einflüsse der Er- nährung und des Klimas erzeugte (also atypische, Roux), nicht erbliche Eigenschaften der Organismen. Sie haben nur so lange Bestand, als ihre Ursachen an- dauern, und gehen unter anderen Verhältnissen alsbald in die denselben entsprechenden neuen Modifikationen über. Jede Sippe tritt stets in einem bestimmten Modi- fikations kleide auf und kann dasselbe in einem ihr eigentümlichen Umfange wechseln (= Phaenotypus Johannsen, fluktuierende Variation de Vries). [C. Nägeli, Meclianisch-physiologische Theorie der Ab- stammungslehre, z, B. S. 544, 1884.] Vgl. Variation, Mu- tation, Mißbildung, Typisch. C. Mole oder Gramm- Moleküle werden nach Ostwald Mengen verschiedener Substanzen bezeichnet, die ihren Molekulargewichten, in Grammen ausgedrückt, ent- sprechen. R. Molekel, lebenstätige, nennt Roux [i 881] in seiner Schrift über den züchtenden Kampf der Teile die kleinsten noch spezifische Lebenstätigkeit ausübenden Teile, die also mindestens assimilieren, wach- sen, sich unter »qualitativer Halbierung« teilen, also mindestens Automerizon [s. d.] repräsentieren und außerdem zumeist auch spezifisch fungieren. Diese sind fähig, miteinander direkt um den Raum, indirekt um Nah- rung und funktionellen Reiz zu kämpfen [Ges. Abhdl. I, 231], und ihre Eigenschaften auf ihre Nachkommen zu übertragen. Roux nannte sie auch kleinste organische Prozeßeinheiten oder letzte Elementarorganismen, nie- derste Bionten [s. d. u. Biogenesis Roux']. R. 17* — 200 — Monastereier [Boveri 1907]. Eier, welche zur Zeit, wo in den normalen Eiern die zweipolige Spindel ausgebildet ist, eine einzige, sehr große, annähernd im Zentrum gelegene Sphäre zeigen, der die Chromosomen in einer Kugelfläche angelagert sind. Man erhält diese Formen, wenn man Seeigeleier kurz nach der Befruchtung schüttelt; das Spermozen- trum teilt sich dann nicht. [Th. Boveri, Zellenstudien Heft 6, 1907.] F. Mondsichelförmiger grauer Saum (normaler) am Froschei s. Sichelfeld Roux*. Monohybriden [De Vries 1900]. Liegen vor, wenn sich die Eltern eines Bastardes nur in e i n e m Merkmal unterscheiden, z. B. in der Blüten- farbe (rosa-weiß); wird jetzt auch gebraucht, wenn nur ein Merkmal für sich allein betrachtet wird, obschon die Eltern in mehreren Punkten differieren. Unter- scheiden sich die Eltern in zwei Merkmalen (oder faßt man z w e i ins Auge), so spricht man mit De Vries von Dihybriden, entsprechende Benennungen sind Trihybriden, Polyhybriden, je nach der Zahl der Merkmale. [De Vries, Ber. d. Deutsch. Botan. Gesellsch., 1900, S. 84.] C. Monokaryon, -ose [Boveri 1907] {{.tövog einer, y.äqvov Kern). Der einzelne Vorkern des befruchteten Eies; im spe- ziellen bezeichnet Boveri weiterhin den Eikern als Thely-, {^kvg weibhch), den Spermakern als Arrheno- karyon {aQQrjv männlich). Alle Kerne, welche von isolierten Ei- oder Spermakernen abstammen, sind Mono- karyen, alle Keime monokaryotisch (s, auch Amphi- karyon); der Kernzustand in diesen Keimen wird als Monokaryose bezeichnet. — Diese Namen stellen Modifi- kationen der ursprünglich (1905) von Boveri vorge- schlagenen Nomenklatur vor: Hemikaryon, -ose, hemi- karyo tisch. [Th. Boveri, Zellenstudien, Heft 6, 1907, S. 19, Anmerkung.] F. — 201 — Monolepsis [Bateson und Saunders 1902] s. Faux hybrides. Morphaesthesie {f.ioQ(pri Gestalt, aladxxvo^at empfinde), die Fähigkeit eines Organismus, seine Form oder die eines seiner Organe als »Reiz« zu »empfinden« bezeichnet Noll als M. Vgl. Formspannungen. K. Morphallaxis {(.lOQcpii Gestalt, ällÜTio verändern), Morpholaxis [Morgan 1901]. Regeneration durch direkte Umwandlung des differen- zierten ganzen durch das Experiment hergestellten de- fekten Gebildes in einen neuen ganzen Organismus. Sie ist gleich der »Regeneration durch Umlagerung und Umdifferenzierung« Roux' (i 894) s. a. Regene- ration. [Th. H. Morgan, Regeneration, i. Aufl. 1901, 2. Aufl. Leipzig, 1907.] F. Morph ogene Reize s. Reize, Pfeffers und Küsters Unterscheidung. K. Morphogenese s. Metabolismus. Morphogenetische Funktion der sensiblen N e r V e n ist die Lehre von C. Herbst, F. K. Walter, daß die sensiblen Nerven einen Einfluß auf Wachstum und Regeneration haben. [Herbst, Formative Reize in der tierischen Ontogenese 1901. Walter, Arch. f. Entwmech., Bd. 33.] F. Morphologie. Formenlehre. Die vergleichenden Ana- tomen verstehen nach Goethe, Cuvier darunter allein die durch Vergleichung der sichtbaren Gestaltungen der verschiedenen Lebewesen gewonnene Einsicht in das vormahge Geschehen und in die Zusammenhänge der Stammesentwicklung und in die phyletische Bedeutung der einzelnen Organe. S. Beziehungscausalität. Etymologisch bedeutet das Wort [löyos Rede, Ver- nunft) aber die gesamte Lehre von der Form, bei den Lebewesen, also auch die Lehre von den Ursachen, Faktoren der organischen Formenbildung und von den Wirkungsweisen und Wirkungsgrößen dieser Faktoren, also die causale Morphologie oder Ent- wicklungsmechanik [s. d.]. — 202 — Die causale Gestaltungslehre der Organismen ist von den festen und weichen Gebilden auch auf kolloide und tätig flüssige, vielleicht auch auf untätige fast flüssige Körper auszudehnen [Roux]. R. Morpholyse s. Metabolismus. Morph osen [ J. Sachs] (Bary-, Mechano-, Photo- usw.). Unter dem Einflüsse der verschiedensten Reize können Gestaltbildungen entstehen, beziehungsweise beeinflußt werden. Je nach der Art des Reizes kann man z. B. Bary-, Photo-, Mechanomorphosen u. a. m. unterscheiden. S. auch Heteromorphosen, Typische Gestaltungen, Gestaltung, Reaction. K. Morrenscher Versuch [Joest 1897]. Joest bezeichnet so dem Autor zu Ehren, der als erster die Transplantation bei Regenwürmern versuchte, die Parallelvereinigung zweier Individuen. [E. Joest, Transplantationsversuche an Lumbriciden. Arch. f. Entwmech., 5, 1897.] F. Mosaik der Furchung oder Furchungsmosaik ist die Zerlegung des Eies durch die Furchung in ein- zelne, selbstlebende Stücke, in Zellen, aber ohne Rück- sicht darauf, ob die Stücke der Selbstdifferenzierung fähig sind oder nicht, s. dagegen Mosaik der Potenzen. R. Mosaik der Potenzen bezeichnet eine Verschieden- heit der Potenzen, einzelner, mosaikartig nebeneinander- liegender Teile. M. d. P, ist die Verschiedenheit der ein- zelnen FurchungszeUen oder sonstiger Teile in ihren typischen Potenzen, das heißt in ihrem typischen Entwicklungsvermögen. In ihren atypi- schen Potenzen sind die ersten FurchungszeUen meist einander gleich, nämlich die allerersten totipotent, spätere Gruppen wenigstens omnipotent. S. Toti- potenz, Omnipotenz, Postgeneration, Substitution. R. Mosaikarbeit bezeichnet Roux das von ihm entdeckte Entwicklungsgeschehen, durch welches bei manchen Eiern, z. B. Froscheiern, jede der 2 oder 4 ersten Für- — 263 — chungszellen (resp. der Komplex der Nachkommen jeder derselben) für sich allein, also ohne gestaltende Mit- wirkung anderer Teile zu dem entsprechenden Körper- teil, z. B. zu Hemiembryonen usw. sich entwickelt, so- mit einzeln wie die Steine eines Mosaikbildes gestaltet wird. Dies geschieht durch die >> Selbstdifferenzierung« einzelner Furchungszellen oder später einzelner Organ- anlagen oder auch künstlich abgegrenzter Teile und ist nur bei der »typischen« Entwicklung möglich, da die »atypische« Entwicklung mit weitgreifenden gestalt- lichen Regulationen verlaufen muß. Vgl. Prinzip der organbildenden Keimbezirke, abhängige Differenzierung, Regulationseier. S. Mechanisierung. R. Mosaikbastarde [Haecker 1904] liegen vor, wenn die Merkmale der Eltern in mosaikartiger Verteilung auf den verschiedenen Körperteilen des Bastardes zimi Vorschein kommen. [V. Haecker, Arch. f. Rass. u. Gesellsch. Biol. I, S. 322.] C. Mosaikeier und Regulationseier [Heider 1900]. Isohert man die ersten Blastomeren verschiedener Eiarten, so ist der Ausfall des Experimentes bei ver- schiedenen Arten ein sehr ungleicher. Bei den einen werden nur — entsprechend der Zahl und Art der isolierten Blastomeren — Teilstücke eines Embryos ge- bildet [Roux] (Mosaikeier), bei den anderen dagegen treten sofort Regulationen ein [Driesch, Wilson], so daß verkleinerte Ganzbildungen entstehen: Regulationseier. Diese beiden T5rpen sind durch Übergangsstufen (sehr frühzeitige Postgeneration) verbunden. S. a. Mosaik- arbeit, Determination. [K. Heider, Das Determinations- problem. Verh. d. deutsch, zool. Ges., 1900.] F. Mosaiktheorie ist die Theorie, welche die »Mosaik- arbeit« [s. d.] [Roux] erklärt oder wenigstens verständ- Hch macht. Sie beruht auf der Annahme verschiedener Qualitäten in den einzelnen der »Selbstdifferenzierung« fähigen Zellen (Zelleib oder auch Zellkern) oder Organ- anlagen usw. — 264 — Mosaiktheorie (Fortsetzung), Ob diese besonderen Qualitäten früher schon im Keimplasma, im Ei gesondert vorhanden waren, wie es für die Entwicklung durch Neoevolution anzunehmen ist, oder ob sie erst später, ev. eben erst vor dem Ent- stehen der Selbstdifferenzierungsfähigkeit durch Neoepi- genesis [s. d.] explicite gebildet werden, das ist eine Sache für sich. Jedes ist für sich, aber auch beides ist kombiniert möglich. Zu der in beiden Fällen nö- tigen genauen Verteilung der determinierenden Fak- torensysteme scheint die »indirekte« Kern- teilung nötig [s. d.]. Diese ermöglicht nach Roux sowohl qualitative Halbierung [s. d.] wie ev. bestimmte qualitativ ungleiche Sonderung. Letzteres beides kann bei Mosaikarbeit vorkommen. Aber stets muß wenigstens ein Teil des Kerns »qualitativ halbiert« werden, um das omnipotente »somatische« Keimplasma, das Reserveidioplasma [Roux] zu Hefern. Die Specification der Zellen ist auch bei totaler qualita- tiver Halbierung der Zellkerne möghch, wenn das Speci- ficierende. Determinierende des Zelleibes (s. Dotter- anordnung) erst nach der qualitativen Halbierung des Zellkerns, also frühestens vom Ende der Metaphase an auf das Idioplasma des Kerns activierend oder sonstig differenzierend wirkt, [Roux, Anat. Anz., 1903, S. 141.] Die Anordnung und Verteilung der verschiedenen Dotterarten ist von primär determinierender Wirkung, [Roux, Boveri, Driesch,] S. a. Promorphologie Boveris, [Roux, Ges. Abhdl., II, S. 445, 821, loio.] R. Multipolarität der Säugetier-Leberzelle [Roux] s. Fachwerktypus der Leber. S. auch Polarität. R. Multipotenz ist das Vermögen eines Keimteiles, Keim- blattes oder sonstigen Teiles eines noch wenig oder schon mehr differenzierten Lebewesens NB. unter verschiedenen Umständen, verschieden Gestaltetes zu produzieren. S. Potenz, Unipotenz, abhängige Differenzierung. R. Mündungskegel der Venen [Roux] ist die annähernd konisch gestaltete »Mündungsstelle« des Lumens — 265 — jeder Vene am Zusammenfluß zweier Venen. Vgl. Ur- sprungskegel, Ursprungsstelle, [Ges. Abhdl., I, 45.] R. Muskelbildungscoefficienten [Roux] sind die typi- scherweise ererbten Faktoren, welche bewirken, daß unter übrigens gleichen Umständen die Entwicklung der Dicke, der »funktionellen Länge« [s. d.], sowie auch et- was die Qualität der Muskeln in bezug auf ihre spezi- fische Leistungsfähigkeit bei verschiedenen Individuen derselben Klasse, Gattung, Species usw., vielleicht auch ein wenig bei Muskeln ein und desselben Individuums in verschiedener Weise geschieht. Dies also soweit es unabhängig von der Verschiedenheit des Gebrauches geschieht. At5^ischer M. ist bei idiopathischer pro- gressiver Muskelhypertrophie vorhanden. S. Coefficient, Anpassung, funktionelle, Perioden. [Roux, Ges. Abh., I, S. 627.] R. Muske